Imam Hasan – Ehlibeyt, Kalifat und Martyrium

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Kurz gesagt: Imam Hasan ist der zweite der Zwölf Imame, der ältere Sohn von Hz. Ali und Hz. Fatima und ein Enkel von Hz. Muhammad. Nach dem Martyrium von Hz. Ali wurde er in Kufa zum Kalifen gewählt, musste das Kalifat jedoch nach dem Zerfall seines Heeres durch einen an Bedingungen geknüpften Vertrag an Muawiya abtreten. Seyit Derviş Tur Dede erläutert auf dieser Seite die Bedeutung der Ehlibeyt (Âl-i Abâ, die Leute des Mantels), die Predigten Imam Hasans, die Vertragsbedingungen und sein Martyrium durch Vergiftung.

Der folgende Text stammt aus dem Buch Erkânname von Seyit Derviş Tur Dede. Für eine allgemeine Einführung: Was ist das Alevitentum?

Wer waren Imam Hasan und Imam Hüseyin?

Geburt 624, Medina
Martyrium 670, Medina (Baki)
Alter 46
Vater Imam Ali
Mutter Fatıma-tüz Zehra (Fatima az-Zahra)
Ehefrau Cude (Dschaʿda)

Imam Hasan und Imam Hüseyin sind die Enkel unseres geliebten Propheten. Sie sind die Herzensstücke von Hz. Ali, dem Schah der Heiligen, und von Fatima-tül Zehra – „ihre Söhne“. Im vierten Jahr der Hidschra wurde Imam Hasan geboren, im sechsten Jahr der Hidschra Imam Hüseyin. Als Imam Hüseyin, jene Sonne der Wahrheit, geboren wurde und Hz. Muhammad Mustafa, der Fürst beider Welten, die frohe Botschaft erhielt, sagte er: „Die unerschütterliche Säule und die nie untergehende Sonne dieser Religion kommt“, und verbarg seine Freude in diesem Augenblick nicht.

Als Esma, die bei der Geburt von Hz. Hüseyin als Hebamme half, das Kind brachte und es seinem Großvater in den Schoß legte, vereinte sich jenes göttliche Licht, die Sonne der Liebe, die Quelle der Fürsprache für die Welten, mit dem Quell, aus dem das göttliche Licht floss. Während das Kind noch auf seinem Schoß lag, kam in diesem Augenblick Gabriel (Cebrail), Friede sei mit ihm. Indem er den Gruß Gottes überbrachte, sagte er: „O Muhammad! Der erhabene Gott hat dem Kind den Namen Zübeyir gegeben, den Namen des Sohnes des Propheten Aaron (Harun). Auf Arabisch ist das Hüseyin. Er sagt, er solle Hüseyin heißen.“ Diese weisheitsvolle Reise offenbart deutlich die Erscheinung des göttlichen Lichtes, das vom Propheten Seth (Şit) kommt. Auf Geheiß Gottes erhält er den Namen Hüseyin.

Vor der Geburt von Hz. Hüseyin sieht Hz. Ümmül Fazıl, die Ehefrau von Hz. Hamza, dem Onkel unseres Propheten, eines Nachts im Traum, „dass Hz. Muhammad ein Stück von seinem Körper abschneidet und neben sie legt“. Ümmül Fazıl, die diesen Traum gesehen hat, geht gleich am frühen Morgen zu Hz. Resulullah (dem Gesandten Gottes) und erzählt ihm ihren Traum. Der Gesandte Gottes sagt: „O Ümmül Fazıl, Fatima ist jetzt schwanger; der Knabe, der von ihr geboren wird, ist ein Teil von mir. Durch ihn wird diese Religion ewig leuchten. Und du wirst seine Amme sein.“

Die Festtagskleider: Grün und Rot

An einem Festtag waren die Kinder der Reichen Medinas in bunten Kleidern auf die Straßen geströmt und genossen das Fest. Hz. Hasan und Hz. Hüseyin trugen die Kleider, die sie jeden Tag trugen. Imam Hasan und Imam Hüseyin, die die anderen Kinder beneideten, gingen zu ihrem Großvater und baten ihn, auch ihnen solche neuen Kleider zu kaufen. Der Gesandte Gottes öffnete seine Hände und richtete ein Bittgebet an den erhabenen Gott. In diesem Augenblick kommt Gabriel mit zwei weißen Gewändern in der Hand, doch diese unschuldigen Kinder sind nicht zufrieden. Sie wollen, dass sie bunt sind wie die der anderen Kinder. Hz. Muhammad blickt Gabriel betrübt ins Gesicht. Gabriel, Friede sei mit ihm, sagt: „Bringt Wasser; wir gießen es darüber und wringen sie aus, dann werden die Kleider die Farben annehmen, die sie sich wünschen.“ Sie gießen Wasser über die Kleider und wringen sie aus. Das Kleid von Hz. Hasan nimmt die Farbe Smaragdgrün an. Das von Hz. Hüseyin nimmt die Farbe der roten Tulpe an.

Hz. Muhammad bemerkt, dass Gabriel, Friede sei mit ihm, betrübt ist, und fragt: „O Gabriel, was ist der Grund deiner Betrübnis?“ Gabriel antwortet: „O Herr der Welten! In der Nacht der Himmelfahrt (Miraç) sah ich im Paradies den Palast von Hz. Hasan aus grünem Smaragd und den Palast von Hz. Hüseyin aus rotem Rubin gebaut. Und diese Farben, die sie gewählt haben, bedeuten, dass Hz. Hasan vergiftet werden wird und sein Gesicht im Sterben smaragdgrün sein wird. Und wenn Hz. Hüseyin den Märtyrertod stirbt, werden sein Gesicht und sein Körper von rotem Blut gefärbt sein.“ Hz. Muhammad, der Gabriel, Friede sei mit ihm, zuhört, kann es nicht ertragen, und Tränen beginnen aus seinen Augen zu fließen. Als Gabriel dies sieht, weint auch er.

Daraufhin fragt Hz. Muhammad: „O Gabriel! Wer wird meinen Kindern dieses Unrecht antun?“ Gabriel antwortet: „O Muhammad, nach dir wird sich deine Gemeinde (Ümmet) in zwei Teile spalten; ein Teil wird zu den Glaubensvorstellungen und Bräuchen des Götzendienstes der alten Zeit der Unwissenheit (Cahiliye) zurückkehren, sie dem Volk als deine Gebote darstellen und in den Unglauben versinken. Sie werden einige Menschen um sich scharen, indem sie behaupten, dies seien die Pflichten (Farz) und Bräuche (Sünnet) der islamischen Religion, und sich gewaltsam an die Spitze des Islam setzen. Diese Heuchler werden, während sie in deinem Namen Segenswünsche (Salavat) sprechen, deiner Ehlibeyt, die nicht vom rechten Weg abweicht, dieses Unrecht antun. Sie werden sie alle zu Märtyrern machen.“

In diesem Augenblick reicht Gabriel Hz. Muhammad eine Handvoll Erde von Kerbela und sagt: „Wenn das Blut von Hz. Hüseyin auf diese Erde fällt, wird auch diese Erde hier eine rote Farbe annehmen. Diejenigen, die das tun, werden auf ewig mit Fluch genannt werden. Diejenigen, die nicht von der wahren Religion abweichen, die du gebracht hast, werden, solange die Welt besteht, um sie trauern und ihrer stets gedenken.“ Leider setzten sich Ebu Sufyan (Abu Sufyan), der den Islam unter Zwang angenommen hatte, sein Sohn Muawiya und sein Enkel Yezid, ihr Verwandter Mervan und ihre Anhänger, die wie er den Fluch verdienten, mit unvorstellbaren Listen an die Spitze des Islam. Sie taten der Ehlibeyt ein beispielloses Unrecht an und machten sie alle zu Märtyrern. Später überzog dieser umayyadische Stamm alle Bräuche und die ungerechte Ordnung der Zeit der Unwissenheit mit dem Mantel „Dies ist die Sunna von Hz. Muhammad, dies ist Gottes Gebot“ und stellte den Islam auf den Kopf.

Was bedeutet die Ehlibeyt für einen Muslim? (Âl-i Abâ)

Was bedeutet die Ehlibeyt für einen Muslim? Unser geliebter Prophet, Hz. Muhammad Mustafa, geht an einem kühlen Wintermorgen mit einem schwarzen Mantel (Aba) bekleidet hinaus. Kurz darauf kommt Hz. Fatima, und er nimmt sie unter seinen Mantel. Dann kommt Hz. Ali, und auch ihn nimmt er unter seinen Mantel. Zuletzt kommen auch seine Enkel Hz. Hasan und Hüseyin, und auch sie nimmt er unter seinen Mantel. Danach richtet er sein Herz auf Gott (Hakk) und spricht dieses Gebet: „O mein Herr! Diese sind meine Ehlibeyt (die Leute meines Hauses); bewahre sie vor allem Schmutz der Welt.“ Da wird der 33. Vers der Sure al-Ahzab herabgesandt: „O ihr Leute des Hauses! Gott will nur, euch vom Schmutz der Welt zu reinigen und euch ganz rein zu machen.“

Über die Ehlibeyt heißt es im 23. Vers der Sure asch-Schura: „O Mein Geliebter! Sag denen, die an dich glauben: Für diese wahre Religion, die ich euch gebracht habe, erwarte ich von euch keinen Lohn und keine Gegenleistung. Ich erwarte von euch nur Ehrerbietung, Achtung und Verbundenheit gegenüber meiner Ehlibeyt.“

Man sieht, dass Hz. Hasan und Hz. Hüseyin keine gewöhnlichen Menschen sind. Sie vervollständigen die Ehlibeyt und sind die letzten Stationen des göttlichen Lichtes, das vom Propheten Seth kommt. Als Hz. Muhammad eines Tages in das Haus seiner Tochter Fatima kam, sah er, dass Hz. Hüseyin in der Wiege weinte, während seine Tochter mit anderen Arbeiten beschäftigt war. Als Hz. Muhammad dies sah, wandte er sich an seine Tochter und sagte: „O Fatima, du weißt doch, dass das Weinen Hüseyins mich bis ins Herz verwundet.“ Unser Prophet sagt in einem authentischen (sahih) Hadith: „Hasan und Hüseyin zu lieben ist Tevhid (Bekenntnis der Einheit Gottes).“ Er sprach: „Hüseyinun minni ve ene min Hüseyin.“ Auf Deutsch: „Hüseyin ist von mir, und ich bin in Hüseyin. Gott der Erhabene liebe den, der Hasan und Hüseyin liebt.“

Unsere Herren Hz. Imam Hasan und Imam Hüseyin, die zu jenen großen Eigenschaften Gottes gelangten, besaßen durch ihre Güte und ihre Reife Werte über allen Menschen, die nicht jedem zuteilwerden. Auch in der Andacht, die ein Meer von Wissen und Erkenntnis (Irfan) ist, glichen sie ihrem Großvater Muhammad Mustafa und ihrem Vater Ali el-Murtaza.

Und wieder ein Hadith von Hz. Muhammad; Hz. Muhammad sagte: „Wer Hasan und Hüseyin liebt, hat mich geliebt. Wer ihnen grollt, hat mir gegrollt. Und wer mir grollt, hat Gott gegrollt, und sein Platz ist das Feuer der Hölle.“

Die Mubahala (gegenseitige Verfluchung) mit den Christen von Nadschran

Eines Tages behaupteten die Christen von Nadschran (im Text: Mercan), die mit dem Propheten disputierten, der Prophet Jesus (İsa) sei Gott und der Sohn Gottes. Hz. Muhammad sagte, er glaube, dass Jesus ein Prophet Gottes sei. Doch die Würdenträger des Stammes von Nadschran akzeptierten dies nicht. Da macht Hz. Muhammad folgenden Vorschlag: „Kommt, lasst uns alle unsere Ehlibeyt (die Leute unseres Hauses) versammeln und zu Gott beten. Welche Seite auch immer das Falsche vertritt – möge Gott diese Lügner mit Seinem größten Zorn treffen.“ Sie nehmen an und gehen auseinander, um ihre Hausleute zu holen. Die Gelehrten der Christen von Nadschran sagen: „Gebt Acht! Wenn Hz. Muhammad seine Gefährten (Sahabe) und die Frauen anderer Gefährten, deren Unterhalt er in seinem Haus übernommen hat, versammelt und mitbringt, dann fürchtet euch nicht und leistet mit ihm den Schwur – es wird nichts geschehen.

Wenn er aber mit seiner Tochter Fatima, mit Ali und seinen Enkeln Hasan und Hüseyin kommt, dann hütet euch, mit ihnen den Schwur zu leisten. Denn sie sind die letzten Stationen des Lichtes, das von den Propheten kommt.“ Hz. Muhammad nimmt Hz. Ali, Hz. Fatima sowie Hasan und Hüseyin und kommt. Als er sie unter seinen Mantel nimmt und sagt: „Seht, das ist meine Ehlibeyt“, lassen die Würdenträger des Stammes von Nadschran von ihrer Behauptung ab. Ein Teil von ihnen nimmt den Islam an, ein anderer Teil bleibt bei seiner Religion und wird steuerpflichtig. Eben deshalb sind diese „Fünf Namen“ (Beş Esma, die Ehlibeyt), die mit Muhammad vereint sind, für die Aleviten nach Gott der heiligste Wert.

Imam Hasan und die Zeit seines Kalifats

Nachdem Hz. Ali im 40. Jahr der Hidschra, am 21. Ramadan des Jahres 661 n. Chr., seine Seele Gott übergeben hatte, huldigte (biat) das Volk von Kufa Imam Hasan als Kalifen. Kaum war Hz. Hasan Kalif geworden, wollte er gegen Muawiya ziehen. Doch in seinem Heer waren nur noch sehr wenige übrig, die ihm und der Ehlibeyt treu ergeben waren. Manche waren auf ihren Vorteil und Nutzen bedacht. Andere waren zweifelnde Heuchler, die nicht wussten, welche Seite sie unterstützen sollten – es hatte sich eine Gruppierung gebildet, die sich drehte, woher der Wind auch wehte. Ein Teil wiederum war dem Glauben der Charidschiten (Hariciler) verfallen, erkannte keine der beiden Seiten an und behauptete, der Kalif, den sie selbst wählen würden, sei der richtigste.

Auf der anderen Seite ruhten Muawiyas Spione keinen Augenblick. Mit Geld, Drohungen und allerlei Versprechungen zogen sie eine Reihe von Menschen mit verdorbenem Glauben auf ihre Seite und versuchten, das Umfeld Imam Hasans zu leeren. Im Heer hatten sich solche Gruppen gebildet, dass sie eines Nachts in das Zelt von Hz. Hasan eindrangen, es mit Pfeilen beschossen und plünderten. Ein anderes Mal, als er in der Moschee das Gebet leitete, griff ein Unseliger Hz. Hasan an und verwundete ihn. Man ergriff den Mann und tötete ihn. Wichtig war jedoch nicht die Tötung dieses Mannes, sondern dass Feinde der Ehlibeyt wie er immer zahlreicher wurden. Daraufhin besteigt Imam Hasan die Kanzel (Minber) und hält folgende Predigt (Hutbe):

Die Predigt Imam Hasans an die Iraker

„O ihr Iraker! Fürchtet Gott wegen dessen, was ihr uns angetan habt. Sind wir nicht zugleich euer Befehlshaber und euer Gast? Wurde nicht über uns von Gott der Vers herabgesandt: ‚O ihr Leute des Hauses, Gott will jede Art von Schuld und Unreinheit von euch nehmen und euch ganz rein machen‘? Wir sind die Ehlibeyt, von der Gott spricht. Wir haben gegen die Syrer nicht aufgrund eines Zweifels und nicht zu Unrecht gekämpft. Wir haben gekämpft, um unsere Rechte zu schützen, die man uns rauben wollte. Ihr alle habt bei Sıffin (Siffin) und am Nehrevan (Nahrawan; im Text: Nehri Van) geduldig gegen sie für eure Religion gekämpft. Eure Religion, euer Glaube standen im Vordergrund. Die Güter der Welt standen an zweiter Stelle. Jetzt aber sehe ich, dass ihr in einem Zustand seid, in dem eure Welt eurer Religion vorangestellt ist. Eure Geduld hat sich in Hast und Wirrnis verwandelt. Eure Treue hat sich in Argwohn und Feindschaft verwandelt. Hört und wisst: Wie wir früher euch gegenüber waren, so sind wir auch heute. Ihr aber seid uns gegenüber nicht mehr wie früher. Ihr seid allerlei Vorteilen und Berechnungen nachgelaufen. Hört und wisst: Ihr steht zwischen zwei Scharen von Getöteten. Um die bei Sıffin Gefallenen weint ihr. Für die am Nehrevan Getöteten wollt ihr Rache nehmen. Diejenigen, die diese Kriege führen wollten, kamen mit Heeren über uns. Jedes Mal schickten wir Gesandte, damit kein Krieg ausbräche. Wir taten alles, was in unserer Macht stand, damit kein Krieg ausbräche. Am Ende wurden wir gezwungen, zu kämpfen, um uns selbst und unsere Rechte zu schützen, und wir führten diese Kriege alle gemeinsam. Diejenigen uns gegenüber, die kein Recht haben, wollen uns unser Recht entreißen. Muawiyas Heere sind gekommen und stehen am Ufer des Euphrat bei Mesker. Wenn ihr das Recht nicht dem Unrecht ausliefern wollt – denn darin liegt weder Größe noch Gerechtigkeit –, wenn ihr das Recht der Ehlibeyt schützen und die Religion des Islam, die mein Großvater Muhammad Mustafa gebracht hat, lebendig halten wollt, dann werdet ihr mit uns kämpfen, und sei es um den Preis des Todes. Lasst uns auch Muawiyas Angebot zurückweisen. Wie bei Bedr, wie am Graben (Hendek), wie bei Sıffin – lasst uns gemeinsam kämpfen, und sei es um den Preis des Todes. Wenn ihr euch aber vom Islam entfernen und wieder die Zeit der Unwissenheit leben wollt, dann lasst uns Muawiyas Angebot annehmen. Hört und wisst: Ich will das Recht nicht dem Unrecht ausliefern. Doch ich kann mich auch nicht auf die Zwietracht und den Aufruhr verlassen, die unter euch herrschen.

Jetzt frage ich euch: Gebt eure Entscheidung bekannt.“ Als er dies sagt, erheben sich von allen Seiten laute Rufe: „Wir wollen keinen Krieg, wir wollen eine Einigung.“ Imam Hasan sagt: „Weh mir, nun ist mir das Rückgrat gebrochen. Ich hätte dieses Recht Muawiya nicht ausgeliefert. Doch die Iraker haben mich allein gelassen. Wären wie früher die treuen Freunde in der Mehrheit gewesen – bei Gott, ich hätte Tag und Nacht gegen Muawiya gekämpft. Am Ende hätte Gott zwischen mir und ihm gerichtet.“ Er steigt von der Kanzel und geht nach Hause.

Die Bedingungen des Vertrags mit Muawiya

Imam Hasan prüft zu Hause Muawiyas Angebot, ihm das Kalifat zu überlassen! Er sieht, dass Muawiya eher droht, als Frieden anzubieten. Daraufhin schreibt Imam Hasan, dem kein anderer Ausweg bleibt, an Muawiya, dass er ihm das Kalifat nur überlassen werde, wenn folgende Bedingungen angenommen würden: „Das Volk soll gemäß dem Buch Gottes und der Sunna des Gesandten regiert werden; den Anhängern von Hz. Ali soll in keiner Weise Böses zugefügt werden. Gegen Hz. Ali und die Ehlibeyt sollen keine bösen Worte gesprochen, keine wörtlichen oder körperlichen Beleidigungen begangen werden. Du wirst alle Tafeln, auf denen Schmähungen gegen Hz. Ali geschrieben stehen, von den Türen der Moscheen und von den Straßen entfernen. Den Versehrten unter den Kriegsmärtyrern soll ein Anteil an der eingehenden Beute gegeben werden. Er soll nach sich niemanden als Kalifen an seine Stelle bestimmen. Die Einkünfte der Ortschaft Darab-Gerd bei Basra sollen für den Lebensunterhalt der Ehlibeyt den Erben von Hz. Ali überlassen werden. Denn ihnen ist von Hz. Ali keinerlei Erbe geblieben.“

Muawiya lässt durch die Entsendung von Abdullah bin Abbas und Übeydullah bin Samuray mitteilen, dass er alle Vorschläge Imam Hasans angenommen habe. Daraufhin nehmen Abdullah und Übeydullah von Imam Hasan und den übrigen Angehörigen der Linie der Ehlibeyt – mit Ausnahme von Imam Hüseyin – die Huldigung für Muawiya entgegen. Hz. Hüseyin sagt zu seinem älteren Bruder Imam Hasan: „Weißt du nicht um die Feindschaft der Linie Ebu Sufyans gegen uns? Du übergibst das Kalifat unter einigen Bedingungen dem Ränkeschmied Muawiya, der so verschlagen ist wie der Teufel. Kennt etwa jener Ränkeschmied, der bei Sıffin Koranblätter auf die Lanzen stecken ließ, das Buch Gottes und die Sunna des Propheten? Wenn er sein eigenes Kalifat gefestigt hat, wird er keine einzige deiner Bedingungen erfüllen.“

Hz. Hasan richtet folgende Ansprache an das Volk des Irak: „O Volk des Irak! Ich habe kein Vertrauen mehr zu euch. Zu Lebzeiten meines Vaters Hz. Ali habt ihr ihm so viel Widerstand geleistet. Nicht einen Tag habt ihr ihn ohne Kummer gelassen. Schließlich habt ihr ihn getötet. Auch mir habt ihr so viel Mühsal bereitet. Ihr habt mich angegriffen, ihr habt mich verwundet. Ich bin noch verwundet, meine Wunde ist nicht verheilt, und ihr habt mein Hab und Gut geplündert. O Volk von Kufa! Mit diesem eurem Verrat an der Ehlibeyt habt ihr euch einem ergeben, der noch treuloser und grausamer ist als ihr, und habt auch uns dazu gezwungen. Zwischen uns und euch genügt das Gericht Gottes. Ich überlasse nun im Rahmen dieser Bedingungen das Kalifat Muawiya. Eurer Huldigung bin ich überdrüssig. Huldigt, wem ihr wollt.“

Imam Hasan sagt zu seinem Bruder Hz. Hüseyin: „O mein Herzensstück! Ich verabscheue diese doppelzüngigen, heuchlerischen Menschen. Über charakterlose Menschen, deren Zunge mit uns und deren Schwert mit Muawiya ist, kann man nicht Kalif sein. Du hast gesehen, was sie meinem Vater und mir angetan haben. Dies ist ein glaubensloses Volk, das sich für Geld verkauft. Die Freunde der Ehlibeyt und die gläubigen Menschen sind sehr in der Minderheit geblieben. Hätte ich das Kalifat nicht aufgegeben, wären diese unsere Freunde und auch wir über die Klinge gesprungen. Damit die Linie der Ehlibeyt und ihre Freunde am Leben bleiben, habe ich mich notgedrungen vom Kalifat zurückgezogen. Meiner Ansicht nach habe ich unter diesen Umständen das Beste getan.“

Unter solchen Umständen überließ Imam Hasan Muawiya das Kalifat. Kays bin Sad jedoch erkannte Muawiyas Kalifat nicht an und bezog mit seinen 12.000 Soldaten Stellung in der Ortschaft Sehaddin zwischen dem Irak und Damaskus. Alle, die Muawiyas Kalifat nicht anerkannten, sammelten sich bei Kays. Muawiya schickte einen Gesandten zu Kays und ließ ihm sagen: „O Kays! Für wen kämpfst du? Auch Hz. Hasan hat mir gehuldigt.“ Kays antwortet: „Ich kämpfe für unseren Glauben und für die Religion des Islam.“ Wie dem auch sei – Muawiya muss Kays allerlei Versprechungen gemacht haben, denn auch Kays erkennt Muawiyas Kalifat an und geht nach Kufa zu Muawiya.

Nachdem Muawiya mit dieser List und Betrügerei den Vertrag hatte aufsetzen lassen und vor Zeugen und Parteien unterzeichnet hatte, besteht er darauf, dass Hz. Hasan auch seinen Bruder Imam Hüseyin huldigen lässt. Imam Hasan gibt Muawiya folgende Antwort: „O Verräter! Der Hauptarchitekt der Ermordung des Kalifen Osman (Uthman) bist du. Und dann lässt du mit der Behauptung, Ali schütze die Mörder Osmans, in allen Moscheen und Straßen Schmähtafeln gegen unseren Vater Imam Ali aufhängen. Ich habe das Kalifat aufgegeben, um meinen Protest der ganzen islamischen Welt kundzutun. Doch dir werde ich niemals huldigen, und ich habe dir nie gehuldigt. Mein jüngerer Bruder Imam Hüseyin ist in dieser Sache noch entschlossener als ich. Er gibt um den Preis von Blutvergießen sein Leben hin, doch dir huldigt er nicht. Auch er ist entschlossen, sein Anliegen auf diese Weise der islamischen Welt kundzutun.“

Als Muawiya diese Antwort von Imam Hasan erhält, steigt sein Hass noch mehr. Sogleich geht er von Kufa nach Nuhayle. In der ersten Predigt, die er dort hält, sagt er: „Ich habe mit Imam Hasan einen Vertrag geschlossen und versprochen, einige Bedingungen einzuhalten. Doch alle diese Bedingungen liegen unter meinen Füßen. Keine einzige davon werde ich erfüllen.“ Und er tut, was er gesagt hat.

Muawiya, der in den Moscheen Predigten mit der Verleumdung „Ali hat den Kalifen Osman töten lassen“ halten ließ, ging so weit, Hz. Ali verfluchen zu lassen. Als man eines Tages in der Prophetenmoschee (Mescid-i Nebi) in Gegenwart von Ümmi Seleme (Umm Salama) Hz. Ali schmähte und verfluchte, trug Ümmi Seleme folgenden Hadith von Hz. Muhammad vor: „Wer Hz. Ali schmäht und ihm grollt, hat mich geschmäht und mir gegrollt. Wer mich schmäht und mir grollt, hat Gott geschmäht und Ihm gegrollt.“ Obwohl sie die Menschen lautstark an diesen Hadith erinnerte, dauerte dieses Unrecht bis zur Zeit von Umar ibn Aziz, einem der umayyadischen Kalifen, an.

Das Martyrium Imam Hasans durch Vergiftung

Muawiya erfüllte nicht nur keine einzige Bestimmung des Vertrags, den er mit Imam Hasan geschlossen hatte, sondern war auch über die bloße Existenz Imam Hasans sehr beunruhigt. Deshalb beschließt er, Imam Hasan zu beseitigen. Ganze vier Jahre sucht er nach Wegen, wie er Imam Hasan töten kann.

Schließlich sagt er zu Cude, der Ehefrau Imam Hasans, der Tochter von Eş’as, dem Sohn des Kays, die mütterlicherseits die Tochter der Schwester Abu Bakrs war: „Wenn du Imam Hasan vergiftest und tötest, werde ich dir tausend Dirham geben und dich mit meinem Sohn Yezid verheiraten. Ich werde dir ein sehr schönes Leben bereiten.“ Mit diesen Versprechungen überzeugt Muawiya Cude. Er schickt ihr sogar das Gift, mit dem sie ihn vergiften soll, und wartet.

Die von Gott verfluchte Frau gibt das Gift in den Wasserkrug, aus dem Imam Hasan trinkt, wenn er nachts Durst bekommt. Wie immer bekommt Imam Hasan auch in jener Nacht Durst, setzt den Krug an und trinkt das Wasser. Unter der Wirkung des sehr starken Diamantgiftes übergibt er seine Seele Gott. Nach der Geschichte des Tabari starb Imam Hasan im Jahr 42 der Hidschra im Monat Şaban. Nach anderen Angaben am 28. des Monats Safer im Jahr 49 der Hidschra. Nach christlicher Zeitrechnung im Jahr 670.

Die berittenen Männer, die Muawiya für Cude, die Imam Hasan vergiftet hatte, bereitgestellt hatte, nehmen Cude und bringen sie geradewegs nach Damaskus. Während Cude, die Muawiya die frohe Botschaft vom Tod Imam Hasans überbringt, erwartet, belohnt und mit Yezid verheiratet zu werden, sagt Muawiya, der noch teuflischer ist als der Teufel: „Du warst einem Ehemann wie Imam Hasan untreu und hast ihn vergiftet und getötet. Wer weiß, was du meinem Sohn alles antun würdest. Schon dass du auf der Welt bleibst, ist für uns die größte Gefahr. Schlagt ihr den Kopf ab!“ Und er lässt sie dort töten.

Kurzbiografie Muawiyas

Werfen wir kurz einen Blick auf die Biografie Muawiyas: Muawiyas Vater ist Ebu Sufyan, sein Großvater Harb, sein Urgroßvater Ümeyye (Umayya). Muawiyas Mutter Hinde (Hind) ist die Frau, die in der Schlacht von Uhud die Leber von Hz. Hamza, dem Onkel von Hz. Muhammad, roh essen wollte. Sein Vater Ebu Sufyan plante, als sei die Unterdrückung und Grausamkeit, die er Hz. Muhammad in der mekkanischen Zeit angetan hatte, nicht genug, ihn schließlich zu töten. Hz. Muhammad rettete sein Leben vor diesem Tod, indem er nach Medina floh. In der Geschichte nennt man dies die „Hidschra“ (Hicret) von Mekka nach Medina.

Hz. Muhammad war erst im ersten Jahr in Medina, als Ebu Sufyan mit einem Heer von 30.000 Mann Medina überfiel, um Hz. Muhammad und die Muslime zu vernichten. In dieser ersten Schlacht, der Schlacht von Bedr (Badr), erlitt das Heer Sufyans gegen die 300 Mann starke zivile Gemeinschaft von Hz. Muhammad große Verluste. Ein Jahr später überfiel er Medina erneut mit einem Heer von 12.000 Mann.

Dies nennt man die Schlacht von Uhud. In dieser Schlacht erlitt die Seite von Hz. Muhammad große Verluste. Hz. Muhammad wurde verwundet, Hz. Hamza fiel als Märtyrer. Hinde, die Mutter Muawiyas, die in der Schlacht von Bedr ihren Vater und ihre Brüder verloren hatte, schlitzte in dieser Schlacht den Bauch von Hz. Hamza auf und wollte seine Leber essen. Doch auch in dieser Schlacht erreichten sie nicht, was sie wollten; sie konnten Hz. Muhammad und die Muslime nicht vernichten. Zwei Jahre später zogen sie erneut mit einem Heer von 300.000 Mann gegen Medina, um Hz. Muhammad und die Muslime zu vernichten. Auch darin hatten sie keinen Erfolg. Dies nennt man die Grabenschlacht (Hendek).

Die Verluste, die sie in diesen Schlachten erlitten, steigerten den Hass Ebu Sufyans noch mehr. Doch als die Muslime von Tag zu Tag stärker wurden, schwanden auch Ebu Sufyans Hoffnungen, die Muslime zu vernichten. Der Hass der Feindschaft, die zuvor offen herausgefordert hatte, begann sich heimtückisch zu verbergen. Die Familie Sufyan, die den Islam unter Zwang annahm, als Hz. Muhammad im Jahr 630 Mekka einnahm, wartete stets auf eine Gelegenheit zur Rache.

Muawiya war zur Zeit dieser Ereignisse ein junger Mann von etwa 20 Jahren. Muawiya, der mit der Rachgier aufwuchs, die ihm seine Mutter und sein Vater – Feinde der Nachkommenschaft von Hz. Muhammad – eingeimpft hatten, ließ zuerst Hz. Ali und danach Imam Hasan töten; dies ist der offenkundige Beweis seiner Feindschaft. Schließlich machte sein Sohn Yezid in Kerbela Hz. Hüseyin zum Märtyrer. Wenn wir die Biografie dieser Linie betrachten, sehen wir das Bild der größten Feinde der Nachkommenschaft von Hz. Muhammad und der Religion des Islam. Leider blieb die muslimische Religion, die Hz. Muhammad gebracht hatte, 86 Jahre lang in den Händen dieser Feinde. Eben deshalb gilt, wenn wir es aus mystischer (tasavvufi) Sicht bedenken und untersuchen: Die heutige sunnitische Scharia hat weder mit dem Koran noch mit der von Hz. Muhammad gebrachten Religion des Islam auch nur entfernt etwas zu tun. Denn nachdem Hz. Ali zum Märtyrer gemacht worden war, also nach den vier Kalifen, wurden alle Regeln und Ausformungen der Pflicht (Farz), der Sunna, des Vacip (Verbindlichen), des Analogieschlusses (Kıyas), des Fastens und des Gebets, die es heute in der Religion des Islam gibt, in der Zeit Muawiyas und Müterakims, des Sohnes Mervans, festgelegt. Dies ist ein System, das Volk durch eine auf Religion gestützte Unterdrückungsordnung einzuschüchtern und zu regieren, und so ist es bis heute gekommen und so dauert es auch fort.

Quelle: Seyit Derviş Tur, Erkânname – Aleviliğin İslam Yorumu ve Alevi Erkânları (Erkânname – Die alevitische Deutung des Islam und die alevitischen Rituale), erweiterte 3. Auflage (ISBN 975-6791-52-7).

Weitere Beiträge zum Alevitentum

Glaube und Erkân (Ritualordnung)

Cem und Rituale

Feste, Fasten und heilige Tage

Die Zwölf Imame

Die Sieben Großen Dichter (Yedi Ulu Ozan)

Geschichte: Ehlibeyt, Gadir Hum und Kerbela

Bücher und alevitische Organisation in Europa

Auf Deutsch: Alevitentum: Grundlagen, Glaube und zentrale Begriffe · Geschichte der Aleviten-Organisation in Deutschland

Über den Autor: Seyit Derviş Tur Dede

Geboren 1936 in Başköy (Çayırlı, Erzincan) in einer Seyyid-Familie, die dem Babamansur-Ocak (Şah-Mansur-Ocak) angehört. Er ist Mitbegründer und erster Vorsitzender (1990–1993) der Föderation der Alevitischen Gemeinden, der Vorläuferin der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Von 1994 bis 2003 leitete er den Dede-Rat der Föderation. Er ist Autor der Bücher Erkânname (2002) und Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması (Die erste alevitische Organisation in Europa, 2016); seine Arbeiten werden in akademischen Veröffentlichungen von Forschern wie Martin Sökefeld, Zeynel Gül, Burak Gümüş und Bülent Keleş als Quelle zitiert.

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Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.