Imam Rıza – Leben, Thronfolge unter al-Ma’mun und Martyrium

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Kurz gesagt: Imam Ali Rıza ist der achte der Zwölf Imame und der älteste Sohn von Imam Musa-i Kâzım. Der abbasidische Kalif al-Ma’mun ließ ihn von Medina nach Merv holen, erklärte ihn unter Zwang zum Thronfolger und ließ ihn anschließend in Tus (dem heutigen Maschhad/Meşhed) vergiften und so zum Märtyrer machen. Diese Seite schildert in der Darstellung von Seyit Derviş Tur Dede den Hintergrund dieser Zeit.

Der folgende Text stammt aus dem Buch Erkânname von Seyit Derviş Tur Dede. Eine allgemeine Einführung bietet: Was ist Alevitentum?

Wer ist Imam Rıza?

Geburt 780, Medina
Martyrium 835, Tus / Maschhad (Iran)
Alter 55
Vater Imam Musa-i Kâzım
Mutter Tahire (Beiname Necime)
Ehefrauen Reyhan und Civan

Imam Rıza ist der älteste Sohn von Imam Musa-i Kâzım. Er war gelehrter, reifer und frömmer als seine Brüder. Sein Vater liebte und schätzte ihn am meisten. Auch die Gefährten von Imam Musa-i Kâzım liebten und achteten seinen Sohn Imam Rıza wegen seines Wissens und seiner Vollkommenheit. Zu Lebzeiten von Imam Musa Kâzım fragten ihn viele seiner Gefährten: „O Imam, wenn Gottes Befehl ergeht und Ihr eines Tages aus dieser vergänglichen Welt in die wahre Welt hinüberzieht – zeigt Ihr uns dann Euren Sohn, der an Eurer Stelle Imam sein wird?“ Imam Musa-i Kâzım wies jedes Mal auf seinen Sohn Imam Rıza.

Als Imam Musa Kâzım in die Barmherzigkeit Gottes (Hak) einging, dachte niemand, dass jemand anders als sein ältester Sohn seinen Platz einnehmen könnte. Auch keiner seiner Brüder erhob ihm gegenüber Anspruch auf das Imamat. So war es sein natürlichstes Recht, das Amt des Imamats zu übernehmen. Niemand dachte daran, in irgendeiner Weise Einspruch zu erheben. Sein Imamat wurde von nahezu allen Muslimen ohne Widerspruch anerkannt.

Die Zeit Harun ar-Raschids und die Barmakiden

Das Jahr 818 n. Chr., 186 nach der Hidschra – das fünfzehnte Jahr des Kalifats von Harun ar-Raschid (Harunurreşid). Dieser für seine Grausamkeit bekannte abbasidische Kalif herrscht seit fünfzehn Jahren. Während er sich freut, durch die Vergiftung und das Martyrium von Imam Musa-i Kâzım einen großen Rivalen losgeworden zu sein, tritt ihm nun Imam Rıza entgegen. Doch von der Wirkung des Mordes, den er begangen hat, kommt er einfach nicht los. Harun ar-Raschid, der sich in Gewissensqualen und Albträumen windet, findet keinerlei Ruhe. Während die Nachwirkungen dieses Mordes noch anhalten, werden die Feinde der Ehlibeyt (Ahl al-Bayt, die Familie des Propheten) in seiner Umgebung erneut aktiv. Diese Schmeichler reden unablässig auf Harun ar-Raschid ein: Auch Imam Rıza müsse schon jetzt streng unter Beobachtung gestellt werden; man müsse erfahren, was er tue und mit wem er Umgang habe, und ihn genau verfolgen. Zu dieser Zeit war der Einfluss der Familie der Barmakiden (Bermekî) am Hof so groß, dass Harun ar-Raschid seine Schwester Meymune-Abbase dem Cafer Bermeki (Dschafar al-Barmaki) zur Frau gegeben hatte – unter der Bedingung: Sie würden getraut werden, aber niemals zusammenkommen. Die heimliche Liebe, die zwischen den beiden jungen Menschen entstand, die unter dieser Bedingung verheiratet worden waren, überwand alle Hindernisse; sie bekamen sogar ein Kind.

Als der grausame Harun ar-Raschid davon hörte, ließ er am 25. Tag des Monats Muharrem im Jahr 187 nach der Hidschra seine Schwester samt dem Kind in der Wiege und alle Angehörigen der Familie der Barmakiden, Klein und Groß, töten. Seinem Sohn al-Ma’mun zeigte er Imam Rıza und sagte: „Dieser Rıza bin Musa, den du hier siehst, ist der Herr und der Älteste der Söhne Haschims (Haşim oğulları) und der Beweis (Hüccet) Allahs auf Erden. Sollte sich dieser Älteste der Haschimiten und Beweis Allahs aber eines Tages gegen mich stellen, trenne ich ohne zu zögern mit meinem Schwert seinen Kopf vom Rumpf.“ Ein solcher Tyrann war Harun ar-Raschid, und er erzog auch seine Söhne nach seinem Bild.

Als Harun ar-Raschid seinen Wesir Cafer Bermeki beseitigt hatte, erhob sich das Volk, das mit dessen Verwaltung zufrieden gewesen war, und rebellierte. In Chorasan (Horasan) wuchs die Lage sich zu einem allgemeinen Aufstand aus. So war selbst Ebu Nüvvas (Abu Nuwas), einer der Hofdichter, der stets Gedichte gegen Cafer Bermeki geschrieben hatte, tief betrübt, als er erfuhr, dass Cafer vom Kalifen ermordet worden war. Er schrieb über ihn folgenden Vers:

„Artık kerem ışığı bu dünyada ebediyen söndü.“
„Nun ist das Licht der Großmut in dieser Welt für immer erloschen.“

Wer diese Worte des Dichters hörte, war sehr erstaunt. Man sagte zu ihm: „Bis gestern hast du noch gegen Cafer Bermeki gesprochen. Mit deinen Gedichten über ihn hast du ihn in Grund und Boden verdammt und ihn auf unerhörte Weise beleidigt. Warst nicht du es, der ihn am schwersten beschuldigt hat?“

Der Dichter seufzte und antwortete: „Ja, einst hatte er mehr Macht in Wort und Befehl als selbst der Kalif. Das konnte ich nicht verwinden. Eines Tages beleidigte ich ihn schwer und sagte: ‚Sollte ich ihn je preisen, so will ich in Unrat getaucht sein.‘ Dieses Wort kam Cafer Bermeki zu Ohren. Damals war Cafer Bermeki auf dem Höhepunkt seiner Macht, einflussreicher als Harun ar-Raschid; wen er hängen wollte, den hängte er, und wen er köpfen wollte, den köpfte er. Hätte er gewollt, hätte er mich hängen oder in den Kerkern verrotten lassen. Doch er tat nichts dergleichen; er schickte mir einen Beutel mit 400 Goldstücken und eine Botschaft. Er ließ sagen: ‚Sollte er mich eines Tages preisen, so möge er mit diesem Geld seine beschmutzten Kleider reinigen lassen.‘ Darum gibt es seinesgleichen nicht und wird es nicht geben; seinesgleichen wird nicht mehr auf die Erde kommen.“ Mit diesen Worten stimmte er seinen erhabenen Lobpreis an.

In Chorasan hatte sich die Lage zu einem allgemeinen Aufstand ausgewachsen. Würden die aufständischen Kräfte nicht sofort niedergeschlagen, stünde er vor einer großen Katastrophe. Er ließ seinen ältesten Sohn, den ersten Thronfolger al-Amin (Emin), als Stellvertreter in Bagdad zurück, nahm seinen jüngeren Sohn al-Ma’mun mit und zog mit einem starken Heer gegen Chorasan. Kaum hatte er den Aufstand niedergeschlagen, erkrankte er. In der Stadt Tus wurde er bettlägerig. Im Jahr 193 nach der Hidschra, im Jahr 825 n. Chr., starb er im Alter von 44 Jahren. Harun ar-Raschid, der mit 23 Jahren den Thron bestiegen hatte, herrschte 21 Jahre. Vor seinem Tod hatte er seinen ältesten Sohn al-Amin zum Thronfolger bestimmt. Er hatte verfügt, dass, falls al-Amin sterbe, sein jüngerer Sohn al-Ma’mun an dessen Stelle das Amt des Kalifen übernehmen solle. Dies hatte er allen seinen Wesiren und Würdenträgern des Hofes bekannt gemacht.

Der Thronstreit zwischen al-Amin und al-Ma’mun

Das Grab Harun ar-Raschids, der im Ort Sinaabad bei der Stadt Tus starb, liegt heute in der Stadt, die Maschhad (Meşhet) genannt wird, in der Nähe des Grabmals von Imam Rıza. Sobald Harun ar-Raschid gestorben war, wurde in Chorasan und Umgebung der Treueid (Biat) für seinen ältesten Sohn al-Amin eingeholt. Außerdem musste auch vom Volk des Irak und von Bagdad der Treueid für den ersten Thronfolger al-Amin eingeholt werden. Deshalb wurde sofort ein Bote losgeschickt, um al-Amin, der in Bagdad die Stelle seines Vaters vertrat, zu benachrichtigen und dafür zu sorgen, dass er den Thron bestieg. Für al-Amin, der die Nachricht erhielt, war es sehr leicht, den Treueid des irakischen Volkes zu erhalten – der Grund dafür war, dass sein Vater ihn schon zuvor bekannt gemacht hatte.

Nachdem al-Amin den Thron des Kalifats bestiegen hatte, hätte er gemäß dem Vermächtnis seines Vaters seinen jüngeren Bruder al-Ma’mun zum Thronfolger erklären müssen; er tat jedoch genau das Gegenteil. Er wollte seinen jüngeren Bruder töten lassen und seinen eigenen Sohn zum Thronfolger erklären. Obwohl die Würdenträger des Hofes und das ganze Volk sich gegen diese Absicht stellten, hörte er auf niemanden. Unter dem Befehl des Heerführers Ali bin Musa schickte er ein starkes Heer gegen al-Ma’mun, der Statthalter in Chorasan war, um ihn und seine Anhänger zu vernichten. Viele der Würdenträger des Hofes, die davon erfuhren, flohen heimlich aus Bagdad und gingen nach Chorasan, um al-Ma’mun zu benachrichtigen und ihn zu unterstützen.

Diese Leute schilderten al-Ma’mun die böse Absicht seines Bruders al-Amin in aller Deutlichkeit. Sobald al-Ma’mun von der bösen Absicht seines Bruders erfuhr, ließ er zu seiner Verteidigung ein Heer unter dem Befehl von Tahir bin Abdullah aufstellen, einem strategisch starken und erfahrenen Befehlshaber. Die Heere der beiden Brüder trafen in der Nähe der Stadt Rey in Chorasan aufeinander. Tagelang dauerte eine blutige Schlacht, und Tausende von Menschen kamen ums Leben. Am Ende der Schlacht siegte die Seite des Befehlshabers Tahir bin Abdullah. Die siegreichen Anhänger al-Ma’muns ließen es dabei nicht bewenden. Von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort ziehend, holten sie den Treueid für al-Ma’mun ein; ihr Ziel war es, Bagdad zu erreichen und den Kalifen al-Amin vom Thron zu stürzen.

Schließlich, am Montag, dem 15. Tag des Monats Muharrem im Jahr 198 nach der Hidschra, 830 n. Chr., besetzten die Heere al-Ma’muns unter dem Befehl von Tahir bin Abdullah Bagdad. Sie schlugen dem Kalifen al-Amin den Kopf ab und brachten ihn zu seinem jüngeren Bruder al-Ma’mun nach Chorasan. Der jüngere Sohn Harun ar-Raschids tötete so seinen älteren Bruder und bestieg den Thron des abbasidischen Kalifats.

Kaum hatte er das Amt des Kalifen angetreten, ernannte er Fazl bin Sehli zum Wesir. Tahir bin Abdullah, der den Krieg gewonnen hatte, machte er zum Oberbefehlshaber über alle Heere. Bis zu jenem Tag hatte jedoch in der abbasidischen Herrschaft noch niemand das Kalifat erlangt, indem ein Bruder den anderen tötete. Dies wurde weder von den Abbasiden noch von den Muslimen insgesamt hingenommen. In allen Teilen des Landes begannen Aufstände. Aus Furcht verlegte Kalif al-Ma’mun das Zentrum des Staates von Bagdad in die Stadt Merv (Nerv). Die Aufstände wuchsen, überall brachen Erhebungen aus, und er wusste nicht, was er tun sollte.

Al-Ma’muns Spiel mit der Thronfolge

Der Wesir Fazl bin Sehli, der nach Wegen suchte, diese Aufstände zu beschwichtigen, dachte so: Ist dieses Kalifat nicht das Recht der Söhne Alis? Ist nicht der achte Imam aus den Söhnen Alis, Imam Rıza, der wahre Imam der Muslime? Der Verstand, die Klugheit und das Wissen dieses Mannes sind außerordentlich. Sehen nicht alle Gläubigen in ihm den Pol (Kutb) des Wissens seiner Zeit? Wenn wir also diesen Mann auf den Thron des Kalifats setzen, enden alle Aufstände, und das Recht wird seinem Inhaber übergeben.

Fazl dachte keineswegs daran, diese Aufstände mit Gewalt niederzuschlagen. Er hoffte, den abbasidischen Kalifen al-Ma’mun, den er gut kannte, auf diesem Weg zu überzeugen, und wartete auf die Gelegenheit. Als sie eines Tages im Palast gemeinsam über ein Mittel gegen die Aufstände nachdachten, fragte Fazl: „Was haltet Ihr wohl von Ali Rıza aus den Nachkommen des Fürsten der Gläubigen Ali bin Ebu Talip?“ – „O Fazl, wie kommt es, dass du mir eine solche Frage stellst? Was willst du damit sagen, o Fazl? Sprich offen, Fazl! Was meinst du? Sollen wir ihnen das Amt des Kalifats überlassen?!“

Fazl unterbreitete seinen Vorschlag: „Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich denke nur: Wenn wir Ali Rıza bin Musa zu uns in den Palast holen, um diesen Aufständen zuvorzukommen, werden die Anhänger der Nachkommen Alis ihren Aufstand einstellen. Und Eure abbasidische Partei wird, wenn sie keine Unterstützung von den Schiiten (der Partei Alis) erhält, nicht viel ausrichten können und es mit der Zeit ebenfalls hinnehmen.“

Kalif al-Ma’mun hörte dem Wesir Fazl zu und antwortete: „Du hast sehr richtig gedacht, genau so dachte auch ich.“ Von diesem Tag an verfolgten sie gemeinsam ihre politischen Ziele. Unter ihnen gab es viele gelehrte, gottesfürchtige und in der Gesellschaft geachtete Menschen, und vor allem unter den Iranern gab es eine große Masse, die mehrheitlich Imam Rıza anhing – dies war die Schicht, die Einfluss auf die Verwaltung des Landes hatte. Um sich diesen Menschen nahe und als einen der Liebenden von Imam Rıza darzustellen, beschloss Kalif al-Ma’mun, Imam Rıza nach Merv zu holen. Al-Ma’mun spielte seine Rolle so heimtückisch, dass er glaubhaft den Anschein erweckte, er liebe und achte Imam Rıza sehr, dieses Recht auf das Kalifat gehöre ihnen, und er werde es seinem Inhaber übergeben. Auch viele arglose Schiiten ließen sich davon täuschen. Imam Rıza sagte zu denen, die an die Heuchelei al-Ma’muns glaubten: „Lasst euch nicht von seinen Worten täuschen! Bei Allah, al-Ma’mun wird mich töten. Doch ich muss mich gedulden, bis die Zeit gekommen ist.“

Unter dem Vorwand, er wolle Imam Rıza auf den Thron des Kalifats setzen, schickte al-Ma’mun einen Sondergesandten und ließ ihn im Jahr 200 nach der Hidschra von Medina in die Stadt Merv bringen. Nachdem er ihn hatte holen lassen, machte al-Ma’mun den Vorschlag: „Ich möchte vom Kalifat zurücktreten und diese Aufgabe Euch überlassen; was ist Eure Meinung dazu? Die möchte ich von Euch hören.“ Als Imam Rıza antwortete: „Es ist mir nicht möglich, einen solchen Vorschlag anzunehmen“, war Kalif al-Ma’mun innerlich zufrieden, drängte aber, ohne es sich anmerken zu lassen, erneut. Der Imam lehnte wieder ab. Imam Rıza wusste sehr genau: „Kalif al-Ma’mun hat seinen Bruder um dieses Kalifats willen getötet. Nun aber wird er mich als Schild benutzen, um sich aus dem Aufstand des Volkes zu befreien, in den er geraten ist, und wenn sich die Lage gebessert hat, wird er mich töten lassen.“ Weil er um diese böse Absicht wusste, nahm er nicht an.

Al-Ma’mun schlug diesmal die Thronfolge vor. Als der Imam auch dies nicht annahm, sprach Kalif al-Ma’mun diese verhüllte Drohung aus: „Sieh, o Imam! Ömer bin Hattab (Umar ibn al-Chattab) bildete für die Zeit nach ihm einen Rat (Şura) aus sechs Personen. Einer von ihnen war Euer Ahnherr Ali bin Ebu Talip. Umar hatte befohlen, jedem von ihnen den Kopf abzuschlagen, der sich widersetzen würde. Nun habt Ihr keine andere Wahl, als diesen meinen Wunsch anzunehmen.“ Mit diesen Worten hatte al-Ma’mun Imam Rıza verhüllt mit dem Tod gedroht. Der Imam sah, dass die Gefahr groß war, und nahm die angebotene falsche Thronfolge unter der Bedingung an, sich in keine Angelegenheit einzumischen. Nachdem der Imam die Thronfolge angenommen hatte, gab es einige, die die Person des Imams heftig kritisierten.

Imam Rıza gab ihnen folgende Antwort: „Als ich zwischen der Annahme der Thronfolge und dem Getötetwerden stand, war ich gezwungen anzunehmen. Ich wurde genötigt, das Amt des Thronfolgers unter Zwang anzunehmen.“ Als er so antwortete, verstanden alle die Lage.

Al-Ma’mun verkündete die Thronfolge von Imam Rıza mit einer prunkvollen Zeremonie. Viele Abbasiden aber akzeptierten dieses Verhalten al-Ma’muns nicht und stellten sich dagegen. Den Abbasiden, die sich ihm widersetzten und ihn kritisierten, antwortete al-Ma’mun so: „Imam Rıza war vor uns verborgen und fern von uns; er rief das Volk zu sich. Wir aber haben ihn zu unserem Thronfolger gemacht und so dafür gesorgt, dass er das Volk zu uns ruft. Mit diesem Vorgehen bauen wir die erschütterten Fundamente unserer Herrschaft und unseres Kalifats wieder fest auf. So werden diejenigen, die ihm ihr Herz geschenkt haben, bei ihm nicht finden, was sie erwarten. Sie werden begreifen, dass die Macht beim Kalifat liegt. Hätten wir ihn sich selbst überlassen, hätten wir Gefahr laufen können, dass er das Volk auf eine Weise gegen uns aufwiegelt, die wir nicht mehr hätten unterdrücken können. Um dies zu verhindern, haben wir Imam Rıza zum Thronfolger erklärt; wenn die Zeit gekommen ist, werden wir ihn schon unschädlich zu machen wissen.“

Daraus geht hervor: Al-Ma’mun hat Imam Rıza nicht in guter Absicht zum Thronfolger gemacht. Er wollte die heilige Gerechtigkeit des Imams beschmutzen, indem er ihn unter seinen Befehlen handeln ließ. Auf der anderen Seite wollte er den Aufstand des sich erhebenden Volkes beschwichtigen und so die Gefahren abwenden. Es liegt klar und deutlich auf der Hand, dass er mit dieser Haltung Imam Rıza benutzt hat, um seine gefährdete Herrschaft abzusichern.

Der Mordplan und sein Martyrium (Tus / Maschhad)

An der Spitze derer, die sich gegen die Ernennung von Imam Rıza zum Thronfolger stellten, stand İbrahim bin Mehdi in Bagdad, der Onkel des Kalifen al-Ma’mun und Bruder Harun ar-Raschids. İbrahim bin Mehdi wollte keinesfalls, dass das Kalifat den Abbasiden aus den Händen glitt. Darum war er entschlossen: Er würde Kalif al-Ma’mun, den Wesir Fazl und Imam Rıza töten lassen und in Bagdad sein eigenes Kalifat ausrufen. Zu diesem Zweck schleuste er zuverlässige Spione in den Palast al-Ma’muns in der Stadt Merv ein. Durch sie erfuhr er Tag für Tag, was im Palast vor sich ging, und schmiedete danach seine blutigen Pläne.

Als İbrahim bin Mehdi die Zeit für gekommen hielt, schickte er eine Gruppe gedungener Mörder, denen er das Todesurteil (Ferman) für diese drei Männer in die Hand gegeben hatte, in die Stadt Merv, um die Tat auszuführen. Die Mörder wurden von den Spionen im Palast in Sicherheit gebracht und überlegten, wie sie die Tat planen sollten. Fast ein ganzes Jahr warteten sie. Eines Tages hörten sie, dass Kalif al-Ma’mun zusammen mit seinem Wesir Fazl und Imam Rıza frühmorgens in das berühmte Ser-has-Bad (Hamam) außerhalb der Stadt gehen werde. Die Gelegenheit, nach der sie gesucht hatten, war gekommen; um alle drei auf einmal zu töten, gingen sie hin und legten sich auf dem Weg in den Hinterhalt. Doch Imam Rıza hatte einen Traum; er stand auf und riet dem Kalifen und dem Wesir, dass er nicht ins Bad gehen werde und auch sie nicht gehen sollten. Kalif al-Ma’mun folgte diesem Rat des Imams und ging nicht ins Bad. Der Wesir Fazl folgte dem Rat des Imams nicht, ging ins Bad, und die Mörder töteten ihn.

Die Spione von İbrahim bin Mehdi ließen es nicht dabei bewenden, den Wesir töten zu lassen; sie verbreiteten, Kalif al-Ma’mun habe diesen Mord begangen. Dies brachte eine Reihe oppositioneller Anhänger in Bewegung. Wieder begannen überall Aufstände. In Bagdad hatte sich İbrahim bin Mehdi offen erhoben und sein Kalifat ausgerufen. Al-Ma’mun wusste nicht, was er tun sollte. Wie stets, wenn er in Bedrängnis geriet und sich an Imam Rıza wandte, eilte er auch diesmal zum Imam und fragte ihn, was er tun und wie er sich verhalten solle.

Imam Rıza sagte: „Zuerst müsst Ihr das Zentrum des Kalifats von der Stadt Merv an seinen alten Ort, nach Bagdad, verlegen. Dann müsst Ihr mir erlauben, von der Thronfolge zurückzutreten. Dann werden diejenigen, die sich heute gegen Euch erheben, von selbst gehorchen.“ Da Kalif al-Ma’mun wusste, dass Imam Rıza bessere Lösungswege fand als er selbst, erhob er keinerlei Einwand. Von diesem Tag an ließ er Vorbereitungen treffen, um das Zentrum des Kalifats nach Bagdad zu verlegen.

In dieser Zeit erhielt er auch aus Bagdad schlechte Nachrichten. Der ganze Aufstand der Abbasiden rührte daher, dass er Imam Rıza zum Thronfolger bestimmt hatte. Sie hatten sich dagegen erhoben, dass das Kalifat in die Hände der Nachkommen Alis gelangte. Kalif al-Ma’mun, der sehr genau wusste, woher diese Ereignisse rührten, plante nun, auf welche Weise er Imam Rıza beseitigen könnte.

Am 15. des Monats Sefer im Jahr 203 nach der Hidschra brachen sie von der Stadt Merv auf, um nach Bagdad zu ziehen. Al-Ma’mun ging in die Stadt Tus, um das Grab seines Vaters zu besuchen, und während er dort einige Tage blieb, setzte er seine Mörder ein. Bei einem Abendessen ließ er Imam Rıza mit vergifteten Trauben vergiften. Er verkündete, Imam Rıza sei eines natürlichen Todes gestorben, zeigte mit vorgetäuschtem Gebaren, wie sehr er trauere, und ließ ihn neben dem Grab seines Vaters Harun ar-Raschid beisetzen. Das Martyrium von Imam Rıza fiel auf Freitag, den 29. des Monats Sefer im Jahr 203 nach der Hidschra, das ist Freitag, der 7. März 835 n. Chr. Er lebte 55 Jahre. Er hatte drei Söhne namens Imam Muhammed Taki, Seyit Cafer und Seyit İbrahim sowie eine Tochter. Für das Amt des Imamats wurde Muhammed Taki für würdig befunden. Allerdings geben die historischen Quellen die Geburts- und Sterbedaten der Imame sehr unterschiedlich an. Welche richtig sind, weiß Allah.

Quelle: Seyit Derviş Tur, Erkânname – Aleviliğin İslam Yorumu ve Alevi Erkânları (Die alevitische Deutung des Islam und die alevitischen Rituale), erweiterte 3. Auflage (ISBN 975-6791-52-7).

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Deutsch: Alevitentum: Grundlagen, Glaube und zentrale Begriffe · Geschichte der Aleviten-Organisation in Deutschland

Über den Autor: Seyit Derviş Tur Dede

Geboren 1936 in Başköy (Çayırlı, Erzincan) in einer Seyyid-Familie, die dem Babamansur-Ocak (Şah-Mansur-Ocak) angehört. Er ist Mitgründer und erster Vorsitzender (1990–1993) der Föderation der Alevitischen Gemeinden, der Vorläuferin der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF). Von 1994 bis 2003 leitete er den Dedeler Kurulu (Rat der Dedes) innerhalb der Föderation. Er ist Autor der Bücher Erkânname (2002) und Avrupa’da İlk Alevi Yapılanması (2016); seine Arbeiten werden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Forschern wie Martin Sökefeld, Zeynel Gül, Burak Gümüş und Bülent Keleş als Quelle angeführt.

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Übersetzung aus dem türkischen Original von Seyit Derviş Tur.