Dieser Beitrag ist einer der Texte von Seyit Derviş Tur Dede über den alevitischen Glauben. Für eine allgemeine Einführung: Was ist das Alevitentum? Glaube, Geschichte und Grundwerte
DER TAG VON GADIR HUM IST DAS HEILIGE FEST DER ALEVITEN:
Möge das Fest von Gadir Hum (Kadir Hum Bayramı) all unseren Canlar (Glaubensgeschwistern), die das Ehlibeyt (Ahl al-Bayt, die Familie des Propheten) lieben, Segen bringen. Von ganzem Herzen feiere ich die Velayet (geistige Führerschaft) von Hz. Ali, die mit dem 67. Vers der Sure al-Maida (Maide) geboten wurde. Ich wünsche, dass unser Fest von Gadir Hum allen Freunden des Ehlibeyt Segen bringt.
Liebe, sehr geschätzte Freunde, ich möchte hier einen heiligen Dienst erläutern, den wir seit 1992 bis heute leisten wollten, aber wegen einiger Hindernisse nicht leisten konnten. Im Jahr 1992 berichteten arabische Aleviten im Fernsehen, dass Hz. Muhammad in Gadir Hum das Amt an Hz. Ali übergab und ihm die Velayet verlieh – als den Ort, an dem verkündet wurde, dass er nach ihm der Führer des Islam sei –, und dass dies am 15. März 632 in der Gegend namens Gadir Hum geschah. Deshalb, so erklärten sie ganz offen, ist der Tag der Velayet, an dem Hz. Ali dieses Amt übertragen wurde, das heilige Fest der Freunde des Ehlibeyt. Sie hatten sehr gut dargelegt, dass diese Amtsübergabe ein Gebot des 67. Verses der Sure al-Maida war. Nachdem meine Frau und ich diese Sendung gesehen hatten, führten wir folgendes Gespräch miteinander.
Jetzt, da der alevitische Glaube in Europa gerade erst aufblüht, wollen wir der Gemeinschaft die Vasilik (die Stellung als Vermächtnisnehmer) und die Velayet des Propheten, die auf Hz. Ali übertragen wurden, und auch die Heiligkeit des Ereignisses von Gadir Hum erklären und so dazu beitragen, dass das Fest von Gadir Hum gefeiert wird. Die anatolischen Aleviten konnten es wegen der Unterdrückung durch den osmanischen Völkermord jahrhundertelang nicht feiern. Deshalb haben wir es bis heute nicht fortführen können. Wir wollen dieses Ereignis den Freunden im Vorstand der Föderation erzählen. Der alevitische Glaube kommt in Europa ohnehin gerade erst auf die Tagesordnung. Wir dachten, wir könnten gemeinsam auch das Fest von Gadir Hum einführen. Wir beschlossen untereinander, das Thema Gadir Hum am Samstag in die Vorstandssitzung einzubringen.
Es wurde Samstag, wir gingen zum Verein. Die Freunde im Vorstand – Ahmet Aydemir, İsmail Yağlı, Musa Bakır, İsmail Elçioğlu, Sabit Yıldız – und ich besprachen die anstehenden Probleme der Föderation und der Vereine; danach, unter dem Punkt Wünsche und Anregungen, erzählte ich, was ich im Fernsehen gesehen hatte. Es stellte sich heraus, dass die meisten Freunde diese Sendung gesehen hatten. Ich machte folgenden Vorschlag: „Freunde, wir sind Diener Gottes, wir sind die Gemeinde Muhammads, wir sind die Ergebenen des Ehlibeyt. Sagen wir das nicht von uns selbst? Glauben wir nicht, dass Hz. Ali der Vasi (Vermächtnisnehmer) und Stellvertreter Hz. Muhammads ist und das Ehlibeyt vertritt? Wer kann den heiligen Wert leugnen, dass Hz. Ali in der Kaaba geboren wurde? Warum also begehen wir den Tag dieses heiligen Amtes, das Hz. Ali übertragen wurde, nicht als Fest? Seht, alle Freunde des Ehlibeyt, die in der islamischen Welt leben, erzählen von den Ereignissen am Tag von Gadir Hum und vom später begangenen Verrat, tragen dies an ihre künftigen Generationen weiter und feiern ihn auch als Fest. Freunde, auch wir versuchen in Europa gerade erst, den alevitischen Glauben in das Leben der Gemeinschaft einzubringen. Wenn wir das Fest von Gadir Hum in diese Arbeit einbeziehen, wird die Gemeinschaft es als einen heiligen Wert des alevitischen Glaubens annehmen. Wenn wir es in den Kalender aufnehmen, den wir nächstes Jahr herausgeben, oder allen unseren Vereinen vorab mitteilen: An diesem Tag ist unser Fest von Gadir Hum – dann haben wir damit einen weiteren Dienst begonnen“, so beendete ich meine Rede.
Glauben Sie mir, keiner der Freunde erhob Einwände. Als Erster ergriff mein Musahip (Weggefährte, Wegbruder) Ahmet Aydemir das Wort: „Freunde! Gegen das, was der Vorsitzende gesagt hat, habe ich keinerlei Einwand, und seinen Vorschlag halte ich für berechtigt. Aber ich frage den Vorsitzenden! Er hat bis zu seinem 14. Lebensjahr in Erzincan gelebt. Hat er in dieser Zeit je von einem Fest namens Gadir-Hum-Fest gehört oder es gesehen? Was mich betrifft: Ich habe das Militärgymnasium in Erzincan besucht. In unser Dorf kamen immer Dedes. Aber weder bei den Dedes noch bei unseren Vätern habe ich je gesehen oder gehört, dass sie ein solches Fest gefeiert hätten. Auch wenn es nach unserem Glauben heilig ist! Ein Fest, das unsere Väter und Großväter bis heute nicht gefeiert haben! Wenn wir das jetzt aufbringen, lasst uns bedenken, was das unserer Organisation bringt und was es ihr nimmt. Schon jetzt kämpfen wir in diesem Umfeld gegen eine politische ideologische Gruppe, die uns mit dem Vorwurf, wir würden das Alevitentum wiederbeleben, zu behindern versucht. Wenn wir auch noch das Gadir-Hum-Fest aufbringen, werden sie sagen: Seht ihr! Die führen den anatolisch-alevitischen Glauben zum iranischen Schiitentum. Das sind Chomeini-Anhänger – und so werden sie üble Propaganda gegen uns machen. Dann holen wir uns ein zweites Problem ins Haus“, so beendete er seine Rede. İsmail Yağlı ergriff das Wort. Er erzählte, dass er in Çorum ein solches Fest weder gesehen noch davon gehört habe, und bestätigte die Bedenken von Ahmet Aydemir. Auch die anderen Freunde äußerten genau dieselben Bedenken. Nach langem Gespräch fassten wir folgenden Beschluss: Ja, dass sie den anatolischen Aleviten bis heute die Heiligkeit von Gadir Hum nicht erklärt haben, ist das größte Versäumnis der Seyyids und Dedes. Und dass die Gemeinschaft das Gadir-Hum-Fest nicht feiert, ist erst recht das größte Versäumnis der anatolischen Aleviten. So wie unsere Großväter wegen der osmanischen Unterdrückung viele unserer Werte nicht pflegen konnten, können auch wir in diesem Umfeld das Gadir-Hum-Fest nicht feiern. In diesem Umfeld sind wir gezwungen, die Sache zurückzustellen. So Gott will, werden die Möglichkeiten zu einem späteren Zeitpunkt reifen. Wenn die Umstände es erlauben, werden auch wir dann diesen Dienst erfüllen und unser Fest feiern – so beschlossen wir.
Leider hatten wir diesen Beschluss 1992 gefasst. 1993 zog die Föderation nach Köln. Der Vorstand wechselte. Da die Verantwortlichen, die an die Spitze der AABF traten, kein solches Anliegen hatten, wurde das Thema der Velayet von Gadir Hum bis heute nicht zur Sprache gebracht. Auch als wir es persönlich immer wieder ansprachen, unterstützte uns niemand. Heute haben wir dank Düzgün TV eine gewisse mediale Möglichkeit, und so möchten wir erneut die Heiligkeit von Gadir Hum erklären und es unseren Canlar bekannt machen, die nicht wissen, dass es unser heiliges Fest ist.
Seit 1986 sind viele Organisationen und Menschen entstanden, die uns wie ein Ring umschließen und versuchen, die heiligen Werte des alevitischen Glaubens zu beseitigen. Wir setzen uns noch immer mit denen auseinander, die sagen, das Alevitentum stehe außerhalb des Islam. Wenn ich nachdenke, glaube ich, dass die Zeit gekommen ist, in der die stille, ihrem Glauben treue alevitische Gemeinschaft sich ohne Scheu zu ihrer Identität bekennt. Die Zeit, von der wir vor 28 Jahren sagten: wenn die Möglichkeiten reifen und die Umstände es erlauben, ist gekommen. Wir müssen unsere heiligen Werte lebendig halten, die unsere Großväter und Väter wegen der Unterdrückung bis heute nicht leben konnten. Ich weiß, in unserer alevitischen Gemeinschaft gibt es einen großen unwissenden Teil. Aber gerade diese wissen alles besser als alle anderen. Und dann gibt es jene, die gegen den alevitischen Glauben politisches Alevitentum betreiben. Sie werden sich gestört fühlen und viel Desinformation verbreiten. Auch uns werden sie gnadenlos verleumden. Doch wir haben unser Innerstes Gott anvertraut. Unter dem Leitspruch „Möge das Herz zurückbleiben, nicht aber der Weg“ haben wir uns auf diesen Weg gemacht.
Die Bedeutung der Abschiedswallfahrt! Und die drei wichtigen Predigten, die Hz. Muhammad hielt
Die erste Predigt, in Mina, schaffte die Blutrache ab. Sie handelt davon, dass die Muslime Brüder sind.
Die zweite, die er in Arafat auf dem Kamel hielt, handelt von den Frauen.
Die dritte Predigt ist seine Erklärung auf dem Weg von Mekka nach Medina, an dem Rastplatz namens Gadir-i Hum, dass er Hz. Ali die Velayet übertrug und dieser nach ihm Kalif und Führer des Islam sei. Außerdem handelt sie vom Koran und von seinem Ehlibeyt. Dieses Ereignis fand am 18. des Monats Zilhicce (Dhu l-Hiddscha) nach der Hidschra-Zeitrechnung statt, nach christlicher Zeitrechnung am 25. März 632.
Die Vorbereitung Hz. Muhammads auf die Wallfahrt: Nach christlicher Zeitrechnung am 22. Februar 632, nach der Hidschra-Zeitrechnung am 25. Zilkade oder Zilhicce des 10. Jahres, hatte er alle Vorbereitungen abgeschlossen, um die Pflicht der Wallfahrt (Hadsch) zu erfüllen. Er war mit einer Menge von 40.000 Menschen von Medina nach Mekka aufgebrochen. Dass Hz. Muhammad in den Predigten, die er während dieser Wallfahrt hielt, wie zum Abschied sprach und danach in die Barmherzigkeit Gottes einging, gab die Botschaft, dass er die Welt verlassen würde. Deshalb wird diese Wallfahrt Abschiedswallfahrt (Veda Haccı) genannt. Dieses Ereignis fand am 18. des Monats Zilhicce nach der Hidschra-Zeitrechnung statt, nach christlicher Zeitrechnung am 25. März 632.
Seit seiner Auswanderung von Mekka nach Medina, ja selbst als er Mekka eroberte und es aus der Hand Ebu Sufyans nahm, hatte Hz. Muhammad die Kaaba nicht im Sinne der Wallfahrt umrunden können. Die Kaaba ist der Ort, an dem Ali geboren wurde. Jener heilige Geist kleidete sich in der Kaaba in einen menschlichen Leib und kam als Ali zur Welt. Dass dieser heilige Ort heilig ist, wusste Hz. Muhammad selbst. Aber! Um ihn auch für die Gemeinde Muhammads zu heiligen, war es nötig, dass er selbst ihn wenigstens einmal im Sinne der Wallfahrt umrundete. Und genau das tat Hz. Muhammad in seinem letzten Schritt.
Hätte Hz. Muhammad die Abschiedswallfahrt nicht vollzogen, hätten die Götzendiener die Heiligkeit der Kaaba und auch die Gebetsrichtung (Kıble) beseitigt oder sie wieder zu einem Ort der Götzen gemacht. Darum ist diese Abschiedswallfahrt des Propheten so wichtig. Diese dritte Predigt von Gadir Hum versuchen manche Anhänger der Umayyaden innerhalb der sunnitischen Scharia mit verschiedenen Auslegungen zu verdrehen. Sie biegen und beugen sie mit Tausenden verschiedener Formulierungen. Sie haben Hunderte von Büchern geschrieben. Sie bringen Tausende haltloser Deutungen vor, doch Sinn und Wesen haben sich nicht geändert. Der Beweis findet sich in der Islamgeschichte, die Prof. Dr. Neşet Çağatay geschrieben hat.
Viele Menschen aus anderen Stämmen, die hörten, dass Hz. Muhammad zur Wallfahrt gehen würde, kamen ebenfalls nach Mekka, um mit ihm zusammen die Wallfahrt zu vollziehen. Einigen Überlieferungen zufolge versammelten sich mehr als 100.000 Menschen in Mekka. Die Reise zwischen Medina und Mekka dauert neun Tage. Hz. Muhammad betritt am Sonntag, dem ersten März bzw. dem 4. Zilhicce 632, mit einer großen Menge durch das Tor Beni Şeybe von Mekka den Haram-ı Şerif (den heiligen Bezirk). Am selben Tag umrundet er die Kaaba genau siebenmal. Dann begibt er sich zum Makam-ı İbrahim (Standort Abrahams), wo er während des Bittgebets zweimal zur Niederwerfung des Dankes niederfällt. „In der sunnitischen Scharia sagt man dazu, er habe ein Gebet von zwei Rak‘a verrichtet.“ Das Bittgebet, das Hz. Muhammad sprach:
„O mein Herr! Dank und Dankbarkeit gebühren Dir. Aller Ruhm und alle Ehre gebühren Dir. Außer Dir gibt es keinen, der anzubeten wäre. Du hast keinen Gefährten, keinen Gleichen und keinen Teilhaber. Alle diese Reiche sind Dein. Du bist es, der leben lässt und sterben lässt. Du vermagst alles. Was Du sein lassen willst, das wird; was Du vergehen lassen willst, das vergeht. Du hast Deinem Diener geholfen. Du hast jene in die Flucht geschlagen, die sich Deiner wahren Religion widersetzten. O mein Herr! Heilige Du diese Kaaba. Mehre ihren Ruhm, ihre Ehre und ihre Erhabenheit“ – mit diesen Worten verrichtet er seine Andacht.
Nachdem er seine Andacht beendet hat, steigt Hz. Muhammad auf den Hügel Safa. Dann gelangt er nach Merve (Marwa). Zwischen Safa und Marwa geht er siebenmal hin und her. Der Grund für das siebenmalige Hin- und Herlaufen zwischen den Hügeln Safa und Marwa ist folgender: Zur Zeit Abrahams, als dort noch Wüste war, hatte er seine Frau Hacer (Hagar) mit Ismail dort zurückgelassen. Als Ismail erst zwei oder drei Jahre alt war, ging ihr Trinkwasser zur Neige. Ismail bat seine Mutter weinend um Wasser, und Hagar lief, um für ihren Sohn Ismail Wasser zu finden, siebenmal zwischen diesen Hügeln hin und her und suchte Wasser, fand aber keines. Vielen Quellen zufolge stampfte Ismail weinend mit dem Fuß auf den Boden, und im selben Augenblick sprudelte an der Stelle, an der er mit dem Fuß aufgestampft hatte, das Zemzem-Wasser hervor. Deshalb laufen die Pilger siebenmal zwischen jenen Hügeln hin und her.
Der Prophet bleibt drei Tage in Mekka. Am Donnerstag, dem achten Zilhicce, besteigt er sein Kamel und gelangt mit allen Pilgern nach Mina. Er bleibt die Nacht dort; am Morgen verrichten er und Hz. Ali gemeinsam ihre Andacht mit zwei Niederwerfungen (er verrichtet ein Gebet von zwei Rak‘a). Der Prophet ordnet an diesem Tag in Mina das Schlachten der Opfertiere an. Er selbst hatte aus Medina 60 Kamele zum Opfer mitgebracht. Hz. Ali, der einen Tag zuvor aus dem Jemen gekommen war, hatte dem Propheten ebenfalls 40 Kamele als Geschenk mitgebracht. Zusammen waren es 100 Kamele. Hz. Muhammad machte an diesem Tag Hz. Ali zu seinem Wallfahrtsgefährten. Von den 100 Kamelen wurden 60 in seinem eigenen Namen geopfert; er ließ jedes dieser Kamele so schlachten, dass es einem Jahr seines Lebensalters entsprach. 40 wurden im Namen von Hz. Ali geopfert.
Hz. Muhammad trug Hz. Ali auf, das Fleisch, die Häute und alles Übrige dieser 100 geschlachteten Kamele an das Volk zu verteilen. Hz. Ali verteilt all dies an das Volk. Hz. Muhammad ordnet an, vom Fleisch aller 100 geopferten Kamele je ein Stück abzutrennen und diese zusammen in einem Tontopf zu kochen. Dann essen sie dieses gekochte Fleisch gemeinsam mit Hz. Ali und den Gefährten bei ihm. Damit schaffte er den aus der Dschahiliyya stammenden, noch immer fortbestehenden Brauch ab, dass derjenige, der ein Opfertier schlachtet, von dessen Fleisch nicht essen darf.
Am nächsten Tag steigt er von dort auf den Berg Arafat. Obwohl es dort schon Nachmittag (Zeit des İkindi) ist, verrichtet er wiederum zusammen mit Hz. Ali die Andacht mit zwei Niederwerfungen. Er bringt dem erhabenen Herrn (Cenabı Mevla) seinen Dank und Lobpreis dar. Die Abschiedswallfahrt und der Feldzug nach Tabuk beschreiben die letzten Lebensjahre Hz. Muhammads. Der Ort mit der Quelle von Tabuk nahe Damaskus liegt 14 Tagesetappen von Medina entfernt. Die Geschichtsbücher schreiben, dass Hz. Muhammad auf dieser Reise nur an den Rastplätzen morgens und abends eine Andacht mit zwei Niederwerfungen verrichtete (ein Gebet von zwei Rak‘a betete) und dass er auch während der Abschiedswallfahrt am Makam-ı İbrahim, in Mina und in Arafat eine Andacht mit zwei Niederwerfungen verrichtete. Hz. Muhammad hat zweimal am Tag, morgens und abends, Andacht gehalten. Ein Gebet zu fünf Zeiten werden Sie in der Lebenszeit Hz. Muhammads nicht finden. Auch im edlen Koran werden Sie es nicht finden.
Die Anhänger der Umayyaden machen die Andacht mit zwei Niederwerfungen kaum zum Thema, weil sonst die von Muawiya eingeführten fünf Gebetszeiten hinfällig würden. Hartnäckig zwingen sie der umayyadisch-islamischen Gesellschaft die fünf Gebetszeiten auf. Und weil die Muslime sonst nicht fünfmal beten würden, wollen sie keinesfalls schreiben, dass Hz. Muhammad zweimal am Tag eine Andacht mit zwei Niederwerfungen verrichtete. Denn auch sie wissen: Das Gebet zu fünf Zeiten! Muawiya hat es aus dem Gebetssystem des Propheten Jesus übernommen, wie es im syrisch-orthodoxen Kloster Mor Gabriel in Midyat (Mardin) praktiziert wurde. Das Gebet mit Tekbir, Verbeugung und Niederwerfung, das die sunnitischen Muslime heute verrichten, ist genau dasselbe wie das Gebet, das im syrisch-christlichen Glauben gebetet wird. Damals betete man im syrisch-christlichen Glauben zu 7 Zeiten. Später reduzierten die syrischen Christen auf fünf Zeiten. Heute beten sie zweimal, abends und morgens. Die syrischen Christen haben es Schritt für Schritt auf zwei Zeiten reduziert. Unsere sunnitischen Muslime aber können es nicht ändern, weil sie allen von Muawiya eingeführten erfundenen Regeln das Etikett Hz. Muhammads aufgeklebt haben.
Hz. Muhammad wendet sich dann an die Hunderttausenden von Pilgern, die sich im Tal von Arafat versammelt haben, und hält die größte Predigt der islamischen Revolution. Mit den drei großen Predigten, die er während dieser Wallfahrt hielt, vollbrachte der Gesandte Gottes die größte Revolution der Weltgeschichte. Die jahrhundertelang andauernde Blutrache hatte auf der Arabischen Halbinsel jede Sicherheit von Eigentum, Leben und Ehre zunichtegemacht. Der Zins wiederum hatte alle Armen zu Sklaven der Reichen gemacht. Frauen galten als Eigentum und Ware der Männer. Sie wurden von einem Mann an den anderen weitergegeben, und beim Glücksspiel wurden statt Geld auch Frauen eingesetzt. Für die Vergehen der Väter wurden die Kinder, für die Vergehen der Kinder die Väter verantwortlich gemacht. Wenn ein Familienmitglied ein Vergehen beging und sich versteckte, büßte die Strafe dafür ein anderes Familienmitglied, dessen man habhaft wurde. War das erstgeborene Kind einer Familie ein Mädchen, wurde es, weil es Unglück bringen sollte, lebendig im Sand begraben und getötet. Die bei der Abschiedswallfahrt gehaltenen Predigten haben all die Übel der alten Dschahiliyya-Zeit beseitigt: die Blutrache, den Wucher, [die Ungleichheit von] Mann und Frau, das Glücksspiel, das Büßen der Schuld eines Menschen durch einen seiner Angehörigen und jede Art von Unrecht.
Die Predigt Hz. Muhammads in Mina
„O ihr Leute! Hört mir gut zu. Vielleicht kann ich euch nach diesem Jahr hier nicht mehr treffen. Alle Bräuche der Dschahiliyya vor dem Islam nehme ich unter meinen Fuß und trete sie nieder. Alle Blutfehden aus der Zeit der Dschahiliyya sind aufgehoben. Sie sind Lüge und Erfindung. Die erste Blutfehde, die ich aufhebe, ist die Blutfehde von Rabia, dem Sohn des Haris, des Enkels von Abdulmutalib. Ich habe darauf verzichtet. Verzichtet auch ihr auf alle Blutfehden. Der Brauch des Zinses aus der Zeit der Dschahiliyya ist aufgehoben. Der erste Zins, den ich aufhebe, ist der Zins meines Onkels Abbas. Euer Kapital bleibt euer. Tut weder Unrecht, noch erleidet Unrecht. O ihr Menschen! Wer ein anvertrautes Gut hat, soll es zurückgeben. Den Leugner vergibt Gott nicht.
O ihr Menschen! Ihr habt gewisse Rechte gegenüber euren Frauen. Sie sollen diese eure Rechte achten. Auch sie haben Rechte euch gegenüber. Behandelt sie gut. Ihr habt sie im Namen Gottes genommen, indem ihr Gott euer Wort gabt. Auf Gottes Gebot seid ihr einander erlaubt geworden. Wenn sie euch verraten und sich zu Unrecht auflehnen, trennt euer Lager. Sorgt für ihren Unterhalt, bis sie einen anderen heiraten, und trennt euch, indem ihr ihnen all ihre Habe gebt. Jeder ist für seine eigene Schuld verantwortlich.
Wer ist wessen Erbe? Der Koran hat es mit Versen festgelegt. Es bedarf keines Vermächtnisses von mir. Das Kind gehört dem, in dessen Bett es geboren wurde. Es ist euch verboten, mit anderen Frauen zusammenzukommen als denen, die ihr mit dem Bund Gottes genommen habt. Das ist Unzucht, das ist Ehebruch. Ehebruch ist bei Gott ein großes Vergehen. Ebenso ist es den Frauen verboten, mit anderen Männern zusammenzukommen als denen, mit denen sie nach dem Bund und Gebot Gottes verheiratet wurden. Das ist Unzucht, das ist Ehebruch, das ist ein Vergehen. Wer den Geboten Gottes gehorcht, ist auf dem rechten Weg. O ihr Menschen! Es ist einer Frau nicht erlaubt, ohne Erlaubnis ihres Mannes etwas von der Habe ihres Hauses einem anderen zu geben. Auch dem Mann ist es nicht erlaubt, ohne Einverständnis seiner Frau etwas von der Habe seines Hauses einem anderen zu geben. Frau und Mann sind gleich. So wie Gott es geboten hat.“
Sure al-Ahzab (Ahsab), Vers 35: Die aufrichtigen muslimischen Männer und Frauen. Die gläubigen Männer und Frauen. Die demütigen, ehrfürchtigen Männer und Frauen. Die wahrhaftigen Männer und Frauen, die geduldigen Männer und Frauen, die von Herzen ergebenen Männer und Frauen, die Almosen gebenden Männer und Frauen, die fastenden Männer und Frauen. Die Männer und Frauen, die ihre Keuschheit bewahren. Die Männer und Frauen, die Gottes viel gedenken. Ihnen allen hat Gott „Vergebung“ und ein friedvolles Leben bereitet.
Sure an-Nur (Nur), Vers 71: „Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einander Freunde und Beschützer. Wer das Gute gebietet und vom Bösen abhält – ihnen wird Gott Barmherzigkeit erweisen.“
Die Predigt Hz. Muhammads in Arafat
„O ihr Menschen! Araber und Nichtaraber haben keinen Vorrang voreinander. Weder hat der Weiße einen Vorrang vor dem Schwarzen, noch der Schwarze einen Vorrang vor dem Weißen. Vorrang haben allein jene, die Gott fürchten und Seine Gebote befolgen; die von lauterer Sittlichkeit sind; die ihre Keuschheit bewahren; die nicht heuchlerisch und doppelzüngig sind; die die Gerechtigkeit hüten – sie sind die Vorzüglichen. Denn alle Menschen sind aus Erde erschaffen, sie sind Söhne des Stammvaters Adam. Die Muslime sind einander Brüder. Wie es die Sure al-Anfal (Enfal) gebietet: „Einem Menschen ist selbst das Gut seines Bruders nicht erlaubt, solange dieser es ihm nicht aus freiem Willen gibt.:
Tut euch selbst kein Unrecht. Gebt euren Sklaven zu essen von dem, was ihr esst, und kleidet sie mit dem, womit ihr euch kleidet. Wenn sie einen Fehler begehen, den ihr nicht verzeihen könnt, trennt euch von ihnen (lasst sie frei). Auch sie sind wie ihr Diener Gottes; behandelt sie nicht schlecht, tut ihnen kein Unrecht.“
O ihr Menschen! So wie dieser Tag, dieser Monat und diese Stadt heilig sind, so sind auch euer Gut und euer Leben heilig. Darum ist euch das Blut und das Gut des anderen verboten (haram). Im Jenseits werdet ihr vor Gott treten, und Er wird euch nach euren Taten eine nach der anderen fragen und euch danach bestrafen oder belohnen. Hütet euch, einander wie die Ungläubigen den Kopf abzuschlagen. Was ihr euch selbst nicht zumuten würdet, das tut keinem anderen an. Jeder, der ein Vergehen begeht, ist selbst für sein Vergehen verantwortlich. Für das Vergehen des Vaters ist der Sohn nicht verantwortlich, und für das Vergehen des Sohnes nicht der Vater.
O ihr Menschen! Begleicht die Schulden, die ihr aufgenommen habt. Für andere zu bürgen heißt: Wenn der Mensch, für den du bürgst, sein Wort nicht einlösen kann, ist der Bürge verpflichtet, dieses Wort einzulösen. Ein Geschenk wird mit einem Geschenk erwidert. Sucht nicht nach den Fehlern des anderen, lebt freundlich miteinander. Seid Brüder. Der Islam hat uns stark gemacht. Der Satan hat in diesem unserem Land die Hoffnung aufgegeben, dass ihr ihn anbetet. Mit üblen Dingen, die ihr für gering haltet, für unbedeutend erachtet und unbedenklich tut, erfreut ihr den Satan.
O ihr Menschen! Jede Art hässlicher Bräuche aus der Zeit der Dschahiliyya ist verboten. Die hier Anwesenden sollen meine Worte den Abwesenden verkünden. Vielleicht gibt es unter den hier nicht Anwesenden solche, die meine Worte besser im Gedächtnis behalten werden als die hier Anwesenden.“
Doch gleich dort wird der dritte Vers der Sure al-Maida herabgesandt; er trägt auch diesen Vers vor und beendet die Predigt so: „O ihr Menschen! Verboten sind euch Verendetes, Blut, Schweinefleisch, was im Namen eines anderen als Gottes geschlachtet wurde, was erstickt ist, bevor das Leben aus ihm wich, was durch einen Schlag getötet wurde, was von einem Raubtier gerissen wurde, was durch Lospfeile [verteilt] wurde und was für Steine, Standbilder und Götzen geschlachtet wurde. Wer in Hunger und Not ist, darf davon essen, ohne das Maß zu überschreiten. Heute haben die Leugner die Hoffnung aufgegeben, euch von eurer Religion abzubringen. Fürchtet sie nicht, fürchtet Gott.
Heute habe ich euch eure Religion vollendet. Als Religion habe ich für euch „den Islam erwählt.“ Ich hinterlasse euch zwei heilige anvertraute Güter. Das eine ist der edle Koran, das zweite mein Ehlibeyt. Solange ihr an diesen beiden anvertrauten Gütern festhaltet und euch fest an sie klammert, werdet ihr nicht vom Weg abirren. Ich habe die mir auferlegte Verantwortung erfüllt. Seid ihr damit zufrieden? Gott ist verzeihend, vergebend, barmherzig. O ihr Menschen! Jedes Wort, das von Gott geboten wurde, habe ich euch verkündet. Ich bin für meine Aufgabe verantwortlich und habe meine Verantwortung erfüllt. Morgen wird man euch nach mir fragen – was werdet ihr sagen? Werdet ihr bezeugen: Du hast die Gesandtschaft Gottes erfüllt, Seine Gebote uns verkündet, deine Aufgabe erfüllt, uns Rat und Vermächtnis gegeben?“ Das Volk antwortet wie aus einem Munde: „Ja, o Gesandter Gottes, du hast verkündet. Wir bezeugen es.“ Darauf sagt Hz. Muhammad: „Sei Zeuge, o Herr! Sei Zeuge, o Herr! Sei Zeuge, o Herr!“ und bringt Gott seinen Dank und Lobpreis dar. Danach denkt er an die Vorbereitung der Rückkehr nach Medina.
DIE PREDIGT VON GADIR HUM
Nachdem Muhammad die Kaaba umrundet und seine Wallfahrt vollendet hat, verlässt er Mekka am 25. März 632 n. Chr., um nach Medina zurückzukehren. Als er auf dem Weg nach Medina eine Tagesetappe zurückgelegt hat, rastet er an einem Ort namens Cuhfe (al-Dschuhfa) am Wasser in dem Tal, das Gadir-i-Hum-Quelle genannt wird. An diesem Rastplatz wird der 67. Vers der Sure al-Maida herabgesandt und erteilt folgendes Gebot: „O Prophet! Verkünde, was dir von deinem Herrn herabgesandt wurde. Wenn du es nicht tust, hast du Seine Botschaft nicht ausgerichtet. Gott schützt dich vor den Menschen. Wahrlich, Gott gibt den Ungläubigen keine Gelegenheit.“
Hz. Muhammad befiehlt, dass diejenigen Pilger, die vorausgezogen waren, umkehren und zurückkommen und die Zurückgebliebenen aufschließen und sich versammeln. Es war schon nach Mittag und sehr heiß. Hz. Muhammad verrichtet mit dem ganzen Volk (eine Andacht mit zwei Niederwerfungen). Hz. Muhammad befiehlt, aus Kamelsätteln eine Erhöhung zu errichten. Die Gefährten errichten sogleich die gewünschte Erhöhung. Nach der Andacht steigt Hz. Muhammad auf die erhöhte Kanzel, ruft auch Hz. Ali zu sich und hält dem Volk folgende Predigt:
„O ihr Menschen! Auch ich bin ein Mensch wie ihr, ich bin von Gott gerufen worden; auch meine Tage sind gezählt, die Tage, an denen ich aus dieser Welt scheiden werde, sind nahe. Lob und Preis gebühren allein Gott. An Ihn glauben wir, bei Ihm suchen wir Zuflucht. Außer Ihm gibt es keinen, der den Weg weist. Gott ist es, der alles weiß und kundtut. Mit dem soeben herabgesandten Vers hat Er mir geboten, euch kundzutun, wofür ich verantwortlich bin. Das Ende dessen, der sich den Geboten Gottes entzieht, ist die Strafe. Ich bezeuge, dass es außer Ihm keinen gibt, der anzubeten wäre. Bezeugt ihr die Einheit Gottes und dass Muhammad Sein Diener und Prophet ist?“ Die Zehntausenden anwesenden Gefährten rufen:
„Wir bezeugen es, o Gesandter Gottes“, antworten sie. „O ihr Gläubigen! Ich hinterlasse euch zwei anvertraute Güter, die euch auf dem rechten Weg Gottes führen werden. Beide sind gewiss untrennbar voneinander und werden bis zum Jüngsten Tag gemeinsam zu mir kommen. Das erste von ihnen ist der Koran, das zweite mein Ehl-i Beyt. Wenn ihr euch an das Seil des Korans, des Wortes Gottes, haltet und nicht von der Spur (dem Gebot) des Ehl-i Beyt abweicht, werdet ihr nach mir euren Weg nicht verlieren (nicht in die Irre gehen).“
Nachdem Hz. Muhammad dies gesagt hat, ergreift er die Hand von Hz. Ali neben sich, hebt sie empor und setzt die Predigt so fort:„O ihr Menschen! Ihr wisst, dass ich über meine ganze Gemeinde ein größeres Verfügungs- und Velayet-Recht habe als sie über sich selbst. O ihr Leute! Wisst, dass Gott mein Mevla (Herr, Schutzherr) ist. Und ich bin der Mevla aller Gläubigen. Wessen Mevla ich bin, dessen Mevla ist auch Ali. Alis Fleisch ist in meinem Fleisch. Sein Blut ist in meinem Blut. Ich bin von Ali, Ali ist in mir, Ali vervollständigt mich. Wer Gott liebt, der hat mich geliebt. Wer mich liebt, der hat Ali geliebt. Wer Gott feind ist, ist auch mein Feind. Wer mir feind ist, ist auch Ali feind.“
Nachdem Hz. Muhammad diese Worte vollendet hat, erhebt er die Hände und spricht folgendes Bittgebet: „O mein Herr! Liebe auch Du den, der Ali liebt. Sei auch Du dem feind, der Ali feind ist. Hilf auch Du dem, der Ali hilft. Verachte auch Du den, der Ali verachtet und schmäht. Alis Fleisch ist in meinem Fleisch. Alis Blut ist in meinem Blut. Ali ist in mir, ich bin in Ali. Die Wahrheit ist stets mit Ali. Denn er vertritt zusammen mit mir mein Ehl-i Beyt. O mein Herr! Beschütze Du ihn vor allem Bösen“ – und während er dieses Gebet sprach, stimmten alle Gefährten mit „Amin“ in das Gebet ein. Der Gesandte Gottes beendet seine Predigt mit diesen Worten: „O ihr Leute! Die hier Anwesenden sollen meine Worte den Abwesenden verkünden. Vielleicht gibt es unter den Abwesenden solche, die meine Worte besser im Gedächtnis behalten werden als die hier Anwesenden.“
Nach dieser Predigt des Gesandten stellen sich die Gefährten in einer Reihe auf, um Hz. Ali zu beglückwünschen und ihm zu huldigen. Umar ibn al-Chattab (Ömer ibn-i Hattab) und Abu Bakr (Ebu Bekir), die später Kalifen wurden, huldigen vor allen anderen mit den Worten: „O Ali, Sohn des Abu Talib, wohl dir, du bist der Mevla von uns allen geworden, Frauen wie Männern. Wir beglückwünschen dich.“ Auch die anderen Gefährten beglückwünschen der Reihe nach Hz. Ali zu seinem Imamat und leisten ihre Huldigung. Ja, der Gefährte Hasan bin Sabit (Hassan ibn Thabit) schrieb sogar ein Gedicht über das Imamat von Hz. Ali und die Huldigung an ihn. Ich konnte es jedoch nicht finden.
Bis zu diesem Tag hatte Hz. Muhammad nicht offen und offiziell einen Vasi (Stellvertreter) an seiner Stelle bestimmt. An jenem Tag wurde diese offizielle Erklärung in Befolgung des Gebots des 67. Verses der Sure al-Maida abgegeben. Diese Erklärung setzte einige Personen in Bewegung, die die Nähe zwischen Hz. Muhammad und Hz. Ali nicht verwinden konnten und ein Auge auf die Führung der islamischen Religion geworfen hatten. Dies war der erste Funke der Spaltung im Islam. Dass Hz. Muhammad bei seiner letzten Wallfahrt, der Abschiedswallfahrt, gemäß dem Gebot des 67. Verses der Sure al-Maida Hz. Ali die Velayet übertrug und ihn zu seinem Stellvertreter bestimmte, ist die Übergabe des Amtes auf Gottes Geheiß. So hat Hz. Muhammad das Kalifat Hz. Ali hinterlassen. Der Amtswechsel in Gadir Hum ist der Festtag der Aleviten. An alle Aleviten, die sagen: Ich gehöre zur Gemeinde Hz. Muhammads, ich bin ein Ergebener des Ehlibeyt, und an die Dedes und Verantwortlichen der Cemevis richte ich meinen bescheidenen Vorschlag! Am Tag von Gadir Hum sollten wir die heiligen Werte von Hz. Ali erläutern und eine Andacht mit drei Niederwerfungen verrichten. Danach sollten wir, ganz wie beim Opferfest, einander voller Freude besuchen, beglückwünschen und das Fest miteinander begehen.
So huldigten an jenem Tag alle dort anwesenden Gefährten und alle anderen Menschen Hz. Ali. Einige Gefährten, die ein Auge auf das Kalifat geworfen hatten, huldigten, wenn auch widerwillig. Doch genau dort begann der Funke der Feindschaft gegen Hz. Ali und die Familie der Haschimiten zu entstehen. Mit diesem Ereignis begann der erste Funke der Spaltung im Islam. Das Ereignis von Gadir Hum war ein Amtswechsel. Dass die bei der Zeremonie des Amtswechsels Anwesenden kamen, gratulierten, huldigten und sagten: O Ali, Sohn des Abu Talib, nun bist du der Mevla jedes gläubigen Mannes und jeder gläubigen Frau geworden – das ist der Beweis, dass Leitung und Verwaltung der islamischen Religion von Hz. Muhammad auf Hz. Ali übergegangen sind. Wer Hz. Ali huldigte und ihn beglückwünschte, hat die Velayet von Hz. Ali angenommen. In der Religion des Islam, die der edle Koran gebracht hat, ist es gleichbedeutend mit dem Abfall vom Glauben, zu huldigen und sich später abzuwenden. Denn unmittelbar nach der „Huldigung“ (Biat) sprach der Gesandte Gottes: „Heute habe ich eure Religion vervollkommnet und meine Gnade an euch vollendet. Als Religion habe ich euch den Islam gebracht. Seid ihr einverstanden und zufrieden?“ Die Gefährten bekennen alle gemeinsam: „Wir sind einverstanden, o Gesandter Gottes.“
Die Huldigung gilt der Velayet, welche die Vollendung der Religion ist. Die Velayet aber ist der Punkt, an dem sich Wahrheit (das Richtige) und Nichtiges (das Falsche) scheiden. Obwohl sie in Gadir Hum Hz. Ali gehuldigt hatten, sind sie von ihrem gegebenen Gelöbnis (Ikrar) abgefallen. Doch der Diener hat nicht die Macht, das Gebot des erhabenen Gottes zu brechen. Die Kaaba, den Geburtsort von Hz. Ali, hat Hz. Muhammad mit der Umrundung bei seiner letzten Wallfahrt, der Abschiedswallfahrt, geheiligt. Die Wallfahrt zur Kaaba steht in einer starken Verbindung mit der geleisteten Huldigung. Als Pilger zur Kaaba zu gehen heißt, die Huldigung gegenüber dem heiligen Geist zu erneuern, der in jener Kaaba zur Welt kam. Es heißt, die eigene Ergebenheit zu bekunden und um Vergebung für die begangenen Fehler zu bitten. Die Niederwerfung [der Engel] galt Adam, dem Statthalter Gottes, und jenem göttlichen Licht in Adam; und dieses Licht war das Licht von Ali ibni Ebu Talib, dem Befehlshaber der Gläubigen, und in der Kaaba kleidete sich dieses Licht in einen menschlichen Leib und kam als Ali zur Welt.
Die erste Kaaba, der die Engel ihr Angesicht zuwandten, war das Licht von Ali bin Ebu Talib. Das heißt: Die eigentliche Gebetsrichtung sind nicht die Steine und Mauern der Kaaba. Was die Kaaba eigentlich zur Gebetsrichtung macht, ist der heilige Geist, der in der Kaaba geboren wurde. Und das ist Ali bin Ebu Talib. Deshalb hat jeder, der sein Gesicht der Gebetsrichtung zuwendet, zwangsläufig die Huldigung an Ali bin Ebu Talib angenommen. Ja, selbst wenn sie es mit Zunge und Herz nicht glauben und nicht wollen, hat jeder Mensch, indem er zur Kaaba pilgert, Hz. Ali gehuldigt. Für die ganze islamische Welt, die „Allah, Muhammad, ya Ali“ sagt und sagt: Wir sind Ergebene des Ehlibeyt, ist das Ereignis von Gadir Hum sehr wichtig. Es ist das heiligste Fest. Immer und immer wieder beglückwünsche ich die ganze Gemeinde Muhammads und die Freunde des Ehlibeyt zu ihrem Fest.
Nach der Rückkehr von der Abschiedswallfahrt verabredeten sich Abu Bakr, Umar ibn al-Chattab, Osman, Ebu Übeyde, Abdurrahman bin Avf und Elmuğure bin Sebe, gemeinsam vorzugehen, um zu verhindern, dass das Kalifat nach dem Tod des Propheten auf die Verwandten des Propheten, die Ben-i Haşim (Banu Haschim), also auf Hz. Ali, überging. Sie trafen diese Abmachung nach der Rückkehr von der Wallfahrt. Sie beschlossen untereinander, dass mit der Übertragung der Velayet auf Hz. Ali, den Hz. Muhammad in Gadir Hum zu seinem Stellvertreter bestimmt hatte, das Prophetentum zu Ende gegangen sei. Nach der Rückkehr von der Abschiedswallfahrt befolgten sie kein Wort des Propheten mehr wie früher und maßen den Worten des Propheten keinen Wert mehr bei. Sie sind es, die von ihrer gegebenen Huldigung (ihrem Gelöbnis) abfielen.
Nach der Abschiedswallfahrt war der Prophet erkrankt. Er erhielt die Nachricht, dass Byzanz mit einem großen Heer gegen die Muslime in den Krieg ziehen werde. Auch Hz. Muhammad war gezwungen, mit einem großen Heer gegen die Rum (Byzantiner) auszuziehen. Deshalb befahl Hz. Muhammad, ein starkes Heer aufzustellen. An die Spitze des Heeres, das in den Krieg ziehen sollte, hatte er Usame (Usama) gestellt, den Sohn seines Sklaven, dem er die Freiheit geschenkt und dem er vertraut hatte. Er hatte befohlen, dass alle Gefährten sich diesem Heer anschließen sollten. Doch keiner der Gefährten, die in Gadir-i Hum gehuldigt hatten, schloss sich diesem Heer an. Diese falschen Muslime hörten nicht mehr auf den Propheten; diese Opportunisten warteten auf den Tod des Propheten. Als der Gesandte Gottes, Hz. Muhammad, sah, dass Zwietracht und Unheil wuchsen, sagte er: „Bringt mir Papier und Feder, damit ich euch aufschreibe, was ihr nach mir tun sollt, ohne einander zu verfallen.“ Selbst diesen Befehl nahmen sie nicht an. Allen voran widersetzte sich Umar ibn al-Chattab ungezogen mit den Worten (Dieser Mann ist krank und nicht bei sich, er weiß nicht, was er sagt) und „Der Koran genügt uns“. Er verhinderte, dass das Vermächtnis Hz. Muhammads niedergeschrieben wurde. Die Geschichte verzeichnet dieses Ereignis als das „Ereignis von Papier und Feder“ (Kırtas olayı). Ihr ganzes Ziel war es, Hz. Ali das Kalifat aus der Hand zu nehmen. Dafür hatten sie sich abgesprochen. Leider ist ihnen auch das gelungen, und sie haben den Islam in zwei Teile gespalten.
Die Usurpation des Kalifats unmittelbar nach dem Tod Hz. Muhammads ist der erste Funke, der Spaltung unter den Muslimen schuf. Später haben der Verrat Muawiyas an Hz. Ali und danach die Vergiftung von Hz. Hasan auf sein Betreiben die Spaltung noch weiter vergrößert. Als Drittes war der Versuch seines Sohnes Yazid, auf Muawiyas Vermächtnis hin, in Kerbela Hz. Hüseyin und die ganze Nachkommenschaft des Propheten auszulöschen, der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Die Umayyaden haben innerhalb von 86 Jahren die von Hz. Muhammad gebrachte Religion auf den Kopf gestellt und jeden ihrer Verrate mit erfundenen Hadithen als „Fiqh, Sunna“ unseres Propheten der damaligen Welt so vorgestellt. Dem Begriff „Ehl-i Beyt“ stellten sie das erfundene Wort „Ehl-i Sünnet“ (Leute der Sunna) entgegen. Indem sie so die Religion des Islam auf den Kopf stellten, verkündeten sie der ganzen Welt: „Das ist der Islam!“ Den lauteren, reinen Muslimen, die noch heute der sunnitischen Scharia folgen, macht man glauben, die von den Umayyaden begründete salafitische und wahhabitische Scharia sei die Scharia, die der Prophet gebracht habe. Obwohl in keinem Vers des Korans geschrieben steht, ihr sollt fünfmal am Tag beten, beten die Sunniten, die an den umayyadischen Islam glauben, noch immer fünfmal am Tag. Obwohl es im Koran keinen Ausdruck namens Teravih-Gebet gibt, beten sie im Monat Ramadan 20 oder an manchen Orten 40 Rak‘a.
Hz. Muhammad verließ im Jahr 632 n. Chr. diese Welt. Die Rechtsschulen (Mezhep) wurden in den Jahren 755–756 in der Zeit der Abbasiden erfunden. Nachdem hundertvierundzwanzig Jahre vergangen waren, haben sie mit dem System „Teile und herrsche“ unter den Muslimen die Rechtsschulen erfunden, Politik betrieben und so dem Muslimsein den größten Verrat angetan. Deshalb lehnt die alevitisch-islamische Gemeinschaft damals wie heute das Rechtsschulwesen ab. Denn so wie die Aleviten das mit dem ersten Kalifat begangene Unrecht nicht anerkannten, haben sie auch allen danach erfundenen „Konsensen und Analogieschlüssen“ (İcma ve Kıyas) keine Geltung beigemessen. Mit einem Wort: Die Aleviten erkennen nicht an, was das Ehl-i Beyt und dessen Nachkommenschaft, die 12 Imame, nicht anerkannt haben, und ebenso wenig, was nicht im Koran steht. So ist es heute, und so wird es auch in Zukunft sein.
Die Aleviten, die sich damals nicht von den Kindern und Enkeln Hz. Muhammads und Hz. Alis trennten, dem von ihnen gebrachten islamischen Glauben nichts hinzufügten, sondern ihn so annahmen und fortführten, wie er war, wurden von den Umayyaden und Abbasiden, die die Staatsgewalt innehatten, ständig unterdrückt und niedergemetzelt.
Ja, unsere Vorfahren haben in diesen Massakern ihr Leben gegeben, ihr Haupt gegeben, aber in ihrem Glauben keine Zugeständnisse gemacht. Indem sie die Kinder Hz. Muhammads und Hz. Alis in ihrer Mitte verbargen, haben sie mit einem verborgenen (esoterischen) System dafür gesorgt, dass deren Nachkommenschaft, wenn auch in geringer Zahl, bis heute fortbesteht. Und es ist die alevitisch-islamische Gemeinschaft in Anatolien, die zusammen mit ihnen den von Hz. Muhammad und Hz. Ali gebrachten und von ihren Kindern fortgeführten islamischen Glauben bis heute weiterträgt.
Darum sind Hz. Ali und das Ehl-i Beyt die Hauptarchitekten des alevitischen Glaubens. In ihren Gottesdiensten, Bittgebeten und Gülbanks gedenken die Aleviten stets zusammen mit Hz. Muhammad auch Hz. Alis, des Ehl-i Beyt und der 12 Imame. Zum Fest von Gadir Hum: Zählt man vom ersten Tag des Opferfestes an sieben Tage, so ist der achte Tag das Fest von Gadir Hum. So können wir jedes Jahr leicht berechnen, wann es fällt.
Sure asch-Schura (Şura), Vers 23: Mein Geliebter, sage deiner Gemeinde: Dafür, dass ich euch diese wahre Religion gebracht habe, verlange ich von euch keinen Lohn. Ich verlange nur aufrichtige Liebe und Treue zu meinem Ehl-i Beyt. Gott vergibt denen, die auf dem Weg der Wahrheit gehen, und erweist ihnen Wohltaten.
Sure Al Imran (Ali İmran), Vers 110: O Ehl-i Beyt Muhammads! Ihr seid eine gute Gemeinde, hervorgebracht für die Menschen, die das Rechte gebietet, vom Schlechten abhält und an Gott glaubt. Hätten die Leute der Schrift geglaubt, wäre es besser für sie gewesen. Ja, um die Heiligkeit Hz. Muhammads, Hz. Alis und des Ehl-i Beyt und den Islam, den er gebracht hat, zu verstehen, muss man die Bedeutung der Abschiedswallfahrt und der Predigt von Gadir Hum sehr gut kennen.
Allen Ergebenen des Ehlibeyt gratuliere ich mit meinen tiefsten Gefühlen zum Fest von Gadir Hum. Ich entbiete meine Liebe und Zuneigung (Aşk-ı muhabbet). Vorgetragen in einer Live-Sendung am 08.08.2020.
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Über den Autor: Seyit Derviş Tur Dede
Geboren 1936 in Başköy (Çayırlı, Erzincan) in einer Seyyid-Familie, die dem Ocak (geistliche Abstammungslinie) Babamansur (Şah Mansur) angehört. Er ist Mitbegründer und erster Vorsitzender (1990–1993) der Föderation der Alevitischen Gemeinden, der Vorläuferin der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Von 1994 bis 2003 leitete er den Rat der Dedes innerhalb der Föderation. Er ist Autor der Bücher Erkânname (2002) und Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması (Die erste alevitische Organisation in Europa, 2016); seine Arbeiten werden in akademischen Veröffentlichungen von Forschern wie Martin Sökefeld, Zeynel Gül, Burak Gümüş und Bülent Keleş als Quelle angeführt.
Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.