Alevitentum: Grundlagen, Glaube und zentrale Begriffe

Alevitentum – türkisch Alevilik – bezeichnet eine vielfältige Glaubens- und Lebenspraxis mit unterschiedlichen historischen, theologischen und gesellschaftlichen Auslegungen. Diese Seite dokumentiert vor allem die Auffassung von Seyit Derviş Tur, einem Alevi-Dede aus der Babamansur-Ocak-Linie und Autor des Erkânname.

Was bedeutet Alevitentum?

Seyit Derviş Tur beschreibt das Alevitentum als einen mystischen und inneren Weg innerhalb des Islam. Im Mittelpunkt stehen für ihn Allah–Muhammed–Ali, die Liebe zum Ehlibeyt, die Zwölf Imame, die innere Auslegung des Korans sowie Menschenliebe, Gerechtigkeit, Einvernehmen und verantwortliches Handeln.

Diese Einordnung ist eine inneralevitische Position. Andere Alevitinnen und Aleviten verstehen das Alevitentum beispielsweise als eigenständige Religion, als humanistische Lebensphilosophie oder als kulturell-religiöse Tradition. Die Vielfalt dieser Selbstverständnisse gehört zur heutigen alevitischen Wirklichkeit.

Zentrale Begriffe

Cem

Der Cem ist die gemeinschaftliche religiöse Versammlung. Gebete, Musik, Semah, Erinnern, Unterweisung und das Bemühen um gegenseitiges Einvernehmen bilden wesentliche Bestandteile. Die konkrete Ausgestaltung kann je nach Ocak-Tradition und Gemeinde unterschiedlich sein.

Dede, Pir und Ocak

Ein Dede oder Pir übernimmt religiöse und vermittelnde Aufgaben. Ocak bezeichnet dabei eine überlieferte geistliche Traditions- und Abstammungslinie. Seyit Derviş Tur gehört zur Babamansur-Ocak-Linie.

İkrar und Rızalık

İkrar ist das freiwillige Versprechen, den Weg verantwortungsvoll zu gehen. Rızalık bezeichnet gegenseitiges Einvernehmen und Versöhnung. Eine ausführliche türkische Darstellung bietet die Seite İkrar Nedir, Kimden Kaldı?.

Dört Kapı Kırk Makam

Die „Vier Tore und vierzig Stufen“ beschreiben einen Weg geistiger und ethischer Reifung. Die vier Tore werden als Şeriat, Tarikat, Marifet und Hakikat bezeichnet. Eine ausführliche Darstellung finden Sie unter Alevi İnancında Dört Kapı Kırk Makam.

Musahiplik

Musahiplik ist eine verbindliche Weggemeinschaft zweier Familien oder Personen. Sie verbindet religiöse Verantwortung mit gegenseitiger Unterstützung und sozialer Verlässlichkeit.

Alevitentum in Deutschland

Mit der Migration aus der Türkei entstand in Deutschland ab den 1980er-Jahren eine sichtbare alevitische Vereins- und Gemeindestruktur. Seyit Derviş Tur war an den frühen Zusammenschlüssen im Rhein-Main-Gebiet und an der späteren Föderationsgründung beteiligt. Mehr dazu lesen Sie in der Geschichte der Aleviten-Organisation in Deutschland.

Weiterführende Inhalte

Häufige Fragen

Ist das Alevitentum eine eigenständige Religion?

Dazu bestehen verschiedene alevitische Selbstverständnisse. Diese Website dokumentiert Seyit Derviş Turs Auffassung eines mystischen Weges innerhalb des Islam und weist zugleich auf andere Einordnungen hin.

Was ist ein Cem?

Der Cem ist die gemeinschaftliche alevitische Versammlung mit Gebet, Musik, Semah, Unterweisung und dem Bemühen um Einvernehmen.

Was ist ein Alevi-Dede?

Ein Dede ist ein religiöser Wegbegleiter, der unter anderem Cem-Zeremonien leitet, Wissen vermittelt und bei Konflikten oder Lebensereignissen begleitet.