Kurz gesagt: Der Cem ist die Gottesdienst- und Lehrversammlung, die die Aleviten gemeinsam unter der Leitung des Pir (geistlicher Leiter aus einer Ocak-Familie) abhalten. Ins Cemevi (Versammlungshaus) tritt man nicht zerstritten oder verärgert ein; im Cem werden die zwölf Dienste verrichtet, der Semah gedreht und die Lokma (geweihte Speise) geteilt. Auf dieser Seite finden Sie die Bedeutung des Cem, den Unterschied zwischen Cemevi und Moschee, die Cem-Regeln, die Reihenfolge der Dienste und die Eigenschaften, die der den Cem leitende Pir besitzen muss.
Der folgende Text stammt aus dem Buch Erkânname von Seyit Derviş Tur Dede. Zur allgemeinen Einführung: Was ist Alevitentum?
Inhalt
Was ist ein Cem?
Das Cemevi ist ein Platz (Meydan) der Gleichheit, auf dem es keinen Unterschied zwischen Diener, Sklave, Herr und Fürst gibt. Es ist die Tür, an der man um Beistand (Medet), Großmut (Mürvet) und Vergebung bittet. Es ist der Ort, an dem man Einverständnis (Rızalık) und Fürsprache (Şefaat) erlangt. Es ist der Ort, an dem man das Gelöbnis (Ikrar) und den Glauben ablegt. Es ist der Platz des Urteils und der Rechtsprechung. Es ist der erhabene Diwan, an dem man sich Gott (Hakk) ehrerbietig zuwendet und an dem Gott sich offenbart. Es ist der Weg, der zur Himmelfahrt (Miraç) führt. Es ist unser heiliger Ort, an dem gemeinsam Gottesdienst gehalten wird.
Eines Tages fragen die Gefährten (Sahabe) Hz. Muhammad: „O Muhammad! Wer kann nach dir und außer dir zur Himmelfahrt (Miraç) gelangen?“ Hz. Muhammad gibt folgende Antwort: „Vesselatu Miraç-ül Müminin“ („Das Gebet ist die Himmelfahrt der Gläubigen“). Die Bedeutung auf Türkisch lautet: „Jeder Gläubige gelangt durch den Gottesdienst, den er in Andacht und Ekstase (Vecd) verrichtet, zur Himmelfahrt.“ Dieselbe Frage stellen sie Hz. Ali. Hz. Ali sagt: „Vor einem Gottesdienst, in dem keine Verbindung zu Allah hergestellt wird, suche ich Zuflucht bei Allah.“ Das bedeutet: Möge Allah uns vor einem Gottesdienst bewahren, der nicht aus innerem Glauben und in Andacht verrichtet wird. Das heißt: Durch einen Gottesdienst, der zur Schau verrichtet wird, erwirbt man keinen Lohn (Sevap), sondern Sünde.
Der Unterschied zwischen Moschee und Cemevi
Die Moschee ist das Haus der Scharia. Das Cemevi ist die Gottesdienststätte der Aleviten und Bektaschis.
Die Moschee betritt man bei Tag; sie untersteht der Scharia. Das Cemevi betritt man bei Tag und bei Nacht; es ist der Platz der Einheit des mystischen (tasavvufi) Glaubens.
Die Moschee ist am Tag geöffnet und in der Nacht geschlossen. Das Cemevi ist bei Tag und bei Nacht geöffnet.
Denn im edlen Koran gebietet die gemeinsame Bedeutung (Meal) der Sure al-Insan (İnsan), Vers 26, der Sure al-Isra (İsra), Verse 78 und 79, der Sure al-Muzzammil (Müzemmil), Verse 1 bis 9 und Vers 20, der Sure an-Naba (Nebe), Verse 9, 10 und 11, sowie der Sure al-Muddaththir (Müdessir), Verse 1 bis 5, sich nachts vor seinem Herrn niederzuwerfen.
„O Muhammad! Steh auf und erhebe [dich]. Steh in zwei Dritteln der Nacht oder früher oder später auf und rezitiere langsam den Koran. Wir werden dir ein Wort offenbaren, das schwer zu tragen ist. Gewiss, nachts aufzustehen wird nicht leicht sein, aber für einen Gottesdienst in Andacht wird es geeigneter und wirksamer sein. Zur Ruhe und Erholung eures Körpers haben Wir euch die Nacht zur Decke gemacht und einem Teil von ihr den Schlaf gegeben. In einem anderen Teil sollt ihr euch gemäß eurer Neigung zur Zurückgezogenheit (Halvet) [Gott] zuwenden und Gottesdienst verrichten. Und am Tag geht umher für euren Lebensunterhalt; ihr habt Arbeiten, die euch lange in Anspruch nehmen.“ Eben deshalb werden die Gottesdienste der Aleviten und Bektaschis nachts gehalten.
In der Moschee wird Arabisch rezitiert. Im Cemevi wird die Sprache gesprochen, die du verstehen kannst.
In der Moschee wird man in Furcht vor Allah versetzt. Im Cemevi lehrt man, Allah zu lieben.
Die Moschee ist ein Platz der weltlichen Geschäfte und der Politik. Das Cemevi ist ein Platz der Erkenntnis (İrfan), an dem sich Verstand und Glaube vereinen.
In der Moschee wendet man sich in Richtung der Heiligen Moschee (Mescid-i Haram). Im Cemevi folgt man dem Gebot des 115. Verses der Sure al-Baqara (Bakara): „Allahs ist der Osten, Allahs ist der Westen; wohin du dich auch wendest, du hast dich Allah zugewandt.“
In der Moschee gibt es ein Ich und ein Du. Im Cemevi gibt es die Einheit (das Wir), die sich vom Ich befreit hat.
Die Moschee hat einen steinernen Mihrab (Gebetsnische). Im Cemevi gibt es den Pir-Makam (Sitz des Pir), errichtet aus Liebe zu Gott – „die Abschiedskanzel Muhammads von Gadir Hum“.
In der Moschee gibt es den Gebetsruf Muhammads (Ezan-ı Muhammedi). Im Cemevi gibt es den Gebetsruf Muhammads und den Gülbank des Hünkâr [Hacı Bektaş Veli].
In der Moschee wendet man sich zur Kibla (Gebetsrichtung). Im Cemevi ist man einander gegenseitig Kibla.
In der Moschee wird die Fatiha rezitiert und die Hand über das Gesicht gestrichen. Im Cemevi steigt man in das Geheimnis der Fatiha hinab und erweist Gott (Hakk) seine Ehrerbietung (Niyaz).
In der Moschee sagt man „Amin, Amin“. Im Cemevi sagt man „Allah, Allah“.
In der Moschee gibt es Frau und Mann. Im Cemevi gibt es – gemäß dem Gebot des Verses (Elhamdü lillâhi rabbil alemin – Lob sei Allah, dem Herrn der Welten) – Schwester (Bacı) und Bruder.
In der Moschee gibt es die Furcht vor dem Feuer und das Flehen um das Paradies. Im Cemevi verzichtet man auf beides und sieht mit Liebe, im Glauben an „Enel Hak, Eğnim Hak“ (Ich bin die Wahrheit, mein Gewand ist die Wahrheit), Gott im Wesen des vollkommenen Menschen (İnsan-ı kâmil).
Es gilt, sich von der Zweiheit von Schöpfer und Geschöpf zu befreien und zur „Einheit des Seins“ (Vahdet-i Vücut) zu werden.
Im Cemevi gibt es den göttlichen Platz der Erkenntnis, an dem sich Verstand und Glaube vereinen.
Freunde, liebe Seelen (Canlar)! Die Cemevis sind die Orte, an denen wir gemeinsam Gottesdienst halten. Zerstrittene und verärgerte Menschen dürfen sie nicht betreten. Dieser Platz ist unser Platz des Gelöbnisses (Ikrar). Auf diesen Plätzen finden Urteile statt; das Recht des Unterdrückten wird vom Unrechttuenden eingefordert. Freundschaften werden geschlossen. Gelöbnisse werden abgelegt. Geschwisterschaften werden begründet. Diese Plätze sind die Plätze der Erkenntnis der Erenler (Gottesfreunde). Diese Plätze lassen den Menschen reifen und führen ihn auf die Stufe des vollkommenen Menschen. Sie schaffen eine reine Gesellschaft.
Die Cem-Regeln
Der alevitische Glaube ist das mystische Denken und der Weg des Tasavvuf (islamische Mystik) der muslimischen Religion. Auch wenn die Aleviten der durch Bedingungen festgelegten und in Formen gegossenen Gottesdienstordnung der Scharia keine Bedeutung beimessen, gibt es – wie in jedem Glauben – auch in den alevitischen Gottesdiensten und Cems Regeln des Gottesdienstes gemäß dem eigenen Glauben. Nach dem Koran hat der Gottesdienst keine [festgelegte] Form. Der Koran, der sagt, dass er keine Form hat, beschreibt die Widerspiegelung des seelischen Zustands im Augenblick des Gottesdienstes im Verhalten des physischen Körpers in folgender Reihenfolge: „Kıble, Kıyam, Kıraat, Rükû, Secde“ (Ausrichtung, Stehen, Rezitation, Verneigung, Niederwerfung). Diese wurden im Kapitel „Was ist Gottesdienst?“ ausreichend erläutert. Ich empfehle Ihnen, es aufmerksam zu lesen.
Seht, im Koran gibt es Verse, die besagen, dass Männer und Frauen jene Körperstellen nicht entblößen sollen, die die Begierde (Nefs) des anderen erregen, und dass sie sich bedeckt kleiden sollen. Nicht nur für die Frauen, auch den Männern werden dieselben Gebote gegeben.
Sure an-Nur (Nur), Vers 30: „O Muhammad! Sage den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke von dem abwenden, was anzuschauen verboten ist, und ihre Scham hüten (nicht entblößen). Das trägt besser zu ihrer Läuterung bei. Allah ist gewiss dessen kundig, was sie tun.“
Sure an-Nur, Vers 31: „Und sage den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke von dem abwenden, was anzuschauen verboten ist. Sie sollen ihre Keuschheit hüten. Sie sollen ihren Schmuck nicht zeigen, außer dem, was von selbst sichtbar ist. Sie sollen ihre Kopftücher über ihre Kragen herabfallen lassen.“
Sure al-Ahzab (Ahzab), Vers 34: „Behaltet die Verse Allahs und die Weisheiten des Gottesdienstes, die in euren Häusern verlesen werden, im Gedächtnis und seid ehrfürchtig. Gewiss, Allah ist kundig und gütig.“
Sure al-Ahzab, Vers 35: „Wahrlich, die muslimischen Männer und Frauen, die gläubigen Männer und Frauen, die Männer und Frauen, die sich Allahs Gebot fügen, die wahrhaftigen Männer und Frauen, die geduldigen Männer und Frauen, die von Herzen ergebenen Männer und Frauen, die Almosen gebenden Männer und Frauen, die fastenden Männer und Frauen, die Männer und Frauen, die ihre Keuschheit hüten, die Männer und Frauen, die Allahs viel gedenken – ihnen allen hat Allah Vergebung und großen Lohn bereitet.“
Wir könnten noch viele weitere Verse darüber anführen, dass Frauen und Männer gleich sind. Hat Allah etwa, nachdem Er den Frauen gesagt hat, sie sollen sich bedecken, sich verhüllen und ihre Keuschheit hüten, den Männern etwas anderes gesagt? Hat Er den Männern Unanständigkeit und Schamlosigkeit erlaubt? Nein! Auch den Männern hat Er gesagt, sie sollen nicht freizügig umhergehen und ihre Keuschheit hüten. Er hat gesagt, sie sollen sich nicht so kleiden, dass sie die Begierde einer anderen Frau erregen. Deshalb sind unsere Cems ein Ort des Gottesdienstes, und in den Cems wird ausschließlich Gottesdienst gehalten. Man geht nicht freizügig dorthin, als ginge man zu einer Vergnügung, und auch nicht in förmlicher Kleidung, wie man sie zu einem offiziellen internationalen Treffen trägt. Nicht jeder kann einfach in beliebiger Kleidung, wie es ihm gefällt, in den Cem kommen. Alles hat seine dem Ort entsprechenden Regeln. Dass diejenigen, die zum Cem kommen, die Regeln des Cem befolgen, ist sowohl eine Pflicht des Glaubens als auch eine Pflicht der Menschlichkeit.
Diesen Gottesdienst- und Lehr-Cem nennt man in manchen Gegenden Abdal-Musa-Cem oder Lokma-Cem. Da dieser Cem ausschließlich ein Lehr- und Gottesdienst-Cem ist, dürfen Menschen, die einen Menschen getötet haben, und solche, die eine verheiratete Frau entführt haben, an diesem Cem nicht teilnehmen. Abgesehen davon dürfen andere, die kleinere Vergehen begangen haben, zum Gottesdienst in diesen Cem kommen. Wenn von denjenigen, deren Vergehen nicht zu den beiden schweren Vergehen gehören, die ich genannt habe, beide Parteien in den Cem gekommen sind, sind sie verpflichtet, auf den Platz der Erkenntnis (İrfan Meydanı) zu treten und ihre Schwierigkeiten vorzutragen, wenn der Dede dazu aufruft, die Zerstrittenen und Verärgerten zu versöhnen. Der Dede befragt und hört beide Parteien so an, dass die Anwesenden des Cem es hören können. Indem er die Anwesenden des Cem befragt, erlegt er der Partei, die er für schuldig hält, eine abschreckende Strafe auf, die wiederum die Gemeinde für angemessen hält. Die Partei, die im Recht ist, fragt er: „O Talip (Suchender)! Du bist jetzt hier auf dem Platz der Wahrheit (Hak Meydanı). Die Seele, gegen die du Ansprüche hast, hat ihre Schuld anerkannt. Auch die Gemeinde hat die angemessene Strafe verhängt. Doch der Inhaber des Rechts bist du. Wirst du an diesem Diwan von Hak-Muhammad-Ali, aus Liebe zu Hak-Muhammad-Ali und um der Ehre dieses von den Vierzig errichteten Platzes der Erkenntnis willen, dieser Seele oder dieser Schwester, gegen die du Ansprüche hast, verzeihen und dich mit ihr versöhnen?“ Auf jenem Platz der Wahrheit versöhnt er sie. Wenn sich eine Partei nicht versöhnt, lässt er sie aus dem Cemevi hinausführen und lässt diese Personen, solange sie nicht kommen und um Verzeihung bitten, nicht wieder in den Cem.
Der Rehber (Wegführer), der im Cem der helfende Dede ist, ruft vor Beginn des Cem die Schwestern (Bacılar) und Seelen (Canlar) zu sich, die bei den 12 Diensten mitwirken werden. Er achtet darauf, dass die Seelen, die einen Dienst übernehmen, lesen und schreiben können. Er fragt, wer welchen Dienst verrichtet, und gibt demjenigen, der das Gebet seines Dienstes nicht kennt, eine schriftliche Fassung. Er sagt ihnen, welches Material sie bei welchem Dienst verwenden, und bereitet sie auf den Dienst vor, den sie verrichten werden. In all unseren Cems sitzen beim Eintreten durch die Tür die Schwestern auf der linken Seite und die Männer auf der rechten Seite. In der Mitte wird ein Platz (Meydan) freigelassen, der groß genug ist, um den Semah zu drehen. Auf diesem Platz werden auch die anderen Dienste verrichtet. Rund um den Platz sitzen in der ersten Reihe zur Hälfte Männer und zur Hälfte Schwestern. Der erste sitzende Kreis sitzt in Form eines Halbmondes, mit den Gesichtern zum Pir-Makam. Von der Tür bis zum Platz wird ein Weg freigelassen, damit die Dienstträger kommen und gehen können. Dieser Weg verläuft zwischen den Schwestern und den Männern. In solchen großen Cems dürfen Frauen und Männer nicht gemischt sitzen. Wenn es jedoch ein Familien-Cem ist – ein solcher wurde früher in den Dörfern gehalten –, dann saß man zusammen mit den Kindern. Auch heute sitzen wir beim Cem, den wir zu Hause halten, alle zusammen. Das ist ganz und gar unbedenklich.
Doch zu unseren großen allgemeinen Cems kommen viele Familien, die sich nicht kennen, auch wenn sie aus derselben Region stammen. Wenn wir so gemischt sitzen würden – stellen wir uns vor: Direkt hinter einer Schwester sitzt eine Seele, die sie überhaupt nicht kennt. Während des Gottesdienstes werfen wir uns 3 oder 5 Mal nieder. Stellen Sie sich vor, die Schwester vorn sitzt auf den Knien und wirft sich dann auch noch nieder! Auch wenn die Seele, die hinter der Schwester sitzt, sehr aufrichtig und reinen Herzens ist – kann diese Schwester sich wohl mit innerer Ruhe niederwerfen? Frauen wie Männer kommen alle zum Gottesdienst dorthin. Während jeder seinen Gottesdienst mit innerer Ruhe, in „Andacht“ (Huşu) und in Ekstase verrichten sollte – kann diese unsere Schwester mit innerer Ruhe beten, wenn sie bemerkt, dass hinter ihr ein Mann sitzt, den sie überhaupt nicht kennt?
Wenn Sie fragen: „In unserem Dorf saßen wir immer gemischt. Warum setzt ihr hier die Frauen auf die eine Seite und die Männer auf die andere?“ – Die Dorfbewohner, 40 oder 50 Familien, leben seit Jahren zusammen. Viele von ihnen sind miteinander verwandt und sind längst wie eine Familie geworden. In solchen Cems griff der Gözcü (Aufseher) nicht mit „Du sitzt hier, und du sitzt dort“ ein. Doch zu den Cems, die wir jetzt hier halten, kommen Menschen, die wir überhaupt nicht kennen. Deshalb sind wir gezwungen, diesem Sitzsystem eine Ordnung zu geben. An manchen Orten treten Schwestern auf, die beim Dede eingreifen wollen und fragen, warum wir nicht gemischt sitzen. Ein solches Eingreifen ist der größte Fehler. Mit dieser Ordnung sind alle zufrieden, doch – wie in jeder Gesellschaft – treten auch bei uns, wenn auch sehr wenige, unausgeglichene Menschen auf. Diese greifen an manchen Orten gedankenlos bei den Dedes ein. Wir alle wissen, dass ein bewusster Dede, der keinen eigenen Vorteil verfolgt, sie überzeugt und nicht auf sie hört. Normal ist, dass es ein solches Eingreifen gar nicht gibt. Wenn auch Ihnen solche Unverständigen begegnen, versuchen Sie, sie zu überzeugen. Brechen Sie bei den großen allgemeinen Cems auf keinen Fall die Sitzordnung, nach der die Schwestern auf der einen und die Männer auf der anderen Seite sitzen.
Die Familien, die ins Cemevi kommen, treten ein, indem sie ihre Ältesten vorangehen lassen. Beim Eintreten sagt der Älteste, das Familienoberhaupt: „Hü Erenler, euer aller Liebe und Ehrerbietung (Aşk-ı Niyaz)“; in Begleitung des Gözcü treten sie vor und empfangen das Gebet für ihre Lokma. Nachdem das Gebet gesprochen wurde, erweisen sie ihre Ehrerbietung (Niyaz) und übergeben ihre Lokma dem Lokmacı (für die Speisen Zuständigen). Sie setzen sich an den Platz, den ihnen der Gözcü zeigt. Wenn der Cem groß und gut besucht ist, wird für die Lokmas später ein gemeinsames Gebet gesprochen, da es lange dauern würde, jedem einzeln das Gebet zu geben. In einem solchen Fall übergibt man seine Lokma dem Lokmacı und setzt sich an den Platz, den der Gözcü zeigt.
Im Cem spricht man nicht ohne Erlaubnis und steht nicht ohne Erlaubnis von seinem Platz auf. Ohne Erlaubnis darf man keine Lokma essen. Ohne Erlaubnis verlässt man das „Cemevi“ nicht. Wer nach Beginn des Cem kommt, wartet, falls gerade ein Dienst verrichtet oder ein Gebet gesprochen wird, stehend in Kıyam-Haltung hinter der Tür, bis der Dienst und das Gebet beendet sind. Danach sagt er „Euer aller Niyaz“, erweist mit seiner eigenen Hand eine Ehrerbietung und setzt sich an den Platz, den der Gözcü zeigt. Wenn der Cem „vereint“ (birlenmiş) ist, wird die Tür geschlossen; dann kann niemand mehr hinein- oder hinausgehen.
Während des Cem darf außer den Gözcüs niemand stehen und in der Mitte umhergehen. Kinder, die nicht neben ihrer Mutter und ihrem Vater sitzend am Gottesdienst teilnehmen können und, ohne zu gehorchen, während des Cem umherlaufen, sollen auf keinen Fall in den Cem mitgebracht werden. Denn gerade im Augenblick des Gottesdienstes, wenn die Menschen in Andacht und Ekstase beten, lenken das Schreien oder Umherlaufen solcher Kinder die anderen, die in den Gottesdienst versunken sind, ab und stören ihre Konzentration. Eine solche Situation kann nicht zugelassen werden. Für Familien mit solch kleinen Kindern ist es segensreicher und verdienstvoller, abwechselnd eine Person zu Hause zu lassen, die sich um das Kind kümmert, als in den Cem zu kommen.
Bei den gemeinsam gehaltenen Cems sollen die Anwesenden des Cem mitbeten, wenn der Dede die Salavat spricht, den Tekbir spricht, bei der Buße (Tövbe) und den Fürbitten um Vergebung (Bağışlama) und bei den Gebeten um Verzeihung. Sie sollen begeistert „Allah, Allah“ sagen und mit hörbarer Stimme am Gebet teilnehmen, damit sich ihr Gottesdienst verwirklicht und diese Gebete auch für sie selbst gesprochen sind. Sonst – wenn du dorthin gegangen bist und, während alle beten, nur still zuhörst – hast du keinen Gottesdienst verrichtet. Denn da du nicht an den Gebeten teilnimmst, unterscheidest du dich nicht von einem Zuschauer. Es ist die Pflicht der Anwesenden des Cem, zusammen mit dem Dede mit angemessener Stimme und gläubig zu beten. Wenn der Dede betet, sollen sie sich bei Kehrversen wie „vergib, verzeih“ und ähnlichen gemeinsam mit etwas lauterer Stimme mit „Allah, Allah“ am Gebet beteiligen.
Im Cemevi sind alle Schwestern und Brüder. Man tratscht nicht. Man schaut nicht hierhin und dorthin, nach rechts und links. Im Augenblick des Gottesdienstes betet man, indem man nur auf den Ort der Niederwerfung (Secdegâh) blickt. Denn wir Menschen können im Laufe unseres Lebens Gutes wie Schlechtes tun. Wir haben Geheimnisse, die wir weder unserer Mutter noch unserem Vater, weder unserem Ehepartner noch unseren Kindern und nicht einmal unseren engsten Freunden erzählen. Ob es nun Gutes oder Schlechtes ist, was wir getan haben – in jenem Augenblick des Gottesdienstes können wir es dem erhabenen Allah, an den wir glauben, erzählen, indem wir Ihn in der Gestalt, die wir am meisten lieben, an unseren Ort der Niederwerfung setzen. Haben wir Gutes getan, erbitten wir den Lohn; haben wir Schlechtes getan, erbitten wir Vergebung. Ein Gottesdienst, den wir in diesem Verständnis und fern von weltlichen Gedanken in Andacht verrichten, nützt uns. Diejenigen, die zur Schau Gottesdienst halten, schaden sich bei den gemeinsamen Gottesdiensten, an denen sie teilnehmen, ohne sie innerlich anzunehmen, statt sich zu nützen, und begehen Sünde statt Verdienst. Achten Sie sehr auf diesen Zustand, wenn Sie sich zum Gottesdienst niedersetzen.
Wenn am Ende des Cem die Lokmas verteilt werden, darf niemand Lokma essen, bevor der Dede das Gebet für das Essen gesprochen und die Schah-Lokma (Şah lokması) freigegeben hat. Nachdem die Lokmas gegessen sind, spricht der Dede das Tischgebet (Sofra duası). Danach spricht er den Gülbank der Erlaubnis zum Gehen. Man steht jedoch nicht gemeinsam auf und geht. Jede Familie, die aufbricht, wendet sich dem Pir-Makam zu, sagt „Euer aller Niyaz“ und erweist mit der eigenen Hand eine Ehrerbietung. Sie sagt: „Gute Nacht, Allah schenke euch Ruhe.“ In ruhiger Haltung verlassen sie das Cemevi. Da es jedes Mal spät in der Nacht sein wird, gebietet es der alevitische Brauch, dass man sich beim Hinausgehen und vor der Tür ohne Lärm zerstreut, ohne die Umgebung zu stören.
Die Reihenfolge der Dienste im Cem
- Die Dienstträger festlegen und ihnen ihre Aufgaben übertragen.
- Der Rehber spricht das Gebet über die Lokmas.
- Der Rehber spricht das Gebet für den Post-Dede (den den Cem leitenden Dede auf dem Post).
- Der Post-Dede spricht stehend den ersten Gülbank.
- Die Verärgerten werden versöhnt.
- Der Süpürgeci (Feger) vollzieht das Fegen und breitet den Gebetsteppich (Seccade) aus.
- Die Dienstträger werden vom Dede oder mit der Saz gerufen, und ihre Gebete werden gesprochen.
- Das Tevella-Teberra-Gebet (Bekenntnis zu den Freunden und Lossagung von den Feinden der Ehlibeyt) wird gesprochen. Danach begeben sie sich an ihre Aufgaben.
- Der Delil-Dienst (Lichtdienst) kommt, und das Delil (Licht) wird entzündet.
- Der Tezsekâr-Dienst (Dienst der Waschung/Reinigung) kommt.
- Der Lokma- und Opferdienst kommt.
- Der Süpürgeci kommt erneut und vollzieht das Fegen. Was bis hierhin getan wird, sind Vorbereitungsdienste, damit die Ritualordnung (Erkân) des Cem vollzogen werden kann.
- Der Cem wird „vereint“ (birlenir). Das Nat-ı Ali wird rezitiert. Hier beginnt der eigentliche Gottesdienst. Handelt es sich um einen Lehr- und Gottesdienst-Cem, so wird der Gottesdienst mit der Rezitation von Münacat (Bittgebet), Tövbe (Buße), Bağışlama (Fürbitte um Vergebung), Tevhit (Bekenntnis der Einheit Gottes), Miraçlama (Hymne der Himmelfahrt), Semah und den Kerbela-Mersiyes (Klagegesänge) fortgesetzt.
- Ist der Cem eine Musahiplik-Erkânname, eine Görgü-Erkânname, eine Düşkünlük-Erkânname oder eine Erkânname der Herabnahme vom Dar (Dâr’dan indirme), werden hier die Musahips herbeigeführt, die ihr Gelöbnis ablegen, die überprüft werden (görülen), die ausgeschlossen sind (düşkün) oder die vom Dar herabgenommen werden. Zuerst wird ihre Erkân vollzogen. Danach wird der Gottesdienst mit der Münacat fortgesetzt, und der erste Gülbank wird gesprochen.
- Die Tövbe wird rezitiert, der zweite Gülbank wird gesprochen.
- Die Bağışlama wird rezitiert, der dritte Gülbank wird gesprochen.
- Tevhit und Miraçlama werden rezitiert, der Semah der Vierzig (Kırklar Semahı) wird vollzogen, der vierte Gülbank wird gesprochen.
- Der Saka-Dienst (Wasserdienst) kommt. Der Dede spricht das Gebet über das Wasser, Mersiyes werden rezitiert, das Wasser wird verteilt. Der Dede spricht für den Cem den letzten, fünften Gülbank.
- Der Delilci kommt und „verbirgt“ (löscht) das Delil (sır eder).
- Der Süpürgeci kommt, vollzieht das Fegen und hebt den Gebetsteppich auf. Mit dem Gebet, das der Dede dem Süpürgeci gibt, öffnet er das Siegel des Cem. Hier ist der eigentliche Gottesdienst beendet. Der Rest ist der Teil der Muhabbet (geselliges, geistliches Beisammensein).
- Der Dede gibt die Erlaubnis, bequem zu sitzen.
- Die Lokmas kommen, der Lokmacı spricht sein Gebet. Der Dede spricht das Gebet über die Lokmas. Nachdem die Lokmas verteilt sind, spricht der Dede den Tercüman (Spruch) „Şah yürüsün“ und gibt die Erlaubnis zu essen.
- Nachdem die Lokmas gegessen sind, spricht der Dede das Tischgebet.
- Die Dienstträger werden in den Dar gerufen, und der Dede spricht für sie wegen ihrer Dienste ein Gebet.
- Der Dede spricht den Tercüman für das Verlassen des Cem. Er gibt den Anwesenden des Cem die Erlaubnis zu gehen. Damit ist der Cem beendet.
Die Bedeutung der 12 Dienste
In unseren Cems gibt es, bevor der gemeinsame Gottesdienst beginnt, die Dienste, die wir die 12 Dienste nennen, und ihre Dienstträger.
Während des Cem-Gottesdienstes gibt es einen Fegedienst, einen Tezsekâr-Dienst und einen Delil-Dienst (wir zünden eine Kerze an). Außerdem breiten wir einen Post (Fell/Teppich) aus, auf dem Urteil und Görgü (Rechenschaft) vollzogen werden. Es gibt einen Saka-Wasserdienst, einen Gözcü-Dienst (Aufseher), einen Kapıcı-Dienst (Türhüter), einen Peyikçi (Bote), einen İznikçi (Hüter der Schuhe) und einen Lokma-Dienst. All diese Dienstordnungen sind der Gesellschaft stets in ihrer äußeren (zahiri) Bedeutung erklärt worden. In der Wissenschaft des Tasavvuf haben sie viel heiligere innere (batini) Bedeutungen und Deutungen. Soweit bekannt, ist diese Seite nicht sehr ausführlich erklärt worden. Deshalb werde ich hier versuchen, nach meinen Kräften auch ihre inneren, heiligen Deutungen darzulegen.
1 – Der Pir-Makam und die Bedeutung des Pir-Amtes! Der Makam (Sitz) des Pir ist der Makam Hz. Hüseyins. Die Bedeutung und Verantwortung des Pir-Amtes hat der edle Koran mit Versen festgelegt.
Sure an-Nisa (Nisa), Vers 135: „O ihr Menschen! Wenn ihr um Allahs willen dient, haltet die Gerechtigkeit aufrecht und wahrt sie. Auch wenn es eure Mütter, Väter und Verwandten sind, ob sie arm oder reich sind – folgt nur nicht eurem Ich und euren Gelüsten. Allah steht ihnen näher als ihr. Wenn ihr abweicht und Unrecht tut, geschieht es zu eurem eigenen Nachteil. Allah ist allsehend und allwissend.“
Sure al-Maida (Maide), Vers 8: „O ihr Menschen! Seid ihr die Zeugen, die um Allahs willen die Gerechtigkeit aufrechterhalten. Wenn ihr einer Gemeinschaft dient, soll euer Zorn euch nicht zur Ungerechtigkeit verleiten. Wahrlich, Allah ist dessen kundig, was ihr tut.“
In den alevitischen Cems wird den Seyyids, die den Pir-Makam einnehmen werden, ein Gebet der Verantwortung gemäß dem Gebot dieser Verse gegeben: Dieses Gebet spricht der Seyyid, der als Rehber dient, für den Pir.
„Bismi Şah, Allah, Allah! Gesegnet sei dein Dienst! Dein Helfer seien Hak, Muhammad und Ali! Mögen Hak, Muhammad und Ali dich auf diesem Pir-Makam nicht von der Aufrichtigkeit und vom rechten Weg abbringen! Deine Gerechtigkeit sei die Gerechtigkeit Hz. Alis! Mögest du den Unrechttuenden nicht begünstigen und auf der Seite des Rechten stehen! Mögest du nicht zwischen Reich und Arm unterscheiden! Möge der erhabene Allah, der dieses Universum erschaffen hat, dich nicht irren und fallen lassen! Mögest du recht sitzen und recht entscheiden! Die segensreiche Gunst der Drei, der Fünf, der Sieben, der Zwölf Imame, der Vierzehn Reinen Unschuldigen, der Siebzehn Kemerbest und der Vierzig sei über dir! Möge dein Dienst nicht vergeblich sein, mögest du durch deinen Dienst der Fürsprache Hz. Muhammads teilhaftig werden! Die Zunge sei von uns, der Atem vom Pir, die Hilfe von Hakk! Gerçeğe Hü – dem Gläubigen: ya Ali“, sagt er.
2 – Der Rehber-Makam; er ist der Makam Hazreti Alis. Seine Verantwortung ist es, den Seelen, die Anhänger des Weges der Ehlibeyt werden wollen, den Weg und die Erkân (Yol ve Erkân) zu lehren. Den Talip, der eine bestimmte Stufe erreicht hat, übergibt er dem Pir. Um den Menschen den Weg und die Erkân der Ehlibeyt nahezubringen, muss er wie Hz. Ali dienen und sich bemühen.
3 – Der Mürşid-Makam; er ist der Makam Hz. Muhammads. Seine Verantwortung besteht darin, innerhalb des Weges und der Erkân der Ehlibeyt die Probleme und Fragen zu lösen, die Rehber und Pir nicht lösen konnten; er ist die Instanz, die die letzte Entscheidung trifft. Er ist das heilige Symbol dafür, dass dieses von der Ehlibeyt entzündete Licht der Wahrheit in den Herzen fortbesteht.
4 – Der Zakir spielt die Saz und trägt Beyits (Verse), Duvazdah, Tevhit und Mersiyes vor. Im Verlauf des Gottesdienstes ist er der wichtigste Helfer des Pir.
5 – Der Süpürgeci (Ferraş, Ferraşçı, Cârcı – Feger): Er ist für das Fegen des Cemevi und für alle Reinigungsarbeiten verantwortlich. Der Pir dieses Dienstes ist Selman-ı Farisi.
6 – Der Tezsekâr-Dienst: In unseren Lehr- und Gottesdienst-Cems wird er zwar nur symbolisch verrichtet, damit er nicht in Vergessenheit gerät. In der Erkân der Musahiplik und des Görgü wird jedoch ein Gebet gesprochen, wenn der Rehber den Taliplern, die ihr Gelöbnis abgelegt haben und überprüft (görülmüş) wurden, die Tarikat-Waschung (Abdest) gibt. Ein Beispiel! Beim Waschen der Hände wird folgendes Gebet gesprochen: „Mein erhabener Allah! Lass es nicht zu, dass ich mit diesen Händen einen anderen verletze! Gib diesen meinen Händen keine Gelegenheit, nach dem Verbotenen (Haram) zu greifen! Gewähre mir, mit diesen Händen zu tun, was der Menschheit zum Segen gereicht! Gewähre mir, mit sündlosen, reinen Händen vor Dein Angesicht zu treten! O mein Herr.“
Diese Dienste wurden stets aus äußerer Sicht gedeutet. So wie Menschen, um bequem und sauber zu leben, jeden Tag das Innere ihres Hauses, ihre Tür, ihre Straße und ihre Umgebung fegen und so alles ganz sauber wird; so wie ein Mensch, der sich jeden Tag mit Wasser Hände und Gesicht wäscht, badet, seine Wäsche und Kleidung wäscht und auf seine Sauberkeit achtet, ein reines und ruhiges Leben führt – so reinigen wir unseren physischen Körper, wenn wir zu Hause die Ganzkörperwaschung (Boy abdesti – Dusche) vornehmen, unsere saubere Kleidung anziehen und rein in den Cem gehen. Denn mit seinem Schmutz, seinem Rost und seinem Schweiß vor Allah zu treten, ist respektlos und Sünde.
Im Cemevi oder wo auch immer: Sich zum Gottesdienst hinzustellen bedeutet, vor Allah zu treten. Von ganzem Herzen und ohne Zweifel glaubend Gottesdienst zu halten bedeutet, in geistiger Hinsicht unser Gehirn und unser Herz vom Schmutz der Welt zu läutern und zu reinigen. Um Vergebung für unsere Fehler, unsere Sünden und unsere Mängel zu bitten, um Verzeihung zu flehen und unsere Wünsche und Anliegen vorzutragen, bildet den Kern des Gottesdienstes. In diesem Glauben Gottesdienst zu halten ist das natürlichste Recht, das unser Weg und unsere Erkân von uns erwarten. Mit einem Gottesdienst, der mit einem solchen Herzen verrichtet wird, erfüllen wir die heiligen Werte unseres Glaubens auf würdige Weise.
Was der erhabene Allah von uns verlangt, ist, dass wir reine Menschen sind. So wie wir unseren Körper durch Waschen und unsere Umgebung durch Fegen reinigen, so sollen wir uns auch im Cem bemühen, unser Herz durch Gebet zu reinigen. Jede äußerlich vollzogene Handlung ist der Spiegel einer inneren Handlung.
7 – Der Delil-Dienst (Çıracı-Dienst): In unseren Cems entzünden wir gemäß den Versen 35–36 der Sure an-Nur des edlen Koran das Delil (wir zünden eine Kerze an). Vers 36: „Dieses Licht wird in Häusern entzündet, von denen bekannt ist, dass sie Allah erhaben und heilig sind, in denen erlaubt ist, Allahs Namen zu nennen, und in denen vom Abend bis zum Morgen der Name Gottes genannt wird.“
So wie dieses Entzünden des Delil auf Gebot des Koran geschieht, geben wir ihm auch als dem Licht (Nur) der von Hz. Muhammad gebrachten Religion des Islam einen heiligen Wert. Im alevitischen Glauben und im Denken des Tasavvuf sollen wir Gottesdienst halten, um das Licht Gottes (Hakk), das im Cemevi brennt, und jenes göttliche Licht im Haus unseres Herzens zu entzünden. In Andacht, fern von den Sorgen der Welt, in Trance eintretend, sollen wir uns bemühen, die Einheit zu erfassen, mit Gott eins zu werden (Hakk’la hak olmak) und jenes ewige, nie verlöschende göttliche Licht in unserem Herzen zu entzünden. Wenn das Licht des Glaubens, das Licht (Nur) Hz. Muhammads, das wir im Cemevi entzünden, im Herzen eines Gläubigen brennt, wird diese Seele ein Diener (Bende) der Ehlibeyt und einer der Erenler des Weges.
8 – Der „Post“ (Dienst des Gebetsteppichs): Wenn der Seyyid, der den Cem halten wird, zum Pir-Makam kommt, wendet sich der Rehber folgendermaßen an die Gemeinde: „Hü Erenler, zur Erkenntnis (Marifet)! Der ‚Post-Dede‘, der unseren Cem leiten wird, kommt“, sagt er. Er selbst und die Gemeinde erheben sich und warten stehend in Kıyam-Haltung. Der Pir kommt und entbietet den Tarikat-Gruß. Der Rehber spricht für ihn das Gebet der Verantwortung. Der Pir nimmt seinen Platz ein und spricht für die Gemeinde den ersten Gülbank. Danach kommt der Süpürgeci und verrichtet seinen Dienst. Gleich danach kommt der Post, der am Pir-Makam ausgebreitet werden soll. Er wird unter bestimmten Gebeten ausgebreitet. Der Dienstträger erweist mit den Worten „Allah, Muhammad, ya Ali“ an drei Ecken seine Ehrerbietung, gedenkt der Mutter Fatma und erweist in der Mitte seine Ehrerbietung; damit hat er den Post ausgebreitet.
Früher, zur Zeit unserer Großväter (Dedes), wurde der Pir-Post so ausgebreitet, dass ein Teil unter den Sitzplatz des Pir kam und der andere Teil vorn an der Stelle lag, an der die Dienste verrichtet werden. Auf diesem heiligen Post, der mit Gebet am Makam Hz. Hüseyins ausgebreitet wird, sitzt nur der Pir; das Delil wird entzündet, und die Dienste des Görgü, des Befragens (Sorgu) und des Urteils (Yargı) finden statt. Deshalb wurde er „Pir-Post“ genannt. Nach unserem Glauben werden denjenigen, die auf diesem Post ohne Zweifel glaubend beurteilt und befragt werden, ihre Sünden vergeben, wenn sie danach kein Unrecht mehr tun – das ist unser Glaube. Beim Ausbreiten gibt es einen Duvazdah, den der Dienstträger rezitiert. Danach spricht der Pir folgendes Gebet.
„Allah, Allah! Mögen diejenigen, die auf diesem Post dienen, der auf dem Weg von Hak-Muhammad-Ali, auf dem Platz der Erenler, am Diwan des Pir ausgebreitet wurde, durch ihren Dienst Fürsprache finden! Möge der erhabene Allah diejenigen, die auf diesem Platz beurteilt und befragt werden, nicht noch einmal beurteilen und befragen! Möge Er ihre Sünden vergeben! Möge Er ihnen die Wünsche ihrer Zunge und die Anliegen ihres Herzens erfüllen! Mögen Hak, Muhammad und Ali ihre Helfer sein! Die Zunge sei von uns, die Gnade (Himmet) von Hakk, die Hilfe vom Pir. Gerçeğe Hü – dem Gläubigen: ya Ali.“ Dieses Gebet macht die Bedeutung des am heiligen Makam ausgebreiteten Post deutlich.
9 – Der Gözcü-Dienst (Aufseher)! Er ist die Aufgabe „Karaca Ahmet Sultans“, eines der Erenler von Rum (Anatolien). Im inneren Sinn [ist er derjenige], der mit den Pirs von Chorasan in Verbindung stand. Da er die Aufgabe hatte, darüber zu wachen, wo und welcher Eren in das Land Rum kam, ist der Pir des Gözcü-Amtes Karaca Ahmet Sultan. Während des Gottesdienstes stellt er die Verbindung zwischen der Gemeinde und dem Pir her. Er ist dafür verantwortlich, dass der Cem geordnet und ruhig verläuft. So heilig und wertvoll diese Deutung bei den Aleviten auch ist, sie ist eine äußere (zahiri) Deutung.
Was die innere (batini) Deutung des alevitisch-mystischen Glaubens betrifft, so ist sie ganz anders. Der Gözcü ist das Symbol der Verbindung zwischen dem am Pir-Makam praktizierten und geglaubten Weg und der Erkân der Ehlibeyt einerseits und denjenigen andererseits, die mit Überzeugung an den Glauben und Gottesdienst glauben, den dieser Weg und diese Erkân mit sich bringen – das Symbol des geordneten Fortbestands dieser Verbindung. Der „Stab“ (Asa) in seiner Hand ist das Symbol des heiligen Stabes Mose (Musa aleyhisselam), der vor den Zauberern des Pharao zeigte, dass die Macht des erhabenen Allah über jeder Macht steht. Deshalb erweist der Gözcü, wenn er mit den Dienstträgern im Dar steht, im Augenblick der Niederwerfung seine Ehrerbietung nicht dem Boden, sondern dem Stab in seiner Hand.
10 – Der Kapıcı-Dienst (Türhüter)! Er wartet an der Tür des Ortes, an dem der Cem-Gottesdienst gehalten wird. Er kontrolliert, wer das Cemevi betritt und verlässt. Ungeeignete Personen lässt er nicht unter die Menschen, die Gottesdienst halten, in das Cemevi. Eigentlich wurde der Türhüterdienst eingeführt, als die Karmaten (Kârmatiler) ihr geheimbündisches System errichteten, um ihren Gottesdienstort vor der Unterdrückung und dem Druck der Umayyaden und Abbasiden zu schützen. Im Glauben der Ehlibeyt gibt es bis heute den Ausdruck Tevella und Teberra. Seine Bedeutung! „Den Freund der Ehlibeyt als Freund und ihren Feind als Feind zu betrachten.“ Das Geheimnis des Glaubens der Ehlibeyt Fremden nicht preiszugeben. Der Kapıcı ist der Hüter und das Schloss dieses Geheimnisses.
11 – Der Lokma-Dienst! Über alle Lokmas, die ins Cemevi gebracht werden, wird ein Gebet gesprochen, und sie werden den Seelen übergeben, die den Lokma-Dienst übernommen haben. Die Dienstträger mischen die mitgebrachten Lokmas zusammen und verteilen sie gleichmäßig an die gekommenen Seelen. Eine unserer Seelen hat ein Opfertier als Lokma gegeben. Eine andere unserer Seelen hat einen Apfel mitgebracht oder ist mit leeren Händen gekommen. Hier wird nicht darauf geschaut, wer was mitgebracht hat; man unterscheidet nicht zwischen Reich und Arm, Klein und Groß – an jede Seele wird gleich verteilt.
Welche Nahrung es auch sei: Wenn über ihr unter Nennung des Namens Allahs gebetet wird, erlangt sie Heiligkeit als Hak-Lokması (Gottesspeise). Im bis heute gelebten alevitischen Glauben ist ein Apfel oder ein Stück Zucker, über dem mit Glauben und Überzeugung gebetet wurde, vielen Kranken zur Heilung geworden. Ein von ganzem Herzen und ohne Zweifel glaubend gesprochenes Gebet und die empfangene Lokma sind oft zur Arznei für Leiden und zum Heilmittel für Kranke geworden.
12 – Das Saka-Wasser und sein Dienst! Die alevitische Gemeinschaft hat bis heute die Märtyrer nicht vergessen, die mit Hz. Hüseyin in Kerbela durstig den Märtyrertod starben. Bei jedem Gottesdienst, in jedem Cem gedenkt sie ihrer Namen. Sie hat über sie Mersiyes (Klagegesänge) verfasst und verteilt Wasser, indem sie diese Mersiyes singt und der Unterdrückung und des Schmerzes gedenkt, die sie erlitten. Der Dienstträger bringt das Wasser vor den Pir, und der Pir spricht über dieses Wasser folgendes Gebet.
„O mein erhabener Allah! Erleuchte vor Deinem Angesicht mit Deinem göttlichen Licht die reinen Seelen der 72 Märtyrer, die mit Hz. Hüseyin – dem Spross Hz. Muhammad Mustafas und Ali-yel Murtazas, dem Herzstück unserer Mutter Fatima – in Kerbela den Märtyrertod starben, und belohne sie mit Deiner Fürsprache, o mein Herr! Um ihrer Ehre willen schenke dem, der einen Schluck von diesem Wasser trinkt, Heilung für sein Leid und seinen Kranken Genesung, o mein Herr! Um der Ehre aller Erenler und Heiligen, die gekommen und gegangen sind, willen befreie diejenigen, auf die ein Tropfen dieses Wassers fällt, von all ihren Nöten. Schenke ihren Herzen Frieden, ihren Seelen Gesundheit und ihren Familien Glück, o mein Herr!“
Wenn dieses Wasser an die Menschen verteilt wird, trinkt man es im Gedenken an die Märtyrer von Kerbela.
Biz geçmişiz canı baştan Hak erenler aşkına
Can gözü dembe dem Hakk’ı görenler aşkına
Deşti Kerbela’da susuz can verenler aşkına
Gözüm yaşı sebil ettim, şahi şehidanın aşkına
Saka hüm ya Hüseyin
Lütfuna muhtacız ya Hüseyin
Derdine derman hastasına şifa ver
Bu sudan bir yudum içene ya Hüseyin
Saka hüm ya Hüseyin
Aşk olsun içene, rahmet olsun Hakk’a göçene
Lânet olsun ol Yezid’in ervahına soyuna
Rahmet olsun Ehli Beyte. Saka hüm ya Hüseyin. Saka hüm ya
Hüseyin. Saka hüm ya Hüseyin.
Wir haben Leib und Leben hingegeben aus Liebe zu den Erenler der Wahrheit,
aus Liebe zu denen, deren Seelenauge Gott in jedem Augenblick sieht,
aus Liebe zu denen, die in der Wüste von Kerbela durstig ihr Leben gaben;
meine Tränen habe ich zum Brunnen (Sebil) gemacht aus Liebe zum Schah der Märtyrer.
Saka hüm ya Hüseyin
Wir bedürfen deiner Gnade, ya Hüseyin
Gib Heilung für sein Leid und Genesung seinem Kranken,
dem, der einen Schluck von diesem Wasser trinkt, ya Hüseyin
Saka hüm ya Hüseyin
Liebe (Aşk) dem, der trinkt; Gottes Erbarmen dem, der zu Gott gegangen ist;
Fluch über die Geister und das Geschlecht jenes Yezid;
Erbarmen der Ehlibeyt. Saka hüm ya Hüseyin. Saka hüm ya
Hüseyin. Saka hüm ya Hüseyin.
Dieses Wasser also, über dem mit Gebet der Name Allahs und der Ehlibeyt genannt wurde, wird für die glaubenden Menschen zu einer Hak-Lokması. Für Seelen, die ihr Herz geläutert und ihr Innerstes Gott übergeben haben, wird es zu Heilung und Arznei für jedes Leiden. Wichtig ist, dass die Seele, die sich zum Gottesdienst hinstellt, sich in Ekstase Gott nähert und Seines Wohlgefallens (Rıza) teilhaftig wird. Durch das „Sei!“ (Ol) des erhabenen Allah geschieht alles. Daran glauben wir.
13 – Der Peyikçi-Dienst (Bote); es ist der Dienst, der Gemeinschaft den Ort und das Datum des Cem bekannt zu geben. Früher ging die Seele, die diesen Dienst übernommen hatte, von Haus zu Haus und gab Bescheid.
Da die Aleviten, die vom Dorf in die Stadt kamen, in den Städten in weit voneinander entfernten Vierteln wohnten, gaben sie mit Briefen per Post Bescheid. Seit den letzten zehn Jahren geben wir über Mobiltelefone per SMS Bescheid.
14 – Der İznikçi-Dienst; er verwahrt die Schuhe der Seelen, die zum Gottesdienst ins Cemevi kommen, geordnet an einem bestimmten Ort und gibt die Schuhe nach dem Ende des Gottesdienstes ihren Besitzern zurück. Mit diesem Dienst trägt er zusammen mit den Betenden dazu bei, dass der Gottesdienst in Ruhe verrichtet werden kann.
15 – Der Semah und der Semah-Dienst; Wenn im Cem-Gottesdienst die Miraçlama rezitiert wird, heißt es gegen Ende, in der 23. Strophe: „Biri şerbetten nuş eyledi. Cümlesi oldu eyan. Mümin, Müslüm üryan ayak. Hep girdiler semaha“ („Einer trank vom Scherbett, allen wurde es offenbar. Gläubige und Muslime, barfuß, traten alle in den Semah ein“).
Wenn diese Strophe rezitiert wird, beginnen die Semah-Drehenden mit den Rufen „Hü, Allah, Allah“ den Semah der Vierzig (Kırklar Semahı) zu drehen. Die Bedeutung des Semah habe ich im Rahmen der Cem-Ordnung im Anschluss an die Miraçlama erläutert. Ich halte es jedoch für angebracht, hier auch eine kurze Zusammenfassung zu geben.
Semah: Durch die Drehungen in den Atomen, aus denen der Mensch besteht, durch den Kreislauf des Blutes im menschlichen Körper, dadurch, dass der Mensch aus der Erde kommt und zur Erde zurückkehrt, und indem er sich mit der Erde mitdreht, dreht er sich ohne eigenes Zutun, natürlich und unbewusst immer weiter. Was den Menschen jedoch von den anderen Geschöpfen unterscheidet und über sie erhebt, sind sein Verstand und seine Intelligenz. Beim Drehen des Semah gilt es, in der gemeinsamen Bewegung mit den anderen Geschöpfen den Verstand bewusst mitwirken zu lassen. Zusammengefasst:
Der Semah ist die Hinwendung des Dieners zur Wahrheit, sein Aufsteigen in Liebe unter der Führung des Verstandes, das Ablegen seines Ichs und sein Aufgehen in Gott (Hakk). Er ist seine Rückkehr in sein Dienersein als gereifter, vollkommener Mensch. Diese Rückkehr! Sie ist eine Rückkehr zum Wesen, um allem Sein und allen Geschöpfen mit einem neuen Geist und einem neuen Herzen in liebevoller Hingabe zu dienen. (Ausführliche Informationen: Was ist der Semah?)
Ich habe versucht, zusammen mit dem Semah die kurzen und wesentlichen äußeren und inneren Bedeutungen aller Dienste nach meinem Wissen darzulegen. Der Dienst ist von mir, das Urteil liegt bei meinen Lesern.
In der Zeit, als wir 1988 versuchten, unsere ersten Vereine (unsere Cemevis) zu gründen, sagte man uns: „Ihr seid vom Staat organisiert. Die Republik Türkei lässt diese Vereine gegen die linke Bewegung und die kurdische Bewegung gründen.“ Eine schwachsinnige Gruppe druckte sogar 3000 Exemplare einer 36-seitigen Zeitschrift, in der behauptet wurde, ich, „Derviş Tur“, sei ein bezahlter Beamter des Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten), und verteilte sie. In jenen schweren Tagen versuchte auch ich, bewegt, mein Anliegen mit diesem Gedicht auszudrücken.
Wir sind gekommen, den alevitischen Glauben zu verbreiten
Ketlimize fetvalar neden ne için
Ön yargı iftira hep bizler için
Haksızı meydandan kovmamız için
Alevi inancını yaymaya geldik
Warum, wozu Fatwas zu unserer Tötung?
Vorurteil und Verleumdung – alles gegen uns.
Um den Unrechten vom Platz zu vertreiben,
sind wir gekommen, den alevitischen Glauben zu verbreiten.
Doğudan batıdan gelen Erenler
Hor gören gözleri açmaya geldik
Gönülden yürekten birleşen canlar
Ehli Beyt ışığın yakmaya geldik
Ihr Erenler, die ihr aus Ost und West gekommen seid –
wir sind gekommen, die verachtenden Augen zu öffnen;
ihr Seelen, die ihr euch von Herzen vereint –
wir sind gekommen, das Licht der Ehlibeyt zu entzünden.
Allah, Muhammed’e aşk sevgi ile
İmanım, inancım dost Ali ile
Genç Abdal Nesimi Pir sultan ile
Alevi yolunu açmaya geldik
Mit Liebe zu Allah und zu Muhammad,
mein Glaube, meine Überzeugung ist mit dem Freund Ali;
mit Genç Abdal, Nesimi und Pir Sultan
sind wir gekommen, den alevitischen Weg zu öffnen.
Pirim Hünkâr Hacı Bektaş-i Veli
Sorarsan Mansur’u, O nesli Ali
Dünyada yaşayan bütün Alevi
Birlik beraberlik kurmaya geldik
Mein Pir ist Hünkâr Hacı Bektaş-i Veli;
fragst du nach Mansur – er ist vom Geschlecht Alis;
alle Aleviten, die auf der Welt leben –
wir sind gekommen, Einheit und Zusammenhalt zu schaffen.
Kemter Derviş ben bu yolda yürürüm
İstenirse başım hemen veririm
Kısmetse bir güzel düzen görürüm
Yol erkân cemleri sürmeye geldik
Ich, Kemter Derviş, gehe auf diesem Weg;
wird es verlangt, gebe ich sofort mein Haupt;
ist es mir beschieden, sehe ich eine schöne Ordnung;
wir sind gekommen, Weg, Erkân und Cems fortzuführen.
Eigenschaften, die Mürşid, Pir und Rehber besitzen müssen, die den Cem leiten
Er muss ein Seyyid-i Saadet sein, ein Nachkomme des Propheten (Evlad-ı Resul).
Es ist zwingend erforderlich, dass er von seinem Pir oder Mürşid überprüft und befragt (görülüp sorulmuş) und in der Gemeinschaft, in der er lebt, beurteilt und entlastet worden ist. Auch wenn diese Bedingung bei der ersten Gottesdienst-Erkânname nicht verlangt wird, muss sie bei den Erkân der Musahiplik, des Görgü, der Düşkünlük und der Herabnahme vom Dar unbedingt erfüllt sein.
Er muss über das Wissen und die Erfahrung verfügen, den Taliplern, die in seinem Umfeld Cems leiten können, jede Art von religiösem Wissen vermitteln und alle Glaubensfragen lösen zu können. Welche Stufen Menschen aus Seyyid-Abstammung durchlaufen und welche Ausbildung sie erhalten müssen, um dem alevitischen Glauben dienen zu können, habe ich im Kapitel „Das Bildungssystem im alevitischen Glauben“ ausführlich behandelt. Ich empfehle Ihnen, dieses Kapitel aufmerksam zu lesen.
Wo es keinen Nachkommen des Propheten gibt, kann ein Zakir oder Talip diesen Cem halten, der überprüft und entlastet wurde, vom Dergâh des Hünkâr Hacı Bektaş oder von seinem Pir bzw. Mürşid die Hand genommen hat (el almış), über Wissen und Erfahrung verfügt und diese erste Erkânname leiten kann. Diese nennt man Babai-Zweig oder Dikme Dede (eingesetzter Dede). In diesen Familien, denen eine Aufgabe übertragen wurde, setzt sich die Abstammungsfolge vom Vater auf den Sohn nicht fort.
Der Makam, auf dem die Pirs oder Mürşids sitzen, die den Cem halten und die Verantwortung dieser schweren Aufgabe übernehmen, ist der Makam Hz. Muhammads, Hz. Alis und Hz. Hüseyins. Wenn wir die Geschichte untersuchen, trugen diejenigen, die früher auf diesem Makam saßen, eine allein diesen Makam ausdrückende, während des Dienstes getragene Kopfbedeckung mit 12 Segmenten aus grüner und roter Farbe. Über ihre Kleidung zogen sie einen „Hırka“ (Umhang) an, der an einen Richtermantel erinnerte, ganz grün und nur an Kragen und Ärmelöffnungen rot, und setzten sich dann auf diesen Makam. Aus Furcht vor den Massakern der Osmanen trugen sie den Pir-Umhang nicht, damit nicht erkennbar war, wer der Pir war. Heute halten wir diese Furcht immer noch am Leben. Wer der Inhaber dieses Makams ist und wer nicht, ist vom Äußeren her nicht zu erkennen. Jede Aufgabe hat eine ihrer Verantwortung entsprechende Kleidung. Warum! tragen wir sie nicht oder lassen sie nicht tragen? Die Antwort überlasse ich meinen Lesern. Ich glaube, dass nach diesen Regelungen auch dies umgesetzt werden muss.
Quelle: Seyit Derviş Tur, Erkânname – Aleviliğin İslam Yorumu ve Alevi Erkânları (Die islamische Deutung des Alevitentums und die alevitischen Ritualordnungen), erweiterte 3. Auflage (ISBN 975-6791-52-7).
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Deutsch: Alevitentum: Grundlagen, Glaube und zentrale Begriffe · Geschichte der Aleviten-Organisation in Deutschland
Über den Autor: Seyit Derviş Tur Dede
Geboren 1936 in Başköy (Çayırlı, Erzincan) in einer Seyyid-Familie, die dem Ocak Babamansur (Şah Mansur) angehört. Er ist Mitbegründer und erster Vorsitzender (1990–1993) der Föderation der Alevitischen Gemeinden (Alevi Cemaatleri Federasyonu), der Vorläuferin der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Von 1994 bis 2003 leitete er den Rat der Dedes (Dedeler Kurulu) innerhalb der Föderation. Er ist Autor der Bücher Erkânname (2002) und Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması (Die erste alevitische Organisation in Europa, 2016); seine Arbeiten werden in akademischen Veröffentlichungen von Forschern wie Martin Sökefeld, Zeynel Gül, Burak Gümüş und Bülent Keleş als Quelle herangezogen.
Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.