Kurz gesagt: Seyyid Nesimi (1345–1417) ist der erste der Sieben Großen Dichter (Yedi Ulu Ozan) der alevitisch-bektaschitischen Tradition und der erste Dichter der türkischen Literatur, der sich den Hurufismus zu eigen machte. Nesimi, ein Mürid (Schüler) Fazlullah Naimis, führte den Glauben an das „Enel Hak“ („Ich bin die Wahrheit/Gott“) in der Nachfolge von Hallac-ı Mansur (al-Hallādsch) fort und wurde in Aleppo hingerichtet, indem man ihm die Haut abzog. Diese Seite enthält sein Leben in der Darstellung von Seyit Derviş Tur Dede sowie eine Auswahl seiner Gedichte.
Der folgende Text stammt aus dem Buch Erkânname von Seyit Derviş Tur Dede. Eine allgemeine Einführung: Was ist das Alevitentum?
Inhalt
Wer war Seyyid Nesimi? (1345 – 1417)
Sein Ruhm ist in der gesamten islamischen Welt verbreitet; insbesondere in der alevitisch-bektaschitischen Gemeinschaft ist er als heiliger Dichter bekannt. Über das Leben des mit Liebe und Ehrfurcht genannten Seyit İmamed din Nesimi gibt es keine gesicherten, auf Dokumenten beruhenden Angaben. Bekannt ist, dass er in der zweiten Hälfte des 13. und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebte. Ein weiterer Name von ihm ist Seyit Ali Nesimi. Mit seinen klangvollen, glaubensvollen und leidenschaftlichen Gedichten bringt er den mystischen Glauben mit großer Begabung zum Ausdruck.
Sein Mürşid Fazlullah Naimi und der Hurufismus
Wenn man von Seyit Nesimi erzählt, wäre es ein Versäumnis, nicht auch von seinem Mürşid (geistlichen Lehrer) Scheich Feyzullah Neimi zu erzählen. Scheich Feyzullah Neimi soll ein großer aserbaidschanischer Gelehrter gewesen sein. Seine wertvollen Werke wie „Cavidan Name“, „Erşname“, „Dövme name“, „Muhabbet-name“ und „Vasiyetname“ sind bis heute erhalten.
Die Quellen, die über das Leben dieses kraftvollen Dichters Auskunft geben, sind spärlicher, als man annimmt. Welche Ausbildung Nesimi in den ersten Jahren seines Lebens erhielt, ist unbekannt. Nesimi ist einer der erleuchtetsten Dichter der mystischen Literatur und zugleich der erste Dichter der Literaturgeschichte, der sich den Hurufismus zu eigen machte. Seyit Nesimi war von Feyzullah Hurufis „Cavidan Name“ beeinflusst und schrieb Gedichte, die dem Hurufismus eine geheimnisvolle und philosophische Bedeutung und Qualität verliehen.
In diesen Gedichten wird die hurufitische Lehre mit großer Begeisterung in einer Richtung behandelt, die parallel zum alevitischen Glauben und zur Philosophie des Tasavvuf (der islamischen Mystik) verläuft. Nach Nesimi machte Gott, als er noch im Zustand des „Kunt’u kenz“ (des verborgenen Schatzes) war, seine absolute, unendliche Schönheit sichtbar. In dieser Welt spiegelt der Mensch, indem er sich mit Gott vereint, die Schönheit Gottes wider. Was das Herz des Menschen ausdrückt, ist der Laut; der Laut aber verwirklicht sich im Menschen als Wort. Deshalb wurde die erste Erscheinung Gottes das „Kelam“ (das Wort), der Koran. Sein Hervortreten als Wort wurde durch Buchstaben bestimmt. So vertritt er die Auffassung, dass die 28 Buchstaben des Korans im Antlitz des vollkommenen Menschen – einer weiteren Offenbarung Gottes – sichtbar werden und dass das Licht Gottes im Antlitz des vollkommenen Menschen zu sehen ist.
Nesimi schrieb seine Gedichte nicht, um seinen Glauben zu verbreiten. Er brachte seinen Glauben mit einer Begeisterung zum Ausdruck, die sein Denken in seinem innersten Selbst weckte und die nicht in ihm Platz fand. Nesimi verwendete in einem geordneten Stil, der seine Gefühle in einer innigen Sprache ausdrückt, meisterhaft die klassische Sprache und die Regeln der Verskunst seiner Zeit. Seine Sprache ist klar, schlicht und bedeutungsvoll. Deshalb werden Nesimis Gedichte selbst heute noch weithin gelesen. Von Nesimi gibt es einen Divan, der aus türkischen und persischen Gedichten besteht.
Zu Nesimis Lebzeiten hatte sich das Ahitum (die Ahi-Bruderschaften) weit verbreitet. Der Sufismus spielte bei der weiten Verbreitung des Ahitums eine große Rolle. Als Nesimi in Baku und Schirwan lebte, ließ Miran Schah, der Sohn Timurs, auf dessen Befehl Nesimi bei den Angriffen auf die Festung Nachitschewan mit sich ziehen. Zu jener Zeit verbreiteten sich in Aserbaidschan und in den Ländern des Nahen Ostens Sufismus und Hurufismus weit. Nach dem Tasavvuf, einem Glauben des Denkens, der Gotteserkenntnis (İrfan) und des Glaubens, gibt es kein Sein außer Gott. Der vollkommene Mensch ist ein Licht, das sich vom Licht Gottes gelöst hat.
Die materielle und geistige Welt des Menschen ist mit Gott verbunden. Für die Sufis ist der Tarikat (der mystische Weg) der Weg, sich Gott zu nähern. Jeder Mensch gelangt entsprechend der Reinheit seines Herzens – anders als alle anderen Lebewesen – mit seiner eigenen Vernunft in die Welt der Einheit. Ich schreibe hier Gedichte, die Seyit Nesimi beschreiben.
Daim Enel Hak söylerem, Hakk’dan çü Mansur olmuşam.
Kimdir beni berdar eden, bu şehre meşhur olmuşam.
Bende sığar iki cihan, ben bu cihana sığmazam.
Gevheri la mekân benim, kevnü mekâna sığmazam.Immerfort spreche ich „Enel Hak“ (Ich bin die Wahrheit), denn durch Gott bin ich zu Mansur geworden.
Wer ist es, der mich an den Galgen bringt? In dieser Stadt bin ich berühmt geworden.
In mir finden beide Welten Platz, ich aber finde in dieser Welt keinen Platz.
Ich bin das Juwel des Ortlosen, in Sein und Raum finde ich keinen Platz.
Geburtsort und Leben
Über Geburtsort und Geburtsdatum von Seyit Ali Nesimi haben wir keine gesicherten Kenntnisse. Manche Quellen schreiben, er sei im Dorf Nesimi bei Bagdad geboren. In den Quellen von Âşık Çelebi heißt es, er stamme aus Diyarbakır. Bursalı Tahir Bey schreibt in seinem Buch „Osmanlı müellifleri“ (Osmanische Autoren), er sei in Nusaybin geboren. In Selman Mümtaz’ Ausgabe des Nesimi-Divans heißt es, er sei in Schirwan geboren.
Man sieht, dass es über den Geburtsort Seyit Nesimis Überlieferungen gibt, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Bei fast allen berühmten Persönlichkeiten der Geschichte gibt es solche Behauptungen, besonders was den Geburtsort betrifft. Wo auch immer Nesimi geboren sein mag – die Wahrheit, die seine Gedichte belegen, ist, dass er unter den aserbaidschanischen Türken aus dem Geschlecht von Muhammad und Ali stammte und dem Glauben an die Ehlibeyt (Ahl al-Bayt, die Familie des Propheten) verbunden war.
Es steht fest, dass Nesimi durch Iran, den Irak, Aserbaidschan und Ostanatolien zog. Offenbar beeindruckte er seine Zuhörer mit seinem bezaubernden Stil. Dass sich sein Ruhm in allen Provinzen verbreitete und die Zahl derer, die seine Gedanken annahmen, von Tag zu Tag wuchs, dass es ihm gelang, seinen Glauben in einem Maße zu verbreiten, wie es sein Lehrer Feyzullah Hurufi nicht vermocht hatte, darüber schreiben verschiedene Bücher. Auch wenn es keinen sicheren Beleg gibt, gehört zu den Überlieferungen, dass Nesimi zur Zeit Murads II. nach Konya und Ankara kam und danach zum Dergâh (Konvent) des Hacı Bektaş ging.
Seine Hinrichtung in Aleppo
Es steht fest, dass Nesimis Ansichten und Glaube mit der sunnitischen Scharia unvereinbar waren. Aus ihrer Sicht verbreitete er gewissermaßen Gedanken, die den Regeln des Islam widersprachen. Deshalb beschuldigte man Nesimi der Gottlosigkeit und der Auflehnung gegen die Bestimmungen des Korans und die Grundsätze der Scharia. Gemäß dem Fetwa (Rechtsgutachten), das Şihabeddin, der Sohn Hilals, erteilte, erließ der Herrscher Ägyptens, Scheich al-Muayyad, einen grausamen Hinrichtungsbefehl: „Man ziehe ihm die Haut ab, sein Leichnam werde sieben Tage lang in Aleppo zur Schau gestellt. Dies werde allerorten bekannt gemacht. Danach werden seine Glieder zerstückelt und die Stücke an die Söhne Zülkadirs geschickt, die er für seinen Glauben gewonnen hat.“ So wurde er im Jahr 1417 oder 1418 unter einer beispiellosen Folter zum Märtyrer.
Louis Massignon sagt, Nesimi sei eine Fortsetzung von Hallac-ı Mansur. Nach Nesimi steht im Mittelpunkt der Schöpfung das Licht Gottes, das sich im Menschen widerspiegelt. Indem der Mensch zur Vollkommenheit gelangt und sein Ego (Nefs) abtötet, erreicht er die Einheit mit Gott. Nesimi ist eine Seele, die sich Gott geweiht hat; eine Seele, die alle Plagen und Heimsuchungen, die ihr widerfahren werden, allein auf sich nimmt, um das Wohlgefallen Gottes zu erlangen. Seht, was er sagt:
Gör beni yandırsalar, toprağımı savursalar
Külüm oddan çağırsalar, Settar senden dönmezemSieh, auch wenn sie mich verbrennen und meine Erde in alle Winde streuen,
auch wenn sie meine Asche aus dem Feuer rufen – o Settar (der die Sünden Verhüllende), von dir wende ich mich nicht ab.
Der vollkommene Mensch (İnsan-ı Kâmil) und die Einheit des Seins (Vahdet-i Vücud) nach Nesimi
Nach Nesimi gibt es zwei Arten von Menschen auf der Welt. Die einen sind dem Äußeren nach Menschen, dem Wesen nach Tiere (in der körperlichen Gestalt Menschen, in der seelischen Verfassung Tiere). „Solche Menschen verabscheue ich. Ich verabscheue doppelzüngige Menschen“, sagt er. Nach Nesimi ist die Biene dieser Menschen Lüge, ihr Honig Gift, ihr Lachen ein Feuer, das den Menschen verbrennt. Der zur Vollkommenheit gelangte Mensch kann sich – anders als alle anderen Lebewesen – mit seiner eigenen Vernunft zur Stufe Gottes erheben, sich an ihn halten und sich mit ihm vereinen. Ein Mann der Liebe ist, wer Gott (Hak) in seinem eigenen Herzen findet; dessen Wesen dem Mustafas und dessen Charakter dem Alis gleicht; der tief ist wie das Meer, demütig wie die Erde und nützlich, läuternd wie das Feuer und klar wie das Wasser. Wie Hacı Bektaş Veli, Mevlana, Yunus (Emre), Kaygusuz Abdal, Abdal Musa und andere Erenler hat Seyit Nesimi gestützt auf Koranverse bewiesen, dass Gott im Menschen ist und dass der vollkommene Mensch eine Ganzheit mit Gott bildet.
Was die Einheit des Seins (Vahdet-i Vücud), das Hauptthema des Tasavvuf, betrifft, folgte Seyit Nesimi der Spur von Hallac-ı Mansur. Diese Denkweise hat viele Mystiker beeinflusst. Er hat Hunderte von Beyits (Doppelversen), die auf dieser Glaubensweise beruhen. Da neunzig Prozent davon persisch sind, ist es für die Menschen von heute sehr schwer, sie zu verstehen. Deshalb werde ich, soweit ich sie finden konnte, einige der verständlichen, auf Türkisch geschriebenen oder ins Türkische übersetzten Gedichte wiedergeben.
Gedichte von Seyyid Nesimi
Düştü yine deli gönül gözlerinin hayaline
Kim ne bilir bu gönlümün fikri nedir hayali ne
Neylerem ol cenneti içinde didar olmazsa
Koy anı virane kalsın imanla inanç olmazsa
Wieder ist das närrische Herz dem Traumbild deiner Augen verfallen;
wer weiß schon, was der Gedanke, was das Traumbild dieses meines Herzens ist?
Was soll mir jenes Paradies, wenn darin nicht das Antlitz (des Geliebten) ist?
Lass es verfallen bleiben, wenn darin nicht Glaube und Vertrauen sind.
Ya Ali senden medet (O Ali, hilf mir)
Aşk elinden yandı canım ya Ali senden medet
Men garibi biçareyim ya Ali senden medet
Sen mene Lütfü kerem et derdime bir çare kıl
Şah sensin men garibim ya Ali senden medet
Durch die Hand der Liebe ist meine Seele verbrannt – o Ali, hilf mir!
Ich bin ein armer, hilfloser Fremder – o Ali, hilf mir!
Erweise mir Güte und Großmut, finde ein Heilmittel für mein Leid;
du bist der Schah, ich bin ein Fremder – o Ali, hilf mir!
Hakk Teâlâ öz nurundan hoş yaratmış şahımı
Kudreti sırrı hüdasın ya Ali senden medet
Kim Muhammed’i, Ali’den ayırtır lanet ona
Lahmike lehmi değil mi ya Ali senden medet
Gott, der Erhabene, hat meinen Schah schön aus seinem eigenen Licht erschaffen;
du bist die Macht und das Geheimnis Gottes – o Ali, hilf mir!
Wer Muhammad von Ali trennt, über den komme der Fluch;
heißt es nicht „Dein Fleisch ist mein Fleisch“? – o Ali, hilf mir!
Auslegung der Sure al-Fatiha
Hoş okursun okuduğun tutmazsan
Elhamdülillaha iman etmezsen
Rabbil Alemi’ne secde kılmazsan
Bismillah arada kalırsın kardaş
Schön liest du, doch wenn du nicht befolgst, was du liest,
wenn du nicht an das „Elhamdülillah“ (Lob sei Gott) glaubst,
wenn du dich nicht vor dem „Rabbil Alemin“ (dem Herrn der Welten) niederwirfst,
dann bleibst du beim „Bismillah“ auf halbem Wege stehen, Bruder.
İkrar verip ikrarından durmazsan
Er rahmanı rahim nedir bilmezsen
Maliki yevmeddin serden geçmezsen
Iman’ın küfre dönüşür kardaş
Wenn du das Gelöbnis (Ikrar) gibst und nicht zu deinem Gelöbnis stehst,
wenn du nicht weißt, was „Er-Rahman er-Rahim“ (der Erbarmer, der Barmherzige) ist,
wenn du für den „Maliki yevmiddin“ (den Herrscher am Tag des Gerichts) nicht dein Haupt hingibst,
dann wird dein Glaube zu Unglauben, Bruder.
İyyake nabüdü sırrına ermezsen
İyyake nestein’e ikrar vermezsen
İhdinas sıratel mustakimi bilmezsen
Zebani den daha betersin kardaş
Wenn du das Geheimnis von „İyyake na’büdü“ (Dir allein dienen wir) nicht erlangst,
wenn du „İyyake nesteîn“ (Dich allein bitten wir um Hilfe) nicht gelobst,
wenn du „İhdinas sıratel müstakim“ (Führe uns den geraden Weg) nicht kennst,
dann bist du schlimmer als die Höllenwächter (Zebani), Bruder.
Sıratellezine bağlı kalmazsan
Enamte aleyhim gönül vermezsen
Gayril mağdubi birlik olmazsan
Tamuda bir od var yanarsın kardaş
Wenn du dem „Sıratallezine“ (dem Weg derer) nicht treu bleibst,
wenn du dein Herz nicht an „en’amte aleyhim“ (denen du Gnade erwiesen hast) gibst,
wenn du nicht eins wirst im „gayril mağdubi“ (nicht derer, die deinem Zorn verfallen sind),
dann gibt es in der Hölle ein Feuer, in dem du brennst, Bruder.
Hırsını nefsini eğer yenmezsen
Enemte aleyhim serin vermezsen
Veladdalin âmin elin açmazsan
Teberra gömleğin giyersin kardaş
Wenn du deine Gier und dein Ego (Nefs) nicht besiegst,
wenn du für „en’amte aleyhim“ nicht dein Haupt hingibst,
wenn du bei „veleddallin, âmin“ (und nicht der Irregehenden, Amen) nicht deine Hände öffnest,
dann ziehst du das Hemd der Lossagung (Teberra) an, Bruder.
Nesimi nefsi emare yedi sıfattır
Kovdur, gıybettir, hırstır hasettir
Benlik, tama, şehvet esfel sıfattır
Riyayla menzile ermezsin kardaş
Nesimi, das zum Bösen treibende Ego (nefs-i emmare) besteht aus sieben Eigenschaften:
Verleumdung, üble Nachrede, Gier, Neid,
Selbstsucht, Habsucht, Begierde sind die niedrigsten Eigenschaften;
mit Heuchelei erreichst du das Ziel nicht, Bruder.
Ben yitirdim ben ararım … kime ne (Ich habe verloren, ich suche … was geht’s andere an)
Ben yitirdim ben ararım o yar benim kime ne
Gâh girerim öz bağıma gül dererim kime ne
Gâh giderim medreseye ders okurum Hakk için
Gâh giderim meyhaneye dem çekerim kime ne
Ich habe verloren, ich suche – jener Geliebte ist mein, was geht’s andere an?
Bald gehe ich in meinen eigenen Garten und pflücke Rosen, was geht’s andere an?
Bald gehe ich in die Medrese und lerne um Gottes willen,
bald gehe ich in die Schenke und trinke, was geht’s andere an?
Sofular haram etmişler bu aşkın şarabını
Ben doldurur ben içerim günah benim kime ne
Ben Melâmet hırkasını kendim taktım eynime
Ar, namus şişesini taşa çaldım kime ne
Die Frömmler haben den Wein dieser Liebe verboten;
ich schenke ein, ich trinke, die Sünde ist meine, was geht’s andere an?
Den Mantel des Tadels (Melâmet) habe ich mir selbst umgelegt;
die Flasche von Scham und Ehre habe ich am Stein zerschlagen, was geht’s andere an?
Hocalar secde eder mescidin mihrabına
Pir eşiği kıblegahım yüz sürerim kime ne
Gâh çıkarım gökyüzüne hükmederim âleme
Gâh inerim yeryüzüne seyreder âlem beni
Die Hodschas werfen sich vor dem Mihrab der Moschee nieder;
die Schwelle des Pir ist meine Gebetsrichtung, ich lege mein Antlitz daran, was geht’s andere an?
Bald steige ich zum Himmel empor und gebiete über die Welt,
bald steige ich zur Erde hinab, und die Welt schaut mir zu.
Zahitler diyormuş güzel sevmek pek günah
Ben severim sevdiğimi, günah benim kime ne
Nesimi’ye sordular’ki yarın ile hoşmusun
Hoş olayım olmayayım o yar benim kime ne
Die Asketen sagen wohl, das Schöne zu lieben sei eine große Sünde;
ich liebe, wen ich liebe, die Sünde ist meine, was geht’s andere an?
Man fragte Nesimi: „Bist du glücklich mit deinem Geliebten?“
Ob ich glücklich bin oder nicht – jener Geliebte ist mein, was geht’s andere an?
Canım meydanda, meydanda (Meine Seele liegt offen im Meydan)
Canım Erenlere kurban
Serim meydanda, meydanda
İkrarım ezelden verdim
Canım meydanda, meydanda
Meine Seele sei den Erenlern geopfert,
mein Haupt liegt im Meydan (dem Cem-Platz), im Meydan.
Mein Gelöbnis habe ich seit Urbeginn gegeben,
meine Seele liegt im Meydan, im Meydan.
Yanarım yoktur dumanım
Gönlümde yoktur gümanım
Hep senin olsun bütün varım
Varım meydanda, meydanda
Ich brenne, doch ich habe keinen Rauch,
in meinem Herzen ist kein Zweifel.
All mein Hab und Gut sei ganz dein,
mein Hab und Gut liegt im Meydan, im Meydan.
Kellem koltuğuma aldım
Kan ettim kapına geldim
Ettiğime pişman oldum
Canım meydanda, meydanda
Meinen Kopf habe ich unter den Arm genommen,
Blut habe ich vergossen und bin an deine Tür gekommen;
ich habe bereut, was ich getan habe,
meine Seele liegt im Meydan, im Meydan.
Münkür rakipden kaçın
Müminim ile hülle biçin
Ben bülbülüm bir gül için
Zarım meydanda, meydanda
Flieht vor dem leugnenden Widersacher,
schneidert Gewänder mit meinem Gläubigen.
Ich bin eine Nachtigall für eine Rose,
mein Klagen ist im Meydan, im Meydan.
Gerçek olan olur gâni
Gâni olan olur Veli
Nesimi’yem yüzün beni
Derim meydanda, meydanda
Wer wahrhaftig ist, wird reich (an Gott),
wer reich ist, wird ein Heiliger (Veli).
Ich bin Nesimi – zieht mir die Haut ab,
meine Haut liegt im Meydan, im Meydan.
… gelirem (… komme ich)
Ateşi aşkına yaktın özümü
Halil İbrahim’le nardan gelirem
Abı Kevser ile yudun özümü
Kırkların bezminde dar’dan gelirem
Im Feuer deiner Liebe hast du mein Innerstes verbrannt;
mit Halil İbrahim (Abraham) komme ich aus dem Feuer.
Mit dem Wasser des Kevser hast du mein Innerstes gewaschen;
aus dem Dar (dem Stand der Rechenschaft) in der Versammlung der Vierzig komme ich.
Sual eder isen benim sırrımdan
Cümlemizi halk eyledi varından
Yarattı Muhammed Ali nurundan
Hakk ile Hakk olan yerden gelirem
Wenn du nach meinem Geheimnis fragst:
Er hat uns alle aus seinem eigenen Sein erschaffen,
er schuf uns aus dem Licht von Muhammad und Ali;
von dem Ort, an dem man mit Gott eins mit Gott ist, komme ich.
Cebrail çırağın almış eline
Muhabbetle gider dostun iline
Hayranım şakıyan dudu diline
Ridvan kapı açmış şardan gelirem
Gabriel hat seine Lampe in die Hand genommen
und geht in Liebe in das Land des Freundes.
Ich bin bezaubert von der Sprache des singenden Papageis;
aus der Stadt, deren Tor Rıdvan (der Hüter des Paradieses) geöffnet hat, komme ich.
Teni sual etme ol kuru tendir
Canımın içinde gevheri Hakk’tır
Bu ilmin deryası bahri ummandır
Yolu kolaylayan sırdan gelirem
Frag nicht nach dem Leib, er ist nur ein trockener Leib;
im Inneren meiner Seele ist das Juwel Gottes.
Das Meer dieses Wissens ist ein unermesslicher Ozean;
aus dem Geheimnis, das den Weg erleichtert, komme ich.
Mansur ile varıp dara çekildim
Yusuf ile kul oluban satıldım
Ham’da İsa ile göğe çekildim
Musa ile dahi Tur’dan gelirem
Mit Mansur ging ich hin und wurde an den Galgen gezogen,
mit Yusuf (Josef) wurde ich zum Sklaven und verkauft,
mit İsa (Jesus) wurde ich in den Himmel emporgehoben,
und mit Musa (Mose) komme ich auch vom Berg Tur (Sinai).
Mahkemede sual sordu kadılar
Kitapların orta yere kodular
Sen bu sırrı kimden aldın dediler
Ol ustadan aldım Pir’den gelirem
Im Gericht stellten die Kadis (Richter) Fragen,
sie legten ihre Bücher in die Mitte
und sprachen: „Von wem hast du dieses Geheimnis empfangen?“
Von jenem Meister habe ich es empfangen, vom Pir komme ich.
Kandilden balkıyan dostun nurudur
Akıl ermez ona Hakk’ın sırrıdır
Din Muhammed Ali nurudur
Cennete açılan yoldan gelirem
Was aus der Öllampe aufleuchtet, ist das Licht des Freundes;
der Verstand begreift es nicht, es ist das Geheimnis Gottes.
Die Religion ist das Licht von Muhammad und Ali;
von dem Weg, der sich zum Paradies öffnet, komme ich.
Nesimi’yem ikrarsızdan ayrıyam
Gerçek Erenlerin gerçek kuluyam
Ali havzasının gonca gülüyem
Münkürden uzak, Hakk’dan gelirem
Ich bin Nesimi, ich halte mich fern von denen ohne Gelöbnis;
ich bin der wahre Diener der wahren Erenler,
ich bin die Rosenknospe aus dem Becken Alis;
fern vom Leugner, von Gott komme ich.
Hak Teâlâ öz nurundan hoş yaratmış Şahımı (Gott, der Erhabene, hat meinen Schah schön aus seinem eigenen Licht erschaffen)
Hak Teâlâ öz nurundan hoş yaratmış Şahımı
Kudret’ü sırrı hüdasın ya Ali senden medet
Aşk ile yandı vucudum ya Ali senden medet
Bir fakir’i derd- mendim ya Ali senden medet
Gott, der Erhabene, hat meinen Schah schön aus seinem eigenen Licht erschaffen;
du bist die Macht und das Geheimnis Gottes – o Ali, hilf mir!
In Liebe ist mein Dasein verbrannt – o Ali, hilf mir!
Ich bin ein armer, leidgeprüfter Mensch – o Ali, hilf mir!
Sen bana lütfi kerem et derdime bir çare kıl
Şah sensin ben gedâyım ya Ali senden medet
Bendei hulki Hasan oldum ezelden tâ-ebed
Nur’i aynı Mustafa’sın ya Ali senden medet
Erweise mir Güte und Großmut, finde ein Heilmittel für mein Leid;
du bist der Schah, ich bin ein Bettler – o Ali, hilf mir!
Von Urbeginn bis in Ewigkeit bin ich ein Diener des sanftmütigen Hasan geworden;
du bist das Licht selbst Mustafas – o Ali, hilf mir!
Her Receb ayında, her yıl nice mucize gösterir
Şah Hüseyin’in babası’sın ya Ali senden medet
Bir tavafı kâbeyi Şah’i Horasan sensin böyle bil
Hacer-ül Ekber haç yazıldı ya Ali senden medet
In jedem Monat Receb, jedes Jahr zeigt er so manches Wunder;
du bist der Vater Schah Hüseyins – o Ali, hilf mir!
Eine Umrundung der Kaaba – du bist der Schah von Chorasan, so wisse es;
als Hacer-ül Ekber (der größte Stein) wurde die Pilgerfahrt verzeichnet – o Ali, hilf mir!
Ey Nesimi sen şirk etme Haktan istersen murad
Cüra-i tevhidi içgil ya Ali senden medet
Şeriatın tarikatın habibine ayni haber kıldi
Muhammed nutkumuz oldu ya Ali senden medet
O Nesimi, begeh keine Beigesellung (Şirk), wenn du von Gott Erfüllung erbittest;
trinke den Schluck des Einheitsbekenntnisses (Tevhid) – o Ali, hilf mir!
Dem Geliebten von Scharia und Tarikat gab er dieselbe Kunde;
Muhammad wurde unser Wort – o Ali, hilf mir!
Ya Muhammed ya Ali (O Muhammad, o Ali)
Her dü âlem serverisin ya Muhammed ya Ali
Cümlenin hem mihterisiz ya Muhammed ya Ali
Hadi_i rahman çün sizsiz her dü âlemde bu gün
Zulmetin hem enverisiz ya Muhammed ya Ali
Ihr seid die Herren beider Welten, o Muhammad, o Ali,
ihr seid die Größten von allen, o Muhammad, o Ali.
Da ihr heute in beiden Welten die Wegweiser des Erbarmers seid,
seid ihr auch das hellste Licht in der Finsternis, o Muhammad, o Ali.
Şanınıza geldi hem tâhâ ve Yasin hel eta
Ved-duhanın defteri’siz ya Muhammed ya Ali
Emri marufun beyanı sizden oldu aşikâr
Nehy işlerden berisiz ya Muhammed ya Ali
Zu eurer Ehre kamen Ta-Ha, Ya-Sin und Hel eta (Suren des Korans) herab;
ihr seid das Buch von „Ved-duha“ (der Sure „Der Morgen“), o Muhammad, o Ali.
Durch euch wurde die Verkündung des Gebotes des Rechten offenbar;
von verbotenen Taten seid ihr frei, o Muhammad, o Ali.
Dürri şeh-var ile gevher nutkunuzdur bi güman
Lâ- mekânın cevherisiz ya Muhammed ya Ali
Ol zaman kün kıldınız cümleyi ihyâ eden
Kâinatın Padişahı ya Muhammed ya Ali
Ohne Zweifel ist eure Rede königliche Perle und Juwel;
ihr seid das Juwel des Ortlosen, o Muhammad, o Ali.
Damals spracht ihr „Sei!“ (kün), ihr, die alles zum Leben erweckt,
Herrscher des Universums, o Muhammad, o Ali.
Quelle: Seyit Derviş Tur, Erkânname – Aleviliğin İslam Yorumu ve Alevi Erkânları (Erkânname – Die alevitische Auslegung des Islam und die alevitischen Rituale), erweiterte 3. Auflage (ISBN 975-6791-52-7).
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Über den Autor: Seyit Derviş Tur Dede
Geboren 1936 in Başköy (Çayırlı, Erzincan) in einer Seyyid-Familie, die dem Ocak Babamansur (Şah Mansur) angehört. Er ist Mitbegründer und erster Vorsitzender (1990–1993) der Föderation der Alevitischen Gemeinden, der Vorläuferin der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Von 1994 bis 2003 leitete er den Dede-Rat innerhalb der Föderation. Erkânname (2002) und Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması (2016); seine Arbeiten werden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Forschern wie Martin Sökefeld, Zeynel Gül, Burak Gümüş und Bülent Keleş als Quelle herangezogen.
Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.