Islam und alevitischer Glaube: Ehlibeyt, Tasavvuf und Koran

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Dieser Text ist einer der Beiträge von Seyit Derviş Tur Dede über den alevitischen Glauben. Zur allgemeinen Einführung: Was ist Alevitentum? Glaube, Geschichte und Grundwerte

WER SIND WIR?

Die Usurpation des Kalifats unmittelbar nach dem Tod Hz. Muhammads war der erste Funke, der unter den Muslimen Spaltung hervorrief. Danach vergrößerten der Verrat Muawiyas (Muaviye) an Hz. Ali und – nachdem er Hz. Ali hatte ermorden lassen – die Vergiftung Hz. Imam Hasans, eines Enkels Hz. Muhammads und Kindes von Hz. Ali und Hz. Fatima, die Spaltung noch weiter. Und drittens war die Ermordung Hz. Imam Hüseyins und der gesamten Nachkommenschaft des Propheten in Kerbela, die Muawiyas Sohn Yazid (Yezit) auf das Vermächtnis seines Vaters hin durstig umbringen ließ, ein solcher letzter Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, dass sich diese Wunde in der islamischen Gesellschaft seit 14 Jahrhunderten nicht schließt – und dass sie sich schließen wird, ist auch nicht möglich.

Von jenem Tag an nannte man die Seite, die verteidigte, dass den Nachkommen des Propheten und seiner Ehlibeyt (Ahl al-Bayt, die Familie des Propheten) Unrecht geschehen war, Anhänger Alis und „Alis“ (Aliler), später dann alevitische Muslime. Diejenigen, die die Herrschaft des damaligen Umayyadenstaates unterstützten, nannte man sunnitische Muslime. Nach dem Propheten blieben Muawiya, der Hauptarchitekt des sunnitischen Islam, und die Umayyaden 86 Jahre lang an der Spitze dieser islamischen Religion. Den Gremien des „İcma-i Ümmet“ (Konsens der Gemeinde) – also (den Gelehrten, die ihre eigenen Ansichten vertraten) – ließen sie tun und schreiben, was sie wollten. Viele Auslegungen der Koranverse veränderten sie nach der Staatsordnung, mit Ausdrücken von Druck und Furcht, nach ihrem eigenen Willen durch Wortspiele. Wir, die alevitisch-islamische Gemeinschaft, messen der äußerlichen (zahiri) Auslegung der Koranverse durch die Umayyaden keine Bedeutung bei. Wir übersetzen sie mit der inneren (batini) Auslegung der Ehlibeyt.

Die Umayyaden haben in 86 Jahren die von Hz. Muhammad gebrachte Religion auf den Kopf gestellt und jeden ihrer Verrate mit erfundenen Hadithen als „Fıkıh (Rechtslehre) und Sunna“ unseres Propheten ausgegeben und sie so der damaligen Welt vorgestellt. Dem Ausdruck „Ehlibeyt“ stellten sie das erfundene Wort „Ehlisünnet“ (Ahl as-Sunna) entgegen. Indem sie die Religion des Islam so auf den Kopf stellten, verkündeten sie der ganzen Welt: Das ist der Islam. Die Muslime, die heute noch der sunnitischen Scharia folgen, glauben, dass die von den Umayyaden begründete wahhabitische Scharia die vom Propheten gebrachte Scharia sei. Obwohl in keinem Vers des Koran geschrieben steht, dass ihr fünfmal am Tag das rituelle Gebet (Namaz) verrichten sollt, verrichten die Sunniten bis heute fünfmal am Tag das Gebet.

Hz. Muhammad verschied im Jahr 632 n. Chr. Die Rechtsschulen (Mezhep) wurden in den Jahren 755–756 zur Zeit der Abbasiden erfunden. Nachdem 124 Jahre vergangen waren, haben sie, indem sie mit dem System „Teile und herrsche“ die Rechtsschulen erfanden und Politik machten, den größten Verrat am Islam begangen. Deshalb akzeptiert die alevitisch-islamische Gemeinschaft – damals wie heute – das Rechtsschulwesen nicht. Denn so wie die Aleviten die mit dem ersten Kalifat begangenen Ungerechtigkeiten nicht anerkannten, haben sie auch allen danach erfundenen „İcma und Kıyas“ (Konsens und Analogieschluss) keine Bedeutung beigemessen. Mit einem Wort: Was die Ehlibeyt und die Zwölf Imame aus ihrer Nachkommenschaft nicht anerkannten und was nicht im Koran steht, haben die Aleviten bis heute nicht anerkannt und werden es auch nicht anerkennen.

Diejenigen, die sich damals nicht von der Seite der Kinder und Enkel Hz. Muhammads und Hz. Alis trennten und den von ihnen gebrachten islamischen Glauben ohne jede Zutat und Ergänzung annahmen und fortführten, wurden von den Umayyaden und Abbasiden, die die Staatsgewalt innehatten, ständig unterdrückt und ermordet. Eben unsere Vorfahren haben bei diesen Massakern ihr Leben und ihr Haupt hingegeben, aber in ihrem Glauben keine Zugeständnisse gemacht: Indem sie die Kinder Hz. Muhammads und Hz. Alis in ihrer Mitte verbargen, haben sie mit einem geheimbündischen System dafür gesorgt, dass ihre Nachkommenschaft, wenn auch nur in geringer Zahl, bis heute fortbesteht. Wir sind die alevitisch-islamische Gemeinschaft, die zusammen mit ihnen den von Hz. Muhammad und Hz. Ali gebrachten und von ihren Kindern fortgeführten islamischen Glauben bis heute fortführt:

Deshalb sind Hz. Ali und die Ehlibeyt die Hauptarchitekten des alevitischen Glaubens. Die Aleviten gedenken in ihren Gottesdiensten, Gebeten und Gülbanks (Gebetsformeln) stets zusammen mit Hz. Muhammad auch Hz. Alis, der Ehlibeyt und der Zwölf Imame.

Sure asch-Schura (Şura), Vers 23: Mein Geliebter, sage deiner Gemeinde: Weil ich euch diese wahre Religion gebracht habe, verlange ich von euch keinen Lohn. Ich verlange nur eine ungetrübte Liebe und Treue zu meiner Ehlibeyt. Allah vergibt denen, die auf dem Weg der Wahrheit gehen, und erweist ihnen Wohltaten.

Sure Al Imran, Vers 110: O Ehlibeyt Muhammads! Ihr seid eine für die Menschen hervorgebrachte, vorbildliche, gute Gemeinde, die das Rechte gebietet, vom Schlechten abhält und an Allah glaubt. Hätten die Leute der Schrift geglaubt, wäre es für sie besser gewesen.

Wie und woran glaubt die alevitisch-islamische Gemeinschaft?

Der alevitisch-islamische Glaube ist keine Rasse, keine Abstammungsgemeinschaft und keine Nation. Eine Rechtsschule (Mezhep) ist er schon gar nicht. Der alevitische Glaube ist das mystische Denken und der Weg des Tasavvuf (islamische Mystik) des Islam. Der alevitische Islam lehnt das Rechtsschulwesen gänzlich ab. Wenn Sie fragen, warum: Im Koran gibt es viele Verse, die die Rechtsschulen verbieten und dieses Thema umfassen. Ich werde jedoch nur zwei davon anführen.

Sure Al Imran, Vers 105: „Seid nicht wie diejenigen, die sich spalteten und in Zwietracht gerieten, nachdem die Belege zu ihnen gekommen waren. Die große Strafe gilt denen, die Spaltung betreiben.

Sure al-Baqara (Bakara), Vers 59–60: Wahrlich, diejenigen, die die Belege und die Rechtleitung, die Wir herabgesandt haben, verbergen und leugnen, nachdem Wir sie den Menschen in der Schrift erklärt haben – sie verflucht Allah, und sie verfluchen die Fluchenden. Ausgenommen sind diejenigen, die bereuen und sich bessern,

Weiterer Quellen bedarf es nicht. Ich bin der Überzeugung, dass zwei Verse genügen.

Was ist Islam?

Die Bedeutung des Wortes Islam! Sie besteht darin, an die Einheit Allahs zu glauben, den Glauben anzunehmen und sich Allah zu ergeben. Solange du die Einheit Allahs nicht mit deiner Zunge bekennst, mit deinem Herzen glaubst und dich Allah ergibst, kannst du nicht Islam sein.

Sure Al Imran, Vers 19: „Die Religion bei Allah ist gewiss der Islam. Doch diejenigen, denen die Schrift gegeben wurde, gerieten aus Gier untereinander in Zwietracht, nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war. Wer die Verse Allahs leugnet, der wisse, dass Allah schnell abrechnet.“.

Sure Al Imran, Vers 3: „Auch dir haben Wir das wahre Buch herabgesandt, das die Bücher vor ihm bestätigt. Zuvor hatten Wir den Menschen zur Rechtleitung auch die Thora und das Evangelium herabgesandt.“

Sure al-Baqara, Vers 97: „Auf Allahs Befehl hat Gabriel (Cebrail) das wahre Buch, das die früheren Bücher bestätigt und den Menschen den Weg weist, auf dein Herz herabgebracht.“

Sure an-Nisa (Nisâ), Vers 136: O ihr Gläubigen, seid standhaft und beständig im Glauben an den erhabenen Allah, an den Koran, den Er Seinem Gesandten Muhammad gesandt hat, und an die Thora, das Evangelium, den Psalter (Zebur) und alle heiligen Gebote, die Er vor ihm herabgesandt hat.

Sure al-Isra (İsra), Vers 77: „O Muhammad, es ist dasselbe Gesetz, das Wir auch bei Unseren Propheten angewandt haben, die Wir vor dir gesandt haben. In Unserem Gesetz wirst du keine Änderung finden.“

Sure al-Ahqaf (Ahkâf), Vers 12: „Vor dem Koran ist das Buch Moses, die Thora, eine Barmherzigkeit und ein Führer. Dieser Koran ist ein in arabischer Sprache herabgesandtes Buch, das die vor ihm bestätigt, um die Unrecht Tuenden zu warnen und den Gutes Tuenden eine frohe Botschaft zu sein.“

Sure Al Imran, Vers 84: „Sag: Wir glauben an Allah und an das, was auf uns herabgesandt wurde, und an das, was auf Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und ihre Nachkommen herabgesandt wurde, und an das, was Moses, Jesus und den anderen Propheten von ihrem Herrn gegeben wurde. Wir machen zwischen keinem von ihnen einen Unterschied. Wir sind die, die sich Ihm ergeben.“

Man sieht also: Allah und der Koran stellen weder die Propheten noch die Menschen übereinander. Im alevitisch-islamischen mystischen Glauben sind die Aleviten von dieser wahren, inneren, mystischen Aussage des Koran niemals, aber auch niemals abgewichen. Sie betrachten die 72 Völker (alle Menschen der Welt) ohne Unterschied als Diener Allahs, als gleiche Menschen. An die äußerliche, erfundene Koranauslegung, die die sunnitischen Umayyaden für die Staatsführung schufen, haben sie niemals geglaubt und ihr niemals Bedeutung beigemessen. Deshalb haben sie bis heute die orthodoxe umayyadisch-sunnitische Scharia nicht anerkannt.

Im mystischen alevitisch-islamischen Glauben suchen wir Allah weder auf der Erde noch im Himmel. Wir glauben, dass der Ort Allahs das Herz des Gläubigen ist und dass wir das Antlitz (Cemal) Allahs im Gesicht des Gläubigen sehen. Deshalb ist bei unseren gemeinsamen Gottesdiensten unsere Kaaba das Antlitz des Gläubigen. „Wir wenden unser Gesicht nicht der Wand zu, sondern dem Antlitz (Didar).“ In Form eines Halbmondes halten wir Gottesdienst, indem wir einander ins Antlitz blicken. Vers 115 der Sure al-Baqara: „Der Osten und der Westen gehören Allah. Wohin ihr euch auch wendet, ihr habt euch Allah zugewandt. Allah umfasst alles und weiß alles.“

 

Im Islam gibt es außer der sunnitischen Scharia – und von ihr verschieden – den „mystischen“ Tasavvuf-Glauben der Ehlibeyt. Diese mystischen Werte des Anbetens und Glaubens sind der alevitisch-islamische Glaube. Im Alevitentum, das ein mystischer Glaube ist, ist die heiligste Kaaba das Herz des vollkommenen Menschen (İnsan-ı kâmil). Wir glauben auch, dass sich das Licht Gottes (Hakk) im Gesicht des vollkommenen Menschen widerspiegelt. Deshalb halten wir bei unseren gemeinsamen Gottesdiensten mit mehr als einer Person Gottesdienst von Angesicht zu Angesicht (Cemal cemale). Im Tasavvuf ist die Kibla das Herz des vollkommenen Menschen.

Der Gehalt der Anbetung im Tasavvuf in Glaubenshinsicht ist „die Annäherung des Geschaffenen an den Schöpfer auf dem Weg des Herzens“. Es ist der Weg, innerhalb des Sırat-ı Müstakim (des geraden Weges) die Einheit der „Vahdet-i Vücut“ (Einheit des Seins) zu erreichen. Im alevitisch-mystischen Glauben steht der Gedanke im Vordergrund, dass man mit Liebe zu Allah geht. Der Mensch ist verpflichtet, gegen seine Gier, sein Ich (Nefs) und seine schlechten Gedanken zu kämpfen, die dem Menschen schaden. Er hat den Grundsatz, was er für sich selbst nicht für angemessen hält, auch einem anderen nicht zuzumuten. Sei Herr deiner Hand, deiner Zunge, deiner Lende, deiner Speise, deiner Arbeit und deines Ehepartners. Dem Wort, das du vor Gott gegeben hast, und dem Gelöbnis (Ikrar), das du abgelegt hast, treu zu bleiben, ist Grundvoraussetzung. In der alevitischen Terminologie gibt es ein wichtiges Wort: „Stirb, aber lege kein Gelöbnis ab; stirb, aber weiche nicht von deinem Gelöbnis zurück. [Es kostet] den, der es gibt, sein Gut, den, der zurückweicht, sein Leben.“ Das mystische alevitische Glaubenssystem ist ein Glaubenssystem, das dazu dient, transparente Menschen und eine reine Gesellschaft zu schaffen. Es ist der Kern des Glaubens, den wir die Religion des Islam nennen. Diesen Weg hat Hz. Ali zusammen mit Hz. Muhammad begonnen.

Da der alevitische Glaube das mystische Denken und der Tasavvuf-Weg der Religion des Islam ist: Diesen Weg geht man mit Liebe. Es ist ein Weg des Herzens. Es ist der Weg, ohne Zweifel zu glauben und den Glauben anzunehmen. Um diesen Weg gehen zu können, muss man von einem Pir die Hand nehmen (el almak). Der Pir, dem du dich anvertraust, muss einer der Erenler sein, die diesen Weg und diese Erkân (Ritualordnung) gut kennen und die Eigenschaften eines Pir in sich tragen. Eben dieser Pir führt den Menschen an den Vier Toren und vierzig Stufen (Dört Kapı Kırk Makam) der Reihe nach, Stufe um Stufe erziehend und reifen lassend, auf den Weg zum Wesen (Öz). Das Ziel ist, ein „vollkommener Mensch“ (İnsan-ı kâmil) zu werden. Es ist, zur Welt der Einheit zu gelangen. Es ist, mit Gott eins zu werden (Hak’la Hak olmak). In der Sprache des Tasavvuf nennt man dies „Vahdet-i Vücut“, die Welt der Einheit. „Die Vorstellung von Allah ist im Alevitentum die größte Liebe zum Universum.“

Im mystischen alevitischen Glauben sperrt man Allah nicht zwischen vier Wände. Selbstverständlich glauben auch die Aleviten ohne Zweifel an den Makam (die Stätte) Hz. Abrahams und achten ihn. Die Kaaba ist in Mekka, das Grabmal und der Makam Hz. Muhammads in Medina. Wenn die anatolischen Aleviten allein zum Gebet stehen, wenden sie sich wegen der Zuneigung und Liebe, die sie für Hz. Muhammad und die Ehlibeyt hegen, selbstverständlich nach Mekka und Medina. Doch wenn wir zum eigentlichen Kern der Sache kommen:

Vers 115 der Sure al-Baqara des edlen Koran sagt: „Der Osten und der Westen gehören Allah. Wohin ihr euch auch wendet, ihr habt euch Allah zugewandt. Allah umfasst alles und weiß alles.“ Sure an-Nur, Vers 35: „Allah ist das Licht der Erde und des Himmels.“

 

Gottesdienst wird auf zweierlei Weise verrichtet: der eine ist der Gottesdienst des Gedenkens (Zikr), der andere der Gottesdienst der Niederwerfung (Secde):

Die Niederwerfung im Gottesdienst: Dem Wortsinn nach bedeutet sie, sich vor Gott zu Boden zu werfen und sich mit seinem ganzen Sein zu ergeben. Nach der Buße (Tövbe), der Fürbitte um Vergebung (Bağışlama) und den Gebeten, die im Augenblick des Gottesdienstes gesprochen werden, wirft man sich nieder. Diese Niederwerfung ist die psychologische Widerspiegelung des seelischen Zustands in körperlichen Handlungen. Dass ein Mensch aus eigenem Willen sein Haupt zur Niederwerfung neigt, ist seine Abrechnung mit seinem eigenen Wesen. Es ist sein Sich-selbst-Messen, sein Sich-selbst-Richten. Es ist seine Selbstkritik ohne die Zeugenschaft oder Klage eines anderen. In diesem Sinne ist die Niederwerfung ein Spiegel der Abrechnung. Der Gläubige wird sich im Spiegel sehen und mit sich selbst unter vier Augen abrechnen.

Im Koran gibt es über hundert Verse, die den Gottesdienst gebieten. Sie alle sagen: Gedenkt Allahs zu fast jeder Zeit des Tages, das heißt, lasst den Namen Allahs nicht von eurer Zunge weichen und seine Liebe nicht aus eurem Herzen. Das ist der Gottesdienst des Gedenkens.

Sure Qaf (Kaaf), Vers 21: Jede Seele wird mit einem Beweis (Delil), einem Führer (Rehber) und einem Zeugen vor [Gott] treten.

Sure al-Isra, Vers 71: Eines Tages rufen Wir alle Menschen zusammen mit ihren Anführern (ihren Rehbern). Diejenigen, denen an jenem Tag ihr Buch in die Rechte gegeben wird – sie sind es, die das Heil erlangen.

Während der Koran uns dazu aufruft, die Geheimnisse der äußeren Welt zu entdecken, erinnert er uns auch daran, dass wir Verstand besitzen, und stellt den Weg des Verstandes stets voran. Während wir psychologisch versuchen, gewisse Geheimnisse zu ergründen, lädt er uns ein, auf dem Weg des Herzens auch den Knoten zwischen dem Ich und dem Du zu lösen.

Jenseits dieser äußeren Regeln gibt es noch einen anderen, besonderen Bereich, den die Seele berühren möchte und zu dem sie gelangt. Dieses unendliche Verlangen sprudelt aus den Tiefen der Seele. In dem Augenblick, in dem die Seele sieht, dass alle im Universum vorhandenen Werte der Spiegel der Eigenschaften Gottes (Hakk) sind, hat sie ihr letztes Ziel erreicht. Der Weg dahin führt zweifellos über das Glauben und Annehmen des Glaubens und über das Beten in Andacht. Vecd (Ekstase) und Huşu (Andacht) sind die Verwandlung eines von innen kommenden Gefühlszustands in Trance. Dafür gibt es keine Schablone, keine Kleidung und keine Beschreibung einer Form. Es ist nicht möglich, es zu erzählen; es lässt sich nicht erzählen. Das weiß nur, wer es erlebt.

Und dass ihr fünfmal am Tag das rituelle Gebet verrichten sollt, steht nirgendwo im Koran. Nach den Versen, die ich jetzt angeführt habe, macht das Gebot „Wirf dich nachts vor deinem Herrn nieder“ deutlich, dass der nächtliche Gottesdienst heiliger ist. Deshalb halten die Aleviten ihre Gottesdienste und Cems nachts. Tagsüber gehen sie ihrer Arbeit nach, um den Lebensunterhalt ihrer Kinder zu verdienen. Für die Aleviten ist rechtmäßiger (helal) Erwerb der heiligste Gottesdienst. Sehen wir nun, was der Koran über den nächtlichen Gottesdienst sagt.

Sure al-Insan (İnsan), Vers 26: Wirf dich in der Nacht vor Ihm nieder und preise Ihn lange in der Nacht.

Sure al-Muzzammil (Müzemmil), Vers 1–4: O du, der du dich in die Decke gehüllt hast, Muhammad! Steh für eine Weile auf, etwas vor oder etwas nach der Mitte der Nacht, und rezitiere langsam den Koran. (Verrichte Gottesdienst.)

Sure al-Muzzammil, Vers 5: Wahrlich, Wir werden dir ein Wort offenbaren, das schwer zu tragen ist.

Sure al-Muzzammil, Vers 6: Gewiss, das Aufstehen in der Nacht ist wirksamer. Dann ist das Rezitieren des Koran geeigneter.

Sure al-Muzzammil, Vers 7: Denn am Tag hast du Arbeiten, die dich lange in Anspruch nehmen.

Sure al-Muzzammil, Vers 20: O Muhammad! Gewiss weiß dein Herr, dass du und eine Gruppe derer, die mit dir sind, in der Mitte der Nacht aufsteht und Gottesdienst verrichtet.

Sure al-Muddaththir (Müdessir), Vers 1–5: O du, der du dich in die Decke gehüllt hast, Muhammad! Steh auf und warne, und preise deinen Herrn. Halte deine Kleider rein. Meide weiterhin das Schlechte.

Denn alles, was im Universum existiert, ist die Widerspiegelung aller Geheimnisse jenes einen Ganzen und der Spiegel seines Antlitzes – und das ist eben die Macht selbst, die wir Allah nennen.

Diese große Liebe zu Gott ist eine geistige Kraft im Maße des Herzens, des Verstandes und des Fassungsvermögens eines jeden. Um sie zu erlangen?

Den Menschen, der den Garten namens Seele (Can) mit dem Wasser der Erkenntnis (Marifet) nährt, die Wurzel der Buße mit dem Blatt der Bitte um Vergebung (İstiğfar) vermischt und mit dem Stößel des Tevhid im Mörser des Herzens gründlich zerstößt, im Topf der Geduld mit Tränen knetet, im Feuer der Liebe gart und mit dem Löffel der Genügsamkeit isst – diesen Menschen nennt man einen vollkommenen Menschen, einen Freund der Ehlibeyt, einen Aleviten.

Im alevitisch-islamischen mystischen Glauben gibt es den Begriff der Reinkarnation, „Tenasüh – Devir“ (Seelenwanderung – Kreislauf). Die menschliche Seele tritt immer wieder in die Gestalt jedes Lebewesens, einschließlich der Pflanzen, ein und wieder aus – entweder bis zum Tag des Jüngsten Gerichts oder bis der vollkommene Mensch den letzten Punkt des Zustands von Turab (Demut, Tevazu) erreicht. Im alevitisch-islamischen Tasavvuf glauben wir, dass die Seele, nachdem sie sich einmal im vollkommenen Menschen niedergelassen hat, in keinen anderen Körper mehr eintritt als den eines vollkommenen Menschen.

Sure al-Maida (Maide), Vers 48: „O Muhammad! Wir haben dir den Koran mit der Wahrheit herabgesandt, als Bestätigung der vor ihm gekommenen Bücher und als Zeugen über sie. Richte zwischen ihnen nach dem, was Allah herabgesandt hat.“ Da die Wahrheit zu dir gekommen ist, folge nicht ihren Neigungen! Für jeden von euch haben Wir einen Weg und eine Methode bestimmt. Hätte Allah gewollt, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Doch [Er tat es nicht], um euch in dem zu prüfen, was Er euch gegeben hat. So wetteifert im Guten; eure Rückkehr ist zum erhabenen Allah.“

Sure al-Baqara, Vers 91: „Wenn man ihnen sagt: Glaubt an das, was Allah herabgesandt hat, sagen sie: Wir glauben an das, was [uns] herabgesandt wurde, und leugnen den gekommenen Koran. Dabei ist der Koran ein wahres Buch, das die Thora in ihren Händen bestätigt.“

Sure an-Nisa, Vers 162: Denjenigen unter ihnen, die im Wissen fortgeschritten sind, und den Gläubigen, die an das Buch glauben, das dir herabgesandt wurde, und an das Buch, das vor dir herabgesandt wurde, die Gottesdienst verrichten, die Zakat geben und an Allah und den Jüngsten Tag glauben – ihnen werden Wir gewiss großen Lohn geben.“

Sure an-Nisa, Vers 163: „So wie Wir Noah und den Propheten nach ihm offenbart haben, so wie Wir Abraham, Ismael, Isaak, Jakob, seinen Nachkommen, Jesus, Hiob, Jona, Aaron und Salomo offenbart haben, so haben Wir gewiss auch dir offenbart, o Muhammad. Und David gaben Wir den Psalter.“

Sure Al Imran, Vers 113–114: „Die Leute der Schrift sind nicht alle gleich. Unter ihnen gibt es solche, die sich nachts niederwerfen, die Verse Allahs lesen und Gottesdienst verrichten. Sie glauben an Allah und an den Jüngsten Tag, verbieten das Schlechte und eilen zum Guten. Sie gehören zu den Guten.“

Sure al-Baqara, Vers 285: „Der Prophet und die Menschen glauben an das, was von ihrem Herrn herabgesandt wurde. Alle glauben an Allah, an Seine Engel, an Seine Bücher und an Seine Propheten und nehmen den Glauben an. Wir machen zwischen den Propheten keinen Unterschied, wir gehorchen ihnen allen. Wir bitten unseren Herrn um Vergebung; die Rückkehr ist allein zu Dir.“

Der Koran sagt Folgendes ganz offen!

Der Name der Gemeinschaft der „himmlischen“ Religionen, die durch heilige Bücher der Menschheit eine Botschaft überbringen, an einen einzigen Gott glauben, die Einheit Allahs anerkennen und von den Propheten gebracht wurden, ist Islam:

Hz. Muhammad gebietet in einem Hadith Folgendes: „Ich bin nicht gekommen, um die Religionen, die vor mir kamen, abzuschaffen. Ich bin gekommen, um sie zu vervollständigen“, hat er gesagt.

Sure an-Nisa, Vers 126: „Allah selbst umfasst das ganze Universum. Was im Himmel und auf der Erde ist, gehört Allah.“

Sure Qaf (Kaf), Vers 16: Wahrlich, Wir haben den Menschen erschaffen. Wir wissen, was ihm sein Ich zuflüstert. Wir sind ihm näher als seine Halsschlagader.“

Sure al-Baqara, Vers 115: Der Osten und der Westen gehören allein Allah; wohin du dich auch wendest, du hast dich Allah zugewandt.“

Sure adh-Dhariyat (Zariyat), Vers 56: „Ich habe die Dschinn und die Menschen nur erschaffen, damit sie Mir dienen und Mir Gottesdienst erweisen.“

Sure Al Imran, Vers 105: Seid nicht wie diejenigen, die sich spalteten und in Zwietracht gerieten, nachdem die Belege zu ihnen gekommen waren. Für die, die sich spalten, ist die große Strafe.“

Sure Sad, Vers 71–72: „Mein Herr hatte zu den Engeln gesagt: Ich werde einen Menschen aus Lehm erschaffen. Wenn Ich ihn geformt und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann werft euch vor ihm nieder.“

Sure al-Fath (Fetih), Vers 8: „O Muhammad, Wir haben dich als Zeugen, als Überbringer froher Botschaft und als Warner gesandt.“

Sure an-Nur, Vers 35: Allah ist das Licht der Himmel und der Erde.

Zur Gleichheit von Frau und Mann im Koran und im alevitisch-islamischen mystischen Glauben:

Der alevitisch-islamische mystische Glaube ist die Freiheit im Glauben der Ehlibeyt, die sich gegenseitig in den Herzen niederlässt, sich in Liebe vereint, sich ständig weiterentwickelt, das neue Wissen und die Technik der Zeit in sich aufnimmt, sich vor sunnitischen Dogmen schützt, die Menschen gleichermaßen an ihrer Brust versammelt, keinen Unterschied nach Hautfarbe, Sprache, Religion, Rasse und Geschlecht macht und das religiöse, geistige und wissenschaftliche Denken zum Führer nimmt. In diesem Glauben ist der Platz der Frau ihrer Stellung entsprechend erhaben. Sie ist Mutter, Schwester, die Krone auf dem Haupt. Die Frau in alevitisch-mystischer Deutung: (In der Scharia ist sie Frau. In der Tarikat ist sie Mutter. In der Marifet ist sie die Welt. In der Hakikat ist sie Erde und Himmel.)

Die Erde, die schöpferische Quelle im ganzen Universum! Sie ist die Hauptquelle der Erschaffung aller belebten und unbelebten geschaffenen Werte, die das gesamte Universum umgeben. Die Hauptquelle der Erschaffung des Menschen ist ebenfalls die Frau. Im alevitisch-islamischen mystischen Glauben hat die Frau unter den Nachkommen der Ehlibeyt – ausgenommen Prophetentum (Nübüvvet) und Imamat – in allen Lebensbereichen im Rahmen ihrer eigenen Verantwortung dasselbe gleiche Recht wie der Mann, indem sie mit ihm Schulter an Schulter alle Verantwortlichkeiten und Schönheiten teilt. Wenn wir eine Betrachtung teilen dürfen! Früher trugen unsere Großväter Fes oder Hut. Barhäuptig herumzugehen war nicht üblich. Auch unsere Großmütter bedeckten ihren Kopf mit einem Kopftuch. Die Zeiten änderten sich: Unsere Väter nahmen den Hut ab und begannen, barhäuptig zu gehen. Auch unsere Mütter legten das Kopftuch ab, auch sie können barhäuptig gehen. Niemand kann sagen: Warum hast du deinen Kopf entblößt?

Sure an-Nur, Vers 30: O Muhammad, sage den gläubigen Männern: Sie sollen ihre Blicke (vor dem Verbotenen) hüten und ihre Scham nicht entblößen. Das ist reiner und besser für sie. Der erhabene Allah ist all dessen kundig, was sie tun.

Sure an-Nur, Vers 31: O Muhammad, sage auch den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke (vor dem Verbotenen) hüten. Außer dem, was sichtbar ist, sollen sie ihren Schmuck nicht zeigen. Ihre intimen Stellen sollen sie niemandem außer ihren Ehepartnern zeigen.

Sure at-Tawba (Tövbe), Vers 67: Die heuchlerischen Männer und die heuchlerischen Frauen gleichen einander. Sie gebieten das Schlechte und halten vom Guten ab.

Sure at-Tawba, Vers 68: Für die heuchlerischen Männer und Frauen hat Er das Höllenfeuer bereitet, in dem sie bleiben werden.

Sure at-Tawba, Vers 71: Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einander Beschützer (Veli). Sie gebieten das Gute und halten die Menschen vom Schlechten ab.

Sure an-Nisa, Vers 34: Der Grund, warum Allah manche Seiner Diener über andere Seiner Diener gestellt hat! Weil die Männer ihr Vermögen für die Frauen aufwenden, haben die Männer ihre Herrschaft über die Frauen errichtet. Die guten Frauen, die ihre Keuschheit hüten, wenn ihr Mann nicht da ist, sind diejenigen, die die Gebote Allahs erfüllen. Die Frau, die sich widerspenstig zeigt und ihren Mann verrät, ermahnt und belehrt. Wenn sie nicht hören, geht nicht in ihr Bett. Lassen sie nicht davon ab, so schlagt sie schließlich. Und wenn sie sich auch dann nicht bessern, trennt euch.

Sure al-Baqara, Vers 229: Die Scheidung gibt es auf zweierlei Weise. Die erste ist, [die Frau] in Güte bei sich zu behalten. Die zweite ist, sie in Güte freizugeben. Die Schmuckstücke und Güter, die ihr der Frau bei der Heirat gegeben habt, dürft ihr bei der Trennung nicht zurücknehmen. Diese Gegenstände gehören der Frau.

Sure al-Mudschadila (Mücâdele), Vers 3–4: Diejenigen, die sich von ihren Frauen auf dem Weg des Zihar scheiden wollen, indem sie zu ihnen „meine Mutter, meine Schwester“ sagen, und dann sofort von ihren Worten zurückkehren – bevor sie mit ihrer Frau in Berührung kommen . Der Mann, der das Vergehen begangen hat, wird zur Strafe, wenn seine materielle Lage gut ist, einen Sklaven kaufen und ihm die Freiheit schenken oder, Allah um Vergebung bittend, 60 Tage ohne Unterbrechung fasten oder 60 Tage einen Armen speisen. Nachdem diese Bedingungen erfüllt sind, kann er seine frühere Frau wieder heiraten.

Sure al-Baqara, Vers 230: Wenn er danach seine Frau verstoßen will und der Mann zu seiner Frau sagt: „Du bist verstoßen“, ist es ihm nicht erlaubt, mit seiner Frau Umgang zu haben, selbst wenn er es sofort nach dem Aussprechen bereut. Die Frau geht und heiratet. Wenn ihr zweiter Mann stirbt oder sich scheiden lässt und sie darauf vertrauen, dass sie die Gesetze Allahs wahren werden, steht der Rückkehr der früheren Eheleute zueinander nichts im Wege.

Leider bringen die sunnitischen Scharia-Anhänger, obwohl der Koran die Strafe dem Mann gibt, der das Vergehen begangen hat, die Frau, die überhaupt keine Schuld trägt, mit einem anderen zusammen. Auf diese Weise treten sie die Ehre und Würde der Frau mit Füßen. Indem sie diese ihre Grausamkeit als Gebot des Koran ausgeben, gesellen sie Allah etwas bei (Şirk). Für ihre eigene schmutzige Begierde benutzen sie selbst diesen wunderbaren Vers Allahs bis heute als (Hülle-Vers – die Zwischenheirat).

Sure at-Tawba, Vers 72: Allah hat den gläubigen Männern und den gläubigen Frauen ein friedvolles Leben (das Paradies) verheißen, in dem sie ewig bleiben werden.

Sure al-Ahzab (Ahsab), Vers 35: Die aufrichtigen muslimischen Männer und Frauen. Die gläubigen Männer und Frauen. Die sich fügenden, ehrfürchtigen Männer und Frauen. Die wahrhaftigen Männer und Frauen, die geduldigen Männer und Frauen, die von Herzen ergebenen Männer und Frauen, die Almosen gebenden Männer und Frauen, die fastenden Männer und Frauen. Die Männer und Frauen, die ihre Keuschheit hüten. Die Männer und Frauen, die Allahs viel gedenken. Ihnen allen hat Allah „Vergebung“ und ein friedvolles Leben bereitet.

 

Es zeigt sich also: Wenn wir alle heiligen Bücher untersuchen, hat der erhabene Allah keinen Propheten über einen anderen gestellt. Er hat die Menschen nicht unterschieden – den Schwarzen nicht vom Weißen, den Weißen nicht vom Gelben. Die Gleichheit von Frau und Mann hat Er in vielen Seiner Verse offen ausgesprochen. Der alevitisch-islamische mystische Glaube ist von diesem Weg, von dieser Richtung niemals abgewichen. Eben deshalb ist das Glaubens- und Anbetungssystem der alevitisch-islamischen Gemeinschaft von dem der sunnitischen Scharia-Anhänger völlig verschieden.

Die vollständigen Predigten Hz. Muhammads während der Abschiedswallfahrt

Hz. Muhammad hielt während der Abschiedswallfahrt (Veda Haccı) drei wichtige Predigten. Die erste Predigt, in Mina, handelt davon, dass die Muslime untereinander Geschwister sind. Die zweite, in Arafat auf dem Kamel, handelt von den Frauen. Die dritte Predigt, auf dem Weg von Mekka nach Medina am Rastplatz namens Gadir Hum (Ghadir Khumm), handelt vom Koran und von seiner Ehlibeyt.

Diese dritte Predigt des Propheten schreiben manche Anhänger der sunnitischen Scharia, die Parteigänger der Umayyaden sind, nicht in ihre Bücher. Der Beleg dafür findet sich in der von Prof. Dr. Neşet Çağatay verfassten Geschichte des Islam [1]

 

Die Predigt Hz. Muhammads in Mina

 

„O ihr Leute! Hört mir gut zu. Vielleicht kann ich mich nach diesem Jahr nicht mehr hier mit euch treffen. Alle Traditionen der Dschahiliya (der vorislamischen Zeit der Unwissenheit) vor dem Islam nehme ich unter meinen Fuß und trete sie nieder. Alle Blutfehden, die in der Zeit der Dschahiliya vergossen wurden, sind aufgehoben. Das sind Lügen und erfundene Dinge. Die erste Blutfehde, die ich aufhebe, ist die Blutfehde von Rabia, dem Sohn des Haris, des Enkels Abdulmuttalibs. Ich habe auf sie verzichtet. Verzichtet auch ihr auf alle Blutfehden. Der Brauch des Zinses aus der Zeit der Dschahiliya ist aufgehoben. Der erste Zins, den ich aufhebe, ist der Zins meines Onkels Abbas. Euer Kapital gehört weiterhin euch. Tut weder Unrecht, noch lasst euch Unrecht tun. O ihr Menschen! Wer etwas anvertraut bekommen hat, soll es zurückgeben. Dem Leugner vergibt Allah nicht.

O ihr Menschen! Ihr habt gewisse Rechte über eure Frauen. Sie sollen diese eure Rechte achten. Auch sie haben Rechte über euch. Behandelt sie gut. Ihr habt sie im Namen Gottes genommen, indem ihr Allah euer Wort gegeben habt. Auf Allahs Gebot sind sie euch rechtmäßig geworden. Wenn sie sich ohne Recht gegen euch auflehnen, sorgt für ihren Lebensunterhalt, bis sie einen anderen heiraten, und trennt euch, indem ihr ihnen all ihre Habe gebt. Jeder ist für sein eigenes Vergehen verantwortlich.

Wer ist wessen Erbe? Der Koran hat es mit Versen festgelegt. Es bedarf keines Vermächtnisses von mir. Das Kind gehört dem, in dessen Bett es geboren wurde. Es ist euch verboten, mit anderen als den Frauen zusammenzukommen, die ihr mit dem Bund Gottes genommen habt. Das ist Unzucht, das ist Ehebruch.

Ehebruch ist bei Allah ein großes Vergehen. Auch den Frauen ist es ebenso verboten, mit anderen als den Männern zusammenzukommen, mit denen sie durch den Bund und das Gebot Allahs verheiratet wurden. Das ist Unzucht, das ist Ehebruch, das ist ein Vergehen. Wer den Geboten Allahs gehorcht, ist auf dem rechten Weg.

O ihr Menschen! Es ist einer Frau nicht erlaubt, ohne die Erlaubnis ihres Mannes etwas vom Besitz ihres Hauses einem anderen zu geben. Auch dem Mann ist es nicht erlaubt, ohne die Zustimmung seiner Frau etwas vom Besitz seines Hauses einem anderen zu geben. Frau und Mann sind gleich – so wie Allah es geboten hat.“

Sure an-Nur, Vers 71: „Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einander Beschützer. Wer das Gute gebietet und vom Schlechten abhält – ihnen wird Allah Barmherzigkeit erweisen.“

Die Predigt Hz. Muhammads in Arafat

„O ihr Menschen! Araber und Nichtaraber haben keinen Vorrang voreinander. Weder hat der Weiße einen Vorrang vor dem Schwarzen, noch der Schwarze vor dem Weißen. Vorrang gibt es allein durch die Gottesfurcht, durch das Befolgen Seiner Gebote. Denn alle Menschen sind aus Erde erschaffen; sie sind die Söhne des Stammvaters Adam. Die Muslime sind einander Geschwister. Wie die Sure al-Anfal (Enfal) gebietet: ‚Das Gut seines Bruders ist niemandem erlaubt, es sei denn, er gibt es aus eigenem Willen.‘ Tut euch selbst kein Unrecht. Gebt euren Sklaven von dem zu essen, was ihr esst, und kleidet sie mit dem, womit ihr euch kleidet. Wenn sie einen Fehler begehen, den ihr nicht verzeihen könnt, trennt euch von ihnen (lasst sie frei). Auch sie sind Diener Gottes wie ihr; behandelt sie nicht schlecht, tut ihnen kein Unrecht.“

O ihr Menschen! So wie dieser Tag, dieser Monat und diese Stadt heilig sind, so sind auch euer Besitz und euer Leben ebenso heilig. Deshalb ist das Blut und der Besitz des einen dem anderen verboten (haram). Im Jenseits werdet ihr vor Gott treten, und Er wird euch nach allem, was ihr getan habt, einzeln fragen und euch danach bestrafen oder belohnen. Hütet euch, schlagt einander nicht wie die Ungläubigen die Köpfe ab. Was ihr für euch selbst nicht für angemessen haltet, tut auch einem anderen nicht an. Jeder, der ein Vergehen begeht, ist selbst für sein Vergehen verantwortlich. Für das Vergehen des Vaters ist der Sohn nicht verantwortlich, und für das Vergehen des Sohnes nicht der Vater.

O ihr Menschen! Begleicht die Schulden, die ihr aufgenommen habt. Für andere zu bürgen bedeutet: Wenn der Mensch, für den du bürgst, sein Wort nicht halten kann, ist der Bürge dafür verantwortlich, dieses Wort zu erfüllen. Ein Geschenk wird mit einem Geschenk erwidert. Sucht nicht nach den Fehlern des anderen, kommt gut miteinander aus. Seid Geschwister. Der Islam hat uns stark gemacht. Der Satan hat die Hoffnung aufgegeben, dass ihr ihn in diesem unserem Land anbetet. Durch die schlechten Dinge, die ihr gering schätzt, für unbedeutend haltet und ohne Bedenken tut, erfreut ihr den Satan.

O ihr Menschen! Jede Art von hässlichen Bräuchen aus der Zeit der Dschahiliya ist verboten.

Die hier Anwesenden sollen meine Worte den Abwesenden mitteilen. Vielleicht gibt es unter den Abwesenden solche, die meine Worte besser im Gedächtnis behalten werden als die hier Anwesenden.“

Gleich dort wird der dritte Vers der Sure al-Maida offenbart, und mit diesem Vers beendet er die Predigt.

Sure al-Maida, Vers 3: „O ihr Menschen! Verboten sind euch Verendetes, Blut, Schweinefleisch, was im Namen eines anderen als Allah geschlachtet wurde, was erstickt ist, bevor das Leben aus ihm wich, was durch Schlag getötet wurde, was von einem Raubtier gerissen wurde, was mit Losspfeilen geschossen wurde und was für Steine, Statuen und Götzen geschlachtet wurde. Wer in Hungersnot und Not ist, darf davon essen, ohne das Maß zu überschreiten.

Heute haben die Leugner die Hoffnung aufgegeben, euch von eurer Religion abzubringen. Fürchtet sie nicht, fürchtet Allah. Heute habe Ich eure Religion für euch vollendet. „Als Religion habe Ich für euch den Islam erwählt.“ Ich hinterlasse euch zwei anvertraute Güter (Emanet). Das eine ist der edle Koran, das andere meine Ehlibeyt. Solange ihr euch fest an sie haltet, werdet ihr nicht vom Weg abirren. Ich habe die mir auferlegte Verantwortung erfüllt. Allah ist vergebend und barmherzig.“

O ihr Menschen! Jedes Wort, das von Allah geboten wurde, habe ich euch übermittelt. Ich bin für meine Aufgabe verantwortlich, und ich habe meine Verantwortung erfüllt. Morgen wird man euch nach mir fragen – was werdet ihr sagen? Werdet ihr bezeugen: Du hast das Gesandtenamt Allahs erfüllt, du hast uns Seine Gebote übermittelt, du hast deine Aufgabe erfüllt, du hast uns Rat und Vermächtnis gegeben? Das Volk antwortet wie aus einem Mund: „Ja, o Gesandter Gottes, du hast es übermittelt. Wir bezeugen es.“ Daraufhin bringt Hz. Muhammad mit den Worten „Sei Zeuge, o Herr! Sei Zeuge, o Herr! Sei Zeuge, o Herr!“ Allah seinen Dank und Lobpreis dar.

Hz. Muhammad kehrt am fünften Tag des Festes (Mittwoch) von Mina nach Mekka zurück und vollzieht erneut die Abschiedsumrundung (Veda Tavafı). Von diesem Tag an beginnen auch die anderen Pilger in ihre Heimat zurückzukehren. Der Prophet war während dieser Wallfahrt genau 10 Tage in Mekka geblieben. Je nach Zeit und Ort verrichtete er dort, wo er hinging, Gebete von je zwei Rakat (er hielt Gottesdienst). Wenn wir die islamischen Geschichtswerke eingehend untersuchen, hat Hz. Muhammad selbst während der Wallfahrt nicht die fünf täglichen Gebete verrichtet. Die fünf täglichen Gebete wurden zur Zeit der Umayyaden erfunden.

 

Die Predigt Hz. Muhammads in Gadir Hum

 

Nachdem Hz. Muhammad die Kaaba umrundet und seine Wallfahrt vollendet hat, verlässt er am 15. März 632 Mekka, um nach Medina zurückzukehren. Als man auf dem Weg nach Medina eine Tagesreise zurückgelegt hat, rastet er an dem Ort namens Dschuhfa (Cuhfe) an der Wasserstelle im Tal namens Gadir Hum. An diesem Rastplatz wird der 67. Vers der Sure al-Maida offenbart und gibt folgendes Gebot. Sure al-Maida, Vers 67: „O Prophet! Verkünde, was dir von deinem Herrn herabgesandt wurde. Wenn du dies nicht tust, hast du Seine Botschaft nicht ausgerichtet. Allah schützt dich vor den Menschen. Wahrlich, Allah gibt den Ungläubigen keine Gelegenheit.“

Hz. Muhammad befiehlt, dass diejenigen unter den Pilgern, die vorausgegangen sind, zurückkehren und die Zurückgebliebenen aufschließen und sich versammeln. Es war schon nach Mittag und sehr heiß. Hz. Muhammad verrichtet mit dem ganzen Volk ein Gebet von zwei Rakat (sie halten einen Gottesdienst mit zwei Niederwerfungen). Hz. Muhammad befiehlt, aus Kamelsätteln eine Erhöhung zu errichten. Die Gefährten errichten sogleich die gewünschte Erhöhung. Nach dem Gebet steigt Hz. Muhammad auf die hohe Kanzel (Minber), ruft auch Hz. Ali zu sich und hält vor dem Volk folgende Predigt.

Hz. Resul-i Ekrem (der edle Gesandte): „O ihr Menschen! Auch ich bin ein Mensch wie ihr; ich wurde von Allah gerufen, auch meine Tage sind gezählt, die Tage, an denen ich aus dieser Welt scheiden werde, sind nahe. Lob und Preis gebühren allein Allah. An Ihn glauben wir, bei Ihm suchen wir Zuflucht. Außer Ihm gibt es keinen, der den Weg weist. Allah, der alles weiß und kundtut, hat mir mit dem jetzt offenbarten Vers geboten, euch das mitzuteilen, wofür ich verantwortlich bin. Das Ende dessen, der aus den Geboten Allahs heraustritt, ist die Strafe. Ich bezeuge, dass es außer Ihm keinen gibt, der anzubeten ist. Bezeugt ihr die Einheit Allahs und dass Muhammad Sein Diener und Prophet ist?“ Die Zehntausende von Gefährten, die dort waren, antworten rufend: „Wir bezeugen es, o Gesandter Gottes.“

„O ihr Gläubigen! Ich hinterlasse euch zwei anvertraute Güter, die euch auf dem rechten Weg Allahs führen werden. Beide sind gewiss untrennbar voneinander und werden bis zum Jüngsten Tag gemeinsam zu mir kommen. Das erste von ihnen ist der Koran, das zweite meine Ehlibeyt. Dies habe ich von meinem Herrn erbeten. Wenn ihr euch am Seil Allahs, Seinem Wort, festhaltet und nicht von der Spur der Ehlibeyt abweicht, werdet ihr nach mir euren Weg nicht verlieren (nicht in die Irre gehen).“

Nachdem Hz. Muhammad dies gesagt hat, nimmt er Hz. Ali, der neben ihm steht, bei der Hand, hebt sie empor und setzt die Predigt so fort.

„O ihr Menschen! Ihr wisst, dass ich über meine ganze Gemeinde ein größeres Verfügungs- und Velayet-Recht habe als sie selbst. O ihr Leute (Nas)! Wisst, dass Allah mein Herr (Mevla) ist. Und ich bin der Mevla aller Gläubigen. Wessen Mevla ich bin, dessen Mevla ist auch Ali. Wer Allah liebt, liebt mich. Wer mich liebt, liebt Ali. Wer Allahs Feind ist, ist auch mein Feind. Wer mir feind ist, ist auch Ali feind.“

Nachdem Hz. Muhammad diese Worte vollendet hat, öffnet er seine Hände und spricht folgendes Gebet: „O Herr! Liebe Du, wer Ali liebt. Sei Du feind, wer Ali feind ist. Hilf Du, wer Ali hilft. Verachte Du, wer Ali verachtet und schmäht. Alis Fleisch ist in meinem Fleisch. Alis Blut ist in meinem Blut. Ali ist in mir, ich bin in Ali. Die Wahrheit ist stets mit Ali. Denn er vertritt mit mir zusammen meine Ehlibeyt. O Herr! Schütze Du ihn vor allem Übel.“ Während er so betet, stimmen alle Gefährten gemeinsam mit „Amin“ in dieses Gebet ein.

Hz. Resulullah beendet seine Predigt mit diesen Worten: „O ihr Leute! Die hier Anwesenden sollen meine Worte den Abwesenden mitteilen. Vielleicht gibt es unter jenen Abwesenden solche, die meine Worte besser im Gedächtnis behalten werden als die hier Anwesenden.“

Nach dieser Predigt des Gesandten stellen sich die Gefährten an, um Hz. Ali zu beglückwünschen und ihm den Treueid (Biat) zu leisten. Umar ibn al-Chattab (Ömer ibni Hattab), der später Kalif wurde, leistet vor allen anderen den Treueid mit den Worten: „O Ali, Sohn des Abu Talib, wie glücklich bist du, dass du der Mevla von uns allen, Frauen wie Männern, geworden bist. Ich beglückwünsche dich.“ Auch die anderen Gefährten beglückwünschen der Reihe nach Hz. Ali zu seinem Imamat und leisten ihren Treueid. Einer der Gefährten, Hassan ibn Thabit (Hasan bin Sabit), verfasste sogar ein Gedicht über das Imamat Hz. Alis.

Als in Gadir Hum diese Dinge vollendet sind und man im Begriff ist, nach Medina aufzubrechen, rezitiert der Gesandte Gottes erneut den dritten Vers der Sure al-Maida und bittet um Zustimmung: „Heute habe Ich eure Religion vervollständigt und Meine Gnade an euch vollendet. Als Religion habe Ich euch den Islam gebracht. Seid ihr einverstanden und zufrieden?“ Die Gefährten antworten alle zusammen: „Wir sind einverstanden, o Gesandter Gottes.“

Hz. Resulullah bringt mit den Worten „Sei Zeuge, o Herr! Sei Zeuge, o Herr! Sei Zeuge, o Herr!“ dem erhabenen Allah seinen Lob und Preis dar. Im Herzen überzeugt, seine Aufgabe erfüllt zu haben, sagt er dem Volk in Frieden, dass sie nun gehen können. Danach machen sie sich wieder auf den Weg nach Medina. Das Ereignis, das als „Abschiedswallfahrt“ bekannt ist, findet hier sein Ende.

 

O du, dem nichts beschieden ist.

Du verschließt dein Fenster fest und ziehst die Vorhänge zu, und doch erhoffst du dir Licht vom Mondschein. Draußen strahlt der Vollmond hell – was nützt es? Solange du ihm keinen Weg gibst, kann er nicht durch deine Tür eintreten. Wenn du in der Nacht dieser Welt vom Licht des Glaubens erleuchtet werden willst, öffne das Fenster deines Herzens für Gott (Hakk) und die Wahrheit und nimm den Schleier von deinen Augen. Versuche, mit dem Auge deines Herzens die Wahrheit zu sehen.

 

 

Quellen:

Verse des edlen Koran.

Aus den Hadithbüchern: „SAHİHİ MÜSLÜM“ (Sahih Muslim).

Hz. Muhammed’in Hayatı ve Kurduğu Dinin Esasları (Das Leben Hz. Muhammads und die Grundlagen der von ihm begründeten Religion). İstanbul Maarif Matbaası

Abdulbaki Gölpınarlı, Sosyal Açıdan İslam Tarihi (Geschichte des Islam aus sozialer Sicht), Seiten 153–158, Der Yayınları.

Ahmet Eminis elfbändiges Werk „EL-GADİR“.

Abdulbaki Gölpınarlı, Tarih boyunca İslam mezhepler ve Şiilik tarihi (Die islamischen Rechtsschulen und die Geschichte der Schia im Laufe der Geschichte). S. 40

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über den Autor: Seyit Derviş Tur Dede

Geboren 1936 in Başköy (Çayırlı, Erzincan) in einer Seyyid-Familie, die dem Ocak Babamansur (Şah Mansur) angehört. Er ist Mitbegründer und erster Vorsitzender (1990–1993) der Föderation der Alevitischen Gemeinden (Alevi Cemaatleri Federasyonu), der Vorläuferin der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Von 1994 bis 2003 leitete er den Rat der Dedes (Dedeler Kurulu) innerhalb der Föderation. Er ist Autor der Bücher Erkânname (2002) und Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması (Die erste alevitische Organisation in Europa, 2016); seine Arbeiten werden in akademischen Veröffentlichungen von Forschern wie Martin Sökefeld, Zeynel Gül, Burak Gümüş und Bülent Keleş als Quelle herangezogen.

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Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.