Kurz gesagt: Imam Muhammed Mehdi (Hüccet el-Kâim, „der beweisführende Erheber“), der zwölfte und letzte der Zwölf Imame, ist der einzige Sohn von Imam Hasan Askeri. Wegen der Unterdrückung durch die Abbasiden wurde seine Geburt geheim gehalten; auf die Zeit der „kleinen Verborgenheit“ (Gaybet-i Suğra), in der er über vier Stellvertreter (Naip) mit den Menschen in Verbindung stand, folgte die „große Verborgenheit“ (Gaybet-i Kübra). Seyit Derviş Tur Dede stellt auf dieser Seite verschiedene Quellen einander gegenüber.
Der folgende Text stammt aus dem Buch Erkânname von Seyit Derviş Tur Dede. Eine allgemeine Einführung bietet: Was ist Alevitentum?
Inhalt
Wer ist Imam Muhammed Mehdi?
| Geburt | 877, Samarra (Irak) |
| Große Verborgenheit (Gaybet-i Kübra) | Anfang des 10. Jahrhunderts; in den Quellen Samarra oder Ägypten (Kairo) |
| Vater | Imam Hasan Askeri |
| Mutter | Nergis Hatun |
| Ehefrau | Keine (unverheiratet) |
Die Geburt von Hüccet el-Kâim Muhammed Mehdi geschah in einer Freitagnacht, die zugleich die Nacht der Bestimmung (Kadir gecesi) war, im Morgengrauen – und sie blieb, genau wie die Geburt von Moses (Friede sei mit ihm), verborgen. Seine Mutter war Nergis Hatun, auch unter den Namen Saykal und Susan bekannt, eine Tochter von Yuşa, dem Sohn des byzantinischen Kaisers, der von Şemun (Simon), einem Jünger Jesu, abstammte.
Die Geschichte seiner Mutter Nergis Hatun
Als Nergis Hatun noch im Haus ihres Vaters lebte, sah sie von Zeit zu Zeit den Propheten Muhammad im Traum. In einem dieser Träume sah sie, wie Hz. Muhammad und Jesus sie mit Imam Hasan Askeri vermählten, den sie selbst noch nie gesehen hatte. In einem weiteren Traum sprach sie auf Einladung von Hz. Fatima, der Strahlenden (Fatima’tül Zöhre), das Glaubensbekenntnis (Kelime-i şahadet) und wurde Muslimin. Ihrer Familie und ihrer Umgebung sagte sie jedoch nicht, dass sie Muslimin geworden war; sie hielt es vor ihnen geheim.
In einem weiteren Traum wurde ihr gesagt, sie solle sich heimlich unter die Bediensteten des Heeres mischen, das an die Grenze zog, um gegen die Muslime zu kämpfen. Gemäß der Weisung, die sie im Traum erhalten hatte, wechselte sie ihre Kleidung, sodass niemand sie erkennen konnte, schloss sich den Bediensteten des Heeres an und gelangte bis an die Grenze. Als die beiden Heere aufeinandertrafen, besiegten die Muslime das christliche Heer, nahmen auch diese Menschen gefangen und brachten sie nach Bagdad. Niemand aber wusste, dass dieses Mädchen aus der kaiserlichen Familie stammte.
Zu jener Zeit rief Imam Ali Naki einen Gefährten, dem er vertraute, zu sich und gab ihm folgenden Auftrag: „Nimm diesen Brief und dieses Geld und geh, ohne Zeit zu verlieren, nach Bagdad auf den Sklavenmarkt. Dort wirst du unter den Gefangenen eine Frau in dieser und jener Kleidung sehen, die Nergis Hatun heißt. Gib ihr diesen Brief, den ich auf Griechisch geschrieben habe, damit sie ihn liest. Nachdem sie ihn gelesen hat, wird sie dir ein Zeichen geben. Dann zahle, so viel sie verlangen, kaufe sie frei und bringe sie zu uns, ohne sie irgendjemandem zu zeigen.“ So sandte er den Boten aus. Der Bote führte den ihm erteilten Auftrag buchstabengetreu aus und übergab Nergis Hatun an Imam Ali Naki. Der Imam erzählte ihr die Träume, die Nergis Hatun gesehen hatte, einen nach dem anderen und verkündete ihr die frohe Botschaft, dass sie die Mutter von Imam Muhammed Mehdi werden würde. Die Frau warf sich dem Imam zu Füßen und ergab sich ihm mit ihrem ganzen Wesen.
Hz. Imam Ali Naki übergab sie seiner Schwester Hâkime Hatun, einer der großen Frauen der Imamats-Familie, damit sie die Sitten und Gebote des Islam und die arabische Sprache erlerne. Nachdem Hâkime Hatun sich eine Zeit lang der Erziehung von Nergis Hatun gewidmet und sie unterwiesen hatte, ließ sie den Imam wissen, dass Nergis Hatun zur Heirat bereit sei. Imam Ali Naki vollzog daraufhin in bescheidenem Rahmen im Kreis der Familie die Trauung von Nergis Hatun mit seinem Sohn Imam Hasan Askeri und verheiratete die beiden.
Wie islamische und ausländische Historiker schreiben, waren zu jener Zeit Kriege zwischen dem islamischen Heer und Ostrom – also Byzanz, der heutigen Türkei – sowie Westrom (Italien) und dessen Herrschern ausgebrochen. Nach dem Kâmil des Ibn al-Athir (İbni Esir) und anderen Quellen gab es in den Jahren 240–244 und bis 253 nach der Hidschra Kriege zwischen den islamischen Streitkräften und Ostrom; auf beiden Seiten gerieten viele in Gefangenschaft.
In der von Dr. Muhammed Abdul Hadi Şuayre übersetzten Geschichte der Araber und Rhomäer (El-Arap ve Rum tarihi) heißt es: Um das Jahr 247 nach der Hidschra gab es Kriege zwischen Muslimen und Rhomäern. In diesen Kriegen fiel den Muslimen reiche Beute zu. Im Jahr 248 gerieten in der Schlacht zwischen Belkacur, dem Anführer der Muslime, und den Rhomäern auch viele Vornehme der Rhomäer und Römer in Gefangenschaft. (Quelle: El Arap ve Rum tarihi, Seite 225.) Diese Angaben bestätigen, dass Nergis Hatun aus dem kaiserlichen Geschlecht stammte und aus dem Land der Rhomäer kam.
Die verborgene Geburt in der Nacht der Bestimmung
Gleich zu Beginn habe ich kurz erwähnt, dass die Geburt von Muhammed Mehdi verborgen war. („Biharu’l-Envar, Bd. 51, S. 6–11; das Werk Gaybet von Scheich Tusi“.) Dort wird aus dem Mund von Hâkime Hatun, der Tante von Imam Hasan Askeri, wörtlich Folgendes berichtet.
Hâkime Hatun: „Wie immer ging ich meinen Neffen besuchen. Während ich in seinem Haus betete, bat ich Allah, ihm einen Sohn zu schenken. Danach wollte ich nach Hause gehen und bat Nergis Hatun, mir meine Schuhe und die Kleider zu bringen, die ich draußen trage. Als der Imam dies hörte, sagte er: ‚Tante, bleib heute Abend bei uns; denn heute Abend wird ein Kind zur Welt kommen, das bei Allah, dem Erhabenen, hohen Wert besitzt und durch das Allah die Erde nach ihrem Tod wieder beleben wird.‘“
„Daraufhin sagte ich: ‚Schön und gut, aber wer ist seine Mutter? Ich sehe an Nergis keine Anzeichen einer Schwangerschaft!‘ Der Imam sprach: ‚Seine Mutter ist niemand anders als Nergis.‘
Ich stand auf und untersuchte Nergis Hatun gründlich. Doch ich konnte an ihr keinerlei Zeichen einer Schwangerschaft erkennen. Ich ging zum Imam und schilderte ihm die Lage. Der Imam lächelte und sprach: ‚Wenn der Morgen dämmert, wirst du sehen, dass sie ein Kind hat.‘
Sie gleicht der Mutter von Moses, der mit Gott sprach (Musa Kelâmullah). Auch bei ihr war die Schwangerschaft nicht zu erkennen, und bis zur Geburt wusste niemand davon. Denn als der Pharao nach Moses suchte, ließ er schwangeren Frauen den Leib aufschlitzen, damit ein solches Kind nicht zur Welt käme. Auch das Kind, das in dieser Nacht zur Welt kommen wird, gleicht Moses (Friede sei mit ihm). Er war es, der die Macht der Pharaonen stürzte. Es wird ein Tag kommen, an dem auch dieses Kind die Herrschaften stürzen wird, die mit Unterdrückung und Sittenlosigkeit regieren.“
Hâkime Hatun: „Bis zum Morgengrauen wachte ich über Nergis Hatun. Sie schlief ruhig und regungslos neben mir. Als die Dämmerung anbrach, fuhr sie plötzlich erschrocken auf. Sofort nahm ich sie in die Arme und sprach das Gebet des Größten Namens (İsm-i Azam). In diesem Augenblick rief der Imam aus dem Nebenzimmer: ‚Lies ihr die Sure al-Qadr (Kadir Suresi) vor!‘ Ich fragte, warum gerade die Sure al-Qadr. Der Imam sagte: ‚Heute ist Freitagnacht und die Nacht der Bestimmung.‘“
Kadir Suresi (Sure al-Qadr, Die Bestimmung):
Gerçekten biz Kuran’ı Kadir gecesi indirdik.
Wahrlich, Wir haben den Koran in der Nacht der Bestimmung herabgesandt.
Kadir gecesi nedir bilir misin?
Weißt du, was die Nacht der Bestimmung ist?
Kadir gecesinin ibadeti bin aydan hayırlıdır.
Die Andacht in der Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate.
Melekler ve kutsal Ruhlar, Rablerinin izniyle hayırlı işler için yeryüzüne indikleri gecedir.
Es ist die Nacht, in der die Engel und die heiligen Geister mit der Erlaubnis ihres Herrn um guter Werke willen auf die Erde herabsteigen.
Tanyeri ağarıncaya kadar, esenlik içinde olan gece işte bu gecedir.
Diese Nacht ist es, die bis zum Anbruch der Morgenröte voller Frieden ist.
„Wie der Imam es angeordnet hatte, las ich die Sure al-Qadr immer weiter. Als das Kind begann, mit mir zu rezitieren, erschrak ich sehr. Als es mich schließlich grüßte, war ich zutiefst erschrocken. Der Imam sagte: ‚Tante, wundere dich nicht über das Werk Allahs, des Erhabenen. Allah lässt uns Imame schon im Kindesalter mit Weisheit sprechen, und wenn wir erwachsen sind, macht Er uns zum Beweis (Hüccet) auf Erden.‘
Der Imam hatte seine Worte noch nicht beendet, da verschwand Nergis Hatun vor meinen Augen. Es war, als wäre zwischen mir und ihr ein Vorhang gezogen worden; ich konnte sie nicht sehen. Schreiend lief ich zum Imam und sagte: ‚Nergis ist verschwunden!‘ Der Imam sprach: ‚Tante, kehr zurück, du wirst sie an ihrem Platz finden.‘ Ich kehrte zurück, und als ich das Zimmer betrat, in dem Nergis Hatun war, konnte ich nicht glauben, was geschah.
Inmitten einer göttlichen Lichtkugel, umgeben von so hellem Licht, dass es mir das Sehen ein wenig erschwerte, lag das Kind, auf die Knie gefallen, in der Niederwerfung (Secde); es richtete sich auf, hob den Zeigefinger und betete: ‚Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, dem Einen und Einzigen, und ich bezeuge ferner, dass mein Ahnherr Muhammad der Gesandte Allahs ist und mein Vater der Fürst der Gläubigen (Emirü’l-Müminin).‘ Allah, kleide mein Herz in das Gewand der Hoffnung. Erleichtere Du mein Werk. Lass meine Schritte fest sein. Erfülle die Erde durch mich mit Gerechtigkeit und Gleichheit.“
Warum wurde er verborgen?
Bis zu seinem Tod hielt Imam Hasan Askeri Imam Muhammed Mehdi verborgen. Er zeigte ihn nur seinen engsten Vertrauten unter den Gefährten und seinen nahen Verwandten. Ein Leben im Verborgenen wählt man gewiss nicht aus freien Stücken. Die Feindschaft gegen die Ehlibeyt (Ahl al-Bayt, die Familie des Propheten), die nach Hz. Ali begann, prägte die Zeit der Umayyaden und Abbasiden – insbesondere die Zeit des sechsten Imams Cafer Sadık und die Zeit danach, als die Kalifen den Imamen der Ehlibeyt feindselig begegneten.
Der einzige Grund dafür war die überaus große Zuneigung und Achtung, die die Gesellschaft den Imamen entgegenbrachte. Ihr Einfluss auf die Gesellschaft wuchs von Tag zu Tag, und das Interesse des Volkes an den Imamen nahm immer mehr zu. Angesichts dessen sahen die abbasidischen Kalifen ihre eigene Herrschaft in Gefahr. Vor allem wurde der in den Hadithen des Propheten Muhammad erwähnte Mehdi, der aus dem Geschlecht des Propheten stammen, von Imam Hasan Askeri abstammen und der Welt Gerechtigkeit und Gleichheit bringen sollte, für die Kalifen zum Albtraum.
Wegen dieses Argwohns und dieser Furcht wurde Imam Hasan Askeri in Samarra streng unter Aufsicht gestellt. Wenn wir genau hinsehen, stellen wir fest, dass Imam Ali Naki die Heirat seines Sohnes Hasan Askeri auf verborgene Weise in die Wege geleitet hat.
Denn man wusste, dass Imam Mehdi von Hasan Askeri abstammen würde. Vermutlich aus diesem Grund hatte Kalif al-Mu‘tamid (Mütemed) beschlossen, das Imamat, das aus dem Haus des Propheten und dem Geschlecht Alis hervorging, abzuschaffen. Offen gab er seinen Leuten den Befehl: „Gebt acht! Wenn ihr bei der Frau von Hasan Askeri Anzeichen einer Schwangerschaft seht oder wenn er einen Sohn bekommt, tötet ihn sofort!“
Ja, der Entschluss des abbasidischen Kalifen war unumstößlich. Er wollte, dass das Imamat nach Imam Hasan Askeri verschwindet. Um jeden Preis würde er das Kind töten. So würde er für immer von der Rivalität der Nachkommen Alis befreit sein. Doch nicht alles geschah so, wie er es wollte. Die Spione des abbasidischen Kalifen waren gewiss so listig und mächtig wie der Teufel. Sie glaubten, diese Aufgabe erfüllen zu können. Doch eines wussten sie nicht: „die göttliche Vorsehung“. Gott, der Erhabene (Cenab-ı Hak), würde den zwölften Imam beschützen und auch den Weg dazu schaffen. So erfüllte sich die göttliche Vorsehung des Wahren (Hak).
Gott, der Erhabene, hatte gewollt, dass der Mehdi zur Welt kommt und am Leben bleibt – und so geschah es. Alle Maßnahmen des abbasidischen Kalifen blieben ohne Erfolg, und so kam es auch.
Als Imam Hasan Askeri starb, war sein Sohn Mehdi fünf Jahre alt. Beim Totengebet für seinen Vater und bei dessen Beisetzung war er anwesend, und alle sahen ihn. Danach konnte ihn außer den vier Stellvertretern (Naip) niemand mehr sehen.
Der verstorbene Hâce Nasiruddin Tusi erklärt dieses Ereignis so: „Die Ursache der Verborgenheit (Gaybet) von Hz. Mehdi ist weder Allah noch der Imam selbst. Die Ursache der Verborgenheit sind das Volk und die Gegner. Sie rührt daher, dass die Furcht die Oberhand gewann und die Treue des Volkes zu den Imamen nicht vollkommen war.“
Gewiss geschah dieses Ereignis nach göttlicher Weisheit. Wir können sein Geheimnis nicht vollständig ergründen. Das eigentliche Geheimnis der Verborgenheit könnte jedoch auch folgendes sein: Während der Zeit des Imamats von Imam Hasan Askeri ist offenkundig, dass viele Menschen, die äußerlich dem Islam angehörten, den Segensgruß (Salavat) auf Muhammad sprachen und sagten „wir sind Muslime“, den Imamen den Rücken kehrten, um sich bei den Regierungen und Kalifen ihrer Zeit beliebt zu machen.
Auch dass viele Menschen die Wahrheit nicht sahen, dass sie den Imamen gegenüber respektlos, heuchlerisch und ungehorsam waren und sie nicht unterstützten, wurde in der Zeit des zehnten und elften Imams vollends deutlich. Es bestand nicht der geringste Zweifel mehr, dass sich diese vom Weg abgekommenen Menschen nicht der Herrschaft einer gerechten islamischen Ordnung unterwerfen würden. In einer solchen Lage war die Verborgenheit (Gaybet, das Geheimnis) unvermeidlich. Hätte sich Imam Mehdi frei in der Gesellschaft bewegt, hätte dies in einer Katastrophe enden können.
Kleine und große Verborgenheit (Gaybet-i Suğra und Gaybet-i Kübra)
Die kleine Verborgenheit (Gaybet-i Suğra) und die vier Stellvertreter
In der Zeit der kleinen Verborgenheit (Gaybet-i Suğra) war die Verbindung des Volkes zu Imam Mehdi nicht vollständig abgerissen. Über die „besonderen Stellvertreter“ (Özel Naipler) konnten die Menschen ihre Fragen an den Imam richten und Antworten erhalten. Nur dem Imam selbst konnten sie nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen, und selbst wenn sie ihn sahen, erkannten sie ihn nicht.
In jener Zeit traf sich der Imam außer mit den vier Stellvertretern auch mit engen Freunden, denen er vertraute. In dieser Verborgenheit wurde der Imam in den Medresen des „Dârul Hikme“ (Haus der Weisheit) bis zum Jahr 905 n. Chr. auf höchstem Niveau unterrichtet. In dieser Zeit löste er über die Stellvertreter, deren Namen ich unten nenne, die Probleme der Freunde der Ehlibeyt, beantwortete ihre Fragen und hielt die Verbindung – wenn auch nur mittelbar – aufrecht.
Während der Zeit der Verborgenheit wurde er 22 Jahre lang im Irak und in Medina vom Volk nicht von Angesicht erkannt. Er sandte dem Volk Botschaften nur über die vier Stellvertreter. Diesen Zeitabschnitt nennt man „Gaybet-i Suğra“, die kleine Verborgenheit.
- Stellvertreter: Ebu Amr Osman Bin Said el-Amri.
- Stellvertreter: Ebu Cafer Muhammed bin Osman bin Said el-Amri.
- Stellvertreter: Ebul Kasım Hüseyin bin Ruh Nevbahti.
- Stellvertreter: Ebu’l Hasan Ali bin Muhammed Semeri.
Die große Verborgenheit (Gaybet-i Kübra) und Ägypten
Nachdem Imam Mehdi im Jahr 905 n. Chr. nach Ägypten gegangen war, konnte auch der vierte Stellvertreter ihn nicht mehr treffen, und danach erhielt man keinerlei Nachricht mehr von ihm. Diesen Zeitabschnitt nennt man „Gaybet-i Kübra“, die Zeit der großen Verborgenheit.
Unmittelbar nach den Ereignissen von Kerbela hatte der verfluchte Yezid Mutter Zeynep (Zeynep Ana) nach Ägypten verbannt. Dass Mutter Zeynep nach der Tragödie von Kerbela nach Ägypten, nach Kairo, ging und das ägyptische Volk so aus erster Hand von der Grausamkeit erfuhr, die dem Geschlecht des Propheten angetan worden war, hatte eine große Wirkung.
Danach ging Abdullah El Mestur, der Sohn von Imam Cafer, nach Ägypten; sein Sohn war Ahmet El Taki. Hüseyin es Zeki, der Sohn von Ali Naki – und auch Abdullah el Mestur, der Sohn von İsmail, dem Sohn Imam Cafers, der ein vollständig verborgenes System führte und später nach Ägypten ging – sorgten dafür, dass der Glaube der Ehlibeyt in Ägypten auf verborgene Weise fortbestand und sich verbreitete.
Nach einigen Quellen wurde Muhammed Mehdi, nachdem er sein höheres Studium an den Medresen des Dârul Hikme in Medina abgeschlossen hatte, von seinen Verwandten in Ägypten eingeladen. Imam Muhammed Mehdi nahm diese Einladung an. Nach den Quellen vieler Historiker ging er im Jahr 905 n. Chr. als Kaufmann getarnt nach Ägypten. Mit seinem Fortgang aus Medina und dem Irak hatte er keinerlei Kontakt mehr zu den dortigen Gemeinschaften. Die Zeit nach diesem Datum nannte man „Gaybet-i Kübra“, also die Epoche der großen Verborgenheit.
Historiker schreiben, dass Hz. Imam Mehdi einen großen Beitrag zur Gründung des Fatimidenstaates geleistet habe, der im Jahr 909 n. Chr. in Ägypten gegründet wurde. Einige Historiker vertreten dagegen die Ansicht, der Gründer der Fatimiden sei nicht Imam Muhammed Mehdi gewesen, sondern Ubaidallah al-Mahdi (Übeydullah el-Mehdi). Als Todesjahr von Muhammed Mehdi geben manche Historiker 940 n. Chr. an, andere 951. Ebenso heißt es, er sei in Kairo (Ägypten) neben Mutter Zeynep beigesetzt worden.
Der Brief an den vierten Stellvertreter
Manche Quellen nennen zwar ein Todesdatum, können aber den Ort, an dem er starb, nicht angeben. Der Wortlaut des Briefes, den der vierte Stellvertreter Ali bin Muhammed von Imam Muhammed Mehdi erhalten und seinen anderen Freunden gezeigt hatte, lautet:
Bismillahirrahmanirrahim (Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen).
„O Ali bin Muhammed es-Semeri! Wisse, dass du in sechs Tagen sterben wirst. Bereite dich darauf vor! Nach deinem Tod setzen wir niemanden an deine Stelle. Denn eine vollständige Verborgenheit hat begonnen, und ohne den Befehl Gottes, des Erhabenen, gibt es kein Erscheinen (Zuhur). Dies wird erst nach langer Zeit geschehen, wenn sich Schwermut auf die Herzen gelegt hat und die Erde voller Gewalt und Qual ist. Unter meinen Anhängern wird es solche geben, die behaupten, mich gesehen zu haben. Wer vor dem Hervortreten des Süryani und vor dem Erschallen des Rufes eine solche Behauptung aufstellt, ist ein Lügner und Verleumder. Kraft und Macht gehören allein Gott, dem Erhabenen.“
Gemäß dieser Botschaft des vierten Stellvertreters über Imam Muhammed Mehdi lässt sich also weder ein Todesdatum angeben noch ein Sterbeort benennen. Meiner Überzeugung nach müsste man, um diese Frage zu klären, nach Kairo reisen und die Sendschreiben der „Lauteren Brüder“ (İHVÂNUSSAFA Risaleleri) gemeinsam mit einem Gelehrten untersuchen, der Arabisch und Persisch beherrscht. Erst dann könnten wir etwas sicherer sprechen. So wie die Dinge liegen, wissen auch wir nicht, wie zutreffend die Quellen sind, die wir herangezogen haben.
Anmerkung des Autors
Verehrte Leserinnen und Leser: In der ersten und zweiten Auflage meines 2002 erschienenen Buches ERKÂNNAME standen nur die Geburts- und Sterbedaten der Zwölf Imame. Viele meiner Leser schlugen mir vor, es wäre für unsere Kinder, die das Buch lesen, nützlicher, wenn ich nicht nur die Geburts- und Sterbedaten der Imame aufschriebe, sondern auch, zur Zeit welcher umayyadischen und abbasidischen Kalifen sie lebten und von wem sie zu Märtyrern gemacht wurden. Dies habe ich mir zu Herzen genommen und versucht, das Leben der Zwölf Imame so kurz und prägnant wie möglich darzustellen. Meine ganze Hoffnung ist: Wenn ich damit einen nützlichen Dienst leisten kann, bin ich glücklich.
Quelle: Seyit Derviş Tur, Erkânname – Aleviliğin İslam Yorumu ve Alevi Erkânları (Die alevitische Deutung des Islam und die alevitischen Rituale), erweiterte 3. Auflage (ISBN 975-6791-52-7).
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Über den Autor: Seyit Derviş Tur Dede
Geboren 1936 in Başköy (Çayırlı, Erzincan) in einer Seyyid-Familie, die dem Babamansur-Ocak (Şah-Mansur-Ocak) angehört. Er ist Mitgründer und erster Vorsitzender (1990–1993) der Föderation der Alevitischen Gemeinden, der Vorläuferin der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Von 1994 bis 2003 leitete er den Dedeler Kurulu (Rat der Dedes) innerhalb der Föderation. Er ist Autor der Bücher Erkânname (2002) und Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması (2016); seine Arbeiten werden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Forschern wie Martin Sökefeld, Zeynel Gül, Burak Gümüş und Bülent Keleş als Quelle angeführt.
Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.