
LEBENSGESCHICHTE VON SEYYİD DERVİŞ TUR
Laut Melderegister bin ich am 10.11.1936 in Başköy im Landkreis Çayırlı der Provinz Erzincan geboren. Vater und Mutter stammen beide aus der Abstammungslinie des Şah Mansur (Baba Mansur). Mein Vater Seyyid Haydar Dede ist in vierter Generation ein Enkel des Seyyid Keko, genannt Rahber. Meine Mutter Elif Ana ist die Tochter von Seyyid İbrahim, dem älteren Bruder von Seyyid Kasım, aus dem Şah-Mansur-Ocak (Ocak: geistliche Abstammungsfamilie der Dedes) im Dorf Gelengeç bei Çayırlı. Ursprünglich hat sich unsere Familie zwar vom Dorf Moğundu im Landkreis Mazgirt (Tunceli) aus verbreitet, doch offenbar haben sich unsere Vorfahren schon mindestens fünfzehn Generationen zuvor in dieser Gegend niedergelassen. Bis 1939 versahen mein Großvater und mein Vater für die Talips (Anhänger, die einem Ocak zugeordnet sind) in dieser Region den religiösen Dienst. Beim Erdbeben von Erzincan 1939 wohnten wir in Başköy. Ich erinnere mich daran so genau, als wäre es heute.
Sechs Monate nach dem Erdbeben zogen wir in das Dorf Mitini, das zum zentralen Landkreis von Erzincan gehört. Von 1944 bis 1949 besuchte ich die Grundschule im Dorf Mitini. In den knapp zwölf Jahren, in denen wir in Mitini lebten, begann mein Vater Haydar Dede jedes Jahr im neunten Monat mit den Cems (Cem: alevitischer Gottesdienst). Der Nevruz-Cem am 21. März war jeweils der letzte Cem des Jahres. 90 % dieser Cems wurden als Görgü-Cems (Rechenschafts-Cems) abgehalten. Das religiöse Fundament meiner Kindheit wurde in diesen Cems gelegt.
Auch nachdem unsere Familie im Dezember 1950 nach Ankara gezogen war, hielten wir die religiösen Dienste in Ankara lebendig, wenn auch nicht in dem Maße wie im Dorf. Von 1951 bis 1954 absolvierte ich drei Jahre lang eine Berufsausbildung in der Kfz-Reparaturabteilung der militärischen Lehrwerkstatt für schwere Instandsetzung. Danach arbeitete ich in Ankara als Mechaniker in privaten Werkstätten. Am 25.08.1955 erwarb ich den Führerschein. Während ich als Taxifahrer arbeitete, heiratete ich am 23.04.1956. Bis zu meinem Militärdienst fuhr ich Taxi. Am 20.09.1957 wurde ich zum Wehrdienst einberufen. Die Grundausbildung absolvierte ich 45 Tage lang im militärischen Ausbildungszentrum Manisa. Da ich einen Führerschein aus Ankara hatte, schickte man mich als Fahrer zum Istanbuler Garnisonskommandanten, Korpsgeneral Hayati Ataker. Meinen Wehrdienst beendete ich, nachdem ich zwei Jahre lang Fahrer des Generals gewesen war.
Nach dem Militär fuhr ich in Ankara eine Zeit lang Taxi. Im April 1961 trat ich bei der DSİ
– der staatlichen Wasserbehörde (Devlet Su İşleri) – eine Stelle in der Maschinenabteilung des Maschinenversorgungsamtes an. Während ich in der Maschinenabteilung der Wasserbehörde arbeitete, besuchte ich die Abendschule des Yıldırım-Beyazıt-Gymnasiums. Mein Ziel war es, Maschinenbauingenieur zu werden. In dieser Zeit wurden fortwährend ungelernte Arbeiter nach Deutschland geschickt. Auch ich trug mich einige Male mit diesem Gedanken. Doch meine Stellung am Arbeitsplatz war sehr gut: Ich war Vorarbeiter der Abteilung für Dieselpumpen, Caterpillar- und General-Motors-Motoren. Deshalb wollte ich eigentlich nicht nach Deutschland gehen. Doch leider war es wohl Schicksal: Mein verstorbener älterer Bruder Kasım kam aus Deutschland auf Heimaturlaub. Obwohl er wusste, dass ich eine gute Arbeit hatte, riet er mir, nach Deutschland zu kommen, und überzeugte mich. Danach stellte mein Bruder Hüseyin, der in Köln bei den Ford-Werken arbeitete, einen Antrag für mich und half mir, nach Deutschland zu kommen.
Inhaltsverzeichnis
- Meine Ankunft in Deutschland
- Unsere Arbeit für unseren ehlibeyt-alevitisch-islamischen Glauben
- Der Beschluss zur Gründung eines Vereins
- Unsere Reise nach Österreich
- Der Beschluss zur Gründung einer Föderation
- Der erste unter dem Namen „Alevi“ gegründete Verein in İzmir-Narlıdere
- Wie wir die Anliegen der Aleviten vor die Regierung Demirel brachten
- Der Übergang der Föderation an das Kölner Team
- Die Gründung des Dede-Rates
- Die Gründung des AABF-Bestattungshilfefonds
- Die Gründung der Alevitischen Akademie
- Die Kerbela-Reise
- Meine Reise zum Dede-Kongress in Offenburg
MEINE ANKUNFT IN DEUTSCHLAND:
So kam ich im Mai 1966 als Arbeiter in eine Konservendosenfabrik in Köln. Doch ich bereute es sehr, gekommen zu sein. Zum einen war der Lohn geringer als das, was ich in der Türkei bei der staatlichen Wasserbehörde verdient hatte. Zum anderen schleppte ich acht Stunden lang ununterbrochen Dosen. Das setzte mir sehr zu. So begann mein Abenteuer Deutschland. Schließlich hatte ich mir in den Kopf gesetzt: Entweder finde ich Arbeit in meinem Beruf, oder ich kehre in die Türkei zurück. Endlich sah mein Bruder im März 1967 in einer Zeitung die Anzeige „Dieselmotoren-Reparaturmeister gesucht“. Er brachte mir diese Anzeige. Wir riefen an, und man gab uns eine Adresse mit den Worten: „Kommen Sie am Samstag vorbei, dann sprechen wir.“ Die Adresse lag in einem Dorf namens Hennef im Kreis Siegburg. Ich nahm mein Diplom und meine Arbeitszeugnisse, die ich in Ankara ins Deutsche hatte übersetzen lassen, mit, und wir fuhren zu der angegebenen Firmenadresse in Hennef. Nachdem der dortige technische Leiter meine Unterlagen gelesen hatte, sagte er: „Gut, wir stellen Sie ein. Aber wenn wir innerhalb von drei Monaten nicht zufrieden sind, entlassen wir Sie.“ Unter dieser Bedingung fing ich an zu arbeiten. In dieser Firma Alyos Gilyam arbeitete ich drei Jahre lang als Reparaturmeister für Dieselmotoren und Lastwagen. Ich habe drei Söhne: Yusuf und Kenan sind in Ankara in der Türkei geboren, Erdoğan in Siegburg in Deutschland; außerdem habe ich sieben Enkelkinder.
Im Jahr 1969 vereinbarte Nevzat Bey, der Inhaber der Varan-Busgesellschaft in der Türkei, mit der Fluggesellschaft EL.T.U die Aufnahme von Arbeiterflügen zwischen Düsseldorf und Istanbul an den Wochenenden, samstags und sonntags. 1969, während ich noch in der Werkstatt arbeitete, begann ich, an den Wochenenden in den Wohnheimen türkischen Arbeitern Flugtickets und Exportwaren zu verkaufen. Schließlich kündigte ich im Februar 1970 bei meiner Firma. Von da an widmete ich mich ganz dem Handel. 1970 eröffnete ich in der Stadt Dillenburg ein Geschäft, das auf den Namen der deutschen Frau eines Bekannten, mit der er zusammenlebte, eingetragen war. Während ich neun Jahre in Dillenburg als Gewerbetreibender tätig war, eröffneten wir 1972 zusammen mit meinem älteren Bruder Kasım in Istanbul-Nişantaşı an der Vali-Konağı-Straße ein gemeinsames Geschäft mit dem Namen „Avrupa Galerisi“ (Europa-Galerie). Als mir 1975 in Deutschland persönlich eine Gewerbeerlaubnis erteilt wurde, schlossen wir Ende 1975 das Geschäft in Istanbul. 1977 kauften wir in Rüsselsheim das Haus, in dem wir bis heute wohnen. Wir zogen jedoch erst am 02.03.1979 nach Rüsselsheim. In dem Haus, das wir in Rüsselsheim gekauft hatten, betrieben wir bis in die 2000er-Jahre einen Lebensmittelmarkt, in dem ebenso ein Reisebüro und ein Exportgeschäft untergebracht waren. Alles bis hierher waren die Arbeiten, mit denen wir den Lebensunterhalt unserer Familie bestritten. Neben diesen Tätigkeiten gab es aber auch die Arbeit auf geistiger Ebene – für unseren Glauben, unsere Philosophie und unsere Kultur.
Wir Türken waren alle mit der Absicht gekommen, zwei oder drei Jahre in Deutschland zu arbeiten, etwas Geld zu verdienen und dann wieder in die Türkei zurückzukehren. Doch es kam nicht so, wie gedacht. 95 % derer, die gekommen waren, kehrten nicht zurück. Das einzige Ziel derer, die in Deutschland blieben und arbeiteten, war es, Geld zu sparen. Im Laufe der Jahre holten viele ihre Familien und Kinder nach. In diesem Streben nach Geld bemerkte niemand, wie fünfzehn, zwanzig Jahre vergingen. Wir waren im Jahr 1985 angekommen. In der Türkei hatte Kenan Evren 1980 geputscht; die 68er-Generation und die damaligen Linken hatten sich größtenteils in Europa niedergelassen. Die linke Ideologie in Europa übte ihren Einfluss in höchstem Maße aus. Viele besonnene Menschen unter den Arbeitern begannen zu fragen: Was ist eigentlich unser Glaube? In Zukunft werden unsere Kinder ihre Philosophie, ihre Kultur und ihren Glauben nicht mehr kennen. Werden sie später zu den Zeugen Jehovas gehen, sunnitisch werden, katholisch oder evangelisch werden – wohin werden sie gehen und was wird aus ihnen werden? Diese Sorge kam in der alevitischen Gemeinschaft allmählich auf die Tagesordnung. Die Aussage, dass 1984 in den Jugendgefängnissen des Landes Nordrhein-Westfalen 60 % der unter 18-Jährigen alevitische Kinder seien, veranlasste die nachdenklichen Aleviten, in dieser Hinsicht noch sensibler zu handeln.
UNSERE ARBEIT FÜR UNSEREN EHLİBEYT-ALEVİTISCH-ISLAMISCHEN GLAUBEN
Im ersten Monat des Jahres 1986 gingen wir in Rüsselsheim zur Hochzeit eines Kunden aus Çorum. An unseren Tisch setzte sich eine Familie, die wir nicht kannten. Wir stellten uns einander vor; der Herr erzählte, dass er aus Çorum stamme, Absolvent der Pädagogischen Hochschule Gazi in Ankara und von Beruf eigentlich Lehrer sei. Auch ich stellte uns vor. Nachdem wir uns kennengelernt hatten, begannen wir im Gespräch mit der Frage: Was wird aus den alevitischen Kindern in Europa? Doch im Trubel der Hochzeit konnten wir kaum reden. Wir brachen gemeinsam von der Hochzeit auf und gingen zu uns nach Hause. Im Gespräch darüber, mit welcher Arbeit wir den alevitischen Glauben in der alevitischen Gemeinschaft wieder lebendig machen und wie wir den alevitischen Kindern helfen könnten, war die Nacht schon weit fortgeschritten. Beim Abschied sagte İsmail Bey: „Wenn in einem Monat mein Schwager kommt, möchte ich ihn mit Ihnen bekannt machen. Wären Sie auch daran interessiert?“ Wir sagten: „Natürlich, wir erwarten Sie mit Freude“, und verabschiedeten unseren Gast.
Ob ein oder zwei Monate vergangen waren – da rief İsmail Bey an: „Haben Sie Zeit, Derviş Bey? Dürfen wir heute Abend zu Ihnen kommen?“ Als ich sagte: „Bitte sehr, wir erwarten Sie“, kamen sie eine Stunde später, er und sein Schwager. Nachdem wir uns nach dem Befinden erkundigt hatten, ging es sofort um die Frage: Was wird aus der Zukunft der alevitischen Kinder? Wenn es mit der alevitischen Gemeinschaft so weitergeht, wird sie ihren Glauben verlieren. Dagegen muss man etwas tun. Aber was können wir tun? İsmail Beys Schwager berichtete über die Lage der alevitischen Kinder in den Gefängnissen in Nordrhein-Westfalen. İsmail Bey schlug das Vereinsmodell vor, damit wir den alevitischen Glauben in Deutschland lebendig erhalten können. Ich dagegen sagte: Lasst uns den alevitischen Ehlibeyt-Glauben (Ehlibeyt: die Familie des Propheten, Ahl al-Bayt) nicht mit einem Verein, sondern mit einem Dergâh (Konvent, geistliches Zentrum) pflegen. Mein Argument war, dass in die Vereine die Politik eindringt, und wo die Politik eindringt, kann kein Glaube bestehen – so hatte ich mich gegen die Gründung eines Vereins ausgesprochen. İsmail Bey sagte: „Wir haben keinen Dede, der einen Dergâh leiten könnte, wir haben kein Wissen – mit wem sollen wir einen Dergâh führen? Das ist unmöglich.“ Mit den Worten „Einen Verein jedoch können wir gründen“ überzeugte er mich. Wir sprachen lange darüber, wie und mit wem wir ihn gründen würden. Schließlich kamen wir zu folgendem Beschluss:
Wir wollten mit einem kleinen Treffen einige alevitische Canlar (Geschwister im Glauben) zusammenbringen, ihnen unsere Gedanken darlegen und sehen, ob die alevitische Gemeinschaft uns unterstützt. İsmail Bey sagte: „Ich kenne in Wiesbaden einen Lehrer namens Ahmet Aydemir. Ich gebe ihm Bescheid, und ich bringe auch einige Leute aus Mainz mit. Sammle du hier in Rüsselsheim ein paar Leute, dann sehen wir, was sie zu unseren Gedanken sagen, und handeln danach.“ Schließlich trafen wir uns zum vereinbarten Termin, am 23.02.1986, mit 15 Personen im Untergeschoss der Cafeteria meines Sohnes Yusuf. Als alle gekommenen Canlar sagten: „Ihr habt das sehr gut durchdacht, wir alle werden euch helfen“, glaubten auch wir daran, dass dies seinen Fortgang nehmen würde. Wir gingen mit dem Beschluss auseinander, dass jeder in seinem Umfeld Bescheid geben solle und wir uns in einem Monat hier wieder treffen würden.
DER BESCHLUSS ZUR GRÜNDUNG EINES VEREINS
Einen Monat später kamen wir am selben Ort mit 70 oder 75 Personen zusammen. Alle waren mit derselben Begeisterung dabei, und so beschlossen wir, einen Verein zu gründen. In den geschäftsführenden Gründungsvorstand wurden İsmail Yağlı, Ahmet Aydemir und Derviş Tur gewählt. Veli Ocakoğlu sollte uns bei unseren deutschsprachigen Schreiben helfen. In der Zwischenzeit hielten wir viele Versammlungen ab. Dass unsere Linken bei diesen Versammlungen ständig Druck ausübten, unsere Treffen sabotierten und uns bedrohten, bescherte uns sehr schwere Tage.
Schließlich vollzogen wir am 01.12.1988 die offizielle Gründung des Alevitisch-Bektaşitischen Vereins Mainz, Rüsselsheim, Wiesbaden. Von 1967 bis 1991 reisten wir in viele Städte und gaben, indem wir Seminare über das Alevitentum hielten, in ganz Deutschland Empfehlungen und Hilfe zur Gründung alevitischer Vereine. Die Vereine, die mit unserer Hilfe gegründet wurden und offiziell anerkannt wurden, waren: Mainz, Frankfurt, Köln, Dortmund, Kassel, Duisburg, Stadtallendorf, Heilbronn und Filderstadt – insgesamt neun Vereine. Wir begannen, noch schneller zu arbeiten. Da wir den Anstoß zur Gründung dieser Vereine gegeben hatten und uns deshalb umso mehr verantwortlich fühlten, hielten wir unermüdlich jede Woche irgendwo ein Seminar. Es war das Jahr 1989, der zweite Hızır-Monat (Hızır: der heilige Helfer in der Not, dem ein eigenes Fasten gewidmet ist). Ich, Ahmet Aydemir, İsmail Yağlı und Musa Bakır waren zum Verein in Kassel gefahren, um über Hızır und das Hızır-Fasten zu sprechen. Die Mitglieder des Kasseler Vereins stammten überwiegend aus Erzincan. Ein weiteres Drittel waren unsere Canlar aus Çorum. Eine kleinere Gruppe bildeten Menschen aus anderen Provinzen.
Auch die Mitglieder des Dortmunder Vereins stammten überwiegend aus Çorum. Sie sind mit den Leuten aus Çorum in Kassel verwandt. Sie hatten gehört, dass ein Seminar über Hızır Aleyhisselam gehalten werden sollte. Eine große Menschenmenge war aus Dortmund nach Kassel gekommen. Nachdem wir unsere Vorträge beendet hatten, gingen wir zum Gespräch über. Im Verein gab es Mitglieder aus Çorum, Erzincan, Erzurum-Hınıs, Tunceli und Sivas. Während des Gesprächs sagte jeder, das in seinem Dorf oder seiner Stadt praktizierte Alevitentum sei das „vierundzwanzigkarätige“ – und so entstand zwischen den Leuten aus Çorum und denen aus Tunceli ein kurzer Streit. Das hatte mich sehr betrübt. Da wir am Sonntag eine Versammlung in Heilbronn hatten, mussten wir, wenn auch zu später Stunde in der Nacht, nach Hause zurückkehren. Wir machten uns in Kassel mit unserem Auto auf den Weg, ich saß am Steuer, und wir fuhren Richtung Frankfurt. Weil mich dieser unnötige Streit sehr betrübt hatte, sagte ich: „Freunde, wir haben uns auf diesen Weg gemacht, um dem alevitischen Glauben und den Aleviten nützlich zu sein. Heute habe ich hier gesehen, dass wir mehr Schaden als Nutzen anrichten werden. Kommt, solange der Weg noch kurz ist, lassen wir diese alevitische Sache ruhen. Habt ihr nicht gesehen? Jeder hält die alevitischen heiligen Werte, die er in seiner Heimat kennengelernt hat, für höherwertig als die der anderen. Wenn es so weitergeht, wird der alevitische Glaube in Stücke zerfallen. Wenn wir kein übergeordnetes Gremium gründen und die Vereine nicht unter einem Dach zusammenführen, werden wir statt Nutzen Schaden anrichten.“ Als ich so sprach, sagte Musa Bakır von hinten: „Mein Vorsitzender, die Institution, die die Einheit herstellt, von der du sprichst, nennt man eine Föderation.“ Bis Frankfurt sprachen wir dann über die Vorteile einer Föderation. So wurde in jener Nacht, in jenem Auto, der Beschluss zur Gründung einer Föderation gefasst.
DAS ERSTE ALEVITISCHE SEMINAR IN DER REGION MAINZ – WIESBADEN – RÜSSELSHEIM:
Während wir in ganz Deutschland unablässig Seminare hielten, um alevitische Vereine zu gründen, hatten wir in dem Verein, den wir selbst gegründet hatten, noch keine einzige Versammlung und kein Seminar über die Geschichte oder den Glauben der Aleviten abgehalten. Deshalb beschlossen wir, am 02.04.1989 im Bürgerhaus Astheim ein Seminar mit dem Titel „DIE GESCHICHTE DES ALEVITENTUMS“ abzuhalten. Nachdem wir den Beschluss für das Seminar gefasst hatten, ließen wir Flugblätter drucken und in die Briefkästen aller Aleviten werfen. Einige politische Organisationen, die davon hörten, drohten uns mit Anruf um Anruf: „Lasst euch bloß nicht einfallen, diese angekündigte Versammlung abzuhalten. Wenn ihr nicht hört und sie trotzdem abhaltet, bombardieren wir den Ort und verwandeln ihn in ein Blutbad. Und die Verantwortung dafür tragt ihr.“ Daraufhin wollten einige unserer Vorstandsfreunde aufgeben. Diese Freunde brachten sogar ihre Familien und Kinder nicht zur Versammlung mit. Ich und İsmail Yağlı aber gaben den Beschluss, die Versammlung abzuhalten, nicht auf. Wir bestanden darauf: Was auch immer geschieht, wir halten diese Versammlung ab. Ich war es ja gewesen, der dieses Seminar gewollt hatte. Ich hatte sogar den Saal gemietet. Die ganze Verantwortung lag bei mir. Deshalb begann ich, mir schwere Sorgen zu machen. Was, wenn sie die Versammlung stürmen und einen Zwischenfall provozieren? Wenn es Verletzte oder gar einen Toten gibt – wie sollte ich dafür geradestehen? Während ich mir schwere Gedanken darüber machte, welche Vorkehrungen ich treffen könnte, fielen mir İbrahim und Harabi von der Familie Derin aus Maraş-Pazarcık ein, die einen Karateclub hatten. Sie waren Kunden bei uns, sowohl im Reisebüro als auch im Markt; ich kannte sie sehr gut. Ich dachte daran, zu ihnen zu gehen, und ging hin.
Ich traf beide Brüder zusammen an. Ich schilderte ihnen die Lage. Angesichts dieser Lage bat ich sie, unsere Versammlung zu schützen. Gott segne sie, beide Brüder sagten: „In Ordnung, wir übernehmen den Schutz, aber unsere Schwarzgurt-Karatekämpfer sind überwiegend sunnitische Jungen – geht das, wenn wir sie mitbringen?“ Ich sagte: „Natürlich geht das. Nur sollen alle, als würden sie auf die Matte gehen, ihre weißen Hemden und schwarzen Gürtel tragen, damit sie, wenn sie sehen, dass wir vorgesorgt haben, vielleicht nicht den Mut aufbringen.“ Zu Harabi sagte ich: „Stell rechts und links von jedem Mann, auf den ich dir zeige, einen Karatekämpfer. Schärfe ihnen ein: Wenn der Betreffende oder eine andere Person dort sich ungebührlich verhält, sollen sie ihn unschädlich machen und hinauswerfen.“ Die Karate-Brüder Derin brachten genau so, wie ich es ihnen eingeschärft hatte, 14 junge Schwarzgurt-Karatekämpfer zur Versammlung mit. Rechts und links der Personen, auf die ich gezeigt hatte, standen sie wie Wächter bis zum Ende der Versammlung. Es gab keinerlei Ausschreitungen oder Zwischenfälle. Aber es ist etwas sehr Bitteres: Ich schützte alevitische Mütter und Väter mit sunnitischen Jungen vor alevitischen Jungen. Als sich die Versammlung auflöste, ging der Anführer derer, die gedroht hatten, mit den Worten: „Derviş Tur, warte nur, dafür wirst du mir noch Rechenschaft ablegen.“ Dieser Mann läuft heute im Verein herum und sagt: „Auch ich bin ein Dede.“ So sind diese Dede-Attrappen, diese Opportunisten, entstanden. Und jetzt führen sie unwissende Jugendliche im Namen der Aleviten und des Dede-Titels in die Irre. İsmail Tanyeli war zu dieser unserer Versammlung gekommen. Auf dieser Versammlung bat er: „Ich habe in Österreich einen Verein gegründet. Aber ich habe weder einen Dede, der einen Cem abhalten könnte, noch jemanden, der das Alevitentum erklären könnte. Würden Sie mir helfen?“ Wir hatten ihm versprochen: „Geh, bereite alles vor und gib uns Bescheid. Wir kommen.“
UNSERE REISE NACH ÖSTERREICH
Drei Wochen später kam von İsmail Tanyeli eine Einladung, dass wir in dem alevitischen Verein, den er in der österreichischen Stadt Sankt Pölten gegründet hatte, ein Seminar und einen Cem abhalten sollten. Vom 21.04.1989, von İsmail Tanyeli, eine Einladung – Liebe, Achtung, Gruß. Darauf stand: „Wir bitten Sie, am 12.05.1989 in unserem Verein ein Seminar über das Alevitentum und anschließend einen Cem abzuhalten. Zum selben Datum erwarten wir Sie hier.“ Ich las den eingegangenen Brief in der Vorstandssitzung vor. Niemand erhob Einwände, und wir beschlossen hinzufahren. Während wir die Reise vorbereiteten, kam am Donnerstag, dem 10.05.1989, ein Anruf aus Österreich von Alirıza Engin, dem Sohn meiner Tante väterlicherseits: „Onkel, hier hat ein Mann namens İsmail Tanyeli aus Erzincan einen alevitischen Verein eröffnet. Er hat überall schriftlich angekündigt, dass eine Gruppe aus Deutschland kommen wird, einen Cem abhalten und den alevitischen Glauben erklären wird. Heute Nacht hat eine Gruppe von Linken aus Wien sein Haus überfallen; wären seine Söhne nicht dazugekommen, hätten sie ihn umgebracht. Jetzt sind Vater und Sohn verletzt und im Krankenhaus. Onkel, kommt bloß nicht, bringt euer Leben nicht in Gefahr. Jetzt haben sie auch noch Flugblätter an die Häuser verteilt; sie sagen: Wer zu diesem Cem geht, wird dort tot herausgetragen, denn wir werden den Ort bombardieren.“ Ich antwortete: „Gut, mein Neffe, wenn die Lage so gefährlich ist, kommen wir vielleicht nicht“, und wir legten auf.
Als ich nach diesem Gespräch ins Grübeln geriet, bemerkte es meine Frau Zöhre Hanım und fragte beharrlich: „Was ist los, von wem war der Anruf?“ Sie dachte, es sei wieder einer der Drohanrufe, die ständig von links kamen. Ich sagte ihr: „Dieser Anruf war von Alirıza, dem Sohn meiner Tante in Österreich. Alirıza sagt, wir sollen nicht nach Österreich kommen.“ Meine Frau fragte: „Warum?“ Als ich ihr erzählte, was ich am Telefon gehört hatte, dachte sie ein wenig nach und sagte dann: „Auf keinen Fall! Weicht keinen Schritt zurück. Was soll schon sein? Auch Hz. Hüseyin (Husain) hat man nach Kufa gerufen und ihn in Kerbela zum Märtyrer gemacht, um diesen Glauben auszulöschen. Ist unser Blut etwa röter als das Blut von Hz. Hüseyin? Hätte Hz. Hüseyin in Kerbela nicht sein Haupt hingegeben, wäre der Ehlibeyt-Glaube vielleicht bis heute nicht lebendig geblieben. Man hat den Körper von Hz. Hüseyin physisch beseitigt, aber seinen heiligen Wert konnte man nicht auslöschen. Solange die Welt besteht, wird Hz. Hüseyin fortbestehen. Wenn ihr hier zurückweicht, wird das linke Lager noch mutiger werden und künftig alle unsere Versammlungen stürmen, um uns zu vernichten.“ Mit diesen Worten machte sie mir Mut.
Daraufhin sprachen wir, meine Frau und ich, noch lange miteinander. İsmail Yağlı war der Vorsitzende unseres Vereins. Ich rief an und schilderte İsmail Yağlı die Angelegenheit. Am Telefon verschlug es İsmail Yağlı die Sprache. Ich wartete eine ganze Weile; als ich fragte: „İsmail Bey, was sagst du?“, antwortete er: „Ich weiß nicht – was habt ihr euch gedacht?“ Als ich ihm den Vorschlag meiner Frau Zöhre Hanım genau so wiedergab, sagte İsmail Bey: „Gut, die Mutter hat sehr klug gedacht. Erzählen wir den Freunden, die mitfahren, nichts von dieser Lage. Wenn einer aus Angst nicht mitkommt, ist unsere Besetzung nicht mehr vollständig.“ Denn wir fuhren mit zwei Gruppen: einer, die den Cem abhalten, und einer, die das Seminar geben sollte.
Am Freitag, dem 11.05.1989, um acht Uhr morgens kam ein Anruf von Hasan Caner: „Mein Vorsitzender, kommt bloß nicht bei Tageslicht in die Stadt Sankt Pölten. 40 km vor Sankt Pölten gibt es an der Straße eine Shell-Tankstelle. Um 12 Uhr nachts erwarten wir euch dort; kommt nicht früher.“ Eine Woche zuvor hatten wir beschlossen, dass sich am Freitag alle um 9 Uhr morgens bei uns treffen und wir losfahren würden. Ich hatte vorsichtshalber neun Hackenstiele unter die Sitzpolster des Kleinbusses geklemmt, den ich fahren würde. Ich hatte sie mit dem Gedanken ins Auto gelegt: Man weiß ja nie – falls sie uns den Weg abschneiden, können wir uns wenigstens mit diesen Stöcken verteidigen. Wir waren mit allem bereit zur Abfahrt. Der Anruf von Hasan Caner aus Österreich brachte mich aus der Fassung. Wenn ich es den Freunden aus unserer Gruppe sage, mit denen wir fahren wollten, werden die meisten aufgeben und nicht mitkommen. Dann könnten wir nicht nach Österreich fahren. Ich überlegte, wie ich die ankommenden Freunde, ohne dass sie es merkten, bis 15 Uhr hinhalten könnte! Denn ich rechnete: Wenn wir hier um 15 Uhr losfahren, erreichen wir erst um 24 Uhr den Ort, an dem sie auf uns warten. Alle kamen um 9 Uhr und warteten darauf, dass wir losfahren.
Ich sagte zu meiner Frau: „Kümmere du dich um das Essen.“ Und um Zeit zu schinden, sagte ich, ich hätte noch etwas zu erledigen, und ging hinunter in den Laden; so hielten wir sie bis 12 Uhr mittags hin. Als dann der Aufbruch „Los, wir fahren!“ begann, sagten wir: „Meine Herren, meine Frau hat gekocht – lasst uns erst essen und dann losfahren.“ So hielten meine Frau und ich sie, ohne jemandem etwas zu sagen, bis zu der gewünschten Uhrzeit hin. Beim Einsteigen teilten wir sie auf die Autos auf. Die Gruppe für den Cem und das Seminar sollte in mein Auto steigen, die Frauen in das Auto von Gazi Dede. Gerade als sie in mein Auto einstiegen, sah mein Bruder Hüseyin die Hackenstiele und fragte: „Was sind das für Stöcke, großer Bruder?“ Weil ich eine solche Frage nicht erwartet hatte, geriet ich zunächst ins Stocken. Dann sagte ich in leicht vorwurfsvollem Ton: „Der Besitzer des Autos hat sie hineingelegt, ich weiß es nicht, lass sie liegen, schaden sie etwa? Steig doch ein“ – und beendete die Sache. Auf diese Weise hingehalten, fuhren wir um 15 Uhr los. Ich fuhr, und İsmail Bey saß vorn neben mir. Als wir etwa hundert Kilometer auf der Autobahn gefahren waren, gab mir İsmail Bey ein Zeichen, ob wir es sagen sollten. Ich sagte: „In Ordnung.“ Aber wie sollten wir es sagen! Die Canlar hinten waren in ein so schönes Gespräch vertieft. Alle waren aufgeregt, in Kürze würden wir Deutschland verlassen. Um das Gespräch nicht zu stören, warteten wir noch ein wenig. Ich sah, dass das Gespräch kein Ende nahm.
Als ich sagte: „Meine Herren, wisst ihr eigentlich, dass wir nach Kufa fahren?“, verstummte plötzlich alles. İsmail Bey sagte: „Canlar, was ist schon dabei – ist unser Blut etwa röter als das Blut von Hz. Hüseyin? Auch den physischen Körper von Hz. Hüseyin hat man beseitigt, aber Hz. Hüseyin lebt und wird leben, solange die Welt besteht.“ Daraufhin begannen die Fragen: „Was ist los, was ist passiert?“ İsmail Bey sagte: „Diese Fragen soll Derviş Dede beantworten, denn er hat mit Österreich telefoniert.“ Und ich erzählte genau das, was ich gehört hatte und wusste. Einige sagten: „Warum begeben wir uns in solche Gefahren? Ginge es nicht auch, wenn wir nicht hinfahren?“ Doch die Mehrheit unterstützte uns und sagte: „Und wenn es nur aus Trotz ist – wir müssen hinfahren und diesen Cem und dieses Seminar abhalten.“ So kamen wir um 24 Uhr nachts an der vereinbarten Tankstelle an, und siehe da: İsmail Tanyeli hatte sich gegen ärztlichen Rat per Unterschrift aus dem Krankenhaus entlassen und war mit verbundenem Kopf und fünf Autos gekommen, um uns zu erwarten.
Sie ließen uns in ihre eigenen Autos steigen. Auch unsere Autos brachten sie weg und versteckten sie. Uns verteilten sie auf verschiedene Häuser. Mich brachten sie in die Wohnung meines Neffen. Wie sich herausstellte, wohnte mein Neffe ein Stockwerk über İsmail Tanyeli. Es wurde Morgen, und ich hatte mich gerade zum Frühstück gesetzt, als İsmail Tanyeli in großer Aufregung hereinkam: „Mein Vorsitzender, sie haben in dem Saal, in dem wir die Versammlung abhalten wollen, eine Bombe gelegt. Die Polizei ist jetzt dort, sie rufen auch uns.“ Ich stand sofort vom Tisch auf, und wir gingen zusammen zum Saal; dort waren zwei Wagen voller Polizisten gekommen, die niemanden an den Saal heranließen. Zu unserem Glück sprachen sie, obwohl es ein anderer Staat war, Deutsch. Als der Polizeichef fragte: „Was wollen Sie hier tun?“, sagte ich: „Wir sind gekommen, um mit der hiesigen alevitischen Gemeinschaft aus der Türkei einen Gottesdienst nach unserem eigenen Glauben abzuhalten.“ Da sahen sich die Polizisten gegenseitig an. Der Polizeikommissar sagte: „Es gibt eine Anzeige, dass im Saal eine Bombe gelegt wurde; Sie können das nicht machen.“
Ich musste unwillkürlich ein wenig lächeln. Der Kommissar fragte unwirsch: „Warum lachen Sie? Verstehen Sie nicht, dass da eine Bombe ist?“ Ich sagte: „Nein, ich glaube das nicht. Diese Taktik wenden sie auch in Deutschland an; sie wollen uns nur einschüchtern, um unsere Versammlungen zu verhindern. Da ist keine Bombe. Lassen Sie uns hineingehen und suchen, ich gehe voran.“ Dass ich so ohne Angst und mit sicherer Haltung sagte, es gebe keine Bombe, ermutigte den Polizeikommissar. „Gut, suchen wir.“ Glauben Sie mir, die Polizisten gingen hinter mir und İsmail Tanyeli her. Wir durchsuchten den Saal innen und außen mit Hunden – es war nichts da. Als sich genau das bestätigte, was ich gesagt hatte, sagte der Polizeikommissar: „Wir sind heute hier eingesetzt, um Sie zu schützen. Wie können wir Ihnen sonst noch helfen?“
Ich sagte ihm: „Meine Bitte an Sie: An die Tür sollen eine Polizistin und ein Polizist, die alle, die hineinwollen, und ihre Taschen sehr gründlich durchsuchen und sie erst dann hineinlassen. Selbst mich sollen sie nicht ohne Durchsuchung hineinlassen. Dann werden Sie sehen, dass es keinerlei Zwischenfall geben wird.“ Ich erklärte ihm, dass die Versammlung von 14 bis 22 Uhr dauern werde, dass wir in dieser Zeit zunächst Vorträge über den Glauben halten und nach den Vorträgen den Gottesdienst feiern würden und dass wir den Saal um 22 Uhr räumen würden. Der Kommissar sagte: „Gut, wir sind hier, kümmern Sie sich um Ihre Arbeit.“ So verständigten wir uns und kehrten nach Hause zurück. Um 13 Uhr gingen auch wir zum Saal; vom Verein waren nur noch sechs Familien übrig, die nicht ausgetreten waren. Sie hatten den Saal hergerichtet, alles war bereit. Aus den umliegenden Orten hatten sich mehr alevitische Menschen mit ihren Familien versammelt, als der Vereinsvorstand je erwartet hätte, und warteten draußen. Doch die Polizisten warteten auf uns und ließen niemanden hinein. Ich ging hinein, sah, dass alles bereit war, kam heraus und sagte der Polizei: „In Ordnung, wir können sie hineinlassen.“ Danach ließen wir alle nach einer Durchsuchung hinein. Wir sagten: „Wenn danach noch jemand kommt, sagen Sie uns Bescheid; lassen Sie niemanden ohne unser Wissen hinein.“
Der Saal war brechend voll. Auch der Vereinsvorstand staunte: Wo haben diese Leute davon erfahren, wie hat sich das herumgesprochen? Wie sich herausstellte, hatten österreichische Radio- und Fernsehsender mehrmals in den Nachrichten gemeldet, dass das Haus von İsmail Tanyeli von Linken überfallen worden war, und über die geplante Versammlung und den Cem berichtet. Unter den aufmerksamen Aleviten, die davon gehört hatten, waren manche 100–150 Kilometer weit angereist. Wir hielten noch die Vorträge, als Hasan Caner zu mir kam: „Schau, mein Vorsitzender, diese Gruppe, die da kommt, ist die Gruppe, die die Zwischenfälle verursacht hat. Sie kommen, um hier Unruhe zu stiften. Sag der Polizei, sie sollen sie auf keinen Fall hineinlassen.“ Ich sagte „In Ordnung“ und eilte sofort zur Tür. Sie waren gekommen und wollten hinein. Die Polizei hatte ihnen den Weg versperrt und ließ sie nicht durch. Ich sagte: „Durchsuchen Sie sie und lassen Sie diejenigen herein, die sauber sind.“ Ich selbst habe es nicht gesehen, aber İsmail Tanyeli sagte, als ich „Durchsuchen Sie sie“ sagte, hätten einige sofort kehrtgemacht und seien gegangen. Mehr als zehn kamen herein. Kaum hatte ich sie mit „Herzlich willkommen“ begrüßt, kam als Antwort: „Hat euch die Republik Türkei hierher geschickt?“ Ich sagte: „Nein, junge Leute, wir sind die alevitische Gemeinschaft. Wir erklären hier unseren eigenen alevitischen Glauben und werden anschließend einen Cem abhalten und Gottesdienst feiern.“ Während ich ihre unsinnigen Fragen beantwortete, rief man mich zum Rednerpult, um meinen Vortrag zu halten.
„Junge Leute, ich werde diesen Menschen jetzt erklären, warum wir hierhergekommen sind. Geht nirgendwohin, hört mir gut zu.“
Ich war nun gezwungen, meinen Vortrag entsprechend zu gestalten. Als mein Vortrag beendet war, ging ich wieder zu ihnen. „Junge Leute, habt ihr jetzt verstanden, warum wir hierhergekommen sind?“ Keine Antwort. Ich sagte: „Junge Leute, in einer halben Stunde beginnen wir mit dem Gottesdienst. Wenn der Gottesdienst, also der Cem, beginnt, darf niemand mehr hinein oder hinaus. Wenn ihr mit uns zusammen den Gottesdienst feiern wollt, bitte, bleibt. Wenn ihr aber nicht am Gottesdienst teilnehmen wollt, könnt ihr nicht so im Stehen zuschauen, als ob ihr ein Konzert anseht. Bitte geht, bevor der Cem beginnt.“ Nach langem Beharren und Streiten gingen diese jungen Leute nicht. Ich weiß es so sicher wie meine eigene Sünde: Sie alle waren alevitische Kinder, doch sie führten die Befehle aus, die sie erhalten hatten. Sie blieben mit uns zum Cem. Ich ließ sie gemeinsam an einer Seite Platz nehmen. Wir hatten aber Edep und Erkân (gebührende Haltung und Ritualordnung) hergestellt, und alle saßen auf den Knien. An ihrer Spitze stand ein Bärtiger. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand und hatte die Beine ausgestreckt, und die anderen Jungen machten es genauso wie er. Ich sagte zu ihnen: „Setzt euch alle zusammen so hin, wie die Gemeinde sitzt. Sonst bin ich gezwungen, euch hinauszuweisen.“ Die anderen Jungen gingen auf die Knie; der Bärtige zog die Beine ein wenig an, setzte sich aber nicht auf die Knie. Als ich ihn fragte: „Bruder, warum gehst du nicht auf die Knie?“, sagte er doch tatsächlich: „Ich bin Christ.“ – „Gut, sitzt ihr in der Kirche etwa so?“ – „Das hier ist doch keine Kirche. Und außerdem werde ich nicht beten.“ – „Das hier ist in diesem Moment ein Gotteshaus. Bei uns gibt es kein Verbot, auch du kannst nach deinem eigenen Glauben beten. Wenn du willst, sprich dein Gebet zu Ehren des Propheten Moses, des Propheten Jesus oder der Mutter Maria – an wen auch immer du glaubst“, sagte ich. „Nur sitz respektvoll.“
Vielleicht führten sie den erhaltenen Befehl aus. Der Bärtige nahm weder das Saka-Wasser (das im Cem gereichte geweihte Wasser) noch die Lokma (die geweihte Speise). Die anderen Jungen tranken das Wasser und nahmen auch die Lokma. Aber sie verübten keinerlei Ausschreitungen. Wir verließen gerade den Cem, als einer von ihnen mich fragte: „Onkel, werdet ihr wiederkommen?“ – „Was denn, wollt ihr Vorbereitungen treffen, um uns umzubringen?“ – „Nein, Onkel, wir sind auch Aleviten, warum sollten wir euch umbringen? Man hatte euch uns ganz anders beschrieben.“ – „Gut, mein Sohn, vergiss nicht: Am 25. des zwölften Monats kommen wir wieder“, sagte ich. Nach dem Vorfall mit İsmail Tanyeli waren alle aus dem Verein ausgetreten. Nur sechs Vorstandsfamilien waren geblieben. Als wir zum Jahreswechsel zum zweiten Cem fuhren, hatte der Verein 160 Mitgliedsfamilien. Die ganze Gruppe jener jungen Leute kam mit ihren Müttern und Vätern zum Cem. Als ich sie fragte: „Warum habt ihr euch bei unserem ersten Besuch wie Feinde uns gegenüber verhalten?“, sagten sie: „Man hatte uns erzählt, eure Gruppe sei von der Republik Türkei geschickt worden, um die linken Organisationen zu unterwandern. Wir bitten um Entschuldigung, wir wussten es nicht, deshalb haben wir uns so verhalten.“ Seht, so leicht ist die alevitische Organisierung in Europa nicht entstanden. Was wir durchgemacht haben, wissen nur die, die es miterlebt haben.
DER BESCHLUSS ZUR GRÜNDUNG EINER FÖDERATION.
Was den Föderationsbeschluss betrifft, den wir auf der Rückfahrt von der Versammlung in Kassel im Auto gefasst hatten, so beschlossen wir später in einer Sitzung mit den Vereinsvorsitzenden, die Arbeiten dazu aufzunehmen, wie wir sie gründen würden. Am 24.04.1990 fassten wir in einer Sitzung im Dortmunder Verein, gemeinsam mit den Vorständen der anderen Vereine, den Beschluss, die Föderation der Alevitischen Gemeinden zu gründen. Bis dahin die ACF: Vorsitzender des Gründungsrates Ahmet Aydemir, zweiter Vorsitzender Derviş Tur, Generalsekretär İsmail Yağlı. Später, bei unserer Sitzung am 17.06.1990 in Astheim, trat Ahmet Aydemir mit den Worten „Diese Sache wird jetzt offiziell, ich bin Staatsbeamter und kann diesen Vorsitz nicht weiterführen“ freiwillig vom Vorsitz zurück. In derselben Sitzung wählte mich der Vorstand zum Vorsitzenden des Gründungsrates. Während die Arbeiten weitergingen, wurde uns mitgeteilt, dass die Föderation der Alevitisch-Bektaşitischen Gemeinden am 17.01.1991 vom Ordnungsamt Mainz offiziell anerkannt worden war. Die amtliche Eintragungsurkunde des Ordnungsamts können Sie auf den Seiten 102–103 meines Buches „Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması“ (Die erste alevitische Organisierung in Europa) nachlesen. Unter welchen Schwierigkeiten die alevitischen Vereine in Deutschland gegründet wurden und von wem und wie die Föderation der Alevitischen Gemeinden (Alevi Birlikleri Federasyonu) gegründet wurde, können Sie, wenn Sie möchten, ausführlich in dem Buch „Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması“ lesen.
In jener Zeit reisten wir unablässig durch Städte und Orte und gründeten alevitische Vereine; es wurden vierzig Vereine. Da ich aber wusste, dass ich als Vorsitzender der Föderation nach unserem Glauben keine religiösen Dienste versehen durfte, übte ich keine religiösen Dienste aus. Unter uns konnte einzig Niyazi Bozdoğan Dede einen Cem abhalten. Es gab keine einzige Seele, die das Bestattungs-Erkân (die Totenriten) durchführte. Unsere Verstorbenen waren den Moschee-Imamen überlassen. Manche unverschämten Hocas verlangten viel Geld und verrichteten den Dienst zudem widerwillig. Mit den Worten „Lebend kommt ihr nicht in die Moschee, warum bringt ihr dann eure Toten in die Moschee?“ erniedrigten sie die Aleviten als Gottlose. Dass wir keine Leute hatten, die diese Dienste versehen konnten, schmerzte mich sehr. Im Jahr 1991, als ich vom Kulturministerium als Redner zu den Feierlichkeiten am 16. August in Hacı Bektaş eingeladen wurde, hatten wir in der Türkei eine Baustelle. Deshalb blieb ich etwas länger. Damals hatte ich den Schriftsteller Haydar Kaya kennengelernt, einen unserer Talips, der in İzmir lebte. Haydar Kaya erzählte, dass er in Manisa in der großen, aus osmanischer Zeit stammenden Nationalbibliothek als Beamter und als Direktor tätig gewesen sei.
Ich sagte ihm: „In Deutschland haben wir niemanden, der die Cem- und Bestattungsriten kennt. Meine Mutter und mein Vater haben – ob in Erzincan oder in Ankara – alevitische Verstorbene gewaschen. Aus ihren Erzählungen habe ich einiges gehört, aber ich kann nicht sagen, dass ich es weiß. Du hast vielleicht in manchen Quellen darüber gelesen – kannst du mir helfen?“, bat ich. Unser Haydar Can sagte zu mir: „Dede, wenn ich in ein paar Tagen nach Manisa fahre, gehe ich in die Bibliothek und sehe nach. Soweit ich mich erinnere, gab es einige Bücher über den Ehlibeyt-Glauben. Ich schaue nach; wenn ich Bücher finde, leihe ich sie zum Lesen in der Bibliothek aus und rufe dich an. Du kommst nach Manisa, und wir lesen zusammen. Die Teile, die du brauchst, lässt du im Copyshop kopieren und nimmst sie mit.“ Etwa ein Monat war vergangen, als Haydar Can anrief: „Dede, ich habe etwas gefunden. Komm und sieh nach; wenn etwas dabei ist, was dir nützt, lässt du es kopieren und nimmst es mit.“ Meine Frau und ich fuhren mit unserem eigenen Auto zu Haydar Cans Haus in Manisa. Er hatte zwei Bücher aus der Bibliothek mitgebracht. Ich kann allerdings weder Arabisch noch Osmanisch. Die Stellen, die ich nicht verstand, übersetzte und erklärte mir Haydar.
In jener Nacht arbeiteten wir mindestens acht Stunden daran. Am nächsten Tag fanden wir auf dem Markt einen Kopierladen, vereinbarten, die zweihundert Seiten zu kopieren, die wir markiert hatten, und ließen sie kopieren. Diese Arbeit war nicht so leicht, wie wir sagten. Es bedurfte einer sehr guten Übersetzung. Ich hatte Prof. Nusret Öztürk kennengelernt, den Leiter der Literaturabteilung der Fakultät für Sprache, Geschichte und Geographie in Ankara. Ich rief ihn an und erklärte es ihm. „Schick es mir, ich übersetze es“, sagte er. Ich schickte es ihm sofort per Post. Er selbst stammte aus Hacı Bektaş. Als ich ein Jahr später in die Türkei fuhr, holte ich es bei ihm ab. Diese Bücher waren Drucke aus dem vierzehnten Jahrhundert. Danach schrieb ich, zusammen mit dem Wissen, das ich von meinem verstorbenen Vater und aus der Familie empfangen hatte, die Ordnung der Fünf Erkâne und das Bestattungs-Erkân in Form von Dossiers nieder. Zum Gottesdienst- und Lehr-Cem-Erkân fertigte ich vierzig Dossiers an. Später, 1995, übergaben wir sie bei einer Versammlung in Bielefeld an die Dedes aller Vereine – mit dem Ziel, dass die Dedes aus Seyyid-Abstammung in den Vereinen beginnen sollten, Cems abzuhalten. Denn in den Vereinen gab es keinen Dede, der einen Cem abhalten oder eine Bestattung durchführen konnte. So begann man in einigen Vereinen, Muharrem- und Hızır-Cems abzuhalten.
MEINE REISE ALS REDNER NACH HACI BEKTAŞ AM 16. AUGUST
Am 17.01.1991 hatte unsere Föderation ihre offizielle Anerkennung erhalten. Wir schrieben unablässig Presseerklärungen, in denen wir die Rechte der Aleviten verteidigten, und schickten sie fortwährend an den Staatspräsidenten, an den Ministerpräsidenten und an den Präsidenten des Amtes für Religionsangelegenheiten (Diyanet). Sobald in der Türkei oder in Europa auch nur die kleinste negative Nachricht über die Aleviten erschien, traten wir als Exekutivausschuss zusammen, und sei es noch in derselben Nacht, und schickten unsere Reaktion schriftlich als Presseerklärung an die Zeitungen. Zu dieser Zeit wechselte in der Türkei die Regierung. Namık Kemal Zeybek war Kulturminister geworden. Die Gedenkfeiern zum 16. August in Hacı Bektaş wurden vom Kulturamt Nevşehir organisiert, das dem Kulturministerium in Ankara unterstand; man schickte sunnitische Jugendliche aus Nevşehir als Ordner nach Hacı Bektaş, und die Feiern fanden unter deren Schutz statt. Vom Kulturminister war unsere Föderation gebeten worden, durch die Entsendung eines Redners an den Gedenkfeiern zum 16. August in Hacı Bektaş teilzunehmen. Ich war in der Zwischenzeit in die Türkei gefahren, um mich um die Baustelle zu kümmern. Nach meiner Abreise trat der Vorstand der Alevitischen Gemeinden zusammen und beschloss, dass der Vorsitzende an dieser Veranstaltung teilnehmen solle. Sie teilten mir den Beschluss telefonisch mit, und ich nahm an. Ich unterbreitete den Vorstandsfreunden folgenden Vorschlag: „Freunde, ich nehme teil, aber: Wir Aleviten haben einen Berg von Problemen in Bezug auf unsere Bürgerrechte und in Glaubensfragen. Wenn ich diese nicht zur Sprache bringen kann, welchen Sinn hat dann meine Teilnahme? Denn zur Gedenkfeier kommen die höchsten Würdenträger des Staates. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen. Wenn ihr mich darin bestätigt, nehme ich teil.“ Wenn ihr zustimmt: Listet alle unsere Forderungen auf und schickt sie mir per Brief. Ich werde sie hier mit der Schreibmaschine sauber ausarbeiten, zu einer Presseerklärung machen und sie dort auch verlesen. Der ACF-Vorstand stimmte diesem meinem Vorschlag zu.
Eine Woche später erhielt ich einen dicken Brief: Ahmet Aydemir hatte in seiner eigenen Handschrift sehr schöne Notizen gemacht und schrieb, wenn ich sie auf meine Weise ordnen und vorlesen würde, leisteten wir einen guten Dienst. Ich ging zu einem Freund, mit dem mein Sohn Erdoğan zusammen das Gymnasium besucht hatte, schilderte ihm die Lage und fragte, ob er mir seine Schreibmaschine für eine Woche leihen könne. Doch der Freund sagte, da sein Vater in der Buchhaltung der Fabrik tätig sei, könne er die Schreibmaschine nicht hergeben. „Arbeiten Sie handschriftlich daran und bringen Sie es in eine flüssig lesbare Form. Kommen Sie am Wochenende, Samstag um vier Uhr, in die Fabrik; und wenn es spät wird – Sie lesen es mir vor, und ich tippe es fertig“, sagte er. Ich las die Notizen, die ich erhalten hatte, arbeitete eine Woche lang ununterbrochen daran und ordnete die Vorschläge und Forderungen bis zum Wochenende. Am Wochenende gingen wir in die Fabrik und tippten es gemeinsam auf der Schreibmaschine fertig. Nun war der Text lesbar gestaltet. Ich ließ auch einige Kopien davon anfertigen.
Damit ich sie, falls der Ministerpräsident oder einer der anwesenden Minister danach fragen sollte, ohne Umstände aushändigen könnte.
Am 12. August fuhren wir mit unserem eigenen Auto nach Hacı Bektaş. Am 13. besuchten wir den Pir (das Heiligtum des Hacı Bektaş Veli) und gingen über den Markt. Was mir auffiel: Ich fragte die Bediensteten: „Woher seid ihr?“ Die Antwort lautete entweder „aus Nevşehir“ oder „aus Gülşehir“. Kein Einziger stammte aus der Bevölkerung von Hacıbektaş. Im Mausoleum und an den Toren waren alle, die die Eintrittskarten verkauften, sunnitische Jugendliche. Das schmerzte mich sehr. Ich fragte nach dem Gebäude des Bürgermeisters. Man zeigte es mir, und wir gingen sofort hin. Bei mir waren meine Frau und meine beiden Söhne. Von der Föderation und den Vereinen war niemand dabei. Ich fragte nach dem Büro des Bürgermeisters. „Gehen Sie hinauf, im ersten Stock.“ Wir gingen in den ersten Stock; der Bedienstete ließ uns nicht hinein. Als er uns nicht hineinließ, sagte ich: „Sagen Sie dem Bürgermeister, der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinden aus Deutschland ist gekommen und möchte mit ihm sprechen.“ Daraufhin baten sie uns sofort herein. Bürgermeister Ali Eğer kam uns sogar bis zur Tür entgegen.
Nach Tee, Kaffee und einem langen Gespräch fragte ich: „Ali Bey, richten Sie diese Gedenkfeiern zum 16. August aus?“ Ali Bey: „Nein, mein Vorsitzender. Diese Gedenkfeiern hat der damalige Staatspräsident Cemal Gürsel der Weisung des Kulturministeriums unterstellt. Und da unser Landkreis zu Nevşehir gehört, ist im Auftrag des Kulturministeriums in Ankara das Kulturamt Nevşehir für die Bediensteten des Dergâh und für alle Bediensteten der Gedenkfeiern zuständig und schickt sie. Die Gemeinde hat hier keinerlei Aufgabe und Verantwortung.“ Ich sah den Bürgermeister an: Er war sehr zufrieden damit, keinerlei Aufgabe und Verantwortung zu haben. Zuerst ergriff meine Frau Zöhre Hanım das Wort: „Stört Sie das denn gar nicht? Diese Leute sehen uns als Gottlose und Ungläubige an, sie verdienen Geld, indem sie sich über unseren Pir lustig machen, den wir für heilig halten. Warum lassen Sie das zu?“ Ali Bey: „Gnädige Frau, Sie wissen es nicht – wir können nichts tun. Dieser Dergâh untersteht dem Kulturministerium, wir haben keinerlei Befugnis. Was können wir gegen die Regierung ausrichten?“ Nach diesem Gespräch schaltete ich mich ein.
„Ali Bey, wird der Kulturminister zu dieser Gedenkfeier kommen?“ Als Bürgermeister Ali Bey sagte: „Ja, mein Vorsitzender, er wird kommen“, sagte ich: „Dann lassen Sie uns fordern, dass die Ausrichtung der Feiern der Gemeinde übertragen wird.“ Ali Bey: „Wie denn?“ – „Du wirst vor allen anderen sprechen. In deiner Rede wirst du fordern, dass der Dienst bei den Gedenkfeiern für unseren Pir der Bevölkerung von Hacı Bektaş und der Gemeinde Hacı Bektaş übertragen wird. Außerdem schreiben wir eine Petition, die diese unsere Forderung zum Ausdruck bringt. Ich habe das Ersatzsiegel der Föderation mitgebracht. Ich werde sie im Namen der Alevitischen Gemeinden sowohl siegeln als auch unterschreiben.“ Als ich ihm so meine Unterstützung zusagte, war Bürgermeister Ali Bey darüber sehr erfreut. Sofort las er uns den Text vor, den er vortragen würde. An passender Stelle des Redetextes fügten wir mit zwei Sätzen auch diese unsere Forderung ein. Am nächsten Tag, dem 14. August, ließen wir vier Stunden lang niemanden in das Büro des Bürgermeisters. Wir verfassten die Petition mit den Worten: „Wir bitten und fordern, dass die Gedenkfeiern für Hacı Bektaş der Gemeinde Hacı Bektaş, ihrer eigentlichen Trägerin, übertragen werden.“ Unter die Petition setzte ich das Siegel der Alevitischen Gemeinden und unterschrieb. Auch der Bürgermeister siegelte und unterschrieb.
Am 16. August, als der Bürgermeister im Protokoll die erste Rede hielt, verlas er die Forderung, die Gedenkfeiern der Gemeinde Hacı Bektaş zu übertragen, genau so, wie wir es geschrieben hatten. Er erhielt dafür vom Publikum sehr großen Beifall. Als der Kulturminister dann zum Besuch des Pir hineinging, übergaben wir, Ali Bey und ich, unsere Petition mit einer kurzen Erläuterung an Kulturminister Namık Kemal Zeybek. Ich entfernte mich sofort. Denn im Saal des Gymnasiums nahmen Bedri Noyan Dedebaba, Prof. Nezihe Araz, Nejat Birdoğan, Derviş Tur und ein Professor aus Aserbaidschan als Redner teil. Der Schulhof und der Saal waren übervoll von einer Menschenflut. Wir Redner nahmen unsere Plätze ein. Im Protokoll: Ministerpräsident Bülent Ecevit und seine Frau Rahşan Ecevit, Kulturminister Namık Kemal Zeybek, einige weitere Minister und Abgeordnete, der Gouverneur von Nevşehir, zahlreiche Landräte und der Landrat des Kreises Hacı Bektaş. Kurz: Die vorderen Protokollreihen waren voller Würdenträger des Staates. Der letzte Redner war ich. Die anderen Redner beendeten ihre Vorträge, indem sie über die Ankunft des Hz. Pir in Anatolien, seine Gedanken, seine Philosophie und seinen Glauben sprachen und ihn lobpriesen.
Als ich an der Reihe war, überbrachte ich den Würdenträgern des Staates und den Zuhörern die Grüße aus Deutschland, begrüßte alle auch in meinem eigenen Namen und begann meine Rede mit folgenden Worten: „Verehrte Freunde, Brüder und Schwestern! Bei jeder Gedenkfeier halten die anreisenden Wissenschaftler und Schriftsteller Lobreden auf Hünkâr Hacı Bektaş, verabreichen den schlafenden Aleviten eine Schlaftablette und gehen wieder. Ich werde Ihnen nichts über Hünkâr Hacı Bektaş Veli erzählen. Ich werde die Bürgerrechte, die Probleme, die Forderungen und die Vorschläge der anatolischen Aleviten zur Sprache bringen.“ Diese Worte ernteten unglaublichen Beifall. Ich brachte alle Rechte, die wir heute fordern, eines nach dem anderen zur Sprache. „In unserem Mutterland, das wir mit unseren Steuern ernähren und als Soldaten unter Einsatz unseres Lebens verteidigen, werden uns unsere glaubensbezogenen Bürgerrechte nicht gewährt. Die europäischen Staaten jedoch, deren Religion, Sprache, Kultur und Nationalität sich von unserer unterscheiden, erkennen uns diese Rechte zu. Wir fordern diese unsere Rechte auch von den Regierungen unseres eigenen Mutterlandes.“ Mit diesen Worten hielt ich eine lange Rede von vier Seiten. Sie können sich nicht vorstellen, wie die Menschen applaudierten, während ich vorlas.
Als meine Rede beendet war, fragte Rahşan Ecevit: „Herr Vorsitzender, können Sie uns die schriftliche Fassung dieser Rede geben?“ Ich hatte ja bereits Kopien vorbereitet. Ich sagte: „Natürlich kann ich das“, stand auf und ging zu ihren Plätzen. Als ich ihnen den vorgelesenen Text übergab, sagte ich: „Herr Ecevit, wir haben Sie als ‚Karaoğlan‘ auf Berge und Steine geschrieben. Aber obwohl Sie in Gaziantep waren, haben Sie beim Massaker von Maraş nicht eingegriffen. Nehmen Sie und lesen Sie: Die Aleviten wollen kein separates Vaterland. Sie wollen auch keine separate Flagge. Unser Mutterland ist das Land der Türkei; wir wollen nur unsere Bürgerrechte.“ Daraufhin sahen sich die Ecevits zunächst gegenseitig an. Dann nahm Rahşan Ecevit den Text aus meiner Hand.
Als ich zu meinem Platz zurückging, umringte mich die Menge. Es entstand ein Durcheinander; die Polizei brachte die Würdenträger des Staates aus dem Protokoll nur mit Mühe hinaus. Dabei sagte ein Kommissar: „Meine Herren, der Saal ist klein; erlauben Sie, dass wir den Redner in den Hof bringen, dort können Sie ihn beglückwünschen.“
Als die Veranstaltung zu Ende war, brachten mich die zuhörenden Aleviten gemeinsam in den Hof, um mir zu gratulieren. Dort wandte sich der Kommissar an die Menschen: „Meine Herren, wenn Sie gratulieren wollen, kommen Sie der Reihe nach hierher und gratulieren Sie.“ Glauben Sie mir, die Menschen stellten sich in einer Reihe auf und beglückwünschten mich. Unter ihnen gratulierten mir zuerst unsere Schriftsteller – der verstorbene Cemal Şener, Rıza Zelyurt –, der Vorsitzende des Şahkulu-Dergâhs Mehmet Yılmazkaya, der zweite Vorsitzende des Karacaahmet-Sultan-Vereins Hıdır Uluer, der Türkei-Vertreter der Föderation der Alevitischen Gemeinden in Deutschland Süleyman Cem und der Schriftsteller Haydar Kaya.
Als sich dann unter den der Reihe nach Kommenden jemand mit den Worten „Hasan Meşeli, Vorsitzender des H.H.B.V.-Vereins Malatya“ vorstellte, sagte ich: „Geh nicht weg, warte dort rechts auf mich.“ Dann Ülkü Mete, Vorsitzender des H.H.B.K.-Vereins Istanbul-Kadıköy. Auch ihm sagte ich: „Warte dort auf mich.“ Mahmut Aydın, Vorsitzender des H.H.B.K.-Vereins zur Vorstellung [der Kultur des Hacı Bektaş] in Erzincan, und seine Freunde gratulierten. Auch ihnen sagte ich: „Wartet dort auf mich.“ Gegen Ende kamen Ali Akdayı, Vorsitzender des Vereins zur Vorstellung der H.B.V.-Kultur in İzmir, und mit ihm Selahattin Özel und gratulierten. Auch ihnen sagte ich: „Wartet dort auf mich.“ Nachdem alle durch waren, kam unser verstorbener Ozan (Volksdichter und -sänger), mein sehr naher Dorfnachbar, der verstorbene Ali Ekber Çiçek. Als er gratulierte, fragte ich: „Ali Ekber, hast du mich erkannt?“ Er sah mich an und sagte, er könne sich nicht erinnern. Als ich sagte: „Derviş, der Sohn von Haydar Dede aus Mitini“, fiel er mir um den Hals und war gerührt. Er sagte: „Auf diesem Podium hast du die Aleviten zum Lächeln gebracht – möge Gott auch dich lächeln lassen.“
Wir wohnten damals in einem Hotel in Gülşehir. Auch mein Bruder Hüseyin war mit seinem Auto auf Heimaturlaub gekommen. Diese Vereinsvorsitzenden und die Vorsitzenden der Dergâhs von Karacaahmet und Şahkulu – diejenigen, die kein Auto hatten – nahmen wir in unseren Autos mit. Die, die ein Auto hatten, kamen mit ihrem eigenen Auto, und wir versammelten uns im Garten unseres Hotels in Gülşehir. Ich erklärte diesen Freunden in allen Einzelheiten, wie wir uns in Deutschland organisiert hatten und wie wir arbeiteten. Mein Bruder Hüseyin sagte: „Meine Herren, auch ihr könntet euch hier zusammenschließen und auf die gleiche Weise arbeiten.“ Was kam als Antwort? Sie werden es nicht glauben! Wie aus einem Munde sagten sie: „Das hier ist die Türkei. Wenn wir hier anfangen, so zu arbeiten wie ihr, sperren sie uns alle ein. Glaubt ihr etwa, hier sei Deutschland?“ Was sie sagten, hatte bis zu einem gewissen Grad seine Berechtigung. Ich verstand sie. Denn noch immer konnten die Menschen nicht überall sagen: „Ich bin Alevit.“ Noch immer gab es hier und da psychischen und physischen Druck auf die Aleviten.
DER ERSTE UNTER DEM NAMEN „ALEVİ“ GEGRÜNDETE VEREIN IN İZMİR-NARLIDERE
Als ich ihre Zurückhaltung sah, machte ich – als hätten wir in Deutschland eine große Durchsetzungskraft – ziemlich große Worte: „Habt keine Angst. Wenn hier von der Regierung irgendein Druck kommt, gebt uns Bescheid. Wir wenden uns in Deutschland an die Menschenrechtsinstanzen. Wir lassen nicht zu, dass ihr unterdrückt werdet.“ Da fragte Haydar Kaya: „Mein Vorsitzender, wohnen Sie in İzmir?“ Als ich antwortete: „Ja, wir wohnen in İzmir“, sagte er: „Wir möchten in Narlıdere einen Verein gründen. Würden Sie uns helfen?“ Ich sagte: „Natürlich helfe ich.“ Glauben Sie mir, jenes Gespräch im Hotel gab den Freunden in der Türkei großes Vertrauen. Nachdem ich nach İzmir zurückgekehrt war, kamen Haydar Kaya, İsmail Tanyeli und drei weitere Personen in den Ort Özdere, wo unsere Baustelle war. Ich hatte eine Kopie der Vereinssatzung aus Deutschland mitgebracht. Der Titel unserer deutschen Satzung lautete „Alevi Bektaşi Cemaatları Kültür Derneği“ (Kulturverein der Alevitisch-Bektaşitischen Gemeinden). Ich gab ihnen eine Kopie der Satzung. Ich sagte: „Schreibt unbedingt den Namen ‚Alevi Bektaşi Cemaatları Kültür Derneği‘. Keine Sorge, bei der Eröffnung werde ich euch als Redner unterstützen.“ Ich machte ihnen auch ein wenig Mut, und sie gingen.
Haydar Kaya, İsmail Tanyeli und ihre Freunde änderten in der Satzung, die ich ihnen gegeben hatte, einige notwendige Stellen sowie die Adresse und schickten sie an das Kulturministerium in Ankara. Kulturminister war damals noch Namık Kemal Zeybek. Innerhalb von zwei Wochen kam prompt die Antwort. Man hatte geschrieben: „Entfernen Sie das Wort ‚Cemaat‘ (Gemeinde), überarbeiten Sie die Satzung und schicken Sie sie zurück.“ Es waren kaum zwei Wochen vergangen, als İsmail Tanyeli anrief: „Mein Vorsitzender, aus Ankara ist eine Antwort gekommen. Wir brauchen dich – dürfen wir heute Abend zu euch kommen?“ Ich antwortete: „Bitte, kommt.“ Um sieben Uhr abends kamen sie. Ich las es und sah, dass sie gleichsam angenommen worden war; man verlangte nur, das Wort „Cemaat“ zu entfernen und sie zurückzuschicken. „Gut, schreibt die Stellen mit dem Wort ‚Cemaat‘ neu. Nehmt das Wort ‚Cemaat‘ heraus. Unterschreibt alle noch einmal als Gründungsvorstand und schickt sie ab.“ Die Freunde machten es genau so, wie ich gesagt hatte, und schickten sie ab. Innerhalb von zwei Wochen wurde sie als „Alevi Bektaşi Kültür Derneği“ (Alevitisch-Bektaşitischer Kulturverein) genehmigt und kam als amtliche Satzung zurück. Es ist der erste und einzige Verein, der in der Türkei unter dem Namen „Alevi“ gegründet wurde.
Danach wurde bei keinem Verein mehr akzeptiert, das Wort „Alevi“ in den Namen aufzunehmen. Im zehnten Monat erhielt ich wieder einen Anruf: „Mein Vorsitzender, wir haben einen leerstehenden Laden gemietet, den wir als Vereinslokal nutzen werden. Wir planen die Eröffnung an diesem Wochenende und möchten, dass du die Eröffnungsrede hältst.“ Natürlich fuhren wir am Freitag nach Narlıdere. Der Geschäftsmann Mustafa Alkan, einer unserer Canlar, nahm uns als Gäste in seinem Haus auf. Am Samstag kamen auch Rechtsanwalt Ali Akday und Selahattin Özel in das Haus von Mustafa Alkan. Nach einem langen Gespräch fragten sie: „Mein Vorsitzender, was wirst du in der Eröffnungsrede sagen?“ Als ich ihnen die vorbereitete Rede vorlas, bestanden sie stundenlang darauf: „Mein Vorsitzender, hier ist nicht Deutschland, hier ist nicht Europa. Wenn du so Muawiya verfluchst und die heutige Regierung mit harten Worten angreifst, kannst du uns in Schwierigkeiten bringen. Tu das bloß nicht.“
So beharrten sie bis drei Uhr nachts: „Sag dies nicht, sag jenes nicht.“ Schließlich sagte meine Frau Zöhre Hanım: „Mein Bruder, steht auf und geht, dieser Mann hat morgen früh eine Rede, jetzt ist es genug. Wenn sie uns hängen, dann sollen sie uns eben hängen – bitte geht.“ Sie gingen, und wir legten uns schlafen. Um neun Uhr standen wir auf; der Gastgeber hatte den Frühstückstisch gedeckt und erwartete uns. Wir frühstückten, dann brachten sie uns zum Vereinslokal; die Eröffnungsveranstaltung war für 14 Uhr angesetzt. Wir kamen um 12 Uhr dort an, und schon hatten sich ziemlich viele Menschen versammelt. Auch Selahattin Özel und Ali Akday waren gekommen. Sie hatten vor mir mit İsmail Tanyeli und Haydar Kaya gesprochen, und auch Selahattin Özel sollte eine Rede halten. Ich hatte davon nichts gewusst; als sie es mir sagten, freute ich mich, dass es einen zweiten Redner geben würde. In jener Eröffnungsrede las ich alles vor, was ich geschrieben hatte. Auch die Polizisten und der Kommissar hörten zu. Auch der Hoca der ganz nahe gelegenen Moschee hatte zugehört. Man fragte ihn: „Dieser Mann hat Muawiya verflucht – was sagst du dazu?“ Der Hoca sagte: „Habt ihr nicht gehört? Der Mann hat auch die Quellen aus der islamischen Geschichte angegeben. Was soll ich da sagen?“ Der zweite Redner muss wohl unter dem Einfluss des damaligen psychischen Drucks der Sunniten gestanden haben, denn er sprach im Sinne der Scharia, als wollte er mich Lügen strafen, als wüsste ich nicht, was richtig ist. Und er sagt ohne Scham: „Den ersten alevitischen Verein in İzmir habe ich gegründet.“ Die Zeugen dieses Ereignisses leben noch. Heute verdrehen manche Personen, ob in der Türkei oder in Europa, die Ereignisse, indem sie sagen: „Wir haben ihn gegründet.“ Doch was auch immer jemand sagen mag: Die Organisierung in Europa hat auf diese Weise den Anstoß für die Türkei gegeben.
WIE WIR DIE ANLIEGEN DER ALEVITEN VOR DIE REGIERUNG DEMIREL BRACHTEN.
Mit diesem Eifer hielten wir eng zusammen und mühten uns. Jedes Jahr im März hielten wir in Ankara und Istanbul zweitägige Versammlungen mit den führenden alevitischen Schriftstellern ab, die dort lebten. Doğan Taşdelen, der Bürgermeister von Ankara-Çankaya, stellte für unsere Versammlungen die nötigen Säle zur Verfügung. Wir legten die Probleme der Aleviten in der Türkei auf den Tisch und suchten nach Lösungen. Unsere bedeutende Versammlung, die in der türkischen Öffentlichkeit Widerhall fand, begann folgendermaßen: Ülkü Mete, den Vorsitzenden des Hacı-Bektaş-Kulturvereins in Istanbul-Kadıköy, hatten wir bei der Hacı-Bektaş-Gedenkfeier 1991 kennengelernt. Ülkü Mete teilte unserer Föderation mit, dass man in Istanbul eine Versammlung über die Probleme der Aleviten abhalten werde, und lud auch uns aus Deutschland ein. Ahmet Aydemir, damals Generalsekretär, sagte mir am Telefon: „Mein Vorsitzender, du bist ja ohnehin in der Türkei; wir haben als Vorstand beschlossen, dass du die ACF vertrittst. Ich schicke dir die Adresse; wir möchten, dass du an der Versammlung am 04.12.1991 teilnimmst.“
Nach dieser Nachricht fuhren meine Frau und ich nach Istanbul. Am 04.12.1991 nahmen wir als Vertreter der ACF an der Versammlung teil. An der Versammlung nahmen teil: Ülkü Mete, Süleyman Cem, der verstorbene Cemal Şener, Lütfü Kaleli, Rıza Zelyurt, Reha Çamuroğlu, Selahattin Özel, Haydar Kaya, Rechtsanwalt Ali Akday, Hacı Mordoğan, Rechtsanwalt Behlül Ablak, Hasan Meşeli, Rechtsanwalt Hıdır Delipınar, Mahmut Aydın, Selahattin Ayyıldız, Mehmet Yılmazkaya, Hıdır Uluer und Mustafa Özcıvan. Auf dieser Versammlung beschlossen wir, die Forderungen der Aleviten, die ihre Bürgerrechte betreffen, zur Sprache zu bringen und unser Recht einzufordern. Die Anwälte und Schriftsteller aus der Türkei begannen untereinander zu sagen: Wenn wir eine Presseerklärung schreiben und in den Zeitungen Hürriyet und Cumhuriyet veröffentlichen lassen, haben wir Großes erreicht. Während ich ihnen zuhörte, konnte ich nicht mehr an mich halten. Ich bat ums Wort: „Meine Herren, warum wollen wir nicht zur Regierung nach Ankara gehen und unsere Forderungen aus erster Hand dem Ministerpräsidenten und den anderen Ministern vortragen?“ Daraufhin wandten allen voran Lütfü Kaleli und einige der anderen Anwälte und Schriftsteller ein: „Man wird uns keinen Termin beim Ministerpräsidenten und den anderen Ministern geben, und wenn doch, dann erst in ein, zwei Monaten. Deshalb hat es keinen Sinn, dass wir hinfahren.“
Unser Hacı Mordoğan Can war Vorsitzender der AKKAV-Stiftung in Ankara. Er unterstützte mich sofort: „Meine Herren, kommt ihr nur nach Ankara. Wir vom AKKAV-Vorstand besorgen euch innerhalb von zwei Tagen einen Termin. Daran braucht ihr keinerlei Zweifel zu haben.“ Daraufhin sagten einige Canlar: „Wir sind nicht vorbereitet gekommen, wir haben kein Geld für die Reise nach Ankara dabei.“ In diesem Moment sagte meine Frau Zöhre Hanım: „Canlar, wessen Mittel nicht ausreichen, für den kommen wir auf. Hauptsache, wir fahren alle zusammen nach Ankara.“ Da sahen sich die Anwesenden eine ganze Weile gegenseitig an. Am Ende kamen die Istanbuler Literaten und Wichtigtuer nicht nach Ankara. Von Istanbul nach Ankara fuhren: ich und meine Frau, Süleyman Cem, Rechtsanwalt Ali Akday, Selahattin Özel, Haydar Kaya, Hasan Meşeli, Mahmut Aydın, Ülkü Mete, Mehmet Yılmazkaya, Rechtsanwalt Behlül Ablak, Selahattin Ayyıldız und Hıdır Ünler – diejenigen, die sagten „In Ordnung, wir fahren“; zusammen mit meiner Frau blieben wir dreizehn Personen. Hacı Mordoğan sagte: „Am Samstag erwarte ich euch alle an der Adresse, die ich euch gegeben habe“, und ging. Damit endete auch die Versammlung.
Am Samstag, dem 09.12.1991, versammelten wir uns im Büro der AKKAV in Kızılay. Auch der Bürgermeister von Hacı Bektaş, Ali Eğer, war gekommen. An diesem Tag und am Sonntag prüften wir die Presseerklärung, die wir in Istanbul geschrieben hatten. Wir korrigierten die zu korrigierenden Stellen und gaben ihr die endgültige Form. Wir alle, die teilnahmen, gaben die Adressen unserer Organisationen an und unterzeichneten die Presseerklärung. Am 11.12.1991 gingen wir zu elft – zehn Männer und eine Frau, meine Frau Zöhre Hanım – zum Amt des Ministerpräsidenten. Schon am Eingang war klar, dass großer Andrang herrschte. Nachdem wir in der Schlange lange gewartet hatten, kamen wir endlich zur Kontrollstelle: „Wer sind Sie und woher kommen Sie?“ Vor uns stellte sich der Bürgermeister von Hacı Bektaş, Ali Eğer, zuerst selbst vor; dann stellte er uns vor: „Wir sind als alevitische Delegation gekommen, um den Ministerpräsidenten zu besuchen.“ Als er „alevitische Delegation“ sagte, sahen sich die Bediensteten – ohne Übertreibung – mindestens dreißig Sekunden lang gegenseitig an. Ihre Aufgabe war es, dem Ministerpräsidenten mitzuteilen, wer die eingelassenen Delegationen waren. Etwa zwanzig Minuten nachdem wir eingelassen worden waren, kam ein Bediensteter und ging uns voraus mit den Worten: „Die alevitische Delegation möge mir folgen.“ Wir folgten ihm alle zusammen. Er brachte uns in einen großen Sitzungssaal, sagte: „Warten Sie hier, der Ministerpräsident wird kommen und mit Ihnen sprechen“, schloss die Tür und ging.
Wir warteten in jenem Saal eine volle Stunde und begannen schon davon zu sprechen, dass man uns vergessen habe, als sich in diesem Augenblick die Tür öffnete und man uns 11 Gläser Tee brachte. Wir tranken unseren Tee und warteten weiter. Genau zwei Stunden waren vergangen, als Demirel hereinkam. Hinter ihm wollten Journalisten hereinkommen. Doch Demirel schickte sie alle hinaus. Er wies die Bediensteten an, niemanden hereinzulassen. Nachdem er jedem von uns die Hand gegeben und uns kennengelernt hatte, sagte er: „Meine Herren, der Grund, warum ich Sie zwei Stunden habe warten lassen: Ich komme zum siebten Mal in dieses Amt.“ Angefangen bei Naci Orhan Dede und İzzettin Doğan zählte er alle führenden Aleviten, Schriftsteller und Literaten auf, die es gab. „Ich kenne sie alle, aber wenn sie hierherkommen, kommen sie nicht unter dem Namen ‚Alevi‘. Sie erzählen mir zwar, dass sie gekommen sind, um mit mir über alevitische Themen zu sprechen. Aber bis heute ist niemand unter dem Namen ‚alevitische Delegation‘ oder mit den Worten ‚Ich bin Alevit‘ durch diese Tür gekommen. Weil Sie als Erste unter dem Namen ‚Alevi‘ gekommen sind, habe ich Sie warten lassen, um den Andrang loszuwerden und in Ruhe mit Ihnen zu sprechen und Ihre Sorgen anzuhören. Entschuldigen Sie bitte.“
Als er hörte, dass ich Vorsitzender der Föderation der Alevitischen Gemeinden in Deutschland war, weckte das sein Interesse noch mehr. Ausführlich fragte er nach unseren Organisationen in Deutschland. Ich erzählte davon. Wir übergaben ihm die Presseerklärung. Wir sprachen viel, aber wissen Sie, was er uns zum Schluss sagte? „Ich kenne alle Ihre Nöte. Aber im Moment kann ich Ihnen nicht geben, was Sie fordern. Ich bin Politiker. Wenn ich wüsste, dass ich mindestens vier Millionen Stimmen gewinne, wenn ich den Aleviten ihre Rechte gebe, würde ich sie geben. Aber wenn ich bei den Aleviten zwei Millionen gewinne und dafür bei den Sunniten vier Millionen verliere, gebe ich sie nicht.
Mein Rat: Schließt euch Aleviten zusammen, setzt euer Gewicht auf eine einzige Partei und bringt diese Partei an die Macht – dann bekommt ihr alle eure Rechte. Solange ihr so zersplittert seid, wird keine Partei euch eure Rechte geben. Das sollt ihr wissen.“
Außerdem erfüllten wir unsere Aufgabe, indem wir auch persönlich etwa eine Stunde lang mit ihm über die Nöte der damaligen Zeit sprachen. In derselben Woche gingen wir noch zu sechs weiteren Ministerien, übergaben die Presseerklärung und trugen unsere Forderungen vor. Für den zehntägigen Aufenthalt jener Menschen in Ankara hatten wir über 4000 TL aus eigener Tasche ausgegeben. Als wir nach Deutschland zurückkamen, ließen wir uns dieses ausgegebene Geld weder vom Verein noch von der Föderation erstatten; wir sprachen nicht einmal darüber.
Ohnehin hatten Kamber Kutlu und Muhsin Cevahir unseren „Lohn“ schon vorbereitet, bevor wir zurückkamen: eine Sonderausgabe der Zeitschrift „Gerçek İlim“; diese Zeitschrift liegt in meinem Archiv. Nur ihre dritte Seite, die sich auf den Koran bezieht, habe ich auf Seite 64 meines Buches über die alevitische Organisierung in Europa aufgenommen. Viele weitere Dokumente können Sie auf den Seiten 169 bis 173 meines Buches „Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması“ lesen.
Leider sah ich mich bei meiner Rückkehr nach Deutschland einer ungeheuerlichen Verleumdung ausgesetzt. Natürlich war ich schockiert. Kanber Kutlu und Muhsin Cevahir, die in dem Eifer, den Unwissenheit und Selbstsucht verleihen, nicht mehr kontrollieren konnten, was sie taten, hatten mich zum Sunniten und zum besoldeten Beamten der Diyanet erklärt; dazu hatten sie auf eigene Kosten eine 32-seitige Zeitschrift in 300 Exemplaren drucken lassen und an die Vereine verteilt. Glauben Sie mir, ich habe ihnen gegenüber nichts gesagt. Mein Musahip (Weggeschwister) Ahmet Aydemir, İsmail Elçioğlu und İsmail Yağlı wollten unbedingt, dass ich antworte! Doch ich zog es vor, nach der Antwort zu handeln, die – wie ich es von unseren Älteren gehört habe – Hz. Ali den Gefährten (Sahabe) gab. Eines Tages erzählten sich die Gefährten untereinander, wie Hz. Ali die stärksten Festungen auf der Arabischen Halbinsel erobert hatte, als in diesem Moment Hz. Ali kam. Sie wandten sich an Hz. Ali und fragten ihn: „O Ali, du hast die stärksten Festungen der Arabischen Halbinsel erobert. Gibt es wohl noch eine Festung auf der Welt, die du nicht erobern könntest?“ Hz. Ali sieht diese Leute aufmerksam an und sagt:
„Es gibt auf dieser Welt Tausende von Festungen, die ich nicht erobern kann.“ Die Gefährten staunen. Sie können sich keinen Reim darauf machen. Die Gefährten: „O Ali, wo sind diese Festungen, sagst du es uns?“ Hz. Ali sagt: „Die Festung des Lügners, des Doppelzüngigen und des Heuchlers wird niemals erobert.“ Auch ich dachte so: Es lohnt sich nicht, sich mit diesen Leuten abzugeben, die von dem missgünstigen Eifer, den die Selbstsucht verleiht, gefangen sind. Denn ihre Festung lässt sich nicht einnehmen. Mit diesem Gedanken schloss ich die Sache ab. Da wir überzeugt sind, dem ehlibeyt-alevitisch-islamischen Glauben zu dienen, können persönliche, ehrgeizige Verhaltensweisen uns nicht daran hindern, unseren Glauben zu leben und unseren Dienst zu tun. Doch leider besteht der Lohn derer, die unserer Gemeinschaft aufrichtig dienen, meistens in solcher Missgunst oder Herabsetzung.
Aus diesem Treffen kommentierte die Zeitung Hürriyet Süleyman Demirels Aussage gegenüber den Journalisten, „Die Aleviten sind Bürger erster Klasse“, tagelang und seitenweise unter der Überschrift „DIE REGIERUNGSOFFENSIVE DER ALEVITEN“. Die Zeitung Ulus kommentierte unter der Überschrift „Die Hacı-Bektaş-Offensive der Diyanet“. Kurz gesagt: In der Türkei entstand mit wohlwollenden Kommentaren eine gute öffentliche Stimmung über das Alevitentum. In Europa aber setzten uns bekannte dunkle Kräfte der Kritik aus: „Selbst ein Ellbogenkontakt mit der Republik Türkei ist für die Aleviten eine Schande (zül).“ Das Wort „zül“ bedeutet „Erniedrigung und Niedertracht“. Solcher Kritik waren wir noch im mildesten Fall ausgesetzt. Was auch immer jemand sagte – wir setzten mit dem Eifer, mit dem wir aufgebrochen waren, fort, Vereinsgründungen anzuregen, Versammlungen abzuhalten und die Gemeinschaft durch Seminare über den alevitischen Glauben aufzuklären.
In der Zwischenzeit fanden viele Generalversammlungen und Vorstandswahlen statt. Jedes Mal wählten sie mich zum Vorsitzenden. Bei einer Wahl hatte ich nach dem Stimmenanteil gewonnen, doch mein Musahip Ahmet Aydemir sagte: „Bruder! Dieser İsmail Elçioğlu ist ganz versessen auf den Vorsitz; du siehst, er hat wieder gegen dich kandidiert. Das kann später zu einer Spaltung führen. Lass uns seine Stimmen ein wenig erhöhen und ihn diesmal zum Vorsitzenden machen, damit er lernt, wie schwer das ist.“ Wir taten, was Ahmet Bey sagte, doch er hielt keine vier Monate durch. Er führte eigenmächtig Gespräche mit Personen, die wir nicht wollten, und handelte nach eigenem Gutdünken; diese Kölner Gruppe zum Beispiel kannte uns nicht, und wir kannten sie nicht. Doch während seines viermonatigen Vorsitzes nahm er uns mit und machte uns mit ihnen bekannt. Als Generalsekretär Ahmet Aydemir in der Vorstandssitzung fragte: „Warum knüpfst du Beziehungen zu Organisationen, die wir nicht akzeptieren, ohne uns zu fragen? Du bereitest den Boden dafür, dass wir sie kennenlernen?“, antwortete er: „Ich bin der Vorsitzende, ich mache, was ich will. Soll ich euch etwa in allem um Rat fragen? Ihr habt mir nichts dreinzureden.“ Diese Antwort zwang den Vorstand zu einer erneuten Wahl des Vorsitzenden. Es wurde neu abgestimmt. Bei der Abstimmung erhielt İsmail Elçioğlu eine einzige Stimme. So nahm man ihm den Vorsitz ab. Und wieder bürdeten sie ihn mir auf.
Während wir so mit Hingabe und Freude arbeiteten, merkte ich gar nicht, wie Monate und Jahre vergingen. Am 10.03.1993 kam vom Finanzamt Groß-Gerau eine Akte. Weil ich zwei Jahre lang keine Steuern an das Finanzamt gezahlt hatte, forderten sie eine Schätzung von 114.000 DM – eine geschätzte Steuer – und teilten mir mit, dass ich innerhalb von 90 Tagen die Bücher für die zwei Jahre vorbereiten müsse und sie zur Prüfung kommen würden. Mich packte die Angst. Ich sagte: Nehmt mir den Vorsitz der Föderation ab. Es kümmerte niemanden. Wenn es so weiterginge, würde mein Haus gepfändet werden; ich stand kurz vor dem Bankrott. Wir fuhren nicht in Urlaub; ich bemühte mich, hier unsere Finanzangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Als niemand meine Worte ernst nahm, sah ich mich gezwungen, eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen und den Vorsitz niederzulegen. Wer auch immer es unter uns war – den Gülçiçeks, Alirıza Gülçiçek, wurde zugetragen: „Der Föderationsvorsitzende Derviş Tur wird eine außerordentliche Generalversammlung einberufen, um vom Vorsitz zurückzutreten. Und niemand traut sich zu, für den Vorsitz zu kandidieren.“ Dieser faule Apfel unter uns hatte, ohne dass wir es wussten, die Kölner Gruppe fortwährend über alles informiert, was geschah.
Im April 1993 kam ein Anruf: „Spreche ich mit dem Föderationsvorsitzenden Derviş Tur?“ – „Ja, ich bin Derviş Tur.“ Als er sagte: „Mein Name ist Alirıza Gülçiçek“, erkannte ich ihn am Namen. İsmail Elçioğlu hatte uns früher mit ihnen bekannt gemacht. „Wir haben in Köln einen Alevitisch-Bektaşitischen Kulturverein gegründet. Wir möchten mit Ihnen sprechen.“ – „Gut, Sie können kommen und mit uns sprechen.“ – „Hätten Sie diesen Samstag Zeit?“ Ich überlegte; wir hatten am Samstagabend um sieben Uhr ebenfalls eine Vorstandssitzung. Ich gab dem Herrn am Telefon einen Termin: „In Ordnung, seien Sie am Samstag spätestens um vier Uhr hier.“ Gleich danach rief ich unsere Vorstandsmitglieder Ahmet Aydemir, İsmail Yağlı, Musa Bakır, İsmail Elçioğlu und Sabit Yıldız an, um uns am Samstag um drei Uhr im Verein zu treffen.
Am Samstag kamen die anderen Freunde um drei Uhr; nur Sabit Yıldız war nicht gekommen. Die erwarteten Besucher hatte Elçioğlu uns während seines Vorsitzes bei einer Gelegenheit vorgestellt. Als ich erzählte, dass sie kommen würden, sagte İsmail Elçioğlu doch tatsächlich: „Ich weiß davon.“ So verärgert wir auch waren – er fing an, von ihrem Verein zu erzählen. Wir alle waren fassungslos. Wie sich herausstellte, war es die Gruppe, mit der er uns während seines viermonatigen Vorsitzes in einer Jugendherberge in der Gegend von Bonn zusammengebracht hatte. Damals waren es diese vier Personen, und Nejat Birdoğan war mit ihnen dabei als ihr Sprecher. Jedenfalls kamen um vier Uhr Alirıza Gülçiçek, Gülüzar Cengiz, Nejdet Saraç und Turgut Öker, vier Personen – eben die Gruppe, mit der wir im Winter gemeinsam über das Alevitentum diskutiert hatten. Sie begannen zu erzählen, dass sie in Köln einen eigenen alevitischen Verein gegründet hätten. Sie sagten, unsere Arbeit und die Arbeit der Föderation gefalle ihnen und sie dächten daran, sich uns künftig anzuschließen; dann gingen sie.
Wir setzten unsere Arbeit alle mit dem gleichen Tempo fort. Obwohl ich sagte: „Lasst uns zur Generalversammlung gehen, ich muss den Vorsitz niederlegen“, sagten İsmail Yağlı und Ahmet Aydemir: „Mein Vorsitzender, vor uns liegt die sommerliche Urlaubszeit; hab Geduld, nach dem Urlaub finden wir eine Lösung.“ Während ich, wie auf glühenden Kohlen, die Arbeit unverändert fortsetzte, kam mit der Vereinspost ein Brief aus Köln. Ich öffnete ihn und las: Unter der Überschrift „GEMEINSAMER BESCHLUSSTEXT ZUR EINHEIT“ hatten neun Vereine gemeinsam beschlossen, der Föderation der Alevitischen Gemeinden (Alevi Birlikleri Federasyonu) beizutreten, und teilten uns dies mit. Die Vereine: Berlin, Hamburg, Hannover, Koblenz, Köln, Lübeck, Mannheim, Neumünster, Rheda-Wiedenbrück. Genau neun Vereine. Dieser Beschluss war am 12.06.1993 verfasst und niedergeschrieben worden. Bei uns ging er am 20.06.1993 ein. Noch bevor wir als Föderationsvorstand diesen Brief besprechen konnten, geschah am 02.07.1993 das Massaker von Sivas. Sie hatten also 20 Tage vor dem Massaker von Sivas den Beschluss gefasst, der Föderation beizutreten. Der Hamburger Verein ist der Verein, dessen Vorsitzender Turgut Öker war: Darauf möchte ich hier Ihre Aufmerksamkeit lenken. Dieses Dokument können Sie im Original auf Seite 243 meines Buches „AVRUPA’DA İLK ALEVİ YAPILANMASI“ lesen.
Unseren Protestmarsch und die Protestkundgebungen gegen die Ereignisse von Sivas können Sie mit den Originaldokumenten auf den Seiten 258 bis 271 meines Buches „AVRUPA’DA İLK ALEVİ YAPILANMASI“ nachlesen. Nach diesen Ereignissen hielten wir am 18.09.1993 eine große Versammlung mit den Vorsitzenden von 44 Vereinen und dem Föderationsvorstand ab. Als ersten Tagesordnungspunkt verlas ich den Antrag der 9 Vereine, die neu beitreten wollten. „Meine Herren, diese antragstellenden Vereine sind Vereine demokratischer Massenorganisationen. Sollen wir sie unter das Dach der Föderation aufnehmen? Zweitens: Sollen wir ihnen bei der bevorstehenden außerordentlichen Generalversammlung das Stimmrecht geben?“ So stellten wir es zur Abstimmung. Viele stimmten zu in dem Sinne, dass sie bei unserem Marsch gegen die Ereignisse von Sivas mit uns marschiert seien, uns so sehr unterstützt und sich mit uns vereint hätten. Mit Stimmenmehrheit wurden sie in die Föderation aufgenommen, und alle stimmten mit Ja dafür, dass sie auch bei der Generalversammlung ihre Stimme abgeben dürften.
DER ÜBERGANG DER FÖDERATION AN DAS KÖLNER TEAM
Zweiter Tagesordnungspunkt: „Der Vorsitzende der Föderation der Alevitischen Gemeinden legt sein Amt nieder. Es ist zwingend notwendig, eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen und für die Föderation einen neuen Vorsitzenden und einen neuen Vorstand zu wählen. Jeder möge hierzu seine Meinung und seine Vorschläge äußern.“ Unsere Versammlung hatte sieben Stunden gedauert. Alle, einschließlich meines Musahips Ahmet Aydemir, sagten: „Ich habe keine Zeit, ich habe keine Zeit, eine solche Föderation zu leiten“ – niemand meldete sich. Ich hielt folgende Rede: „Verehrte Herren, aufgrund meiner familiären Probleme bin ich gezwungen, den Vorsitz niederzulegen. Mein Vorschlag: Lasst uns unsere außerordentliche Generalversammlung am 30./31.10.1993 abhalten. Wer von euch auch immer für den Vorsitz kandidiert, den werde ich unterstützen. Mein größter Wunsch ist, dass wir den Vorsitzenden aus unseren eigenen Reihen stellen, aus denen, die sich schon lange eingesetzt haben, und dass sich unser Vorstand wieder aus Vereinsvorsitzenden zusammensetzt, die sich eingesetzt haben. Wenn ihr euch dieser Organisation nicht annehmt! Unter den demokratischen Massenorganisationen, die unserer Föderation neu beitreten wollen, gibt es eine Gruppe aus Köln. Sie sind sehr erpicht darauf, den Föderationsvorstand zu übernehmen. Da wir ihnen das aktive und passive Wahlrecht zuerkannt haben, werden sie meiner Überzeugung nach für den Föderationsvorstand kandidieren. Ehrlich gesagt wundere ich mich, dass ihr euch dieser Föderation so wenig annehmt.“ Sie nahmen auch den von mir genannten Termin der Generalversammlung an. Es wurde beschlossen, die außerordentliche Generalversammlung am 30./31.10.1993 abzuhalten und die Vorbereitungen dafür zu treffen.
Zusammen mit dem Sitzungsprotokoll teilten wir mit, welcher Verein mit wie vielen Personen an der Generalversammlung teilnehmen würde. Den neu beitretenden Vereinen wurde in einem Brief mitgeteilt, dass gemäß dem gefassten Beschluss diejenigen Vereine an der Generalversammlung teilnehmen könnten, die das Mitgliedsformular ausgefüllt und unterschrieben und entsprechend ihrer Mitgliederzahl die Beiträge für drei Monate bezahlt hätten; da ihnen das aktive und passive Wahlrecht gegeben worden sei, könnten sie auch kandidieren. Diesen Brief hat nicht Derviş Tur geschrieben und verschickt. Dieser Brief wurde vom Generalsekretär geschrieben. Er wurde vom Vorsitzenden, vom zweiten Vorsitzenden und vom Generalsekretär unterschrieben und verschickt.
Manche böswilligen Menschen betreiben gezielte Propaganda, als hätte Derviş Tur selbst die Föderation an Köln übergeben. Damit, dass sie unsere Menschen, die damals noch sehr klein waren und heute 30–35 Jahre alt oder noch jünger sind, gegen mich aufhetzen, begehen sie einen großen Fehler. Nun, ich möchte die Menschen, die gegen mich arbeiten, Folgendes fragen: Ich bin ehrlich gesagt gespannt, was diese jungen Leute über euch denken und sagen werden, wenn sie mein mit Dokumenten belegtes Buch „Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması“ lesen. Habt ihr euch das wohl auch einmal gefragt?
Bei den Vorbereitungen für die Generalversammlung hatten wir einen Saal der Frankfurter Universität gemietet. Aus der Türkei hatten wir auch Prof. İzzettin Doğan als Beobachter eingeladen. Am 30.10.1993 hielten wir die Generalversammlung im Saal der Universität mit 54 Vereinen ab – 48 Vereine von uns und 6 der neu beigetretenen Vereine. Während ich die Eröffnungsrede hielt, bat ich den bisherigen Föderationsvorstand und unsere Vereinsvorsitzenden eindringlich, in den zu wählenden Föderationsvorstand einzutreten. Niemand kandidierte. Als einziger aus dem alten Vorstand kandidierte Dursun Karadağ und trat in den neuen Vorstand ein. Dursun Karadağ arbeitet bis heute mit dem Kölner Vorstand zusammen. Bei der Wahl wurden – da sonst niemand kandidierte – Alirıza Gülçiçek, Gülüzar Cengiz, Nejdet Saraç, Turgut Öker, Kazım Kaya und Dursun Karadağ als sechs Personen gewählt. Genau so verlief die Geschichte des Übergangs der Föderation nach Köln. Nun frage ich: Wen trifft die Schuld am Übergang der Föderation nach Köln?
Während meines Vorsitzes gab es innerhalb der Föderation keine religiöse Institution. Aber der alevitische Glaube wurde niemals zur Debatte gestellt. Jedoch hatte ich 1991 mit den Kopien, die ich von Haydar Kaya erhalten hatte, und zudem mit dem Wissen, das ich bei meinem Vater gesehen und gelernt hatte, eine Ordnung für den Lehr- und Gottesdienst-Cem erstellt. Schon lange bevor die Föderation an Köln überging, erfuhr ich 1992, dass in der Gegend von Stuttgart ein Dede aus dem Kureyşan-Ocak namens Mahmut Doğanoğlu lebte, dessen Tochter als Zakir (Sänger und Saz-Spieler im Cem) diente. Ich besorgte mir Adresse und Telefonnummer des Dede. Ich organisierte sofort einen Cem in Rüsselsheim. Ich rief beim Dede zu Hause an. Wir lernten uns kennen, und ich sagte ihm: „In zwei Wochen werden wir einen Cem abhalten. Dede, würdest du diesen unseren Cem leiten?“ Der Dede fragte: „Was für ein Cem, in wessen Haus werden wir ihn abhalten?“ Als ich sagte: „Dede, wir haben den Saal einer Schule gemietet. Dort soll ein Cem mit den 12 Diensten abgehalten werden“, sagte der Dede: „Ich weiß nicht, wie man einen solchen Cem abhält. Ich halte für unsere Talips Cems in den Häusern ab.“ Da war ich verblüfft. Ich überlegte lange. Plötzlich fiel mir die Ordnung des Cem mit den 12 Diensten ein, die ich zusammengestellt und als Dossier niedergeschrieben hatte. Ich rief sofort den Dede an: „Dede, komm am Donnerstag zu uns. Du liest das Cem-Dossier, das ich habe, und ich helfe dir. Dann kannst du diesen Cem mühelos abhalten“, und gab ihm so Zuversicht. Zwei Tage vor dem Cem kamen Mahmut Dede und seine Tochter zu uns. Zwei Tage lang ließ ich ihn mit dem Dossier arbeiten. Der Dede hielt zum ersten Mal einen Cem mit den 12 Diensten ab. Ich ließ das Dossier kopieren und gab es ihm.
DIE GRÜNDUNG DES DEDE-RATES
Nachdem der Föderationsvorstand nach Köln gegangen war, machte ich ihnen folgenden Vorschlag: „Zu meiner Zeit gab es in den Vereinen niemanden, der als Dede dienen konnte. Doch unter denen aus Seyyid-Abstammung gibt es viele Menschen, die als Dede dienen könnten, wenn sie es lernten. Wenn wir einen Dede-Rat gründen, glaube ich, dass ich dieser Aufgabe gewachsen bin“, sagte ich. Mein Gedanke wurde sehr positiv aufgenommen. Schließlich fand am 12./13.03.1994 in Krefeld eine Dede-Versammlung statt. Wegen des Durcheinanders dort konnten wir keine Vorstandswahl durchführen. Wir gingen mit der Vereinbarung auseinander, uns einen Monat später im Rüsselsheimer Verein zu treffen. Bei der Versammlung in Rüsselsheim wurden Niyazi Bozdoğan und İsmail Arslandoğan zusammen mit vier weiteren Dedes, die sie zu sich genommen hatten, gewählt. Ich trat nicht in den Vorstand ein. Wie sie den Dede-Rat geleitet haben, darüber habe ich keine Kenntnis. Doch ein Jahr später wurde ich erneut zu einer Dede-Versammlung eingeladen.
Bei dieser Dede-Versammlung in Köln trat Niyazi Bozdoğan als Vorsitzender auf; als er über die Arbeit des einen Jahres berichtete, beschuldigte er einige Personen. Deshalb, so erklärte er, hätten sie nichts getan. Es wurde neu gewählt. 90 % der Dedes wollten, dass ich die Leitung übernehme, und wählten mich zum Vorsitzenden. Niyazi Bozdoğan und İsmail Arslandoğan verließen die Versammlung und gingen. Von März 1995 bis zum 23.03.2003 leitete ich volle acht Jahre lang den Dede-Rat. Zu meiner Zeit wurde der alevitische Glaube innerhalb der Föderation keinesfalls zur Debatte gestellt. Denn wenn wir die Religionen und Glaubensrichtungen der Welt betrachten, wird kein Glaube zur Debatte gestellt. Als Person nimmst du diesen Glauben entweder an und sagst: „Auch ich bin ein Mensch aus der Gemeinschaft dieses Glaubens“, oder du nimmst ihn nicht an. Ein Glaube kann nicht mit Zwang angenommen werden.
Nach meiner Wahl nahm ich sofort sieben weitere Dedes zu mir. Mit dem Gedanken, welchen Weg wir einschlagen sollten, um Cem und Gemeinde, Weg (Yol) und Erkân in der alevitischen Gemeinschaft wieder lebendig werden zu lassen, hielten wir viele Male Dede-Versammlungen ab. Leider vergingen darüber etwa zwei Jahre, und kein Dede brachte eine Lösung. Ich erweiterte den Dede-Vorstand auf 12 Personen. Doch in dieser Zeit blieb ich keineswegs untätig. Ich arbeitete viele Bücher über die alevitischen Cem-Erkâne durch. Um die fünf Cem-Erkâne zu ordnen, machte ich die Nacht zum Tag. Ich las und schrieb unablässig. Nachdem ich vieles geordnet hatte, kam mir der Gedanke: Lasst uns die Dedes versammeln, die in ihren eigenen Vereinen – mit allen Mängeln und Lücken – Cems abhalten, und jeden Dede im hinteren Saal des Föderationsgebäudes einen Cem so abhalten lassen, wie er es selbst kennt. Wir wollen sehen, ob es ein System der Cem-Durchführung gibt, das von dem von mir geordneten Cem abweicht. Ich erklärte dem Föderationsvorstand meinen Gedanken, und sie stimmten zu: „Das hast du sehr gut durchdacht.“ Als Termin legten wir die Weihnachtsferien 1996 fest. Wir schickten den Vereinen einen Brief: „Schickt euren Dede, der Cems abhält, über Weihnachten – falls vorhanden mit seinem Zakir – für eine Woche in das Kölner Föderationsgebäude.“ Wir hatten sogar nach Österreich geschrieben; der verstorbene Nuri Dede war aus Wien gekommen.
Meine Absicht war folgende: Auch wenn der alevitische Glaube in der Türkei in seinen Glaubenswerten und Cem-Erkânen im Wesen derselbe ist, gibt es im Sürek (überlieferte Praxis) und in der Auslegung, wenn auch geringe, Nuancenunterschiede. Das wissen wir alle. Mein Ziel war es, auch diese festzuhalten und ein Gottesdienst-(Cem-)System festzulegen, das in allen Regionen der Türkei Anerkennung finden würde. An jenem Wochenende, Samstag und Sonntag, fand in der Föderation eine Versammlung mit den Problemen der Vereine auf der Tagesordnung statt. Die ausgewählten Dedes ließen wir nicht nach Hause gehen. Unter den angereisten Dedes beherbergten wir in Köln diejenigen Dedes aus Erzurum, Erzincan, Tunceli, Malatya, Sivas, Çorum, Amasya und Balıkesir, die sagten: „Ich halte Cems ab.“ Am Montag versammelten wir uns mit den Dedes, die den Cem abhalten sollten, in dem hinteren Saal, den wir im Föderationsgebäude hergerichtet hatten. Niemand wusste, was wir tun würden. Ich sagte: „Erenler (ihr Verehrten), wenn ihr erlaubt, erkläre ich euch, was wir tun werden. Dedes, wir werden täglich zwei Cems abhalten.
Diese Cems werden mit der Kamera aufgenommen. Jeder Dede wird den Cem abhalten, den er in seinem Dorf, in seiner Region abhält. Am Samstag werden wir dann die abweichenden Seiten dieser Cems untersuchen. Gemeinsam werden wir einen Gottesdienst-Cem festlegen, der in allen Regionen der Türkei Anerkennung findet. Mein Enkel Öztur wird bei den Dedes, die keinen Zakir haben, als Zakir dienen und sich um die Kameras kümmern.“ Alle Dedes gaben mit „Allah Eyvallah“ ihre Zustimmung. Meine Frau, Zöhre Bacı, und mit ihr fünf Bacıs (Schwestern) bereiteten die ganze Woche über unser Essen und Trinken zu und bedienten uns. Wir begannen noch am selben Tag. Ein Dede hält bis mittags einen Cem ab, ein anderer Dede nachmittags. So begannen wir mit zwei Cems am Tag, zehn Cems in fünf Tagen. Den letzten, den zehnten Cem, hielt ich am Freitagnachmittag ab. Am Samstag versammelten wir uns erneut, sahen uns die abgehaltenen Cems auf den Aufnahmen an und untersuchten ihre Mängel und Unterschiede. Zuletzt entschieden sich die Dedes für den Cem, den ich abgehalten hatte. Die Cem-Ordnung, die diese Dedes annahmen, war im Grunde dasselbe Cem-Dossier, das wir 1995 in Bielefeld im Namen der Föderation an die Vereine verteilt hatten.
Den Dede-Rat führten wir, genau wie das System eines Vereinsvorstands, mit einer Wahl-Generalversammlung alle zwei Jahre recht und schlecht weiter. Kritik am alevitischen Glauben oder das Vorbringen neuer Ideen dazu gab es nicht. Nejat Birdoğan, der von den aserbaidschanischen Sunniten abstammt, hatte im Oktober 1994 in der Zeitung Aktüel die Erklärung abgegeben: „DAS ALEVITENTUM STEHT AUSSERHALB DES ISLAM.“ Nach dieser feindseligen, absichtsvollen Deutung erreichten wir Dedes, dass seine Einladung nach Europa untersagt wurde. Doch damit war es nicht zu Ende: Die Leute fanden so viele sunnitische Atheisten – Vecihi Timurtaş, Erdoğan Aydın, Erdoğan Çınar – und sie fanden Fayık Bulut, der über ein Alevitentum ohne Ali schrieb. Sie begannen, in verschiedenen Vereinen Versammlungen zu organisieren und solche Feinde des alevitischen Glaubens der alevitischen Gemeinschaft heimtückisch einzuimpfen, um die heiligen Werte des alevitischen Glaubens nach und nach auszulöschen. Jedes Mal, wenn wir Dedes uns dagegen stellten und fragten, wer diese Leute einlade, wuschen sie sich angeblich rein, indem sie jedes Mal sagten: „Wir wissen nichts davon, die Vereinsvorsitzenden laden sie ein.“
DIE GRÜNDUNG DES AABF-BESTATTUNGSHILFEFONDS
Außerdem waren wir zu einem festen Team geworden, das in den Vereinen Seminare über den alevitischen Glauben hielt und die Menschen zur Gründung von Vereinen ermutigte. İsmail Yağlı sprach über das Verhalten und die Haltung der Regierungen der republikanischen Zeit gegenüber den Aleviten, Ahmet Aydemir über die alevitische Geschichte, İsmail Elçioğlu über die Schäden, die die linke Ideologie dem alevitischen Glauben zugefügt hatte, und Derviş Tur über die heiligen Werte, den Weg (Yol) und die Erkâne des alevitischen Glaubens – so trugen wir es in jeder Stadt, in jedem Ort und in den von uns gegründeten Vereinen vor. Mein Musahip Ahmet Aydemir hatte in seinem Heft Buch geführt: Ein Jahr hat 52 Wochen. Wir aber hatten im Jahr 1992 in 64 Städten und Orten Versammlungen abgehalten und Seminare gegeben.
Am 20.02.1994 beschloss der Föderationsvorstand die Gründung eines Bestattungshilfefonds. Im Vorstand übernahmen Gülüzar Cengiz und Mehmet Çaba die Aufgabe, diesen Hilfsfonds zu gründen. Innerhalb von zwei
Monaten schlossen sie das Mitgliedsanmeldeformular und die übrigen amtlichen Formalitäten ab. An jeden Verein schickten sie etwa 50 Anmeldeformulare. Als es hieß, jede sich anmeldende Familie müsse als Mitglied 100 DM einzahlen, wurde niemand Mitglied. Inzwischen waren zwei Jahre vergangen. Im Mai 1996 waren meine Frau und ich in der Schweiz; wir waren wieder zu den Vereinen gefahren, um Seminare über den alevitischen Glauben zu halten. Da kam ein Anruf von Gülüzar Cengiz:
„Dede, im Böblinger Verein war eine Familie seit zwei Jahren Mitglied im Bestattungshilfefonds der Föderation. Gestern Abend sind sie zu einer Hochzeit nach Stuttgart gefahren und hatten auf der Rückfahrt nach Böblingen in der Nacht einen Unfall auf der Autobahn. Vater, Mutter und Kind sind alle drei bei dem Unfall ums Leben gekommen. Dede, wir haben keinen Leichenwagen. Wir haben auch niemanden, der die Überführung durchführen könnte. Du hast doch gesagt, dass deine Kinder zusammen mit einer deutschen Firma die Formalitäten für türkische Verstorbene erledigen und sie in die Türkei überführen. Meine Bitte an dich: Fahr sofort zum Böblinger Verein. Als würdest du die Bestattung im Namen der Föderation übernehmen, ohne jemanden etwas merken zu lassen. Überführe sie in die Türkei. Was es auch kostet, wir zahlen es dir“, bat sie.
Ich gab meinen Söhnen Yusuf und Erdoğan sofort telefonisch die Adresse des Böblinger Vereins und wies sie an, mit drei Fahrzeugen möglichst bis 14 Uhr dorthin zu kommen. Auch meine Frau und ich machten uns sofort auf den Weg zum Böblinger Verein. Um 12 Uhr mittags kamen wir im Verein an; die Leute hatten sich versammelt, doch niemand wusste, was zu tun war. Ich verlangte sofort das Familienstammbuch, die Personalausweise und die Pässe, nahm eine Person mit und ging zum Standesamt. Dort erledigte ich die Formalitäten. Ich fuhr zum türkischen Konsulat in Stuttgart und erledigte die Papiere für die Einreise in die Türkei; als ich um 16 Uhr zum Verein zurückkam, waren auch unsere Kinder mit drei Fahrzeugen eingetroffen. Sie fuhren zur Leichenhalle, holten die Verstorbenen ab und brachten sie vor den Verein. Ich sprach ein Helallık-Gebet (Gebet um gegenseitige Vergebung und Freisprechung des Verstorbenen). Wir brachten sie nach Frankfurt und überführten sie von dort in die Türkei.
Eine Woche später fuhr ich nach Köln, um das Geld abzuholen. Gülüzar Cengiz sagte: „Mein Dede, ich habe kein Geld, ich kann dir dieses Geld jetzt nicht zahlen.“ Ich sagte: „Gülüzar Bacı, was sagst du da? Wie kann dieser Fonds, der seit zwei Jahren besteht, kein Geld haben?“ – „Mein Dede, frag gar nicht erst. Unsere Leute standen der Sache nicht besonders aufgeschlossen gegenüber. In zwei Jahren sind 70 Familien Mitglied geworden. Außerdem ist es uns als Föderation nicht möglich, diese Sache zu betreuen. Mein Dede, stell dir vor: In unserer Kasse sind 1500 DM. Wir haben kein Geld, um die Bestattungskosten für die drei Personen zu bezahlen, die du überführt hast. Wie soll ich das bezahlen? Aber mach dir keine Sorgen, wir werden dir dein Geld künftig ganz bestimmt zahlen.“ Nun, nach sechs Monaten zahlten sie.
Gülüzar Cengiz sagte entschieden: „Dede, unsere Leute sind gleichgültig, diese Sache ist nicht so gelaufen, wie wir gehofft hatten. Ich werde sie schließen.“ Ich kehrte von Köln nach Hause zurück. Meine Kinder erwarteten Geld von mir: „Vater, was hast du erreicht? Wir müssen die Miete für die Fahrzeuge des Fonds bezahlen. Hast du Geld mitgebracht?“ Ich sagte: „Mein Sohn, sie haben kein Geld. Deshalb konnte ich keines bekommen. Aber, Erdoğan, ich habe dir die gute Nachricht mitgebracht, auf die du gewartet hast. Seit zwei Jahren hast du mich bedrängt und unbedingt ein Bestattungsunternehmen eröffnen wollen. Ich habe es nicht zugelassen, weil es eine Konkurrenz zur Föderation gewesen wäre. Jetzt hat Gülüzar Cengiz klar und entschlossen gesprochen. Sie schließt den Bestattungsfonds. Gülüzar wird ihn bis Ende dieses Jahres schließen. Nachdem sie ihn geschlossen hat, kannst du das Bestattungsunternehmen gründen.“ Erdoğan freute sich über diese Nachricht. Danach begann Erdoğan mit seinen Vorbereitungen. Am 01.07.1996 gründete er offiziell das BESTATTUNGSUNTERNEHMEN ERENLER. Danach gründete er auch den Hilfsfonds. Volle 22 Jahre lang führte er diesen sehr schweren Dienst. Im Jahr 2018 übertrug er das Bestattungsunternehmen zusammen mit dem Fonds an den Bestattungsfonds der Föderation der Alevitischen Gemeinden.
Was das Bestattungs-Erkân betrifft: Ich begann zuerst im Frankfurter Verein, an einer Kunststoffpuppe der Reihe nach und ordnungsgemäß das Waschen des Verstorbenen, das Zuschneiden des Leichentuchs, die Beisetzung und alle zugehörigen Gebete zu lehren. Danach führte ich in Köln, Duisburg, Krefeld, Kassel, Stadtallendorf, Hannover, Hamburg, Mannheim, Wiesloch, Heilbronn, Stuttgart, Filderstadt, Nürnberg, Neufahrn, München und vielen weiteren Vereinen, die mir gerade nicht einfallen, Schulungen im Waschen der Verstorbenen, im Zuschneiden des Leichentuchs und in den Gebeten des Bestattungs-Erkâns durch und gab ihnen zudem ein schriftliches Dossier in die Hand. In allen Vereinen habe ich jahrelang Dienst geleistet, um es Frauen und Männern zu lehren.
DIE GRÜNDUNG DER ALEVITISCHEN AKADEMIE
Schließlich kam das Jahr 1997 mit der Wahl-Generalversammlung. Auf der Generalversammlung wurde Ali Kılıç gegen Alirıza Gülçiçek zum Föderationsvorsitzenden gewählt. Danach bremsten wir zwar die ständig aus der Türkei geholten sunnitischen Schriftsteller ein wenig, doch nun begann man, Atheisten alevitischer Herkunft zu holen. Auch die alevitischen Atheisten bemühten sich, die heiligen Werte des alevitischen Glaubens zu verändern. Was auch immer man tut: Wenn die Glaubenswerte einer Gemeinschaft nicht durch Bildung vermittelt werden, kann jeder Dahergelaufene – ob gläubig oder ungläubig, ob Sunnit oder Christ – mühelos mit den heiligen Werten dieses Glaubens spielen. Ali Kılıç war nicht wie die anderen. Ich war Vorsitzender des Dede-Rates. Er achtete darauf, dass die heiligen Werte des alevitischen Glaubens unverändert lebendig blieben. Ich fragte ihn viele Male, wie wir die Ausbildung der Dedes durchführen und wann wir damit beginnen könnten. Eines Tages sagte er zu mir: „Dede, ich habe nachgedacht: Wenn wir eine Alevitische Akademie gründen – eine Akademie ist ein Bildungszentrum. Dort bilden wir diejenigen aus, die als Dede dienen werden. Was sagst du?“ Ich sagte: „Gut, das hast du sehr schön durchdacht, aber wen setzen wir an die Spitze der Akademie?“
Ali Kılıç sagte: „Dede, ich kenne jemanden aus unserem Tunceli namens Mustafa Düzgün; er war Generalsekretär von Töb-Der in Ankara und ist von Beruf Lehrer. Beim Putsch von Kenan Evren floh er, kam nach Schweden und ließ sich dort nieder.“ Ich fragte ihn: „Ist das nicht der Sohn von Düzgün Düzgün aus Şağulan!“ Ali: „Dede, woher kennst du ihn?“ – „Sein Vater kam als Mürşid zu uns. Er kam sogar zweimal nach Deutschland. Wir haben von seinem Vater viele Male gehört, dass dieser Sohn ein Linker sei, gegen den alevitischen Glauben eingestellt, und dass er ihn verstoßen habe.“ Ali: „Wie kann das sein!“ – „Ich, meine Geschwister und meine Frau haben es viele Male von seinem Vater gehört. Dieser Mann ist gegen den Glauben – wie sollen wir ihn an die Spitze der Akademie stellen! Deshalb hatte ich seinen Namen an einer Stelle mit schwarzem Stift durchgestrichen.“ Ali: „Dede, es ist nicht so, wie du denkst; er hat jetzt zu seinem Wesenskern zurückgefunden. Inzwischen verteidigt er überall das Alevitentum. Ich kenne ihn sehr gut, schon aus der Heimat. Auch nachdem er nach Schweden gekommen ist, sehen wir uns ständig. Jetzt ist auch er Alevit geworden“, sagte er.
„Ali, mein Vorsitzender, 1982 hörte ich, dass der Sohn unseres Mürşids in Frankfurt an der und der Adresse zu Gast sei. Ich schickte meinen Sohn, den Ingenieur aus Berlin, hin und ließ ihn holen, weil in unserem Haus schon lange keine Pir-Lokma (Opferspeise im Beisein des Pir) mehr dargebracht worden war. Wir wollten uns vor dem Pir dem Dâr stellen (uns zur Rechenschaft vor die Gemeinschaft stellen) und eine Lokma darbringen, damit auch unsere Kinder es sehen. Doch als Mustafa Düzgün sagte: ‚Ich diene nicht als Dede, ich bin gegen diese Ordnung‘, ließ er mich tausendfach bereuen, dass ich ihn hatte holen lassen. Du erzählst es mir, und ich kann es nicht glauben. Wie konnte es geschehen, dass dieser Mann eine Kehrtwende um 180 Grad gemacht hat?“ Ali Kılıç sagte: „Was sollen wir tun, Dede, einen Geeigneteren als ihn finden wir nicht. Ich suche schon lange. Aber ich finde niemanden, der geeignet ist. Wir denken daran, zusammen mit der Föderation der Alevitischen Gemeinden in den Niederlanden eine Europäische Alevitische Akademie zu gründen. Bald werden wir dazu in den Niederlanden eine Versammlung abhalten. Dann nenne du einen geeigneten Kandidaten, den du kennst. Ja, Mustafa Düzgün hältst du nach deiner Schilderung nicht für geeignet. Aber wir finden auch sonst niemanden, der geeignet wäre.
Obwohl niemand Mustafa Düzgün kennt, werde ich ihn als Kandidaten für den Vorsitz vorschlagen. Dede, auch an dich habe ich eine Bitte: Wenn ich ihn als Kandidaten nenne und du ihn unterstützt, indem du sagst ‚Er ist der Sohn meines Mürşids‘ – ich glaube, die Leute haben großes Vertrauen zu dir. Wenn du ihn unterstützt, machen wir ihn zum Vorsitzenden.“ Ali Kılıç war fest entschlossen, Mustafa Düzgün als Kandidaten für den Vorsitz der Akademie aufzustellen. Ich verhielt mich zurückhaltend. Was Ali Kılıç befürchtete, war: Wenn Derviş Dede einen anderen Kandidaten unterstützt –
da niemand Mustafa Düzgün kennt, kann er nicht gewählt werden. Schließlich kam der Tag, und die Versammlung in den Niederlanden fand statt. Viele Personen sprachen zu diesem Thema. Dann kam die Vorstellung der Kandidaten für den Vorsitz an die Reihe. Es gab drei Kandidaten: aus den Niederlanden Fuat Bey aus Hacı Bektaş, aus der deutschen Föderation Nejdet Saraç und schließlich Mustafa Düzgün, den niemand kannte und den nur Ali Kılıç als Kandidaten aufgestellt hatte. Mustafa Düzgün kannten nur die Leute aus Tunceli, doch die Leute aus Tunceli waren damals mehrheitlich Linke. Sie traten den alevitischen Vereinen nicht bei. Sie hatten ihre eigenen Vereine.
Die Kandidaten stellten sich der Reihe nach vor. Fuat Bey ist in den Niederlanden bekannt und gebildet; Nejdet Saraç ist Absolvent der Politikwissenschaften und kennt die deutschen Vereine und ganz Europa. Als Mustafa Düzgün sich vorstellte, erzählte er, dass er aus Tunceli stamme, und berichtete über seine Ausbildung.
Da er nicht bekannt war, blieb er gegenüber den anderen Kandidaten sehr schwach. Ich dachte: Er ist schließlich ein Nachkomme der Seyyids (Seyyid-i Sâdât), aus der Abstammung des Propheten. Außerdem verbindet uns ein Ikrar-Band (Ikrar: Gelöbnis), das von meinem Vater und meinem Großvater herrührt. Ich konnte nicht an mich halten. Gerade als er sich vorstellte, stand ich auf: „Meine Herren, Sie kennen Herrn Mustafa Düzgün nicht. Er stammt aus einer sehr ehrwürdigen Familie und ist der Sohn meines Mürşids. Ich glaube, dass er die Akademie sehr gut leiten wird. Deshalb unterstütze ich seinen Vorsitz“, sagte ich. Daraufhin wurde der Form halber offen abgestimmt. Als Ali Kılıç und ich für Mustafa Düzgün die Hand hoben, hoben 80 % des Saales die Hand für Mustafa Düzgün. Fuat Bey sagte: „Wenn sich so viele Hände heben würden, wozu brauchte es dann eine Wahl?“ Nejdet Saraç sagte: „Dede, du hast wieder dein Gewicht gezeigt; den Stein, den du setzt, konnte niemand von der Stelle rücken.“ So wurde Mustafa Düzgün zum ersten Akademievorsitzenden in Europa gewählt. Sie können dies auf Seite 311 meines Buches „Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması“ nachlesen.
Die Bestrebungen, den alevitischen Glauben zu assimilieren, dauerten heimtückisch mindestens 6 Jahre. Ich konnte es nicht länger ertragen. Um dieses alevitische Glaubenssystem unter der Initiative des AABF-Vorstands zu retten, arbeitete ich zwei Jahre lang und erstellte ein Projekt mit dem Namen „Özedönüş-Projekt“ (Projekt der Rückkehr zum Wesenskern). Jedes Mal, wenn ich ihnen dieses Projekt erläuterte, hielten sie mich zwei Jahre lang hin: „Dede, hab doch Geduld, dieses Thema kann nur auf der Generalversammlung behandelt werden.“ Sie gaben stets eine positive Antwort.
DIE KERBELA-REISE
Es war der erste Monat des Jahres 2000. Als wir wieder einmal am Ende einer Dede-Versammlung miteinander sprachen, fragte Abbas Akbaba: „Dede, könnten wir nicht eine Kerbela-Reise machen?“ Ich sagte: „Ich weiß es nicht; unser Erdoğan betreibt ein IATA-Reisebüro, ich frage ihn einmal. Wenn ich etwas erfahre, gebe ich dir Bescheid.“ So wurde das Thema geschlossen. Am nächsten Tag erzählte ich es Erdoğan. „Vater, ich recherchiere einmal, ob es jemanden gibt, der so etwas macht.“ Eine Woche später sagte Erdoğan: „Ich habe es gefunden, Vater! Ein Reisebüro in Istanbul-Harbiye macht das. Ich habe mich genau erkundigt: Die Frau sagte, sie sei mit einem Mann aus Bagdad im Irak verheiratet, und sie hätten Leute, die für uns dolmetschen würden. Im vergangenen Jahr haben sie zwei Reisen durchgeführt. Allerdings machen sie es nicht, wenn die Gruppe weniger als 30 Personen umfasst.“ Als ich diese Auskunft von Erdoğan erhalten hatte, erzählte ich es sofort telefonisch Abbas Dede. Als Abbas Dede mir Zuversicht gab – „Ich finde hier mühelos 15–20 Personen“ –, schaltete ich sofort eine ganzseitige Anzeige in der Zeitschrift „Alevilerin Sesi“. Innerhalb eines Monats kamen wir auf 32 Personen.
Im Jahr 2000 bestand gegen den Irak noch das Embargo. Aus Europa flogen keine Flugzeuge in den Irak. Zuerst würden wir nach Damaskus in Syrien fliegen, von Damaskus aus mit Bussen nach Bagdad fahren. Wir mussten von beiden Staaten Visa bekommen. Alle schickten ihre Pässe und ihr Geld. Ich fuhr zuerst nach Bonn und holte die syrischen Visa. Danach fuhr ich nach Istanbul und sprach mit dem Reisebüro, das die Reise durchführte. Ich brachte ihnen die Pässe, damit wir die irakischen Visa beantragen könnten. Wie sich herausstellte, gab es ein irakisches Konsulat nur in Ankara. Notgedrungen fuhren wir, ich und der Herr, der die Reise organisierte, nach Ankara. Die Visa wurden innerhalb von zwei Tagen erteilt. Von Ankara kehrte ich direkt nach Deutschland zurück. Sofort riefen wir alle an: „Treffen wir uns am Dienstag, dem 11.04.2000, um 09 Uhr am Frankfurter Flughafen.“ Am festgelegten Dienstag versammelten wir uns alle am Flughafen. Das Muharrem-Fasten hatte begonnen. Unser Ziel war es, am zehnten Muharrem in Kerbela am Mausoleum von Hz. Hüseyin zu sein. Von Frankfurt flogen wir nach Damaskus in Syrien. Von dort fuhren wir mit Bussen zur irakischen Grenze; nachdem wir über den Zoll in den Irak gelangt waren, erreichten wir wieder mit zwei Bussen gegen Morgen Bagdad.
Am nächsten Tag besuchten wir im Ort Kazimiyya, unmittelbar neben Bagdad, Imam Musa al-Kazim. Am Tag darauf fuhren wir in die Gegend von Samarra. In dieser Gegend gab es nahe beieinander die Mausoleen von Imam Muhammad at-Taqi, Imam Ali an-Naqi und Hasan al-Askari sowie den Ort, an dem man Muhammad al-Mahdi verborgen hielt, und auch viele Mausoleen von Kindern der Imame. Nachdem wir sie alle besucht hatten, brachen wir am achten Tag des Muharrem von Bagdad nach Kerbela auf. In Kerbela stehen sich die Mausoleen von Hz. Hüseyin und Celal Abbas gegenüber. Dazwischen liegt ein großer offener Platz. Dieser Platz ist ein Ort der Trauer, des Schmerzes und der in Strömen fließenden Tränen. Am zehnten Muharrem gewährte der Erhabene Gott auch uns, an der Stätte von Hz. Hüseyin Gottesdienst zu halten. Am 12. Muharrem fuhren wir von Kerbela nach Nadschaf, um das Mausoleum und das Haus von Hz. Ali zu besuchen. Der Erhabene Gott gewährte uns, aus dem Brunnen im Haus von Hz. Ali Wasser zu trinken und in dem großen Saal in der Mitte Gottesdienst zu halten. Von Nadschaf kehrten wir direkt nach Bagdad zurück. Am nächsten Tag kamen wir nach Damaskus, und mit unserer Rückkehr von Damaskus nach Frankfurt am 22. April war unsere Pilgerreise abgeschlossen.
MEIN AUSSCHEIDEN AUS DER FÖDERATION UND DEM DEDE-RAT
So vergingen Monate und Jahre über unseren Köpfen. Es kam die Zeit der Generalversammlung, die im März 2003 stattfinden sollte. Nachdem Vorsitzender Ali Kılıç in die Türkei gegangen war, hatte ohnehin Turgut Öker den Vorsitz übernommen. Danach zeigte sich offen, dass der AABF-Vorstand durch sein Verhalten ein Alevitentum ohne Ali angenommen hatte. Doch wenn man es zur Sprache brachte, waren sie gleich „vierundzwanzigkarätigere“ Aleviten als du und ich. Schließlich rückte die Wahl-Generalversammlung vom 22./23. März 2003 heran. Der Dede-Vorstand bestand aus 12 Personen. Wir versammelten uns am Freitagnachmittag im Föderationsgebäude. Das von uns vorbereitete Özedönüş-Projekt hatten wir schon zuvor mehrmals auf den Tisch gelegt und diskutiert. Unter Berücksichtigung der Vorschläge der Dedes und des Vorschlags des Föderationsvorstands – „sehr lang, fasst es etwas kürzer“ – hatten wir das Projekt, das wir Arbeitsprogramm nannten, von vier auf zwei Seiten gekürzt. Wir hatten passende Änderungen vorgenommen und ihm die endgültige Fassung gegeben. Ich war gegenüber manchen Verhaltensweisen des Föderationsvorstands misstrauisch geworden. Ich hatte gehört, dass vom Vorsitzenden Turgut gewisse Anstrengungen unternommen wurden, damit das Özedönüş-Arbeitsprojekt, das die Dedes auf der Generalversammlung einbringen würden, nicht angenommen werde.
Ich las den Dedes das vorbereitete Özedönüş-Arbeitsprojekt noch einmal vor. Wieder tauschten wir lange Gedanken darüber aus und sprachen darüber. Wir besprachen ausführlich, welchen Weg wir einschlagen würden, falls es auf der Generalversammlung angenommen würde. Doch ich sagte den Dedes, dass sie nach meinen Informationen unser Özedönüş-Arbeitsprojekt nicht annehmen würden. Einige Dedes gaben meinem Misstrauen recht und sagten, das könne sein. Einige Dedes äußerten dagegen ihre Meinung: „Nein, so etwas kann nicht sein.“ Nachdem ich die Dedes angehört hatte, legte ich im Einzelnen dar, dass man uns Dedes bis heute über lange Jahre benutzt und hingehalten habe und dass man sunnitische und atheistische Schriftsteller, die wir nicht wollten, eingeladen habe, um der alevitischen Gemeinschaft Glaubenslosigkeit einzuimpfen. Zum Schluss sagte ich: „Seht her, Dedes: Wenn unser Özedönüş-Arbeitsprojekt nicht angenommen wird, werde ich nicht zulassen, dass sie uns weiter benutzen.“ Ich zeigte das Rücktrittsschreiben, das ich geschrieben hatte: „Ich werde zurücktreten, das sollt ihr alle wissen.“ Am Ende dieser Rede gaben alle Dedes das Ikrar (Gelöbnis): „Dann treten auch wir zurück.“ Der Samstagmorgen kam, und der große Saal des Föderationsgebäudes in Köln füllte sich mit den Delegierten der Vereine. Das Tagungspräsidium wurde gewählt, die Reden begannen, und der Tätigkeitsbericht jedes Gremiums wurde verlesen.
Dann waren die Dedes an der Reihe. Ich stand auf und verlas unsere Arbeit der zwei Jahre. Zum Schluss las ich das vorbereitete Özedönüş-Arbeitsprojekt vor. Der erste Artikel des Projekts lautete: „In die Beschlüsse, die der Vorstand des Dede-Rates in Fragen des alevitischen Glaubens fasst, darf sich der Föderationsvorstand nicht einmischen. Die Dedes sind zwar ein Gremium innerhalb der Föderation, versehen aber, dem Dede-Rat zugeordnet, ihren Dienst frei. Zweiter Artikel: In die sozialen, kulturellen und politischen Beschlüsse des Föderationsvorstands darf sich der Vorstand des Dede-Rates ebenfalls nicht einmischen.“ Während ich weiterlas, konnte Turgut Öker es nicht abwarten, bis ich fertig war: „Was soll das, bringst du uns etwa Kleriker an die Spitze? Soll ich mich etwa dem Befehl dieser unwissenden Dedes unterstellen! Sie werden unter dem Befehl des Föderationsvorstands stehen. Sie werden in den Vereinen Dienst tun, zu denen wir sie schicken. Keinem Verein, der nicht zu uns gehört, dürfen sie dienen, und zu einem Verein, zu dem wir sagen ‚Geht nicht hin‘, dürfen sie auch nicht gehen.“ Danach wurde das von uns vorbereitete und verlesene Özedönüş-Arbeitsprojekt der Dedes zur Abstimmung gestellt. Leider wurde mehrheitlich mit Nein gestimmt, und es wurde nicht angenommen.
Die Vereine, in denen er damals keinen Dienst wünschte, waren die unabhängigen und die der Cem-Stiftung (Cem Vakfı) angeschlossenen Vereine. Er hinderte die Dedes in den AABF-Vereinen daran, in den der Cem-Stiftung angeschlossenen Vereinen religiöse Dienste zu versehen. Am Ende meiner Rede sagte ich: „Wenn die Dedes unter dem Befehl solcher Personen stehen sollen, die vom alevitischen Glauben keine Ahnung haben, die ohne Pir und ohne Ikrar sind, dann ist es mir unmöglich, einen solchen Dienst anzunehmen. Ich trete zurück“, und übergab mein Rücktrittsgesuch dem Präsidium. Von den Dedes, mit denen wir am Abend gesprochen hatten und die das Ikrar gegeben hatten, traten acht Dedes mit mir zusammen zurück. Nur Cafer Kaplan, Ali İşlek und der verstorbene Ali Düzgün Dede traten nicht zurück.
Um Gottes willen, haben Sie so etwas je gesehen! Sie laden einen Pir ein, einen Cem abzuhalten, das Bestattungs-Erkân oder das Beschneidungs-Erkân durchzuführen. Und der Pir sagt Ihnen: „Du bist nicht in meinem Verein“ oder „Du bist nicht Mitglied in einem Verein, der zu der Föderation gehört, in der ich bin. Deshalb halte ich euren Cem nicht ab und bestatte euren Verstorbenen nicht“ – kann er so etwas sagen? Würde der alevitische Weg und das Erkân so etwas je akzeptieren? Die Föderation wollte diese mit der Menschlichkeit unvereinbare, vom alevitischen Glauben, seinem Weg und seinem Erkân nicht akzeptierte, unmenschliche Ordnung uns Dedes aufzwingen. Wir hatten das nicht akzeptiert. Nach uns stellten sich einige Doppelzüngige, die sich um Vorteile und Karriere bemühten – die am Abend das Ikrar gegeben hatten und von ihrem Ikrar abfielen –, vor Hasan Kılavuz wie Hofdiener in die Reihe.
Zur Zeit Turgut Ökers unterstellten sich die opportunistischen Dedes dem Befehl des Föderationsvorstands. Kaum war ein Jahr vergangen, als Hasan Kılavuz, den man an die Spitze des Dede-Rates gebracht hatte, begann, der Zeitung Hürriyet Erklärungen zu geben, die den alevitischen Glauben vom Islam entfernen würden. Damals schrieb ich Turgut und Hasan Kılavuz zweimal einen vierseitigen Brief. Sie antworteten überhaupt nicht. Diese meine Briefe gelangten über irgendjemanden an die Zeitung Hürriyet. Die Zeitung teilte meine Briefe auf und schrie eine Woche lang mit meinen Worten in die Welt hinaus: „Hört den Aufschrei von Derviş Tur“, „Die Personen Turgut Öker, Vorsitzender der Föderation der Alevitischen Gemeinden, und Hasan Kılavuz, Vorsitzender des Dede-Rates, versuchen, den alevitischen Glauben vom Islam abzuspalten, indem sie ihn als eine Art Atheismus darstellen.“ Doch unsere gleichgültigen Menschen hörten es nicht einmal. Die Doppelzüngigen, die nicht an den alevitischen Glauben glauben und ihre Kraft aus diesen gleichgültigen und unwissenden Menschen schöpfen, erreichten ihre Ziele, sobald sie das Feld leer vorfanden.
MEINE REISE ZUM DEDE-KONGRESS IN OFFENBURG
Wegen des Dede-Kongresses (Kurultay), der am 29.04.2006 stattfinden sollte, rief Turgut unseren Vereinsvorsitzenden Efendi Yıldırım an und gab ihm die Anweisung: „Schickt Derviş Dede nicht als Delegierten zum Dede-Kongress! Schickt einen anderen Dede.“ Als ich fragte: „Efendi, kommt außer mir noch ein anderer Dede mit zum Dede-Rat nach Offenburg?“, antwortete er: „Nein, diesmal wirst du nicht zum Dede-Kongress fahren.“ – „Warum, was soll das heißen? Versehe nicht ich seit 25 Jahren den religiösen Dienst in diesem Verein?“ Efendi sagte mir ins Gesicht: „Nein, du bist nicht der Dede dieses Vereins. Wen der Vorstand schickt, der fährt.“ Obwohl ich seit der Gründung des Vereins sein Dede gewesen war, schickte er, der erhaltenen Anweisung folgend, ein Dede-Kind. Die Kehrtwende um 180 % dieses Mannes, dem wir das Mikrofon in die Hand gegeben und den wir herangezogen hatten, schmerzte mich sehr. Eines müssen wir alle gut wissen: Wenn du eine Aufgabe einem Unwissenden gibst, der ihrer nicht würdig ist, musst du damit rechnen, dass von ihm jede Art von Übel kommt. Als der Verein Bensberg, in dem ich Seminare gegeben und Cems abgehalten hatte, davon hörte, benannte er mich als Dede seines Vereins. So fuhr ich im Namen des Vereins Bensberg hin.
Die Frauen, die in der Föderation arbeiteten, kontrollierten am Eingang und ließen die Leute hinein. Gerade als ich an die Kontrollstelle kam, sagte die Frau, die mich sah: „Mein Dede, wir haben Anweisung erhalten: Du darfst nicht hinein!“ Als die Dedes um mich herum, die das hörten, protestierten, ließen sie mich hinein. Die Versammlung begann, und die vom AABF-Vorstand vorbereitete Dede-Satzung wurde verlesen. Die Satzung hatte, wie im System der Balkan-Bektaşis, die Abstammung der Seyyid-i Sâdât, der Evlâd-ı Resûl (Nachkommen des Propheten), abgeschafft. Ich bat ums Wort und erhob Einspruch gegen diesen Zustand. Du willst die Satzung kritisieren? Sofort schrien Turgut und hinter ihm Nejdet und Necati Şahin, dass ich kein Recht hätte, an der Versammlung teilzunehmen. Necati Şahin schrie: „Derviş Dede, früher hast du uns nicht in die Vereine gelassen, weil wir angeblich Atheisten seien. Jetzt werfen wir dich aus dieser Versammlung hinaus – raus hier, geh!!!“
Auf der Versammlung waren über 300 sogenannte Dedes – solche aus Seyyid-Abstammung und solche nicht, solche, die an den alevitischen Glauben glaubten, und solche, die es nicht taten. Gott sei ihm gnädig: Şükrü Ağcagül Dede verteidigte mich: „Fürchtet Gott! Wie könnt ihr das Derviş Dede antun, der diese Institutionen gegründet, sie bis heute getragen und sich jahrelang eingesetzt hat?“ Necati Şahin sagte: „Wenn du willst, geh doch mit ihm!“ Mürsel Gani Dede und Abbas Akbaba Dede wollten mich verteidigen. Doch Hıdır Temel, der das Tagungspräsidium leitete, ließ die Männer nicht zu Wort kommen.
Hıdır war ein doppelzüngiger Seyyid-Nachkomme, der seit 1993 mit dem AABF-Vorstand zusammen gewesen war und ihnen zugearbeitet hatte. Jetzt stellt er sich, ohne sich für sein früheres Tun zu schämen, gegen Turgut und versucht, als Dede aufzutreten. Er sagt: „Derviş Dede hatte recht!“ Als ich mich damals gegen die von ihnen geschriebene Geschäftsordnung des Glaubensrates stellte, weil sie damit die heiligen Werte des alevitischen Glaubens zerstörten – waren nicht sie die schmeichlerischen Dedes, die die Auffassung der Föderation unterstützten, die heute sagt: „Wir akzeptieren den muhammedanischen, koranischen Ehlibeyt-Islam nicht“? Alle Dedes, die heute Dergâhs gründen, waren damals dort. Nun frage ich sie: Warum haben sie an jenem Tag die Köpfe gesenkt und gegenüber dem Theatermann Necati Şahin und gegenüber Turgut keinen Laut von sich gegeben? Warum haben sie Doppelzüngigkeit betrieben? Und jetzt verteidigen sie ohne Scham den Wesenskern des gelebt überlieferten alevitischen Glaubens. Es gibt ein Wort von Hz. Ali. Er sagt: „Wer sein Recht nicht verteidigt, verliert nicht nur sein Recht, sondern auch seine Ehre und Würde.“ Die anderen Dedes senkten alle den Kopf, niemand sagte etwas. Als Hıdır Temel, der das Tagungspräsidium leitete, sagte: „Derviş Dede, bitte gehen Sie hinaus, damit wir unsere Versammlung fortsetzen können!!!“, verließ ich die Versammlung, damit keine weitere Unruhe entstand.
Meine Schuld bestand darin, keine Zugeständnisse beim alevitischen Glauben zu machen. Der einzige Grund, warum der AABF-Vorsitzende und seine Anhänger gegen mich Front machten, ist, dass ich mich gegen die erfundenen alevitischen Glaubensrituale stellte, die sie nach ihrer eigenen Ideologie schaffen wollten. Eine andere Feindschaft gibt es zwischen uns nicht. Nun frage ich das Gewissen der alevitischen Öffentlichkeit: „Ich habe seit meiner Kindheit in meiner Familie den alevitischen Glauben gelebt – mit seinem Rehber, mit seinem Pir, mit seinem Mürşid, mit seinem Musahip, mit seinem Cem, mit seinem Görgü und mit seiner Sorgu (Befragung) – und ich halte ihn bis heute lebendig. Den Glauben, an den ich als heilig glaube und den ich lebe, versuchen sie mir auf den Kopf gestellt zu erklären. Welcher gläubige Angehörige der Seyyid-i Sâdât aus der Abstammung der Evlâd-ı Resûl kann einen solchen Irrtum ertragen?“ Leider wurde ich Zeuge, dass sich die Doppelzüngigen, die sagen „Wir sind angeblich aus Seyyid-Abstammung“, beugten.
Ich betrachte diejenigen, die einen neuen alevitischen Glauben schaffen wollen: Er kennt keinen Pir, er kennt keinen Rehber, er kennt keinen Mürşid, er hat keinen Musahip, er hat kein Ikrar gegeben und sich nicht dem Weg (Yol) verschrieben; nie hat er sich vor dem Pir dem Dâr gestellt und seine Stirn zur Niederwerfung gebracht; vom Weg und vom Erkân hat er keine Ahnung. Nach unserem Glauben ist er ein Ham Ervah (eine „unreife Seele“), die mit dem alevitischen Glauben nichts zu tun hat. Doch leider haben sie sich an die Spitze der alevitischen Institutionen gesetzt und versuchen, dem alevitischen Glauben eine Ordnung zu geben. Seht, gegen diese falschen Aleviten habe ich mich bis heute gestellt, und solange ich lebe, werde ich mich stets gegen diejenigen stellen, die versuchen, diesen alevitischen Glauben zu assimilieren. Eben deshalb ist mir die Feindschaft der Personen mit dieser Gesinnung sicher.
Dieser Kampf hatte mich sehr ermüdet. In unserem eigenen Verein, der die Föderation gegründet hatte, fanden Wahlen statt. Man wählte mich wieder zum Vereinsvorsitzenden und meinen Musahip zum Generalsekretär. Ich leistete in unserem Verein Dienst. Abgesehen von der Zeit meines Föderationsvorsitzes setzte ich bis 2014 meinen Dienst in unserem Verein und in den anderen Vereinen, die mich riefen, fort. Außerdem habe ich in diesen 35 Jahren in so vielen alteingesessenen Vereinen in Deutschland und in anderen europäischen Staaten, dass ich mich nicht erinnern und sie nicht zählen kann, entweder Cems abgehalten oder Seminare gegeben. In manchen Vereinen habe ich viele Male gedient. Während ich in diesen 35 Jahren dem alevitischen Ehlibeyt-Islam-Glauben diente, ließ ich im Jahr 2002 mein Buch „ERKÂNNAME“ zum Thema „DER PLATZ DES ALEVITENTUMS IM ISLAM UND DIE ALEVITISCHEN ERKÂNE“ mit 500 Seiten in der Stadt Köln in Deutschland drucken und gab es heraus. Ich verteilte es an alle Vereine, damit die Dedes ihre religiösen Dienste versehen konnten und damit auch die alevitische Gemeinschaft über den alevitischen Glauben aufgeklärt würde. Die 3000 Exemplare des Erkânname waren in zwei Jahren vergriffen. 2005 ließ ich als zweite Auflage weitere 3000 Exemplare des Erkânname in Istanbul drucken. Auch sie waren 2012 vergriffen. In der Zwischenzeit, von 2002 bis 2012, hatte ich vieles niedergeschrieben, was ich als fehlend erkannt hatte und was meinem Erkânname hinzugefügt werden sollte.
Ich fügte auch die 300 Seiten hinzu, deren Aufnahme in mein Erkânname ich vorgesehen hatte. Die dritte Auflage wurde im Jahr 2012 mit 800 Seiten gedruckt. Aus meiner Sicht ist dies ein Dienst, den ich dem Glauben leiste, an den ich selbst glaube. Doch je länger dieser mein religiöser Dienst andauerte, desto mehr wurde ich zur Zielscheibe derer, die nicht an den alevitischen Glauben glauben und versuchen, den Glauben nach ihren eigenen Zielen als eine Art Atheismus darzustellen. Mit der Lüge, sie hätten die von uns gegründeten alevitischen Vereine und die Alevitische Föderation selbst gegründet, wuschen sie den Neuankömmlingen unter den alevitischen Kindern das Gehirn und erfanden überall haltlose Szenarien gegen mich. Ihre Absicht war es, den Wert, den die Gemeinschaft dem religiösen Dienst von Derviş Dede beimisst, zu entwerten. Als solche Lügen und Verleumdungen das Maß überschritten, schrieb ich mein Buch „AVRUPA’DA İLK ALEVİ YAPILANMASI“. Zu jedem Thema, das ich darin schildere, gab ich das Dokument bei, einschließlich der amtlichen Gründungsurkunde der Föderation beim Ordnungsamt Mainz, und brachte es als historisches Buch heraus. Auch wenn sie nicht mehr ganz so wie früher verleumden und lügen können, lässt sich der Lügner, der Doppelzüngige und der Verleumder nicht aufhalten. Indem sie immer neue Szenarien erfinden und jeden religiösen Dienst, den wir leisten, verdrehen und der alevitischen Gemeinschaft das Gegenteil erzählen, lassen sie nicht von Lüge und Verleumdung ab.
Im Jahr 2014 waren wir in der Türkei auf Heimaturlaub. An meine Wohnadresse in İzmir-Narlıdere kam aus Istanbul ein Brief. Ich öffnete den Brief; es war ein Schreiben in Form einer Einladung, das folgendermaßen begann: „Verehrter Seyit Derviş Tur Dede, am neunten Tag des Ramadan-Fastens werden wir als Aleviten für die Würdenträger des Staates, die in Istanbul sind und aus Ankara kommen werden, ein Iftar, ein Friedensmahl, geben. Wir möchten unseren Tisch mit Ihrem Gebet eröffnen. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sich die Mühe machen und kommen würden. Hochachtungsvoll küssen wir Ihre Hände.“ Darunter standen die Namen: 1. Adnan Polat, 2. Zeynel Abidin Eren. Beide gehören zu den bedeutenden alevitischen Geschäftsleuten in Istanbul. Meine Frau und ich beschlossen, dass ich dieser Einladung folgen sollte. Doch weil die alevitische Gemeinschaft über uns sagen würde: „Siehst du, wie der Dede dorthin rennt, wo es Reichtum und Vorteile gibt“, gab ich den Gedanken hinzugehen zwischenzeitlich auf. Dann überlegten wir, meinen Sohn anzurufen, der in Berlin lebt. Wenn er mein Flugticket für Hin- und Rückflug kauft und mir die Reservierung für eine Übernachtung in ihrem Hotel macht, die in Deutschland bezahlt wird, dann gehe ich. Wenn wir von ihnen kein Flugticket verlangen und ich mich dort nicht mit ihnen einlasse, ihnen also keine Gelegenheit gebe, mir Reisegeld oder eine Lokma zu geben, dann kann auch niemand etwas sagen. Und wir hätten unserem Glauben einen Dienst erwiesen. Ich fuhr so, wie wir es geplant hatten. Es kam genau so, wie wir es uns gedacht hatten. Ich fuhr hin und kam zurück mit dem Flugticket, das mein Sohn gekauft hatte, und mit der bezahlten Hotelreservierung, die er gemacht hatte.
Mein Sohn Kenan schickte mir das Flugticket und die Hotelreservierung. Ich flog mit der Morgenmaschine von İzmir nach Istanbul. Am Flughafen gab ich dem Taxifahrer die Adresse, und er brachte mich zur angegebenen Adresse. Das Hotel war eine Fünf-Sterne-Residenz mit vierzig Stockwerken. Am Eingang ging ich zur Rezeption und nannte meinen Namen; das für mich vorgesehene Zimmer lag im 24. Stock, und man brachte mich sofort auf mein Zimmer. Bis zur Veranstaltung waren es noch fünf Stunden; ich zog mich auf mein Zimmer zurück, um mich auszuruhen. Eine halbe Stunde vorher ging ich hinunter in den Saal – und was sah ich: Überall waren die Vorstände unserer Vereine aus Ankara, İzmir und Istanbul. Viele Vereinsvorstände, die mich sahen, umringten mich. Natürlich lauteten alle Fragen: Wie läuft es in Europa? In diesem Moment kam Prof. Osman Eğri herein: „Ah, Derviş Dede, du bist auch hier!“, sagte er und kam direkt zu mir. Nach der Begrüßung fragte Osman mich: „Dede, wozu hat man dich eingeladen?“ Ich zeigte ihm die Einladung: „Man hat mich eingeladen, um das Tischgebet für ihr Mahl zu sprechen.“
Prof. Osman Eğri, ein Alevit aus Çorum, fragte: „Dede, werden Sie noch eine andere Forderung oder einen anderen Wunsch haben?“ Noch bevor ich antworten konnte, sagten die Vereinsvorsitzenden und Dedes um uns herum wie aus einem Munde, als hätten sie sich abgesprochen: „Was sollen wir denn noch wollen – man hat uns an den Tisch des Staatspräsidenten eingeladen!“ Diesen Satz sagten sie mit einer Freude, die ich nicht beschreiben kann. Als wir sie verwundert ansahen, zerstreuten sie sich leise. Diese Situation betrübte mich sehr. „Hast du gesehen, Osman Bey, wie hilflos und bedauernswert unsere Menschen sind; über eine Essenseinladung freuen sie sich so sehr, als hätte man ihnen ein großes Recht gewährt.“ Etwas später fragte Osman: „Dede, ich kenne dich; du wirst ganz bestimmt etwas fordern.“ Ich sagte: „Ich werde den offiziellen Status der Cemevis (alevitische Gotteshäuser) fordern und dass sie den Namen der Brücke ändern.“ – „Osman Bey, bei Gott, das hast du sehr gut durchdacht.“ Während wir uns noch unterhielten, wurden die Namen der Eingeladenen verlesen, die im Protokoll Platz nehmen sollten. Als mein Name verlesen wurde, ging auch ich hin; ein Herr nahm mich am Arm, sagte: „Komm, mein Dede“, und setzte mich auf meinen Platz im Protokoll, an dem mein Name stand.
Es waren schätzungsweise mindestens 300 oder 400 Gäste, die Mehrheit aus unseren alevitischen Vereinen. Doch es war so wohlgeordnet, dass auf dem Tisch, an dem jeder sitzen sollte, sein Name stand. Nachdem alle eingelassen worden waren, kamen Staatspräsident Gül und Bülent Arınç zusammen herein. Gül und Arınç gaben den Gästen im Protokoll einzeln die Hand. Natürlich stellte sich jeder beim Händeschütteln vor, indem er seinen Namen nannte. Als er zu mir kam und ich sagte: „Seyit Derviş Tur Dede“, sah er mir ins Gesicht: „Das Buch Erkânname?“ Ich antwortete: „Ja.“ Er sagte: „Sie haben ein sehr wertvolles Buch geschrieben. Ich danke Ihnen“, gab den anderen die Hand, ging und setzte sich auf seinen Platz. Gerade war die Zeit des Iftar gekommen; es wurde ein sehr kurzer Koranabschnitt von zwei Versen rezitiert, danach der Gebetsruf. Während alle mit der Basmala ihr Fasten brachen, wurde Folgendes angekündigt: „Wir bitten Seyyit Derviş Tur Dede aus dem Baba-Mansur-Ocak, den Gründungsvorsitzenden der Europäischen Föderation der Alevitischen Gemeinden, an das Rednerpult, um das Tischgebet zu sprechen. Bitte sehr.“ Glauben Sie mir, ich weiß bis heute nicht, wer ihnen diese meine Personalien gegeben hat. Ich trat ans Rednerpult, und als ich mit dem Gebet begann, hörten alle auf zu essen, sagten leise „Amin“ und hörten dem Gebet zu.
Als ich das Gebet beendet hatte, trat ich nicht vom Rednerpult ab. Ich begann folgendermaßen und brachte Forderungen vor: „Verzeihen Sie – wer Kummer hat, der spricht ihn aus. Ich werde jetzt hier an unseren verehrten Staatspräsidenten zwei Forderungen richten, und ich bitte darum. Zögern Sie die Erlangung eines offiziellen Status für unsere Cemevis nicht länger hinaus. Meine Bitte an Sie: Der Ort, an dem ich Gottesdienst halte, ist für mich das heiligste Gotteshaus. Niemand anders hat das Recht, über diesen Ort zu sagen, er sei kein Gotteshaus. Bitte – wenn Sie dieses Problem so bald wie möglich aus der Welt schaffen, erweisen Sie dem Vaterland und dieser Nation den besten Dienst. Meine zweite Forderung! Die Dritte Brücke wird gebaut; Sie haben dieser Brücke den Namen Yavuz Sultan Selim gegeben. Yavuz Sultan Selim hat ein sehr großes Massaker an Aleviten verübt. Allein auf dem Weg von Istanbul bis Çaldıran hat er nach offiziellen Aufzeichnungen 40.000 Aleviten getötet. Deshalb reagieren wir Aleviten allergisch auf den Namen Yavuz Sultan Selim. Auch ich als alevitischer Dede reagiere allergisch auf jemanden, der so viele Menschen getötet hat. Meine Bitte an Sie: Geben Sie dieser Brücke den Namen Yunus Emre, der der Menschheit Frieden, Freundschaft und Liebe geschenkt hat“, sagte ich. Die Journalisten stürzten sich auf mich. Glauben Sie mir, ich konnte nicht einmal richtig essen.
Nach dem Essen trat Bülent Arınç auf: „Die Anerkennung der Cemevis liegt doch nicht in unserer Hand, dass wir sie herausholen und dem Dede geben könnten.“ Unter Berufung auf die Revolutionsgesetze schloss er dieses Thema ab. Was den Namen Yavuz Sultan Selim betrifft, sagte er doch tatsächlich: „Damals gab es auf der Welt ohnehin keine 40.000 Aleviten. Die Zahl, die der Dede genannt hat, ist keinesfalls richtig“, und glaubte, sich damit herausgewunden zu haben. Auf seine Weise bezichtigte er mich der Unwissenheit. Doch gerade als er vom Rednerpult herunterkam und zu seinem Platz ging, ging der Theologe Harun Bey, der in İzmir meine religiösen Gespräche gehört hatte und mich sehr gut kennt, zu Bülent Arınç und rief mir zu: „Dede, hast du ein Buch dabei?“ Als ich sagte: „Ja, habe ich“, sagte er: „Nimm ein Buch und komm her.“ Als ich zu ihnen ging, sagte Harun Bey: „Herr Minister, dieser Dede ist nicht wie die anderen Dedes. Wenn er spricht, spricht er entweder auf der Grundlage des Korans oder auf der Grundlage der Geschichte. Dieses 800-seitige Buch hat dieser Dede geschrieben. Es enthält sowohl die islamische Geschichte als auch eine Erklärung des alevitischen Glaubens mit all seinen Erkânen.“ Er wandte sich an mich: „Dede, signiere es, wir geben es meinem Minister.“ Wir überreichten Bülent Arınç das von mir signierte Buch. Als Harun Bey sagte: „Dede, bring auch ein Buch, wir geben es unserem Staatspräsidenten“, antwortete Staatspräsident Gül: „Der Dede hatte es mir geschickt, dieses Buch habe ich.“
Während ich in der Türkei der alevitischen Gemeinschaft einen solchen Dienst erwies, berichteten alle Zeitungen in großer Aufmachung: „Ein alevitischer Dede forderte vom Staatspräsidenten den offiziellen Status der Cemevis. Seyit Derviş Tur sagte zum Staatspräsidenten: ‚Sie haben der dritten Brücke den Namen Yavuz Sultan Selim gegeben, bitte ändern Sie das. Denn Yavuz Sultan Selim hat auf dem Weg von Istanbul nach Çaldıran nach offiziellen Quellen 40.000 – vierzigtausend – Aleviten getötet. Deshalb reagieren wir Aleviten allergisch auf den Namen Yavuz Sultan Selim. Ändern Sie den Namen der Brücke in Yunus Emre.‘“ Als die Zeitungen dieses Thema 3–4 Tage lang auf ihren Titelseiten fortführten, waren der Vorsitzende der Föderation der Alevitischen Gemeinden in Deutschland und der Vorsitzende des Glaubensrates aus Missgunst sehr verärgert. Sie hatten über mich zwei volle Seiten voller unglaublicher, beleidigender Verleumdungen geschrieben. Als ob das nicht gereicht hätte, offenbarten sie mit ihrem letzten Satz genau die Eigenschaften, die zu ihnen passen: „Derviş Tur ist hingegangen und hat das Essen gegessen, das nicht einmal die Hunde des Pir Sultan gefressen haben.“ Die das geschrieben haben, sind angeblich aus Seyyid-Abstammung: Cafer Kaplan, Vorsitzender des Dede-Rates, und Hüseyin Mat aus dem Kureyş-Ocak, Föderationsvorsitzender. Und die Personen, für deren Mahl ich das Tischgebet sprach: Adnan Polat ist ein Yol-Talip (Anhänger des Weges) aus dem Stamm der Lolan in den Dörfern des Kreises Aşkale in Erzurum. Zeynel Abidin Eren stammt aus Malatya, aus dem Ağuçan-Ocak, aus Seyyid-Abstammung. Beide sind Aleviten, der eine ein Dede, der andere ein Talip. Leider kann ein Mensch, der zum Gefangenen seiner Gier, seines Nafs (Triebseele), seiner Selbstsucht und seines Egos wird, das Richtige nicht sehen. Und er verbreitet über seine Umgebung mühelos die unmöglichsten Verleumdungen. Solche Menschen begehen mühelos sogar Verrat an ihrer eigenen Abstammung. Ich habe ihnen nicht geantwortet. Denn sie haben ihren eigenen Charakter, ihre Moral und ihre Eigenschaften offenbart. Möge Gott sie bessern.
Im April 2016 reisten meine Frau und ich in den Iran. Meine Eindrücke aus dem Iran ließ ich als Buch mit dem Titel „İMAM RIZA TÜRBESİ VE İRAN ANILARIM“ (Das Mausoleum des Imam Riza und meine Erinnerungen an den Iran) drucken. Während ich 35 Jahre lang ununterbrochen diese Dienste versah, versuchte ich, Dedes wie Talips den alevitischen Weg und seine Erkâne zu lehren, so gut ich es vermochte. In den Sommermonaten blieb ich lange in der Türkei. Es war der Juli 2016. Während ich in meinem bescheidenen Rahmen auch in der Türkei im Verein Gümüldür und in anderen Vereinen, die mich riefen, Dienst tat, kam ein Anruf aus Deutschland: „Dede, weißt du, hier gibt es Bestrebungen, einen Verein zu gründen. An der Spitze stehen Mürsel Gani Dede und ein gewisser Baki Güngör. Sie erzählen überall, dass auch du dabei seist. Wer hinter ihnen steht, ist unklar. Aber Mürsel Dede – da ist dieser Baki Güngör und dessen Cousin, ein junger Mann, der auch ein Enkel von Mürsel Dede über dessen Tochter ist. Doch sie sind keine Seyyids. Mürsel Dede bemüht sich, sie als Seyyids auszugeben. Du sollst es wissen. Du tätest sehr gut daran, dich nicht mit ihnen einzulassen.“
Zwei Monate später kam ich nach Deutschland. Ich erkundigte mich ein wenig, wer in dieser Gründung dabei sei; jeder sagte etwas anderes. Obwohl Mürsel Dede mehrmals versuchte, es mir am Telefon zu erklären, betrachtete ich es mit Misstrauen. Ich erinnere mich, dass es im zweiten oder dritten Monat des Jahres 2017 war. Mürsel Dede bat mich, an der Versammlung teilzunehmen, die sie in Mannheim abhalten wollten. Wir überlegten in der Familie: Statt fernzubleiben, sollten wir einmal teilnehmen und sehen, wer in dieser Gründung dabei ist, mit welchem Gedanken sie sie gründen und was ihr Ziel ist. Wir fuhren zu der angegebenen Adresse; als ich hineinkam, saßen am Tisch Mürsel Dede, Abbas Akbaba Dede, Hüseyin Aksoy (Borro) Dede, Naci Toksoy Dede und Hamza Kurnaz Dede – diese fünf Dedes kannte ich. Sie bestanden darauf, dass auch ich mich zu ihnen setzte. Sie begannen, mir das Ziel der Gründung zu erklären. Doch ich begegnete dem mit Misstrauen. Mürsel Dede erzählte, dass er diese Canlar ermutigt habe, indem er ihnen mein 93 geschriebenes Özedönüş-Projekt erläutert habe.
Er versicherte nachdrücklich, dass Baki Güngör nur an dem Tag dabei gewesen sei, an dem dieses Thema zum ersten Mal aufkam, und dass sie ihn danach zu keiner ihrer Versammlungen mehr zugelassen hätten. Auch die anderen Dedes bestätigten Mürsel Dede. Ich sagte ihnen, dass ich Baki Güngör Can überhaupt nicht kenne, aber höre, dass hinter ihm sehr hässliche Gerüchte im Umlauf seien. Wie weit diese Gerüchte zutreffen, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie alle Verleumdung. Die Schuld liegt bei denen, die sie verbreiten. Wenn ich eines weiß, dann dies: An den Namen und an die Hände dieses Can ist Schmutz geraten. Solange er sich nicht, wie unser Weg es verlangt, reinwäscht und läutert, kann man nach unserem Weg nicht mit ihm zusammenarbeiten. „Wenn ihr wollt, dass ich mit euch arbeite: Sollte ich eines Tages hören oder sehen, dass einer von euch eine Verbindung zu dieser Person hat, trenne ich mich sofort“, sagte ich. Sie akzeptierten das, und so schloss ich mich der Gruppe Özedönüş Ali Yolu, Alevi İslam an.
„Özedönüş, Alevi İslam toplumu Ali Yolu“ befand sich noch in der Gründungsphase. Man brachte mir die Satzung, die als Entwurf vorlag. Ich las sie und sah, dass auch unsere anderen Canlar nicht an einen Verein gedacht hatten, sondern im Gegenteil an einen Glaubensrat. Der Satzungsentwurf umfasste 64 Seiten. Für die Satzung kamen wir bei uns zu Hause noch einmal zusammen. Mit Turan İnaç, Ali Kaykı Dede, Ersan Arseven Bey und Hasan Dede arbeiteten wir an zwei Wochenenden je zwei Tage, also vier Tage lang, von morgens bis spät abends, wobei wir auch unsere ganze dreißigjährige Vergangenheit bedachten. Unser Ziel war, dass diese zu erstellende Satzung der Assimilierung des alevitischen Ehlibeyt-Glaubens keine Gelegenheit gibt und dem Leben unseres Glaubens gemäß seinem Wesenskern dient; dass an den deutschen Universitäten ein Lehrstuhl für Alevitischen Islam eingerichtet wird und damit verbunden das Dergâh-Bildungssystem als religiöses Bildungszentrum aufgebaut wird; und dass junge Dedes, die eine geistliche Führung übernehmen wollen, ausgebildet und in den Dienst des ehlibeyt-alevitischen Glaubens gestellt werden. Schließlich stellten wir, so gut wir es vermochten, die gewünschte 53-seitige Satzung fertig, die unserem Glauben dienen soll, und reichten sie beim Ordnungsamt Darmstadt ein. Auf Deutsch erhielt sie als „ALİ YOLU – ALEVİTİSCH İSLAMİSCHE GEMEİNDE“ e.V. (i.Gr.) ihre offizielle Form. Im März 2020 erhielt sie auch das Recht auf Steuerbefreiung (Gemeinnützigkeit). Von 2017 bis heute versuche ich, innerhalb der alevitisch-islamischen Organisation Özedönüş nach meinen bescheidenen Kräften zu dienen. Solange ich lebe, werde ich mich bemühen, weiter zu dienen.
Seit fünfunddreißig Jahren habe ich mich, im Dienst am alevitischen Ehlibeyt-Glauben, bemüht, der alevitischen Gemeinschaft gedanklich oder schriftlich etwas zu geben. Mein Buch Erkânname konnte ich erst in zwanzig Jahren auf 800 Seiten vollenden. Doch mich selbst habe ich nie hinterfragt. Lob und Preis sei Gott. Millionenfacher Dank sei dafür, dass ich erwachte und mich fragte, wo auf diesem Weg ich stehe; und während ich mich selbst hinterfragte, ließ ich im Jahr 2019 mein Buch „ŞAHA GİDEN YOL“ (Der Weg, der zum Şah führt) mit der Bedeutung „DER ALEVITISCH-ISLAMISCHE GLAUBE IN SEINEN ÄUSSEREN (ZAHİR) UND INNEREN (BATIN) ASPEKTEN“ drucken und herausgeben. In diesem Buch habe ich versucht, mich selbst zu finden. Wenn der erhabene Schöpfer es erlaubt und meine Gesundheit es zulässt, werde ich meinen Dienst fortsetzen, solange diese Seele diesen Körper nicht verlassen hat.
Allen meinen Leserinnen und Lesern entbiete ich meine Liebe und Zuneigung. Aşk ile (In Liebe).
Weitere Beiträge
Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.