Die alevitische Trauung – Nikâh-Ritual und Trauungsgebet

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Kurz gesagt: Die alevitische Trauung (Nikâh) wird von einem Dede oder einem Hoca (Geistlichen) im Beisein der Familien von Braut und Bräutigam sowie der Trauzeugen vollzogen. Nach Seyit Derviş Tur Dede muss zuerst die standesamtliche Trauung erfolgen; die religiöse Trauung ist ein geistiges Band. Das Paar wird dreimal gefragt, ob es aus freiem Willen heiratet; anschließend wird das Trauungsgebet (Nikâh duası) gesprochen.

Der folgende Text stammt aus dem Buch Erkânname von Seyit Derviş Tur Dede. Für eine allgemeine Einführung: Was ist das Alevitentum?

Das alevitische Trauungsritual (Nikâh-Erkânı)

In das Haus, in dem die Trauung stattfinden soll, kommt der Dede oder der Hoca. Mutter und Vater der jungen Frau sowie Mutter und Vater des jungen Mannes kommen ebenfalls. Darüber hinaus muss eine Gemeinde (Cemaat) anwesend sein, damit mindestens zwei Personen für die Braut und zwei Personen für den Bräutigam die Trauung bezeugen können. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn die Gemeinde groß ist; sie kann auch noch größer sein. In unserer Zeit ist die standesamtliche Trauung Pflicht. Die Dedes und Hocas müssen darauf achten. Aus der religiösen Trauung allein können die Partner keine Rechtsansprüche gegeneinander geltend machen. Meiner Meinung nach wäre es sehr gut, wenn man darauf achtete, bei Paaren, die noch nicht standesamtlich getraut sind, nicht sofort die religiöse Trauung zu vollziehen. Denn die religiöse Trauung ist nur ein geistiges Band; rechtlich ist sie nicht gültig.

Braut und Bräutigam werden vor die Versammlung geführt. Vor dem Dede knien sie nebeneinander auf beiden Knien, die Braut zur Linken des Bräutigams. Die Trauzeugen des Bräutigams nehmen ihren Platz auf der rechten Seite des Bräutigams ein, die Trauzeugen der Braut auf der linken Seite der Braut. Die Mütter und Väter bilden hinter den jungen Leuten, die heiraten werden, die zweite Reihe. Alle sitzen sie kniend in ehrerbietiger Haltung (Diz üstü kıyam). Der Dede schreibt die Namen der jungen Leute, der Eltern und der Trauzeugen auf. Er erklärt den jungen Leuten ihre ehelichen Pflichten für die Zeit ihres gemeinsamen Lebens und die Heiligkeit des gemeinsamen Heims. Danach beginnt er mit der Trauung.

Der Ablauf des Trauungsrituals

Der Dede oder Hoca spricht: „Bismillahi’Rahmani’r-Rahim. Bismi Şah Allah, Allah“ (Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Im Namen des Şah [Ali], Allah, Allah) und fährt dann in folgender Reihenfolge fort. Der Dede trägt die Verse des Heiligen Korans über die Ehe vor:

Sure an-Naba (Nebe), Vers 8: „O ihr Gläubigen! Wir haben die Menschen als Paare erschaffen, männlich und weiblich.“ Sure ar-Rum (Rum), Vers 21: „Wir haben die Menschen aus Erde erschaffen und ihnen Verstand und Bewusstsein gegeben. Wir haben sie über alle Geschöpfe erhoben. Wir haben euch Gattinnen und Gatten gegeben, bei denen ihr während eures Lebens Ruhe findet und durch die ihr eure Nachkommenschaft fortsetzt. Dass zwischen euch Zuneigung und Liebe entstehen, ist ein Zeugnis für das Dasein Gottes.“

Sure al-Baqara (Bakara), Vers 223: „O ihr Gläubigen! Eure Ehefrauen sind diejenigen, die euch Kinder großziehen. Begegnet ihnen nicht mit unrechtem Verhalten. Lasst Gott nicht aus eurem Sinn. Wisset, dass ihr am Ende vor Gott Rechenschaft ablegen werdet.“

Sure al-Isra (Esra), Vers 32: „O ihr Gläubigen! Brecht niemals das Wort (das Ikrar, das Gelöbnis), das ihr einander gegeben habt. Nähert euch nicht dem Ehebruch, denn dieser Weg ist Unzucht und verboten (Haram).“

Nachdem der Dede die Koranverse vorgetragen und die Gebote Gottes (Hak) verkündet hat, spricht er eine Besmele (die Formel „Im Namen Gottes“) und richtet folgende Ansprache an das Paar: „Meine Kinder! Wir sind hier, um auf Gottes Gebot, nach dem Wort des Propheten, gemäß der Rechtslehre (İçtihat) von Imam Cafer-i Sadık und mit dem Segen (Himmet) von Hacı Bektaş Veli eure Ehe zu schließen. Ihr befindet euch jetzt vor dem göttlichen Gericht (Hak divanı), auf dem Platz der Erkenntnis (İrfan meydanı). Nach unserem Weg und unserem Erkân darf niemand – auch eure Mütter und Väter nicht – Druck auf euch ausüben. Nach unserem Weg würden sie damit ein Vergehen begehen. Da ihr es seid, die bis zum Tod miteinander leben werdet, seid auch ihr es, die entscheiden. Im alevitischen Glauben ist die Scheidung ein Vergehen; in unserem Weg und unserem Erkân ist sie eine schlechte Tat. Möge Gott niemandes Heim zerstören. Denkt jetzt sehr gut nach. Beantwortet die Fragen, die ich euch stelle, wahrheitsgemäß und ohne unter irgendeinem Druck oder Einfluss zu stehen.

Meine Tochter! Auf Gottes Gebot, nach dem Wort des Propheten, gemäß der Rechtslehre von Imam Cafer-i Sadık, mit Himmel und Erde als Zeugen und mit dem Zeugnis der anwesenden Gemeinde. Ohne unter irgendeinem Druck oder Einfluss zu stehen. Nimmst du aus deinem eigenen Wunsch und Willen …..?….., den Sohn des …..?….., unter der Bedingung, an seinen gesunden Tagen und an seinen kranken Tagen, in Tagen der Not und in Tagen des Überflusses Teilhaberin und Helferin bei all seinen Sorgen zu sein, als deinen Ehemann für das ganze Leben an?“ Die junge Frau bzw. der junge Mann antwortet: „Ja, ich nehme an.“ Diese Frage wird beiden jeweils dreimal gestellt. Wird jedes Mal mit Ja geantwortet, fragt der Dede auch die Trauzeugen einzeln, ob ihrer Heirat ein Hindernis entgegensteht. Nachdem er auch von den Trauzeugen eine zustimmende Antwort erhalten hat, sagt er: „Meine Kinder, dies ist das Gebot Gottes. Möge Gott euch einander gesegnet und zum Guten machen.“ Nachdem die anwesende Gemeinde „Allah, Allah“ gesagt hat, spricht der Dede das Trauungsgebet.

Das Trauungsgebet (Nikâh duası)

“Allahumme salli ala seyidine Muhammed ve ala Ali seyidine Muhammed! Hak lâ ilâhe illâllah, Hak birsin Muhammed’in Resulullah, Ali ’yün Veli–yullah, Ehli Beyti Keremullah, şefaat kıl ya Resulullah! Bismi Şah Allah, Allah!

„O Gott, segne unseren Herrn Muhammad und die Familie unseres Herrn Muhammad! Gott (Hak) – es gibt keinen Gott außer Gott; Gott, Du bist einer, Muhammad ist der Gesandte Gottes, Ali ist der Freund (Veli) Gottes, die Ehlibeyt ist die Huld Gottes; o Gesandter Gottes, sei unser Fürsprecher! Im Namen des Şah, Allah, Allah!

O erhabener Gott, der Du diesem Universum seine Ordnung gibst! Lass diesen Ehebund, diese Gemeinschaft, um der Ehre von Hz. Muhammed Mustafa und Ali-yel Murtaza willen ihr ganzes Leben lang beständig und fest bestehen, o mein Herr! Segne diese Ehe, die wir geschlossen haben, o mein Herr! Um der Ehre von Adam, dem Erwählten Gottes (Âdem-i Safiyullah), Noah, dem von Gott Erretteten (Nuh-u Naciyullah), Abraham, dem Freund Gottes (İbrahim-i Halilullah), Ismael, dem Gott Ergebenen (İsmail-i Teslimullah), Mose, der mit Gott sprach (Musa-yı Kelâmullah), Jesus, dem Geist Gottes (İsa-yı Ruhullah), Muhammad, dem Geliebten Gottes (Muhammed-i Habibullah), Ali, dem Freund Gottes (Ali-yel Veliyullah), der Ehlibeyt, der Huld Gottes (Ehli Beyt-i Keremullah), und des vollkommenen Mürşid Gottes (Mürşid-i Kâmilullah) willen mehre die Liebe und die Achtung zwischen ihnen und lass ihr Glück beständig sein, o mein Herr! Entziehe ihnen nicht den gütigen Segen der Drei, der Fünf, der Sieben, der Zwölf Imame, der Vierzehn Reinen Unschuldigen (14 Masum-u Pak), der Siebzehn Kemerbest (der siebzehn „Gürtelgebundenen“) und der Vierzig! Schenke ihren Körpern Gesundheit! Mache ihren Lebensunterhalt reichlich! Lass sie weder vom Edlen noch vom Unedlen abhängig werden, o mein Herr! Um der Ehre der Erenler (der zur Wahrheit Gelangten) und der Heiligen willen beschere ihnen Kinder, die der Mutter, dem Vater und der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, o erhabener Gott!

Um der Ehre des Sultans der Seyyids, unseres Pir Hünkâr Hacı Bektaş Veli willen bewahre sie vor dem Übel des Ungerechten, vor der Zunge des Niederträchtigen, vor sichtbarem und unsichtbarem Unglück, vor Unheil, vor Feuer und vor Katastrophen, o mein Herr!

O erhabener Gott! Nimm diese unsere Gebete um der Ehre der Märtyrer aller Märtyrer willen an Deiner erhabenen Schwelle (Dergâh-ı İzzet) an! Lass unsere Mühen nicht vergeblich sein! Lass alle gläubigen, muslimischen Seelen (Canlar), die in dieser Gemeinde zu unserem Gebet beigetragen haben, in die Reihe der Ehlibeyt aufgenommen werden und ihr Antlitz schauen! Entziehe uns nicht die Fürsprache von Hz. Muhammed, o mein Herr! O erhabener Gott! Beschere diesen jungen Menschen, die heiraten, dass sie ein Leben lang in Glück miteinander leben! Eure Ehe sei gesegnet, Hak, Muhammad und Ali mögen euch beistehen! Gerçeğe Hüü! (Der Wahrheit – Hu!)“

“Bismillahi’Rahmani’r-Rahim. Rabbena Atina fid dünya, hasaneten ve fil-ahireti hasane ve kınâ azâben-nâr bi-rahmetike Ya errahmanir-Rahiym. El-Fatiha:

„Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Unser Herr, gib uns im Diesseits Gutes und im Jenseits Gutes und bewahre uns vor der Strafe des Feuers – in Deiner Barmherzigkeit, o Barmherzigster der Barmherzigen. Die Fatiha (die Eröffnungssure):

“Bismillahi’Rahmanu’r-Rahim: Elhamdülüllahi Rabbil alemin. Errahmanurrahim. Maliki yevmeddin, iyyake nabudu ve iyyake neste in. İhtinas sıratel mustakim. Sıratellezsine. En amte aleyhim ğayrıl mağdubi, Aleyhim veladdallin. Amin!”

„Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Lob sei Gott, dem Herrn der Welten, dem Allerbarmer, dem Barmherzigen, dem Herrscher am Tag des Gerichts. Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe. Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht derer, die Deinem Zorn verfallen sind, und nicht der Irregehenden. Amen!“

Der Dede sagt: „Eure Ehe sei gesegnet.“ Die jungen Leute stehen auf und küssen zuerst die Hand des Dede, der die Trauung vollzogen hat. Danach küssen sie die Hände ihrer Mütter und Väter und der Älteren der anwesenden Gemeinde. Den Jüngeren geben sie die Hand. Jeder, der ihnen begegnet, sagt: „Herzlichen Glückwunsch, es sei gesegnet.“ Danach wird der Hochzeits-Şerbet (süßes Getränk) oder Zuckerwerk verteilt. Damit ist die Trauungszeremonie beendet.

Quelle: Seyit Derviş Tur, Erkânname – Aleviliğin İslam Yorumu ve Alevi Erkânları (Die islamische Deutung des Alevitentums und die alevitischen Riten), erweiterte 3. Auflage (ISBN 975-6791-52-7).

Weitere Beiträge zum Alevitentum

Glaube und Erkân

Cem und Erkân-Rituale

Feste, Fastenzeiten und heilige Tage

Die Zwölf Imame

Die Sieben Großen Dichter (Yedi Ulu Ozan)

Geschichte: Ehlibeyt, Gadir Hum und Kerbela

Bücher und alevitische Organisation in Europa

Deutsch: Alevitentum: Grundlagen, Glaube und zentrale Begriffe · Geschichte der Aleviten-Organisation in Deutschland

Über den Autor: Seyit Derviş Tur Dede

Geboren 1936 in Başköy (Çayırlı, Erzincan) in einer Seyyid-Familie, die dem Babamansur-Ocak (Şah-Mansur-Ocak) angehört. Er gehört zu den Gründern und war der erste Vorsitzende (1990–1993) der Föderation der Alevitischen Gemeinden, der Vorläuferin der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Von 1994 bis 2003 leitete er den Rat der Dedes innerhalb der Föderation. Er ist Autor der Bücher Erkânname (2002) und Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması (Die erste alevitische Organisation in Europa, 2016); seine Arbeiten werden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Forschern wie Martin Sökefeld, Zeynel Gül, Burak Gümüş und Bülent Keleş als Quelle herangezogen.

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Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.